Vor 50 Jahren putschte im Kongo Mobutu Sese Seko (Teil 1)

Kleptokratie ohne Ende?

von Peter Küpfer

Im November dieses Jahres wiederholte sich zum 50. Mal das Datum des Putsches, der den kongolesischen Diktator Mobutu Sese Seko an die Macht brachte. Am 24. November 1965 besetzte der damals noch junge Oberbefehlshaber der kongolesischen Streitkräfte alle strategisch wichtigen Bereiche des Staates und liess übers Radio mitteilen, die Verfassung sei suspendiert, das Parlament aufgelöst und alle Macht konzentriert in seiner Hand. Mit dem Segen des Westens wurden das für den Kongo 32 weitere düstere Jahre, in denen Mobutu und seine korrupte Clique den Staat und die Bevölkerungen des kongolesischen Riesenreiches ausbluteten.

Mobutus gewaltsame Machtübernahme im November 1965 setzte den fünfjährigen sogenannten «Kongo-Wirren» ein Ende. Für viele westliche Kommentatoren waren und sind diese Ereignisse, die langjährigen Wirren im Kongo und der schliesslich inszenierte Militärputsch Mobutus ein Beweis, dass die ehemaligen afrikanischen Kolonien nicht lebensfähig seien. Sie vergessen, dass die Kongo-Wirren, seine Diktatoren und das Herunterwirtschaften seiner Ressourcen und damit seiner Bevölkerung nicht das Werk der Kongolesen selbst sind. Es handelt sich hier vielmehr um nur die augenfälligsten Verheerungen einer Geschichte, in welcher die Gier des Westens eine Schlüsselrolle spielt. Vor Hunderten von Jahren unter der Schande des Sklavenhandels so gut wie heute. In dieser letztlich auch weltwirtschaftlich und geopolitisch hochexplosiven Weltgegend ist die Mobutu-Diktatur nur eine Episode, eine allerdings düstere.

Privatbesitz des Königs

Die Demokratische Republik Kongo, wie das Riesenreich am Kongofluss offiziell wieder heisst, ist rein ausdehnungsmässig so gross, dass Frankreich darin bequem siebenmal Platz fände. Es wird aber von einer Bevölkerung bewohnt, die nicht wesentlich grösser ist als diejenige Deutschlands. Die heute immer noch bestehenden Grenzen des riesigen Landes wurden von den damaligen Kolonialmächten, zumindest in ihren grossen Zügen, bereits an der Berliner Konferenz von 1885/86 festgelegt, ohne dass an dieser Konferenz auch nur ein einziger Afrikaner beteiligt gewesen wäre. Mit den damals teilweise noch unbekannten riesigen Waldgebieten am Grossen Fluss im Zentrum Schwarzafrikas und seinen endlosen Savannen im Süden wussten die Weltmächte damals noch nicht viel anzufangen. So gaben sie ihre Zustimmung zur Idee, das ganze Gebiet mit den vielen weissen Flächen auf der Karte dem belgischen König Leopold II als dessen Privatbesitz zuzuschlagen. Der rieb sich zuerst die Augen, dann die Hände, als der dort neben Elfenbein und tropischen Hölzern gewonnene Kautschuk auf dem Weltmarkt immer steilere Preisbewegungen gegen oben machte. Mit der Erfindung der Vulkanisierung durch Dunlop 1890 und dann später der Entwicklung des Automobils, dann der Flugzeuge, boomte der Bedarf an Rohkautschuk zur Reifenherstellung ungeheuer. Im Unterschied zu Lateinamerika wurde der Kautschuk im Kongo nicht dem Hevea-Baum, sondern den Kautschuk-Lianen entnommen, die wegen der Überzapfung schnell eingingen. Das zwang die zur Gewinnung des Rohkautschuks «verwendete» Bevölkerung zu immer längeren Märschen durch den Urwald und zu zusätzlichen Strapazen. Drakonische Strafen waren an der Tagesordnung, Auspeitschen und Handabhacken für zu wenig ertragreiches Arbeiten oder Fluchtversuche das übliche. Der kongolesische Kautschukhandel verlor ab 1905 an Bedeutung, weil der Grossteil der Kautschuklianen vernichtet war (Strizek, S. 39).

