Die unbekannte Frauengeschichte

von Stephanie Meier

«Gebt den Schweizerinnen ihre Geschichte. Marthe Gosteli, ihr Archiv und der übersehene Kampf ums Frauenstimmrecht»1 heisst das aktuelle Buch der Berner Historikerin und Archivarin Franziska Rogger. Das Frauenstimm- und -wahlrecht wurde in der Schweiz bekanntlich erst 1971 eingeführt. Somit besteht für eine der ältesten Demokratien der Welt Erklärungsbedarf. Franziska Rogger kommt zum überraschenden Schluss, dass es sich beim langen Frauenstimmrechtskampf um eine eigentliche Erfolgsgeschichte handelt. Die «unterschlagene, eigenständige Geschichte der Schweizerinnen, ihre Hartnäckigkeit, ihre Taktik des Widerstands und ihr Sieg» werden umfassend aufgearbeitet. Erstmalig wertet Rogger die Archivalien der «Arbeitsgemeinschaft der schweizerischen Frauenverbände für die politischen Rechte der Frau» aus, die bislang von der schweizerischen Geschichtsschreibung vernachlässigt wurden. Mit ihrem Buch korrigiert sie die Überbewertung der Frauen, die im Gefolge der 68er Bewegung lauthals für das Frauenstimmrecht kämpften. Die medienwirksamen Protestmittel – insbesondere der Marsch nach Bern vom 1. März 1969 mit Pfeifkonzert – sollen den Meinungsumschwung in der männlichen Stimmbevölkerung bewirkt haben, während das politische Vorgehen der organisierten Frauenverbände zur Nebensache verkommt. Die Quellen sprechen eine andere Sprache. Die engagierten Frauen der alten Frauenbewegung hatten mit ihrem «steten Bohren harter Bretter und dem tapferen Aufrappeln nach Niederlagen» den Kampf ums Frauenstimmrecht gewonnen. Grundsätzlich ist die Bezeichnung alte/bürgerliche und neue/linke Frauenbewegung (seit der 68er Bewegung) gemäss Rogger unpräzis und fördert das ideologische Schubladendenken. Zwischen den beiden Frauengruppen gab es keine klare Trennlinie.

Mit dem vorliegenden Buch würdigt Franziska Rogger das reiche Leben und Wirken von Marthe Gosteli als eine der bekanntesten Vertreterinnen der schweizerischen Frauenbewegung. Der erste Teil des Buches ist der langen und steinigen Geschichte des Kampfes um das Frauenstimmrecht gewidmet. Im Vorfeld der zweiten eidgenössischen Abstimmung von 1971 spielte Marthe Gosteli als Präsidentin der «Arbeitsgemeinschaft der schweizerischen Frauenverbände für die politischen Rechte der Frau» eine zentrale Rolle. Zusammen mit Vertreterinnen der organisierten Frauenverbände verhandelte sie mit Bundesrat und Parlament über den richtigen Zeitpunkt einer Volksabstimmung. Würde die Schweiz die europäische Menschenrechtskonvention ohne Vorbehalte unterzeichnen und damit die Abstimmung über das Frauenstimmrecht priorisieren? Die Sitzungsprotokolle lesen sich wie ein Krimi, auch wenn der Ausgang bereits bekannt ist.
Der Leistungsausweis von Marthe Gosteli als Gutsherrin, Archivarin und «Historikerin des Herzens», wie Rogger sie nennt, steht im Fokus des zweiten Teils. Marthe Gosteli besuchte in Bern die höhere Mädchenschule und schwärmte von ihren beiden Lehrerinnen Louise Grüter und Helene Stucki – übrigens die Schwester des grossen Ministers Walter Stucki. Eine umfassende (Menschen-) Bildung sollte den Schülerinnen ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Später wird Marthe Gosteli in die Fussstapfen dieser Frauenrechtlerinnen treten. Mit dem Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung errichtete Gosteli ihnen und vielen anderen Frauen ein Denkmal. Die Archivgründung ist Marthe Gostelis grösste Pionierleistung.
Im dritten Teil wendet sich Franziska Rogger den Vorfahren Marthe Gostelis zu: den Gostelis und Salzmanns. Bereits seit 1735 befindet sich der grosse Gutshof auf dem Altikofen im Besitz der Familie Gosteli. Jeweils der jüngste Bub der Familie – eine bernische Besonderheit – erbte den Hof. Die Frauen waren unverzichtbarer Teil der Grossfamilie, einem KMU, fällten aber kaum Entscheidungen über die Entwicklung des Gutshofes. Mehr Spielraum besassen verwitwete Frauen, die über finanzielle Ressourcen verfügten. Die früh verwitwete Grosstante von Marthe Gosteli, Elisabeth Walther-Gosteli, liess sich beispielsweise den stattlichen Wohnstock auf dem Altikofen errichten, der heute das Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung beherbergt. Immer wieder tauchten in beiden Familien auch Frauenförderer auf. Der «alte Patriarch» (Wortlaut von Marthe Gosteli) Grossvater Christian Salzmann stellte die junge Ida Somazzi als erste Sekundarlehrerin in Bolligen ein – notabene zum selben Lohn wie ihre männlichen Kollegen.
Franziska Rogger hat mit ihrem Buch eine längst fällige Lücke in der Geschichte des Kampfes ums Frauenstimmrecht geschlossen. Die «alte» Frauenbewegung wird angemessen eingeordnet, und insbesondere deren Pionierin Marthe Gosteli erhält die wohlverdiente Würdigung für ihr Lebenswerk.    •
1    Rogger, Franziksa, Gebt den Schweizerinnen ihre Geschichte. Marthe Gosteli, ihr Archiv und der übersehene Kampf ums Frauenstimmrecht, Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2015.