Es braucht neue Modelle einer inklusiven und gleichwertigen Entwicklung

Schlusswort des World Public Forum «Dialog der Zivilisationen» anlässlich des 13. Rhodos Forum 2015

Das diesjährige Rhodos Forum, das sich zum 13. Mal auf der Insel Rhodos, an der Wegkreuzung der Zivilisation, traf, versammelte einmal mehr Menschen aus über 50 Ländern, die eine Vielfalt von Kulturen und Traditionen repräsentieren.
Alle Teilnehmer waren sich einig in ihrem Engagement für die Suche neuer Wege zur Überwindung der gegenwärtigen globalen Unordnung – des ungeheuren menschlichen Leids als Resultat militärischer Konflikte, wirtschaftlicher Krisen, sozialer Entwurzelung und Umweltzerstörung. Indem das Forum neue Ideen und Erfahrungen aus aller Welt austauschte, diskutierte es Alternativen jenseits der herrschenden Ideologien und Machtsysteme. Schlüssel dafür ist die Erkenntnis, dass das gegenwärtige Chaos weder notwendig noch normativ ist und dass ein geistiger Humanismus über die Logik von Ungleichheit und Gewalt in Richtung Gerechtigkeit und Frieden hinausweisen kann.
Das World Public Forum «Dialogue of Civilizations» (WPR-DoC) [Forum der Weltöffentlichkeit «Dialog der Zivilisationen»] hat sich stets für die nicht reduzierbare Vielfalt der Zivilisationen eingesetzt und den Pluralismus im Dienste eines Dialoges zwischen den Kulturen und Zivilisationen unterstützt. Auf der Grundlage einer fünfzehnjährigen Tradition bemüht sich das Rhodos Forum um eine reichhaltige und gründliche Analyse der Welt, wie sie ist – jenseits konventioneller Kategorien, welche die gelebte Erfahrung und die Realität, vor der die Menschen rund um die Welt stehen, verfehlen.
Nach 1945 bildete die Gründung der Vereinten Nationen das Herzstück einer gemeinsamen Anstrengung, um allen Völkern eine Zukunft ohne Krieg zu sichern. 70 Jahre später sind wir tief besorgt angesichts des Fortbestehens alter Konflikte und des Aufkommens neuer Kriege. Die Verschiebung von greifbareren Bedrohungen hin zu unklareren Risiken schliesst die zunehmende Verquickung von physischer Gewalt (unter anderem durch neue Mittel wie Drohnen und Roboter) mit subversiven Taktiken (wie Desinformation, «Cyber-Kriegführung», irregulären Streitkräften, Täuschung) mit ein. Diese Entwicklung hin zum «hybrid war» («Hybrid-Krieg», «gemischte Kriegsführung») führt zu einer Verwischung der Grenzen zwischen militärischen und zivilen Sphären, zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren sowie zwischen regulären und irregulären Taktiken. Hybride Kriegsführung stellt die heutige Version des «totalen Krieges» dar, der nicht nur auf das Erringen des militärischen Sieges, sondern auch auf die Auflösung der politischen und sozialen Strukturen der Staaten gerichtet ist. Als solcher schliesst er Bemühungen um eine friedliche Beilegung durch Dialog zwischen den kriegführenden Parteien aus und zerstört die grundlegende Struktur einer Weltordnung, die auf der Koexistenz souveräner Staaten beruht.
Besondere Aufmerksamkeit schenkte das Rhodos Forum 2015 West-Asien und Nord-Afrika (WANA) [die Bezeichnung dieser Länder für ihre Region, mit der sie sich von der Bezeichnung «Naher und Mittlerer Osten» lösen, welche die Sicht westlicher Kolonialmächte widerspiegelt, d. Ü.]