Begehrte Rohstoffe

1908 wurde der Kongo Kolonie des belgischen Staates und blieb es als «Belgisch-Kongo» bis ins Jahr 1960. Wenn auch die im «Freistaat Kongo» unter Leopold eingeführte generelle Zwangsarbeit formal abgeschafft wurde, so änderte sich an der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen des Kongo dadurch nichts, im Gegenteil, sie wurde noch systematischer betrieben. Weitere riesige Rohstofflager wurden entdeckt, darunter auch Gold und Diamanten. Im südlichen Kongo, in der Provinz Katanga (früher Shaba) stiessen die Kolonisatoren auf ein Metall, das ähnlich Furore machte wie der Kautschuk: Es gab und gibt dort riesige Kupfervorkommen. Man kann sich vorstellen, was das bei der beginnenden Elektrifizierung der westlichen Welt zu Beginn des 20. Jahrhunderts bedeutete. Jedes Elektrokabel wird nun einmal aus Kupfer hergestellt. Die gezielte Ausbeutung anderer begehrter Stoffe folgte auf dem Fuss, insbesondere das Silber und die Diamanten im Kasai. Bald erkannten die Kolonisatoren, dass sie mit ihrer riesigen Kolonie auf Reichtümern sassen, um welche die Welt sie beneidete. Auch Uran gab es im Kongo, ein Metall, das weltweit nur an wenigen Orten vorkommt. Das Uran, mit dem die Amerikaner die ersten Atombomben entwickelten, stammt aus dem Kongo. Auch dasjenige, mit dem die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki hergestellt und gezündet wurden, mit den Folgen, die man kennt. Heute plündern kriminelle bewaffnete Banden, die meisten von ihnen im Solde des unheimlichen Nachbarn des Kongo, Ruandas, unter anderem auch gezielt die reichen Coltan-Vorkommen im Ostkongo und schaffen sie nach Kigali. Coltan ist für das Funktionieren elektronischer Steuerungen überall auf dieser Welt unentbehrlich, auch für jedes Handy. Ruanda, das früher als mausarmes Land ausschliess­lich Kaffee und Tee exportierte, ist inzwischen zum grossen Coltan-Exporteur geworden. Auch heute, wie zu Leopolds Zeiten, liegen in dieser schamlos betriebenen Dauerausbeutung der kongolesischen Ressourcen gewichtige Gründe, dass der rohstoffreiche Osten des Landes (Nord- und Südkivu) bis heute nicht zur Ruhe kommt. Unvorstellbare Greueltaten an der Zivilbevölkerung sind dort immer noch trotz zahlreicher sogenannter Friedensabkommen (deren Bestimmungen niemand auf dieser Welt durchsetzt!) seit Jahren weiter an der Tagesordnung, von der internationalen Gemeinschaft entweder nicht zur Kenntnis genommen oder dann mit einem Achselzucken behandelt. Das ist auch der Grund für die immensen Binnenflüchtlingsströme in diesem Teil Afrikas. Die kriminellen Banden im Dienste westlicher Rohstoffinteressen können sich ungestörter bereichern, wenn ihr gezielter Terror gegen die Zivilbevölkerung ganze Landstriche entvölkert.

