Die heimliche Privatisierung des öffentlichen Bildungswesens

von Renate Caesar

Seit Jahren wehren sich Menschen in vielen europäischen Ländern gegen die immer stürmischer anrollenden Wellen von Schulreformen, die nicht jeweils notwendige Erneuerungen in Teilbereichen beabsichtigen, sondern tief in das jeweilige Bildungssystem eingreifen, um Strukturen, Inhalte, Ziele, mit einem Wort: einfach alles umzustürzen. Beispiele sind der Lehrplan 21 in der Schweiz und die Bildungsplanreform 2015 in Baden-Württemberg.
Der Widerstand, der sich formiert, wird nicht nur von Lehrern und Eltern getragen, sondern auch zunehmend von Wissenschaftlern, Historikern, Literatur- und Sprachwissenschaftlern und Lehrplanforschern. Was alle eint in ihrer Kritik, ist die Tatsache, dass die angestrebten – und zum Teil leider schon umgesetzten – Veränderungen keinerlei pädagogischen, didaktischen oder wissenschaftlichen Sinn ergeben. Wie soll sich zum Beispiel das Lernen einer Fremdsprache verbessern, wenn das Sprachlernen, die «kommunikative Kompetenz», von der alle diese Reformen gern reden, in Hunderte von Einzelkompetenzen aufgeteilt ist, die der Schüler abarbeiten soll und den Lernerfolg dann in abzuhakenden Tests beweisen soll? (siehe Entwurf des Bildungsplans Englisch für die Förderstufe in Baden-Württemberg) Sprachlernen ist ja ein organisches Ganzes, der Schüler muss mit einem sprachkundigen Gegenüber zum Beispiel eine Frage hören, den Zusammenhang verstehen, die Bedeutung aufnehmen, passende Wörter suchen, antworten usw. Oder wie soll ein mündiger Staatsbürger heranwachsen, wenn er keinen systematisch aufbauenden Geschichtsunterricht mehr erhält, sondern nur noch beispielhaft «Machtverhältnisse», vielleicht in der Antike oder im Mittelalter, «erkennen, verstehen und beurteilen» soll ohne solides Grundlagenwissen. (siehe Lehrplan 21 in der Schweiz)
Kurz gesagt: Eine Verbesserung schulischen Lernens durch diese Zerstückelung von Lernprozessen in Hunderte von Kompetenzen und Unterkompetenzen ohne solide aufbauende Inhalte kann niemand erkennen. Was für einen Sinn haben diese Reformen aber dann?
Einen – wenn auch nicht den einzigen –Ansatz zur Beantwortung dieser Frage liefert eine Studie, die bereits im Jahr 2008 von «Education International», der internationalen Dachorganisation der Lehrergewerkschaften, veröffentlicht wurde.1 Wenn man die Schlussfolgerungen dieser Studie ernst nimmt, die nicht auf Hypothesen, sondern auf der faktischen Untersuchung der Vorgänge im Bildungswesen vieler Länder in mehreren Kontinenten beruhen, dann ergeben diese scheinbar unsinnigen Reformen sehr wohl einen Sinn, allerdings einen, der nicht beabsichtigt, Kindern zur ganzheitlichen Bildung ihrer Persönlichkeit in der demokratischen Gesellschaft zu verhelfen, sondern einen, der aus dem staatlich geschützten öffentlichen Gut Bildung eine Ware machen will, die sich auf dem lukrativen privaten Markt profitabel verkaufen lässt und nebenbei Ziele und Inhalte grundlegend verändert.

