Editorial

Für unser Land geht ein Gedenkjahr zu Ende, in dem die geschichtlichen Erfahrungen der Ereignisse von 1315, 1415, 1515 und 1815 in ihrer Bedeutung für die politische Gegenwart viel zu wenig reflektiert worden sind. Statt dessen wurden sie von diversen zeitgenössischen Historikern in Zweifel gezogen, ihre Relevanz herabgemindert oder ganz negiert. Dieser (De-)Konstruktivismus gewisser Geschichtswissenschafter, wie René Roca sie in seinem Blick auf das Gedenkjahr treffend charakterisiert, lässt vor allem etwas übrig: eine geistige Leere in der Auseinandersetzung um die Frage nach herrschaftlichen, von oben nach unten organisierten versus selbstbestimmten freiheitlichen – souveränen – Formen menschlichen Zusammenlebens. Denn gerade hier, das zeigt René Roca deutlich, liegt der Wert einer vertieften Auseinandersetzung mit der Geschichte unseres Landes: eine Geschichte, in der bei allen Schwierigkeiten nicht das Diktat von oben, nicht eine monarchistische Herrschaft das zentrale Agens der Entwicklung bildete, sondern bei der das genossenschaftliche Prinzip der Selbstorganisation und gemeinschaftlichen Daseinssicherung am Anfang stand und in der immer wieder der Wille zur Wahrung der Selbstbestimmung massgebend blieb. Und diese war nur zu haben, wenn im Willen zur gemeinsamen Abwehr gegen Ansprüche Dritter auch die Selbstbestimmung der Bundesgenossen respektiert wurde – ein Gedanke, der – wie der Beitrag von Professor Hans Köchler zum Dialog der Zivilisationen zeigt – heute so brennend aktuell ist wie in all den Konflikten der Eidgenossen durch die Jahrhunderte. Die Achtung vor der Weltanschauung und der Lebensform anderer Zivilisationen und Kulturen ist im grösseren Rahmen genauso Voraussetzung einer friedlichen Koexistenz auf unserem Planeten wie die gegenseitige Respektierung der eidgenössischen Orte.
So gesehen macht sich der historische (De-)Konstruktivismus vor allem zum intellektuellen Zudiener eines Herrschaftsdenkens, das bis heute die Haltung westlicher Politik in vielen Gebieten unserer Welt dominiert. Auch wenn die Arroganz sich rhetorisch bemäntelt und sich im Reden von Demokratie und Menschenrechten zu verstecken sucht. Ein Beispiel solcher Politik ist die Geschichte des Kongo – und dieser wiederum steht beispielhaft für die Geschichte und die Situation eines Kontinents, der heute brutaler denn je im Dienste der Interessen westlicher Mächte ausgeblutet und ausgebeutet wird. Dass sich dabei afrikanische Machthaber – meist im Westen ausgebildet und immer vom Westen gestützt – als Handlanger einsetzen lassen, entlässt die westlichen Mächte in keiner Weise aus ihrer Verantwortung, im Gegenteil.
Es wäre an der Zeit, sich auf die schlichte, aber fundamentale Botschaft unserer Geschichte zu besinnen: Die Menschen  wollen nicht von arroganten Eliten dominiert und beherrscht werden – es widerspricht der Menschennatur, denn die Freiheit macht die Würde des Menschen aus. Die Realisierung der «demokratischen Weltrevolution» (Martin Kriele) mag für viele noch weit entfernt sein. Krieles Gedanke aber, dass sich das Bewusstsein von der grundsätzlichen Gleichwertigkeit aller Menschen allmählich Bahn brechen wird, ist vernünftigerweise nicht zu bestreiten – das beweist auch die Menschenrechtsrhetorik, mit der alle Machtansprüche bis hin zu den brutalsten Kriegen propagandistisch begleitet werden müssen, um sie zu bemänteln. Dass Machtpolitik und Krieg immer einhergehen mit einer Einschränkung der Freiheit auch in den kriegstreibenden Ländern ist genauso geschichtliche Erfahrung und Logik der Macht.
Aber wir Menschen können auch anders: Wir können die Lehren aus unserer Geschichte ziehen, wir können erkennen, dass nicht Machtstreben und Konkurrenz, sondern Kooperation, das menschliche Miteinander und Füreinander, Werte schafft, Entwicklungen ermöglicht und oftmals neue Lösungen für Probleme findet, die uns zuvor kaum lösbar schienen.

Erika Vögeli

Redaktion und Genossenschaft Zeit-Fragen wünschen allen Leserinnen und Lesern ein frohes Weihnachtsfest und ein gutes neues Jahr.