«Unabhängigkeit» unter bedrohlichen Vorzeichen

In den 50er Jahren wurde der Kolonialismus auch für die westliche Welt zur politischen Belastung. Man konnte sich nicht dauerhaft, gerade auch nicht unter den Bedingungen der Dauerfrontstellung zum damals weltweit noch sehr starken Kommunismus, auf die Verteidigung der Freiheit, der Menschenrechte und der Demokratie berufen und sie gleichzeitig einer überwältigenden Masse von Menschen, die das Pech hatten, einige 100 oder 1000 Kilometer von den westlichen Machtzentren entfernt geboren zu sein, vorenthalten, bei Bedarf mit der Waffe in der Hand, wie es der Indochina-Krieg und einige Jahre später auch der Algerien-Krieg zeigten. Auch im Kongo regten sich Kreise, zuerst gemässigt, dann schärfer, welche Belgien daran erinnerten, auch Menschen dunkler Hautfarbe hätten Rechte. Damals war es im Kongo noch so, dass Afrikaner grundsätzlich von der höheren Bildung ausgeschlossen waren und in der Armee keinerlei Offiziersfunktion übernehmen durften. Wer damals im Kongo Bildung beanspruchte, war ganz auf die katholische Kirche und die von ihr getragenen, übrigens vorzüglichen Schulen angewiesen, die allerdings zu keinem Universitätsabschluss führten. In einer vielbeachteten Rede in Brazzaville, also gerade gegenüber der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa, stiess General de Gaulle 1958 als Staatspräsident die Türen zur Unabhängigkeit der französischen afrikanischen Kolonien auf. Der christdemokratische Professor Jef van Bilsen hatte bereits im Dezember 1955 in Belgien und dem Kongo für Furore gesorgt. Im Auftrag der Regierung hatte er einen «30-Jahres-Plan für die politische Emanzipation des belgischen Afrika» (zu dem damals auch Ruanda und Burundi gehörten) ausgearbeitet, der damals «einschlug wie eine Bombe» (Strizek 1998, S. 77). Aus dem Milieu der in katholischen Schulen erzogenen kongolesischen «évolués» (Gebildete) erwuchs dem Bericht allerdings schnell Kritik. Die erwachende nationalistische Bewegung wollte sich nicht mit dreissig weiteren Jahren Abhängigkeit von Europa abfinden. Unter ihnen machte sich auch der junge, Intellektuelle Patrice Eméry Lumumba immer stärker bemerkbar, ein glühender Patriot, Demokrat, glänzender Redner und beissender Kritiker der belgischen Kolonialisten. Während sich die Gemässigten um Joseph Kasavubu und seine 1950 gegründete Sammlung «Abako» scharten, führte der MNC (Mouvement national congolais) unter Patrice Lumuba eine schärfere Sprache und setzte sich vehement für die sofortige Unabhängigkeit der belgischen Kolonie ein. Nach längerem Zögern der belgischen Regierung überstürzen sich die Ereignisse. Sie willigte schliess­lich in den Unabhängigkeitsprozess ein und gab im Sommer 1959 grünes Licht für freie und geheime Provinzialwahlen und allgemeine Parlamentswahlen. Die sich zeitweise in Haft befindlichen politischen Hauptex­ponenten Kasavubu und Lumumba wurden freigelassen und auf Grund ihres grossen Ansehens unter der kongolesischen Bevölkerung zu den Vorbereitungsgesprächen zur Unabhängigkeit mit an den runden Tisch vom 20.–30. Januar 1960 in Brüssel eingeladen. Brüssel wollte nun plötzlich schnell voranschreiten. Wie der zuständige Kolonialminister De Schrijver im Herbst 1959 einem Gesprächspartner anvertraut hatte, mit dem Hintergedanken, im unvermeidlichen Chaos «um Hilfe gerufen zu werden» (Strizek 1998, S. 79; Strizek zitiert dabei einen vertrauenswürdigen Zeugen: Jef van Bilsen). Denn Jef van Bilsens Entwicklungsplan war nicht unbegründet auf 30 Jahre hin angelegt gewesen. Der zentralafrikanische Grossstaat verfügte kurz vor seiner Unabhängigkeit ganz einfach über keine Fachleute. Die Belgier waren zu diesem Zeitpunkt schon lange abgereist und eigene waren nicht vorhanden. Es dauerte bis zum Jahre 1956, dass der erste Afrikaner in Belgien sein Hochschulstudium abschliessen konnte. Im Jahre seiner Unabhängigkeit verfügte die ehemalige Kolonie ausserhalb des Klerus gerade einmal über etwa zehn Personen mit einem akademischen Grad, darunter kein Mediziner, kein Ingenieur und kein Jurist.
Die Parlamentswahlen vom Mai 1960 ergaben den Sieg für Lumumbas MNC, gefolgt von Kasavubus Abako. Die Kolonialverwaltung akzeptierte nach einigem Zögern dieses Votum und ernannte Patrice Eméry Lumumba zum Ministerpräsidenten. Das Parlament wählte hierauf Joseph Kasavubu zum Staatspräsidenten der Demokratischen Republik Kongo. Lumumba bildete seine Regierung und machte einen verdienten, bescheidenen jungen Mann zu seinem Sekretär, Mobutu, der sich später Sese Seko (der stolze Hahn) nannte und ihn an seine Mörder auslieferte.

