Zum Tod von Professor Dr. Dr. Siegwart-Horst Günther

Eine Hommage von Frieder Wagner, Ochoa-Wagner Filmproduktion


Als am 18. Oktober 2007 in der Residenz zu Salzburg bei der 10. Preisverleihung des «Nuclear-Free-Future-Awards» diese Ehrung in der Kategorie Aufklärung an Professor Dr. Siegwart-Horst Günther verliehen wurde, sagte er in seiner Dankesrede:
«Als ich 1991, nach dem 1. Golf-Krieg, entdeckte, dass die Alliierten in diesem für mich völkerrechtswidrigen Krieg Uran-Geschosse eingesetzt hatten, mit allen ihnen schon damals bekannten schrecklichen Konsequenzen, war ich wegen dieser Ungeheuerlichkeit zutiefst empört. Krieg sollte heute sowieso obsolet sein, aber der Einsatz dieser Munition und Bomben aus abgereichertem Uran, ist eine Menschen und Umwelt verachtende Ungeheuerlichkeit.»
Schon nach meiner ersten Begegnung mit Professor Günther im März 2002 war mir klar geworden, was dieser Mann in Sachen Aufklärung über Uran-Munition und deren schrecklichen Folgen geleistet hat. Er hatte mir Fotos von Neugeborenen mit furchtbaren Missbildungen gezeigt und mir erklärt, dass die Väter dieser Kinder alle 1991 an der schweren Panzerschlacht südlich von Basra teilgenommen hatten, bei der die Alliierten mehr als 320 Tonnen Panzer-brechende Uranmunition eingesetzt hatten. Diese Ungeheuerlichkeit, die Professor Günther aufgedeckt hat, brachte ihm viel Ärger ein, besonders in der Bundesrepublik Deutschland, wo er in den 90er Jahren dafür geradezu diskreditiert und verfolgt wurde.
Wie beliebt und bekannt er dagegen im Ausland immer war, besonders im Nahen Osten, konnte ich bei unseren Dreharbeiten mit ihm 2003 in Jordanien und im Irak erfahren. Am Flughafen von Amman, wo die Passagiere wegen der Visa anstehen mussten, wurde er höflich aus der Schlange der Wartenden gewunken, man geleitete ihn zu einem kleinen Tisch, bot ihm einen bequemen Stuhl an und brachte ihm Tee und Gebäck. Während wir, die Normalsterblichen, eine Stunde Schlange stehen mussten, bis wir die Visa erhalten hatten, war in dieser Zeit Professor Günthers Pass längst von einem zuvorkommenden Beamten unbürokratisch mit dem notwendigen Visum versehen worden. Und später, im Kinderkrankenhaus von Bagdad, wurde Professor Günther von dem Direktor des Krankenhauses bei der Begrüssung wie ein alter Freund umarmt. Dabei standen dem Direktor über das unerwartete Wiedersehen vor Freude und Rührung die Tränen in den Augen.
Bei einer der langen Autofahrten im Irak fragte ich den Professor, inzwischen war er 79 Jahre, wieso er in diesem Alter noch einmal eine so beschwerliche und auch nicht ungefährliche Reise auf sich genommen hat. Denn als wir im Herbst 2003 in den Irak einreisten, hatten die Uno-Beauftragten und fast alle westlichen Botschaftsangehörigen den Irak längst wegen der instabilen Lage verlassen. Und Professor Günther hat mir fast heiter und gelassen geantwortet: «Wissen Sie, mein junger Freund, ich bin Arzt und meinem hippokratischen Eid verpflichtet, und dieser Eid kennt keine Altersgrenzen.»

