Leserbrief

Basale fachliche Studienkompetenzen

Wenn der Wahnsinn in unserem Bildungswesen nicht für viele Menschen und unsere Gesellschaft als Ganzes so verheerende Folgen hätte, böte er Stoff für eine Lachnummer:
Da jagt während Jahren eine Schulreform die andere. Die Schule, so hiess es, entspreche nicht mehr den Anforderungen der «modernen Wissensgesellschaft», und die Lehrer wurden angehalten, die Schüler nicht mehr zu unterrichten. Das Wissen habe eine zu kurze Halbwertzeit, und es gelte Kompetenzen auszubilden, mit denen die Schüler sich bei Bedarf dieses selber holen könnten. Etwa im «world wide web»?
Nun durften die Lehrer die Schreibversuche ihrer Schützlinge nicht mehr korrigieren oder diese zu richtigem Schreiben anleiten, denn das, so sagten die «Experten», zerstöre die Kreativität der Kleinen. In der Mathematik wurden alle Lehrmittel, die noch einen logischen Aufbau hatten, aus den Schulzimmern verbannt. Die Schüler sollten eigene Lösungswege entwickeln können. Die «Bildungsexperten» erfanden immer ausgeklügeltere Methoden, mit denen das Lernen noch besser verhindert werden konnte; natürlich mit Millionen von Steuergeldern!
Dann stellte die Evaluation der Maturitätsreform von 1995 fest, dass ein grosser Teil der Maturanden in der Erstsprache und in der Mathematik kein Niveau erreichen, dass für irgendeine Hochschule akzeptabel wäre. «Prüfungsexperten bestätigen auf Anfrage, dass es Maturanden gibt, die kaum einen einzigen deutschen Satz korrekt schreiben können. Fehler in der Rechtschreibung seien zudem bei fast allen nicht die Ausnahme, sondern die Regel» («Neue Zürcher Zeitung» vom 21. Januar). Oh Wunder!
Statt nun die Schüler wieder nach allen Regeln der pädagogischen Kunst unterrichten zu lassen, gab die Erziehungsdirektorenkonferenz eine Studie in Auftrag, eine Studie zur Ermittlung der «basalen fachlichen Studienkompetenzen».
Sollten die Erziehungsdirektoren nicht einfach einmal selbst, ohne «Experten», darüber nachdenken?

Michael Schewski