Eine Rede zuviel

Am 30. Juni 1960 kommt es in Kinshasa im festlich ausgeschmückten Nationalpalast, der über dem Grossen Fluss thront, zur feierlichen Unabhängigkeitszeremonie des neuen afrikanischen Staates. Alles ist da, was Rang und Namen hat, vor allem die monarchistische und koloniale Nomenklatura Brüssels. König Baudouin hielt eine landesväterliche Rede, in der er die zivilisatorischen Errungenschaften hervorhob, welche Belgien seinen afrikanischen Schutzbefohlenen in den langen Jahren der Kolonie mitgegeben hatte. Alles daran war nicht Propaganda, aber vieles. In ähnlichen Wassern bewegte sich der in nichts Anstoss erregende Diskurs von Kasavubu. Anders wurden die Dinge, als der die Zeremonie leitende Parlamentspräsident plötzlich das Wort auch Patrice Eméry Lumumba gab. Eine weitere Rede, und dann noch von diesem Rebellen, den damals viele als Kommunisten ansahen, war im Protokoll nicht vorgesehen. Der König erbleichte, vor allem dann, als er hörte, was Lumumba aus diesem Anlass zu sagen hatte. Der Volkstribun, wie er von vielen dargestellt wurde, wandte sich in seiner flammenden, in weiten Teilen improvisierten Rede nicht an die versammelten Würdenträger, sondern an sein während langer Jahre geknechtetes Volk. Da die gesamte Feier über das nationale kongolesische Radio übertragen wurde, hatte er dafür auch seine entsprechende Zuhörerschaft, von der viele ihm seine mutigen Worte bis zum heutigen Tag nie vergassen (siehe Kasten). Lumumba nannte die Dinge beim Namen, auch die Verantwortlichen für all das Leid und das Unrecht, das seinem Volk durch die belgischen Kolonisatoren seit den Zeiten des Grossonkels von König Baudouin, Leopold II, angetan worden war. Lumumba begrüsste Belgien in seiner Eigenschaft als Partner, mit welchem die neue Republik nun auf Augenhöhe und im gegenseitigen Respekt verkehren könne, ohne mit einer Sonderbehandlung rechnen zu dürfen. Die Unabhängigkeit des Kongo sei keineswegs ein Geschenk Belgiens, rief er den versammelten Gästen und seinen Mithörern an den Radios im ganzen Lande zu, sie sei «nur im Kampf erreicht» worden. Zwischen den Zeilen machte Lumumba auch das nationale Selbstbewusstsein des neu gegründeten Staats deutlich, in dem er zum Ausdruck brachte: «Ihr könnt gerne auch in Zukunft an unseren Reichtümern teilhaben, aber zu fairen Konditionen, die wir als gleichberechtigte Partner miteinander aushandeln werden.»
Baudouin konnte nur mit Mühe von einer abrupten Abreise abgehalten werden. Obwohl sich die Gemüter bis zum Festdiner am Abend wieder etwas beruhigten, waren sich viele Beobachter schon damals darüber einig: Mit dieser Rede, welche der Ausraubung des Kongo einen klaren Riegel schob, hatte der mutige Streiter sich sein eigenes Todesurteil gesprochen. Mancher konservativ und in der Logik des Kolonialismus oder des politischen Machtdenkens befangene Augenzeuge, auch die zahlreich anwesenden Beamten der entsprechenden Geheimdienste, gingen mit der Überzeugung nach Hause: Dieser Lumumba muss weg. Was von vielen durchaus wörtlich und nicht nur politisch genommen wurde und sich auch prompt in entsprechendes Handeln ausmünzte.