Die Verfasser der Studie begründen die Motivation für ihre jahrelange Arbeit so: Es muss öffentlich gemacht werden, was im geheimen vor sich geht und sich mit positiven, aber irreführenden Begriffen tarnt. Denn der Prozess der Privatisierung von Bildungseinrichtungen in Europa, in den USA und in den Schwellen- und Entwicklungsländern, ob «endogen», das heisst durch verdeckte Einführung von Marktmechanismen, oder «exogen», das heisst durch explizite Umwandlung des staatlichen Bildungssystems in private Einrichtungen, verändert grundlegend die Aufgaben und Ziele von Bildung und Lehrkräften. Auch verändert sie das Selbstverständnis von Lehrern, ihre Arbeitsbedingungen, ihre Aufgabe in der Gesellschaft, auf fragwürdige und negative Weise.
Solange das im verborgenen geschieht, kann die notwendige öffentliche Diskussion darüber, welche Bildung und Erziehung wir in unserer Gesellschaft wollen, nicht stattfinden.
Es geht den Autoren um die Ethik von Bildung und Erziehung: Durch die heimliche Privatisierung und Kommerzialisierung werden die Werte verändert, die unserem Bildungsverständnis beziehungsweise dem in den untersuchten Ländern zugrunde liegen. Jede Gesellschaft, so die Autoren, muss ja für sich die Frage beantworten können:
Geht es in der Erziehung und Bildung darum, dass jeder Mensch sein volles Poten­tial als Person und Bürger der Gesellschaft entwickeln kann? Oder ist Bildung eine Dienstleistung, die den Menschen als Kunden verkauft wird; soll der Mensch, das Kind in erster Linie Konsument und Marktobjekt sein?
Um diese Fragen zu beantworten, müssen die Bürger der entsprechenden Länder jedoch wissen, was vor sich geht und welche Hintergründe die ihnen als «Reformen» verkauften Strukturveränderungen haben! Darüber möchten die Autoren aufklären.

Ursprünge und Geschichte der Privatisierung von Bildung

«Privatisierung» sind für die Autoren alle Marktstrategien ohne staatliche Kontrolle («state-free market approaches»), auch Neoliberalismus genannt.
Das erste Land, das eine gründliche «Marktreform» seiner Schulen erlebte, war 1988 Neuseeland unter einer Labour-Regierung. Die Schlüsselfiguren waren Absolventen der Chicago School of Free Market Economies2. Der staatliche Einfluss wurde zurückgefahren, regionale Schulaufsichtsbehörden wurden abgeschafft, und jede Bildungseinrichtung sollte sich selbst kontrollieren, als «self-managing units» ihr eigenes Budget, Personal und so weiter bestimmen. England folgte im selben Jahr, diese «Reform» war aber mehr politisch als wirtschaftlich motiviert.
Vorausgegangen war schon der Umsturz des Bildungssystems in Chile. Es wurden dort drei neue Schultypen kreiert, und alles war auf Bildungsgutscheine umgestellt worden. Obwohl Selektion von Schülern angeblich verboten war, wählten die vom Staat subventionierten privaten Schulen die besten Schüler aus. (Vor kurzem ging durch die Nachrichten, dass in Chile eine breite Protestbewegung der Bevölkerung verlangt, dass das Bildungswesen wieder unter staatliche Aufsicht gestellt wird und gleichermassen allen zugute kommt.)

Sogenannte «Schulreformen» sind in Wirklichkeit getarnte «Feindliche Übernahmen» des Bildungswesens

Die sogenannten Schulreformen, zum Beispiel in den europäischen Ländern, sind in Wirklichkeit Prozesse, die eine Privatisierung in das öffentliche Bildungswesen einführen, manchmal erklärtermassen, meistens aber heimlich. Sie verbergen sich hinter vorgeblich positiven Zielen und Begriffen wie «Wahlfreiheit», «Verbesserung der Lernprozesse», «Überprüfbarkeit», «mehr Wirksamkeit», «Individualisierung des Lernens». In Wirklichkeit geht es darum, Techniken und Werte aus dem privaten Geschäftsbereich einzuführen, mit dem Effekt, dass Bildungseinrichtungen wie eine Firma geführt werden. In ihren Untersuchungen der Bildungseinrichtungen vieler Länder fanden die Autoren zwei unterschiedliche Typen von Privatisierungsvorgängen:

  • endogene Privatisierung: Dabei werden Ideen, Techniken und Praktiken aus dem Unternehmenssektor in die öffentlichen Bildungseinrichtungen eingeführt mit dem Ziel, diese zu Firmen zu machen, aber ohne dieses Ziel explizit zu benennen. Die eingeführten Kompetenzen, Kompetenzraster, Evaluation, «Quality Management», Testing usw. dienen angeblich der Verbesserung der Unterrichtsqualität.
  • exogene Privatisierung: Das ist die Öffnung des öffentlichen Bildungswesens für private Anbieter auf Profit-Basis, wobei der private Sektor selbst die Bildungsziele bestimmt, einführt und managt!