Professor Günther, der am 24. Februar 1925 in Halle an der Saale geboren wurde, weigerte sich schon als junger Soldat an der Ostfront, in die Verbrechen der Wehrmacht hineingezogen zu werden, was ihn später zum deutschen Widerstand brachte und als Folge davon, im Umfeld des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944, kurz vor Kriegsende zur Inhaftierung im KZ Buchenwald führte.
Sein Name und seine Erkenntnisse über das von ihm entdeckte «Golf-Kriegs-Syndrom» werden unter anderem durch den Film «Der Arzt und die verstrahlten Kinder von Basra» und «Todesstaub» (2004 und 2007) in Erinnerung bleiben. Spektakulär und unvergessen bleibt die Aktion, mit der er Reste von Uran-Munition aus dem irakischen Kriegsgebiet nach Berlin schmuggelte und daraufhin wegen der «Verbreitung von radioaktivem Material» strafrechtlich belangt wurde – soviel zur angeblichen und noch immer behaupteten Unbedenklichkeit der Munition.
Professor Günther ist in der Nacht des 16. Januar in Husum verstorben. Wir alle, die ihn kannten, verneigen uns in Hochachtung und Ehrfurcht vor diesem geradlinigen und die Wahrheit suchenden Arzt und Wissenschaftler und werden in ehrendem Gedenken in seinem Sinne weiterarbeiten.     •

«Schön, dass Du kommst und uns hilfst»*

«Als ehemaliger Mitarbeiter von Dr. Albert Schweitzer bin ich seit vielen Jahren im Rahmen humanitärer Hilfeleistungen in Spannungsgebieten tätig und sehe dort täglich die grosse Not und das Sterben von Menschen, vor allem von Kindern.
In Kosovo, wie auch in der Golf-Region, werden in letzter Zeit immer wieder neu UN-Diskussionen geführt, aber der Hunger und das Sterben gehen weiter.
Die Rede, die Albert Schweitzer am 4. November 1952 bei der Entgegennahme des Nobel-Friedenspreises in Oslo gehalten hat, ist gerade in der jetzigen Zeit besonders wertvoll. Er sagte damals: ‹Die Staatsmänner, die in den beiden Weltkriegen folgenden Verhandlungen den Frieden gestalteten, hatten keine glückliche Hand: Sie gingen nicht darauf aus, Zustände zu schaffen, welche Möglichkeiten einer einigermassen gedeihlichen Zukunft in sich trugen, sondern waren vor allem damit beschäftigt, die Konsequenzen aus der Tatsache eines Sieges zu ziehen und festzulegen.›
An dieser Einstellung hat sich leider bis heute nichts geändert.
Albert Schweitzer war der Überzeugung, dass die Gefahr neuer Vernichtungskriege nicht durch internationale Vereinbarungen oder irgendwelche Institutionen, sondern allein durch die sittlich bestimmte Haltung aller Verantwortlichen gebannt werden kann.
Viele Vorgänge der letzten Zeit zeigen, dass wir heute in einer Situation stehen, in der die ethisch-humane Gesinnung nicht in dem Masse weiter fortschreitet, wie das bei den äusseren Machtmitteln geschieht.
Der Übermensch scheint sich immer weiter zum Unmensch zu entwickeln.
Unerschütterlich glaubte Albert Schweitzer daran, dass sich nur vom Geiste her, in der sittlichen Haltung des Einzelnen und der Nationen, jene entscheidende Wirkung vollziehen kann, die der Welt den Frieden sichert.» (Prof. Dr. Dr. Siegwart-Horst Günther, Hunger und Not der Kinder im Irak. Vorwort, Verlag Zeit-Fragen, Zürich, 2007)
«Als Teilnehmer des Zweiten Weltkrieges, der viele Verbrechen miterleben musste und selbst Leidtragender war, bin ich mit wachsendem Mitgefühl den Verbrechen der neuen Kriege und ihrer Folgen nachgegangen. Dazu hat mich nicht zuletzt meine Freundschaft zu Albert Schweitzer und unsere gemeinsame Tätigkeit im Urwaldspital in Lambaréné veranlasst. Ich werde deshalb nicht müde, auch an dieser Stelle an alle Menschen zu appellieren, Frieden zu erhalten und Hilfe dort zu leisten, wo sie gebraucht wird. Am Golf, in Ex-Jugoslawien, in Afrika, in Lateinamerika. Und wenn diese Gedanken auch nur beim Leser eine nachhaltige Wirkung hervorrufen sollte, schon dann hätte sich die Mühe gelohnt.» (Prof. Dr. Dr. Siegwart-Horst Günther, Hunger und Not der Kinder im Irak. Nachwort, Verlag Zeit-Fragen, Zürich, 2007)

*    Albert Schweitzer zur Begüssung von Siegwart-Horst Günther bei seiner Ankunft in Lambaréné im Jahr 1963