Selbstbestimmung – während fünf Tagen

Die Feinde eines unabhängigen und wirtschaftsautonomen Kongo liessen der Regierung Lumumba nicht viel Zeit, ihre Ideale zu verwirklichen. Bereits wenige Tage nach den Feierlichkeiten kam es zu ersten Unruhen. Die Garnison im nahen Thysville meuterte, als der auch nach der Unabhängigkeit im Amt verbliebene belgische Oberbefehlshaber der Force Publique (nationale Armee) den enttäuschten Soldaten mitteilte, auch in Zukunft seien die Offiziersposten den kongolesischen Soldaten verwehrt. Die Meuterei sprang am nächsten Tag nach Kinshasa über, wo es zu Übergriffen auf verbliebene Belgier kam. Lumumba ernannte in aller Hast seinen Sekretär Mobutu zum Oberbefehlshaber der Armee, der den Aufstand – im Range eines Majors – in kurzer Zeit besänftigte.
Am 11. Juli, noch nicht einmal ganz zwei Wochen nach der Unabhängigkeitsfeier, erklärte der frühere Kampfgefährte Lumumbas, Moïse Tshombe, der zum Regionalpräsidenten des rohstoffreichen Katanga gewählt worden war, die Unabhängigkeit des Territoriums von Katanga von der kongolesischen Zentralregierung. Dies führte zu einem veritablen Sezessionskrieg, der bis 1963 dauerte. Schon bald rückten mit Beschluss der Uno die belgischen Truppen ab und wurden durch Uno-Kontingente ersetzt. Einen Monat später, am 8. August des selben Schicksalsjahres 1960, rief ebenfalls ein früherer Kampfgefährte Lumumbas, der wegen dessen Weigerung, ihn an der Regierung zu beteiligen, nun zu seinem Gegner geworden war, Albert Kalonji, seinerseits die Unabhängigkeit des Süd-Kasai aus, der wie Katanga über grosse Bodenschätze verfügt, unter anderem Silber, Gold und Diamanten. Die Krise führte zu grossen Spannungen in der Regierung, die auch dem brüchigen Bündnis zwischen Kasavubu und Lumumba zusetzten. Am 5. September 1960 setzte Staatspräsident Kasavubu seinen Ministerpräsidenten Lumumba ab, der kurzerhand seinerseits den Staatspräsidenten für abgesetzt erklärte.

Feiger Mord

Das offensichtliche Machtvakuum wurde zur Stunde Mobutus. Der Chef der Armee intervenierte, zwang Kasavubu zum Verbleib an der politischen Spitze des Staates und setzte über die Regierung als Kontroll­organ ein Kommissarskollegium mit eigenen Gewährsleuten ein, welche die Regierungsgeschäfte bis zum 31. Dezember 1960 übernahmen. Lumumba suchte sein Heil bei einem der wenigen verbliebenen Getreuen, seinem ehemaligen Stellvertreter Antoine Gizenga, der seinerseits versuchte, von Stanleyville aus eine Alternativregierung zu bilden. Lumumba wurde aber auf der Reise nach Stanleyville verraten und verhaftet. Mobutu lieferte ihn durch seine Soldaten an Lumumbas Erzfeinde in Katanga aus, wohl wissend, dass sein Schicksal dort besiegelt war. Dort, in der Nähe von Elisabethville, wurde der Freiheitskämpfer zusammen mit zwei Getreuen nach schweren Misshandlungen am 17. Januar 1961 von katangischen Soldaten unter belgischem Kommando erschossen. Heute ist erwiesen, dass die belgische Armee und der amerikanische Geheimdienst bei diesem feigen politischen Mord die Fäden zogen (Ludo de Witte. «L’Assassinat de Lumumba». Paris 2000; ISBN 2-84586-006-4).
So war denn die «unabhängige» Republik Kongo schon nach wenigen Tagen ein Riesengebäude auf tönernen Füssen, an dessen Ecken Brandstifter an mehreren Stellen Brandsätze entzündet hatten. Eine aus mehrheitlich unerfahrenen Ministern bestehende Regierung sollte mehrerer Sezessionskriege gleichzeitig Herr werden, einen wirtschaftlich zugrunde gerichteten Staat von Grund auf wiederaufbauen und das Bewusstsein stärken, dieser Staat sei keine zu melkende Milchkuh, sondern Gemeinschaftswerk aller Kongolesen – das alles ohne funktionierende Institutionen und unter Abwesenheit einer einsatzfähigen Armee. Jedem Beobachter war schon damals klar, dass diese Häufung von Problemen nicht zufällig sein konnte. Es zeichnete sich damals schon ab, wer von diesem Chaos letztlich profitieren würde. Es war Mobutu, der seine Fäden beharrlich zog, bis die Stunde für seinen Machtantritt vollends geschlagen hatte.