Die Forschung hat gezeigt, dass in allen untersuchten Ländern die endogene Privatisierung immer die Vorstufe für die zweite, die exogene Privatisierung war oder ist.
Weil sich die ganze Unternehmung als «Reform» tarnt, verstehen die Menschen nicht, was vor sich geht. Viele empfinden die sogenannten Reformen (richtig) als sach- und fachfremd, als unpädagogisch und bildungsfern – immer mehr Experten weisen auf deren unwissenschaftlichen Charakter hin3, aber die Reformwellen rollen immer schneller und verändern alles, bevor man sich besinnen kann. Sie verändern grundlegend:

  • die Organisation: Auflösung von Jahrgangsstufen und Klassenverbänden,
  • die Führung: Manager statt Headmaster,
  • das Curriculum: Es gibt keine verbindlichen Inhalte mehr,
  • die Methoden, mit denen unterrichtet wird (jeder Schüler schafft für sich an seinen individuellen Lernjobs statt im gemeinsamen Klassenunterricht),
  • die Leistungsbeurteilung (Testen von Kompetenzen und Unterkompetenzen),
  • die Art wie Schüler, Schulen, Schulleiter und ganze Gemeinden bewertet werden: Wer widerspruchslos mitmacht, ist innovativ, wer sich sträubt, ist rückständig.

 

Besonders heimtückisch geht die endogene Privatisierung vor

Das Ziel bei dieser unausgesprochenen Privatisierung ist, die Schulen im geheimen so umzustrukturieren, dass sie wie Unternehmen geführt werden, scheinbar aber in staatlicher Verantwortung bleiben.
Das Schlüsselinstrument dieser versteckten Privatisierung im Bildungswesen ist der Quasi-Markt. Es werden unter dem Deckmantel angeblich positiver Werte wie «freie Wahl der Eltern» (choice), «Wettbewerb», wodurch sich alle Schulen angeblich verbessern, «effizienteres Lernen» durch «Selbstverantwortung», «Unabhängigkeit» und so weiter gewisse Marktmechanismen wie «testing» und «ranking» (Veröffentlichung der Test-Resultate, um Schulen vergleichen zu können) eingeführt. Es wird viel Zeit und Geld darauf verwendet, die Schule attraktiv zu machen, mit dem verborgenen Ziel, später den Gewinn zu erhöhen. Der Staat wird dabei oft eingespannt: Ein staatliches Curriculum (zum Beispiel der «Lehrplan 21» in der Schweiz) und landesweite Tests helfen mit, die Basis zu legen, dass Schulen konkurrieren und eine Art Markt werden können.

Transformation des Staates

Dabei spielt ein Prozess eine wichtige Rolle, den die Autoren Umformung des Staates («Reshaping the State») nennen. In diesem Prozess findet die Verschiebung von «government» zu «governance» statt, das heisst, die staatliche Kontrolle wird durch die Kontrolle verschiedener Teilnehmer und Anbieter ersetzt. Diese bestimmen dann die Richtung der Bildungspolitik und überwachen auch die Umsetzung, indem sie Programme und Dienstleistungen zur Verfügung stellen. Der Staat soll nicht ganz ausgeschaltet werden, aber den Interessen der Privatisierer dienen, und vor allem zahlen!
Es wäre zu kurz gegriffen, sagen die Autoren, diese Vorgänge als «De-Regulierung» zu begreifen, es ist in Wirklichkeit eine Re-Regulierung. Die Kontrolle wird dem Staat entzogen und den internationalen Organisationen und deren Hintermännern übertragen.4
Das Bildungswesen wird damit quasi unbemerkt aus der Ferne gesteuert. Ein managing Netzwerk tritt an die Stelle der staatlichen Behörden. Damit einher geht der Niedergang des Nationalstaates als der Ort, an dem Politik gemacht wird. Als Beispiel nennen die Autoren die Bologna Declaration, die die Hochschulbildung in ganz Europa verändert hat, über die Köpfe der staatlichen Politik hinweg.
Durch GATS wurden die nationalen Bildungssysteme für globale Anbieter geöffnet. 40 Länder haben einen Vertrag unterzeichnet, gegenseitige private Dienstleistungen zuzulassen.
Der Staat stellt nur noch den Markt bereit: Er lässt private Firmen und NGO-Gruppen als Sponsoren in der Bildung seines Staatsgebiets agieren, nicht nur in den Industrieländern, sondern überall.
Dieselben Prozesse laufen in allen öffentlichen Bereichen wie Gesundheitswesen und sozialen Diensten ab. Gemeinsam ist allen: Das neue Paradigma kommt immer als «Reformpaket» daher, und immer wird dieselbe Sprache benutzt, nämlich die des New Public Managements, und Organisationen wie OECD, EU, Unesco, Weltbank, IFC und WTO sind die treibenden Kräfte.

