Erste SOL-Schulen in der Schweiz – ein Warnsignal

Kritik am Lehrplan 21 wird bestätigt

von Dr. iur. Marianne Wüthrich

In der Gemeinde Niederhasli (Kanton Zürich) haben sich am 7. November 2015 rund 150 Eltern, Grosseltern, Nachhilfelehrer und andere Bürger auf dem Schulhausplatz zu einer Protestdemonstration gegen die radikale Form des sogenannten «selbstorganisierten Lernens» (SOL) an der Oberstufenschule Seehalde versammelt, die dort seit über zwei Jahren praktiziert wird. Auf Transparenten war zu lesen: «SOL – Seehalde ohne Lehrer» oder: «SOL – Stress Ohnmacht Leiden».1 Die Eltern fordern, dass ihre Kinder wieder von Lehrern unterrichtet werden.
Bereits im Sommer 2014 hatten 12 der 30 Oberstufenlehrer (7.–9. Schuljahr) das zweite Sekundarschulhaus im Schulkreis verlassen, weil dort ab 2016 ebenfalls SOL den lehrergeführten Unterricht ersetzen soll.
Mit der geplanten Einführung des Lehrplans 21 habe das nichts zu tun, beteuern die kantonalen Erziehungsdirektoren, dieser lasse auch andere Unterrichtsmethoden zu, so dass die Methodenfreiheit der Lehrer gewahrt bleibe. Wer im Lehrplan 21 auch nur ein paar Seiten gelesen hat, weiss: Das «selbstorganisierte Lernen» ist das Grundprinzip dieses Machwerks. Von Methodenfreiheit keine Spur! Selbstverständlich wissen das auch die Erziehungsdirektoren.

Eine kurze Informationssendung des Schweizer Fernsehens SRF gibt einen Einblick, mit welcher Schule wir beziehungsweise unsere Kinder unter dem Lehrplan 21 und der dazugehörigen Lehrerbildung in allen Deutschschweizer Kantonen konfrontiert wären. Wer den Film gesehen und gehört hat, versteht, dass es fünf vor zwölf ist: Die Lehrerbildung an den Pädagogischen Hochschulen findet bereits heute in diese Richtung statt, die Lehrmittel sind in Planung. Wir müssen dieser gefährlichen Entwicklung einen Stopp setzen, lieber heute als morgen.

Plastischer Eindruck vom «Unterricht» mit SOL2

Ein Grossraum mit Einzelplätzen, durch Wände abgetrennt von den Nachbarplätzen; im Raum verteilt einzelne Tische mit mehreren Stühlen, einige Sofaecken. Keine Schulklasse, sondern Schüler zwischen 13 und 16 Jahren, altersdurchmischtes Lernen. Während der rund sechs Minuten dauernden Sendung bleibt kaum einer der Schüler am selben Platz; einige beschäftigen sich in einer Koje mit ihrem iPad, drei diskutieren an einem Tisch miteinander, ein Lehrer sitzt unbeteiligt daneben und studiert seine Unterlagen, andere stehen unter der Türe und sprechen mit einem Lehrer, dann wieder sind hinten im Raum acht oder neun Schüler beieinander, teils sitzend, teils stehend, vier Mädchen lehnen in einer Polstergruppe, eine davon hantiert mit ihrem Laptop, die anderen haben keine Sicht auf den Bildschirm. Ständig laufen einzelne oder mehrere Jugendliche im Grossraum herum. Das iPad, das hauptsächliche Lehr- und Arbeitsmittel jedes Schülers, ist allgegenwärtig. Der Schulstoff ist digitalisiert und kann von den Jugendlichen heruntergeladen werden. Konzentriert mit einer Arbeit beschäftigt scheint kaum jemand zu sein – ein Mädchen in einer Einzelkoje, auf das die Kamera schwenkt, lässt eilig ein paar Blätter unter dem Tisch verschwinden. Niemand weiss, worüber die verschiedenen Grüppchen sprechen: Wird eine Mathe-Aufgabe erklärt oder über das letzte Fussballmatch diskutiert? Einen Überblick über das Tun und Lassen der einzelnen Schüler zu haben, gehört hier offensichtlich nicht zu den Pflichten des Lehrers.
Schulleiter Gregory Turkawka, mit Dreitagebart und lässig umgelegtem Schal, gibt seine «Grundprinzipien» bekannt: «Wenn wir selbstorganisiert lernen, dann möchten wir an und für sich, dass Schülerinnen und Schüler lernen, ihr Lernen zu organisieren. Diese Grundprinzipien bilden wir mit unserem Unterricht ab.»
Eine wahrhaft tiefsinnige Aussage! Die Schulleitung schiebt den Jugendlichen ganz einfach die Verantwortung für ihr Lernen und ihren Lernerfolg zu. Das Wort «Unterricht» ist in dieser Schule fehl am Platz: Nur kurze Sequenzen eines «Inputs» liefern die Lehrer. Den Rest der Zeit organisieren sich die Schüler wie gesagt selbst. Wer Fragen hat, muss mit einem Lehrer einen «Termin» ausmachen. Wer den Stoff nicht versteht, hat vielleicht Eltern, die ihn erklären können, oder er braucht Lernhilfe – von den Eltern bezahlt. Oder er verliert den Anschluss.