Weiter geschürte Unruhen

Tshombe musste nach zweieinhalb Jahren, am 14. Januar 1963, seine militärische Niederlage eingestehen und ging nach Spanien ins Exil. Aber schon eineinhalb Jahre später wurde er, damals schon unter Mobutus Einflüsterung, wieder in den Kongo geholt und an zentrale Stelle gesetzt: Der frühere Sezessionist, welcher die Zentralregierung unter dem Applaus revanchistischer Kreise drei Jahre lang militärisch bekämpft hatte, wurde Ministerpräsident des Kongo! Mobutu wollte offensichtlich von dessen militärischer Erfahrung im Guerillakrieg profitieren, sehr wahrscheinlich auch wegen dessen Beziehungen auf dem europäischen Söldnermarkt. Das war auch bitter nötig, denn bereits hoben weitere Sezessionen ihr Haupt. Ab Januar 1964 kam es im Kwilu (im Westen des Kongo) zu einem von Pierre Mulele, einem früheren Kampfgefährten Lumumbas, geführten Aufstand, im Osten ab Mai 1964 zum Aufstand von Gaston Soumialot. An diesen Kampfhandlungen nahm auch ein früherer Gefährte von Lumumba teil, ein gewisser Laurent Désiré Kabila, der mehr als dreissig Jahre später, 1997, mit seiner ADLF-Allianz und den kampferfahrenen Tutsi-Truppen des ehemaligen FPR einen Blitzfeldzug durch den ganzen Kongo führte und Mobutu aus Kinshasa vertrieb. Aber wir sind noch nicht so weit, sondern mitten in den sogenannten Kongowirren der ersten Zeit der jungen Republik, die erst auf dem Papier bestand. Die beiden Aufstände wurden mit der inzwischen schlagkräftig gewordenen und mit europäischen Söldnern aufgestockten kongolesischen nationalen Armee unter Mobutu niedergeschlagen. Nach diesen gehäuften Unruhen hätte das Land eine gewisse Beruhigung dringend nötig gehabt. Kasavubu setzte aber Tshombe ab, scherte in der Uno bei der durch die Amerikaner geschürten Verhinderungspolitik gegen einen Beitritt der Volksrepublik China aus und versuchte, sich aussenpolitisch an die Bewegung der Blockfreien anzuschliessen. Dies wurde von Amerika als Warnzeichen interpretiert. Mobutu sah nun die Stunde für seinen lang verfolgten Plan gekommen. Er konzertierte sich mit den entscheidenden Armeeführern und unternahm am 24. November 1965 einen Staatstreich. Dieser war so gut vorbereitet und wurde so minutiös ausgeführt, dass der 35jährige ans Ziel seiner Bestrebungen gelangte, ohne einen einzigen Tropfen Blut zu vergiessen. Die Lobeshymnen, die Mobutus Putsch im Westen auslöste, weisen darauf hin, dass der «Retter des Kongo vor dem drohenden Kommunismus» mit westlicher Duldung, wenn nicht sogar auf westlichen Wink hin, gehandelt hatte. Darauf verweist auch die Dauer seiner Diktatur, die vom Westen während mehr als dreissig Jahren weder auf Kritik noch auf Störmanöver stiess.     •

Quelle:
Ludo De Witte, L’Assassinat de Lumumba, Paris 2000; ISBN 2-84586-006-4
Helmut Strizek, Kongo/Zaïre-Ruanda-Burundi – Stabilität durch erneute Militärherrschaft? Studie zur «neuen Ordnung» in Zentralafrika, München/Köln/London (Weltforum Verlag) 1998; ISBN 3-8039-0479-X
Jean-Jacques Arthur Malu-Malu, Le Congo Kin­shasa, Paris (Editions Karthala) 2002, ISBN 2-84586-233-4