Weitere Ergebnisse der Studie

  • Es gibt keinerlei Forschung in keinem der untersuchten Länder, die zeigen würde, dass Privatisierung die Qualität der Schule und die Leistungen der Schüler hebt.
  • Hingegen gibt es Forschungsresultate, die zeigen, dass wenn es in privaten Schulen besonders gute Testergebnisse gibt, bestimmte Bevölkerungsgruppen überrepräsentiert sind, das heisst hier war Rassen- oder Klassentrennung im Spiel.
  • Der Druck der Konkurrenz verändert das Lehren: «Teaching-to-the-test» (auf den Test hin unterrichten). Dadurch werden die Lernerfahrungen der Schüler eingeengt, und der Lehrer wird gezwungen, vorfabriziertes Material mit kontrollierter Geschwindigkeit zu benützen. Das machen vor allem unerfahrene Lehrer, und die finden sich besonders häufig in den «Low-income-schools», Schulen in armen Regionen. Komplexere Inhalte, die sich nicht ohne weiteres testen lassen, werden gar nicht mehr gelehrt.
  • In den Entwicklungsländern beeinflussen die Private Public Partnerships, die sich des Bildungswesens bemächtigen, die Werte und Kulturen dieser Gesellschaften. Hier ist die Weltbank sehr aktiv. Die Autoren vermuten, dass auch dort durch das GATS5 die privaten Anbieter ins Land kommen und quasi das Bildungssystem übernehmen.
  • Dabei besteht die Gefahr, dass nicht nur Bildungsdienstleistungen von Privaten eingeführt werden, sondern dass die ganze Bildungspolitik, die bisher der Nationalstaat bestimmte, durch Beratung, Konsultationen, Forschung, Evaluation und andere Einflussnahmen allmählich privatisiert wird. Das heisst, die privaten Organisationen sind zunehmend dabei, die Bildungspolitik des jeweiligen Landes zu übernehmen, zu bestimmen und umzusetzen.
  • Privatisierung bedeutet auch immer einen Angriff auf die Berufsverbände, denn sie werden daran gehindert, sichere und gute Arbeitsbedingungen und Verträge für ihre Mitglieder auszuhandeln.
  • Da jeder Bildungspolitik auch und vor allem ethische Ziele und Werte der jeweiligen Kultur zugrundeliegen, werden diese mit der Zeit zerstört, denn «Die Formen der versteckten Privatisierung – Marktmechanismen, Konkurrenz, ‹choice› und der Schwerpunkt auf Performance-Management – bringen ethische Gefahren mit sich, was sich in vielen Beispielen von opportunistischen und taktischen Verhaltensweisen von Schulen in solchen Systemen zeigt.» (S. 12)