. In mindestens vier Ländern dieser Region toben Kriege, Zehntausende von Menschen wurden getötet und weitere Millionen haben aus Angst um ihr Leben ihre Häuser verlassen. Das Aufkommen terroristischer Organisationen wie al Kaida, IS und Jabhat al-Nusra – die Muslime und Nicht-Muslime gleichermassen ins Visier nehmen – legt nahe, dass die Welt vor einem Krieg gegen die Barbarei steht, nicht vor einem Kampf der Kulturen [clash of civilizations]. Die Bekämpfung der Barbaren, die unschuldige Männer, Frauen und Kinder abschlachten, ist ein Kampf für die Zivilisation – für alte Lebensformen, für die angestammte Heimat, jahrtausendealte Traditionen und unterschiedliche Glaubensgemeinschaften, wie die der orientalischen Christen und der Jesiden, die vor einer unmöglichen Wahl stehen: erzwungene Konvertierung, Vertreibung oder Tod. Wir sind überzeugt, dass solche und ähnliche Konflikte nicht durch militärische Mittel allein gelöst werden können, sondern politische Einigungen erfordern, welche die kulturellen Realitäten widerspiegeln. Wir wiederholen die Worte von Papst Franziskus, als er kürzlich sagte, dass «Krieg nur Zerstörung bringt und das Leiden vervielfacht, wohingegen Hoffnung und Fortschritt nur durch den Frieden entstehen. Die betroffenen Parteien sollten ihren Horizont über die unmittelbaren Interessen hinaus erweitern und Völkerrecht und Diplomatie zur Lösung der gegenwärtigen Konflikte einsetzen».
Dieser Geist reicht auch in andere Bereiche wie die Wirtschaft, Gesellschaft und Natur, in denen ein neokoloniales System und neokoloniale Mentalität die Praktiken der Ausbeutung untermauern, die wir rund um die Welt erleben. Was es braucht, sind neue Modelle einer inklusiven und gleichwertigen Entwicklung, die zu einer erfolgreichen Zukunft führen kann – zu individueller Erfüllung und gedeihlichem Miteinander. Deshalb sollte das Ziel der Wirtschafts-, Finanz- und Entwicklungspolitik ein gemeinsamer Wohlstand für alle sein – nicht nur für kleine globale und nationale Eliten. Das war die Zielsetzung der Milleniums-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen und der zugrundeliegenden ganzheitlichen Strategie, zu der heute auch eine stärkere Betonung der ökologischen Resilienz gehört. Leider versagen internationale Organisation, die eine Schlüsselrolle in diesem Prozess spielen sollten, nur zu oft dabei, nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu fördern und genügend Arbeitsplätze zu schaffen. Wir rufen sie auf, der Realwirtschaft Kredite zu gewähren, insbesondere den Mikro-, den Kleinen und Mittleren Unternehmen (MSMEs) und den Personen, die entweder in bitterer Armut leben oder darum kämpfen, sich durchzubringen.
Wir sind besorgt über die Politik einzelner Länder, die eine Gesellschaft von Individualisten schafft, die sich vor allem um die Befriedigung egoistischer Wünsche kümmern und die Bedürfnisse anderer oder das Schicksal des Planeten in seiner Gesamtheit ausser acht lassen. Wir solidarisieren uns mit all jenen, welche die Familie als grundlegende soziale und kulturelle Einrichtung betrachten, die die Grundlage für menschliches Wohlergehen und Zivilisation ist – so wie es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948 und den Verfassungen von über 100 Ländern wie auch in den heiligen Schriften verschiedener religiöser Traditionen seinen Niederschlag findet.
Im Zuge von sechs Plenarsitzungen und fünf Workshops debattierte das Rhodos Forum sowohl aktuelles Zeitgeschehen wie die Migrationskrise oder langfristige Fragen wie die europäische Sicherheit, die Bedeutung digitaler Medien, das Netzwerk von Schulen des Dialoges, aber auch die Kulturen, geschichtlichen Entwicklungen von China und Russland und deren Zukunft.    •

Quelle: http://wpfdc.org/about-us/activities/events/19528-13th-rhodes-forum-concluding-remarks 
(Übersetzung Zeit-Fragen)