Eine unentbehrliche historische ­Monographie zum Thema Kongo

pk. Helmut Strizek, geboren 1942, studierte Politische Wissenschaft, Geschichte und Französisch. 1980–83 war er bei der Delegation der Europäischen Gemeinschaft in Ruanda vertreten und zwischen 1987 und 1989 zuständig für die Projektbearbeitung der Länder Ruanda und Burundi im deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ). Strizek lebte von 1980–1983 in Ruanda. Er ist Autor verschiedener Bücher und Publikationen mit Schwerpunkt der Geschichte und der aktuellen Lage der Länder der Region der Grossen afrikanischen Seen.
In seiner oben genannten Monographie über die neuere Geschichte der Demokratischen Republik Kongo, Ruandas und Burundis analysiert er die «neue» Afrika-Politik des Westens seit 1997, insbesondere der USA, in dieser Region. Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks und der Vertreibung Mobutus von der Macht in Kinshasa richteten die USA ihre Afrika-Politik neu aus. Hauptbedrohung war für sie nun nicht mehr der Kommunismus, sondern der islamische Fundamentalismus. In dieser neuen Option unterstützten die Amerikaner und mit ihnen ihre strategischen Bündnispartner in Afrika Regime, welche für sie die Frontstellung gegen den modernen afrikanischen Islamismus garantierten: Laurent Désiré Kabila im Kongo, Museveni in Uganda, Kagamé in Ruanda und Buyoya in Burundi. Dass sie damit ganz auf autoritäre Militärregime setzten, die wenig bis keine demokratische Legitimation hatten und haben, nahmen sie in Kauf. Eine für den Autor höchst problematische Wahl. Strizek geht in seiner zuverlässigen Darstellung auch der Frage nach, was mit den mehreren Hundert-tausenden von ruandischen Hutu-Flüchtlingen im Ostkongo geschehen ist, die während des Kabila-Krieges 1997/98 zuerst aus den Flüchtlingslagern vertrieben und dann im Dschungel «verschwunden» sind. Strizek nennt schon 1998 die Verantwortlichen für diesen weiteren Völkermord beim Namen, ein Völkermord, der heute immer noch mit einem Tabu belegt ist. Das Buch ist nicht nur in seinen historischen Quellen höchst verlässlich, es hat auch den Vorteil, dass es keine rein nationale, sondern eine regionale Perspektive einhält, in welcher die in der hochbrisanten Region wirksame Strategie des Westens in ihrer ganzen Fragwürdigkeit erkennbar wird.

«…unser geliebtes Land ist nun in den Händen seiner eigenen Kinder»

Auszüge aus der Rede Lumumbas bei den Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit des Kongo, Kinshasa, 30. 6. 1960:
«Denn kein Kongolese, der dieses Namens würdig ist, wird je vergessen, dass diese Unabhängigkeit des Kongo, die wir heute in Übereinstimmung mit Belgien erklären, einem Land, mit dem wir heute von gleich zu gleich verkehren, im Kampf errungen worden ist. Ein Kampf, der täglich geführt wurde, ein glühender und idealistischer Kampf, ein Kampf, in welchem wir unsere Kräfte, unsere Entbehrungen, unsere Leiden und unser Blut hingegeben haben. Wir sind bis ins Innerste unserer Seele stolz auf diesen Kampf voller Tränen, Feuer und Blut, denn es war ein nobler, ein gerechter Kampf, ein Kampf, der sein musste, um der entwürdigenden Sklaverei ein Ende zu setzen, die uns mit Gewalt aufgezwungen wurde. […] Wir waren zermürbender Arbeit ausgesetzt, für Gehälter, mit denen wir uns nicht satt essen, nicht anständig kleiden konnten und unseren Kindern nicht das geben, was unseren Lieben gebührt.[…] Wir haben erlebt, dass unsere Erde ausgebeutet wurde, im Namen von angeblich gerechten Gesetzestexten, die lediglich das Recht des Stärkeren anerkannten.[…]
All das, meine Brüder, haben wir erlitten bis zur Neige. Aber alles das, und das sagen wir euch, die wir durch die Stimmen eurer gewählten Vertreter betraut worden sind, unser geliebtes Land zu regieren, wir, die wir die koloniale Unterdrückung körperlich erfahren haben: Mit alledem ist es nun vorbei. Wir haben die Republik Kongo ausgerufen, unser geliebtes Land ist nun in den Händen seiner eigenen Kinder.»
(zitiert und übersetzt nach Malu-Malu 2002, S. 124)

Kleptokratie

Der Begriff bezeichnet eine politische Herrschaftsform, die davon lebt, die eigene Bevölkerung systematisch zu berauben. Mobutus mehr als 30jährige Diktatur ist ein Musterbeispiel dieser Form von Diktatur. Die Bodenschätze des Landes wurden zu Dumpingpreisen ans Ausland verhökert, das dafür die Herrschaft des Diktators garantierte. Die daraus flüssig gemachten Gelder wurden auf die privaten (ausländischen) Konten der Familie des Diktators und seiner Kamarilla geleitet und dadurch einem natürlichen Geldfluss entzogen. Es fehlte bei Investitionen im Gesamt­interesse des Staates und wurde damit denen, die es durch harte Arbeit generierten, systematisch entzogen.