Systematischer Aufbau – das A und O des Lernens

Kein systematischer Aufbau des Lernstoffes, das hat Folgen. Selbst einem Hochschulstudenten bleibt es nicht erspart, seine Lerninhalte in einem logischen Aufbau zu lernen –wobei von ihm erwartet werden kann, dass er sich die nötige Unterstützung dazu selbst holt. In der Volksschule ist die geordnete Vermittlung des Stoffes durch den Lehrer unabdingbar, und zwar im Klassenunterricht. Wer nur Fragen stellen darf, aber den Lerninhalt grundsätzlich nicht versteht, gibt bald einmal auf und bleibt schulisch zurück. Es geht hier nicht darum, ob eine Schule «mit der Zeit geht». Selbstverständlich arbeiten Schüler an der Oberstufe, wo es angezeigt ist, mit dem Computer, aber auch diese Phasen müssen vom Lehrer angeleitet sein und eingebettet werden in den Unterricht. Mit Herumgoogeln bleibt wenig haften, wenn nicht bereits ein Fundament besteht. Die Schulbücher abzuschaffen und den gesamten Schulstoff zu digitalisieren, hätte äusserst verhängnisvolle Auswirkungen.
Ebenso wichtig ist die Vertrauensbeziehung zum Lehrer und zu den Mitschülern. Diese kann nicht entstehen, wenn kein reges Hin und Her im Unterricht stattfindet. Sogenannte Fachpädagogen, die den lebenswichtigen Klassenunterricht gleichsetzen mit sogenanntem «Frontalunterricht», in dem der Lehrer ausschliesslich doziert und die Schüler zuhören müssen, haben entweder keine Ahnung oder sie lügen: Kein Lehrer unterrichtet heute so. Hier noch eine ganz spezielle Bemerkung zum Sprachunterricht: Eine Sprache kann man mit SOL und iPad überhaupt nicht lernen, auch die Muttersprache nicht. Lesen und schreiben lernt man nur in der Beziehung zu den Mitmenschen.

Boomender Nachhilfeunterricht – und was ist mit denen, die keinen kriegen?

Die private Nachhilfeschule am Ort hat seit dem SOL an der Sekundarschule Seehalde doppelt so viele Anfragen, weil viele Schüler mit dem Schulstoff massiv im Rückstand sind. Oft muss der Nachhilfelehrer den Stoff noch einmal von Grund auf mit den Kindern erarbeiten.3 Wie gesagt: Diese ausserschulische Hilfe erhalten nur Kinder, deren Eltern sie bezahlen können.
Was ist mit den anderen? Eine Elternrätin der Schule: «Ich würde sagen, 80 % der Schüler kommen sehr gut durch.» Die SRF-Moderatorin: «Was ist mit den anderen 20 %?» Elternrätin: «Ich würde sagen, die haben einfach sonst Mühe und müssen sich dran heranarbeiten, bis sie verstehen, was das heisst, selbständig zu sein.»
Vielleicht ist es hier eher die Elternrätin, die Mühe hat und nicht viel versteht. Aufgabe der obligatorischen Volksschule ist es jedenfalls, alles dafür zu tun, dass jedes Kind in 9 Schuljahren die schulischen Grundlagen erwerben kann, die es für sein Leben braucht. «Chancengleichheit» sagt man dem – es ist an der Zeit, dass wir dieses echt soziale Anliegen wieder durchsetzen an unseren Schulen, statt die Kinder, die bei dieser ganzen Individualitis abhängen, mit irgendwelchen Diagnosen abzustempeln und von den Lernzielen «zu befreien».