Schlussfolgerung: Gravierende Auswirkungen auf das Bildungswesen der Länder

Die Privatisierung verändert die Bildung als öffentliches Gut, das der ganzen Gemeinschaft dient, hin zu einem privaten Gut, einer Ware, die vordergründig Interessen des zu bildenden Individuums befriedigt, in Wirklichkeit aber die Interessen der globalisierenden Wirtschaft. Die so gelieferte Bildung ist für die Gesellschaft nur noch bedeutsam in Form von Qualifikationen und Zertifikaten. Dabei werden die sozialen Werte und der Wert der Bildung als kollektives Gut einer Kultur verdrängt, das heisst, ein öffentliches Gut, von dem die ganze Gemeinschaft profitiert, und damit ihre Kultur, wird systematisch ignoriert und zerstört.
Privatisierung der Bildung fördert Konkurrenz und Individualismus und die Ungleichheit von Bildungschancen und Bildungsresultaten in den Gesellschaften. In einem Marktsystem ist Gleichheit kein positiver Wert. Die Schere zwischen armen und reichen Schulen öffnet sich, und eine gemeinsame Schulbildung für alle wird verunmöglicht.
Der Forschungsbericht soll allen helfen, diese Tendenzen in ihren Ländern und Gemeinden zu erkennen und zu hinterfragen, vor allem den Lehrern und Eltern.

Was zu tun ist und schon getan wird

Die Aufforderung, wachsam zu bleiben und die undemokratischen und heimlich eingeführten Neuerungen im Bildungswesen der Länder zu beobachten und sich dagegen zu wehren, haben inzwischen viele Eltern, Lehrer, Erziehungswissenschaftler, zum Beispiel in der Schweiz und in Süddeutschland, in die Tat umgesetzt. Überall wächst der Widerstand gegen die unpädagogischen «Reformen» im Bildungswesen mit ihren Kompetenzen, ihren Standards und Tests, ob sie sich nun angeblich zukunftsorientiert und modern «Lehrplan 21» nennt oder ganz paradox «Gemeinschaftsschule» oder «Mosaikschule» o.ä.
Die Handschrift von OECD, EU und weiteren im Artikel genannten internationalen Organisationen ist überall erkennbar, wird inzwischen oft durchschaut, und ihre Ziele und Durchsetzungsstrategien werden entschieden zurückgewiesen (vgl. auch Zeit-Fragen, Nr. 28–31 aus dem Jahr 2014 und Nr. 1, 2 von 2015).     •

1     Hidden Privatisation in Public Education, Report by Stephen J. Bali and Deborah Youdell, Institute of Education, University of London, 2008
2     Bekannt für den von Milton Friedman propagierten Neoliberalismus, vgl. auch Naomi Klein: Die Schockstrategie, 2007
3     Vgl. zum Beispiel Konrad Liessmann: Geisterstunde – Die Praxis der Unbildung, Wien 2014
4    Vgl. Schule und Bildung im Würgegriff von Machtpolitik, Zeit-Fragen Nr. 33, 2012
5     GATS = Allgemeines Abkommen über den Handel mit Dienstleistungen

Pasi Sahlberg, ein finnischer Erziehungswissenschaftler, Lehrer und Berater des finnischen Bildungsministeriums, nennt die Vorgänge der von internationalen Organisationen wie OECD forcierten globalen Schulreformen einen «GERM» (Global Education Reform Movement), der «Schulen tötet». Ein «germ» ist der englische Begriff für einen krankmachenden Keim oder ein krankmachendes Virus.

Diane Ravitch, die bekannte Kritikerin der Schulreformen in den USA und ehemalige Mitarbeiterin im US-Bildungsministerium («The Death and Life of the Great American School System», 2010) bestätigt in ihrem neuen Buch «Reign of Error» (2014), dass die sogenannte Reform in den USA «der bewusst betriebene Versuch» ist, das öffentliche Schulsystem durch ein Marktsystem zu ersetzen. Der «unnatürliche Fokus auf das Testen» hat «perverse, aber voraussagbare Ergebnisse hervorgebracht». Er hat das Curriculum auf testbare Fächer und Themen hinuntergedünnt, er hat die Geisteswissenschaften ausgeschlossen ebenso wie die volle Reichhaltigkeit der Kultur. «Teaching-to-the-test (das Unterrichten nur auf den Test hin), das einmal als unprofessionell und unethisch gegolten hat, ist heute allgemein Usus».
Bei der Finanzierung des US-Bildungswesens habe das Weisse Haus «Gleichheit als grundlegendes Prinzip der Finanzierung aufgegeben». Es sei «das erste Mal in der Geschichte, dass eine Regierung Programme entwickelt hat, […] profitorientierte Unternehmen im amerikanischen Bildungswesen zu schaffen.»

New York Times, Sunday Book Review, 2014 (Übersetzung Zeit-Fragen)