SOL als Vorbereitung auf das Berufsleben? Jo chasch dänke!

In der Schule Seehalde gibt es keinen Stundenplan, auf dem ersichtlich ist, welche Schulfächer gelernt werden: «Kein spezifisches Fach steht an diesem Morgen auf dem Stundenplan», so die Fernsehmoderatorin, «sondern jeder Schüler arbeitet für sich, genau so, wie er es später auch im Beruf können muss. Das ist die Idee des individualisierten Unterrichts und des selbstorganisierten Lernens, die Vision des Schulleiters.» [Hervorhebung Zeit-Fragen] Das dazu passende Bild: Ein Schüler auf einem Sofa, mit hochgelegten Beinen und seinem iPad. Genau so, wie er es später auch im Beruf können muss?
Ein 15jähriger Schüler: «Man kann wirklich eigentlich selber sagen, was man lernt. Jedoch gibt es schon ein paar Sachen, die einem der Lehrer vorschreibt, die obligatorisch sind. Aber man hat einfach sehr viel Freiheit.»4 Eine Lehrerin: «Zu sehen, dass die Schüler wirklich Spass am Lernen haben, ist den Aufwand wert.»5
Was braucht es denn als Vorbereitung auf das Berufsleben? Selber sagen zu können, wozu man gerade Lust hat? Nur das zu tun, was einem Spass macht? Pause machen zu können, wann man will? Das Leben ist keine Dauerparty! Wer solcherlei Visionen mit Experimenten an unseren Kindern auslebt, sollte sich einen anderen Job suchen. Denn er lässt wissentlich zu, dass die Jugendlichen, die in der Oberstufe mehr oder weniger das machen konnten, was sie wollten, bei der Lehrstellensuche auf die harte Realität des Berufslebens stossen werden. Wie viele von ihnen werden scheitern? Bereits heute brechen immer mehr Jugendliche die Lehre vorzeitig ab.    •

1    Quellen: SRF, Schweiz aktuell vom 9.11.2015;
Zürcher Unterländer, «Eltern demonstrieren gegen selbstorganisiertes Lernen» vom 8.11.2015
2    Quelle: SRF, Schweiz aktuell vom 6.11.15,
«Selbstorganisiertes Lernen in Niederhasli sorgt für Unmut», www.srf.ch/news/regional/zuerich-schaffhausen/selbstorganisiertes-lernen-in-niederhasli-sorgt-fuer-unmut
3    SRF, Schweiz aktuell vom 6.11.2015, «Selbstorganisiertes Lernen in Niederhasli sorgt für Unmut»
4    SRF, Schweiz aktuell vom 6.11.2015, «Selbstorganisiertes Lernen in Niederhasli sorgt für Unmut»
5    «Die Revolution von Niederhasli», Sonntagszeitung vom 25.10. 2015
6    vgl. www.sol-institut.de/

Next practice statt Best practice – SOL-Institut Ulm

Das Beratungsbüro, das die Schulleitung der Oberstufenschule Seehalde in Niederhasli bei ihrem Tun berät, ist das SOL-Institut Ulm, das nach eigenen Angaben ein «systemisch-konstruktivistisches Lernverständnis» pflegt:6
«Eine systemisch-konstruktivistische Pädagogik will kein Wissen abbilden, keine möglichst vollständigen Lehrpläne erzeugen: Die Pädagogik soll nicht schon vor Beteiligung ihrer Teilnehmer wissen, was für diese gut sein wird. Konstruktivismus: Was wir Wissen nennen, muss von Kindern, Schülern, Studenten aufgebaut werden. Wissen wird nicht mehr als Repräsentation von Realität betrachtet, sondern als mögliches Verhalten in einer Welt, die man nicht genau beschreiben kann.» Alles klar?
«SOL optimiert nicht Bestehendes (Best practice), sondern vollzieht einen Prozessmusterwechsel (Next practice).» Danach soll Lernen in der Schule «so viel Differenzierung und Individualisierung wie möglich, so wenig Synchronisation wie möglich» enthalten. Die Schulleitung hat zu diesem Zwecke die Lernräume zu gestalten – «Raum als 3. Pädagoge»(!) – sowie «professionelle Teamarbeit» und «systemisches Management» einzurichten. Im Klartext: SOL setzt einen Paradigmenwechsel voraus: nur ein Minimum an Klassenunterricht, autoritäre Kontrolle der Lehrer durch die Schulleitung und deren Einbindung ins «System» – von Methodenfreiheit keine Spur!

«Lernen bedeutet Perspektivenverschränkung und nicht ‹Stoff vermitteln›»

«Wegen der Selbstorganisation kann man Menschen nichts vermitteln. Lehre ist immer Interaktion, ein Akt der Perspektivenverschränkung. Durch Interaktion entsteht eine gemeinsame neue Vorstellungswelt.» Im Klartext: Dies bedeutet die grundsätzliche Abschaffung jedes Unterrichts oder noch extremer: Die Weitergabe des menschlichen Wissens- und Erfahrungsschatzes von einer Generation zur nächsten – die eigentliche Grundlage der Menschheitsentwicklung – wird mit einem Federstrich ausradiert. Gemäss konstruktivistischer Ideologie schafft sich das Kind seine Realität selbst, aus seiner eigenen Perspektive. Mit «Interaktion» ist übrigens nur zu einem kleinen Teil die Kommunikation mit einem der anwesenden Lehrer gemeint, diese beschränkt sich weitgehend auf das Aufstellen von Täfelchen mit der Aufschrift «Wir haben eine Frage», «Wir brauchen Hilfe», «Alles in Ordnung», «Wir machen Pause». Die hier gemeinte Interaktion findet hauptsächlich zwischen dem Kind und seinem iPad statt.
Die «Implementierung» von SOL, das heisst deren Einpflanzung in die Schulen, wird in Pilotversuchen ausprobiert: «Diese Phase dient dem Ausprobieren und Erfahrungen sammeln. […] Sie können in Entwicklungsprozessen also nichts falsch machen, sondern Entscheidungen treffen und damit Erfahrungen sammeln. Wir helfen Ihnen dabei!»
Im Klartext: Das Ulmer Institut bringt den Lehrern bei, dass sie im Schulzimmer, pardon, in ihrem Grossraumbüro, nach Lust und Laune Experimente machen und Erfahrungen sammeln dürfen – ihre Versuchskaninchen sind unsere Kinder!

«Lernphasen statt Schulfächer»

Eine Hauptforderung der meisten kantonalen Volksinitiativen gegen den Lehrplan 21 ist die Beibehaltung der einzelnen Unterrichtsfächer mit Jahreszielen. Damit wird der Revolutionierung der Schule im Sinne der systemisch-konstruktivistischen Ideologie ein Riegel geschoben.
Wie dringlich diese Forderung der Initianten ist, wird auf der Homepage des Ulmer SOL-Instituts explizit bestätigt: «Worin unterscheidet sich SOL von herkömmlichem Schulunterricht? Zum Beispiel dadurch, dass der Stundenplan in Lernphasen eingeteilt wird – und nicht mehr nach Fächern.»

Was ein vom Volk gewählter Regierungsrat vom Stimmvolk hält

Christoph Eymann, Regierungsrat im Kanton Basel-Stadt und Präsident der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK), gab in einem Interview mit der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» Äusserungen von sich, die sich jeder Schweizer merken wird. Eymann hat dafür gesorgt, dass der Lehrplan 21 in Basel-Stadt als erstem Kanton bereits im Sommer 2015 eingeführt wurde.
Auf die Bemerkung der Zeit, er habe den Lehrplan ja auch nicht vom Volk absegnen lassen müssen:


Christoph Eymann: Zum Glück nicht, muss ich ehrlicherweise sagen. Die Mitsprache des Volkes muss in Detailfragen Grenzen haben. […] Wenn es um Lehrpläne, Lehrmittel und Stundentafeln geht, braucht es Fachleute und nicht ein Parlament. Und schon gar nicht das Volk. [Hervorhebung Zeit-Fragen]

Zeit: Eltern müssen den Lehrplan also gar nicht verstehen?

Eymann: Sie sind nicht das Zielpublikum. Es ist heikel zu sagen: Das geht die Eltern nichts an.

Zeit: Aber so meinen Sie es?

Eymann: Ein bisschen.

Wie ein vom Volk gewählter Regierungsrat den Widerstand der Lehrer umgeht

Zeit: Ich habe im Hinblick auf dieses Gespräch mit verschiedenen Lehrern in Basel gesprochen. Sie sagen: Wir hatten nicht einmal Zeit, um Widerstand zu organisieren!

Eymann: Wir haben sie mit dem Tempo sicherlich etwas strapaziert.