Die landwirtschaftlichen Familienbetriebe stärken

Interview mit Markus Müller, Betreiber eines landwirtschaftlichen Kleinbetriebs

Die schweizerische Landwirtschaftspolitik hat einen Kurs eingeschlagen, der kaum mit der in der Bundesverfassung vorgegebenen Grundausrichtung vereinbart werden kann. Der durch die offizielle Agrarpolitik (AP 2014–2017) eingeschlagene Kurs bricht das Rückgrat der inländischen Nahrungsmittelproduktion und Versorgung mit gesunden natürlichen Lebensmitteln. Die schweizerische Volkswirtschaft ist geprägt durch eine äusserst stabile und krisenfeste Struktur mit einer Branchenvielfalt und einem überwiegenden Anteil von mittleren und kleineren Betrieben. Durch diese dezentralen, kleinräumigen Produktions- und Versorgungsstrukturen werden Versorgungssicherheit, Vielfalt, Innovation und ein gesundes Wettbewerbsklima gefördert. Dabei dürfen wir die sehr positiven Konsequenzen für die Erhaltung der Arbeitsplätze, des Werkplatzes Schweiz und der damit verbundenen Einkommenssicherheit nicht unterschätzen. Ohne Einkommen durch Arbeit respektive Produktion gerät eine Volkswirtschaft sehr schnell in Schieflage, die nicht selten auch rasch zu ungewollten oder gar schädlichen Abhängigkeiten führt. Diese Einkommenssicherheit gilt für alle Branchen, so auch für die einheimischen Landwirte. Hier sündigt die moderne Politik und schafft unter falschen Vorzeichen (globale Wettbewerbsfähigkeit, Globalisierung, Freihandel) für die Bauern ein Klima der Existenzbedrohung. Vor allem die kleineren und mittleren Familienbetriebe kämpfen seit Jahren ums Überleben. Nachdenklich stimmt, dass dieser Überlebenskampf seitens der Politik und vor allem auch von den Technokraten im Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) bewusst geschaffen wurde. Mit Blick auf die sogenannte «Export- und Wettbewerbsfähigkeit» der einheimischen Landwirtschaft wird eine Strukturbereinigung über die Direktzahlungen (respektive die Verweigerung von Direktzahlung) erpresst. Anstelle der bäuerlichen Familienbetriebe soll auch in der Schweiz die industrielle Landwirtschaft gefördert werden. Und dies, obwohl namhafte Wissenschaftler weltweit im Weltagrarbericht vor Jahren festgehalten haben, dass der bäuerliche Familienbetrieb im Kampf gegen Hunger und Armut der industriellen Landwirtschaft überlegen ist. Eine Empfehlung, die angepasst auf schweizerische Rahmenbedingungen auch in unseren Breitengraden sehr ernst genommen werden muss.
Dazu kommt, dass im vergangenen Jahr das Uno-Jahr der «bäuerlichen Familienbetriebe» zelebriert wurde und in der Schweiz vor allem die Grossverteiler Werbung mit der Idylle schöner und in der Natur eingebetteter Bauernhöfe und deren Familien betreiben. Es ist keine Frage, wir brauchen eine dezentrale gut durchmischte Produktions- und Versorgungsstruktur in unserem Land. Die Zeiten sind unruhig geworden, so dass eine weitgehend sichere Versorgung mit Lebensmitteln aus einheimischer Produktion staats- und gesellschaftspolitisch erste Priorität hat und als essentieller Beitrag zur Stärkung der Souveränität unseres Landes gefördert werden muss.
Wir haben Markus Müller, der einen mittleren Familienbetrieb bewirtschaftet, zur aktuellen Situation der bäuerlichen Familienbetriebe einige Fragen gestellt.

Zeit-Fragen: Herr Müller, Sie bewirtschaften einen landwirtschaftlichen Kleinbetrieb. Können Sie unseren Lesern Ihren Betrieb und Ihre Familie kurz vorstellen?

Markus Müller: Wir bewirtschaften in der Gemeinde Neuenkirch (Kanton Luzern) im Vollerwerb einen Kleinbetrieb im Weiler Trutigen. Wir, das sind Rita und Markus Müller mit unseren Kindern Silvio, Aline und Leandro. Das Jungvieh geben wir im Rahmen eines Aufzuchtsvertrages nach Splügen und auf die Alp Suretta in Obhut.  Dies auch als Beispiel einer wertvollen Zusammenarbeit zwischen Bergbauern und Talgebiet. Zu unserem Betrieb gehören 6,6 ha Landwirtschaftsland, 10 Milchkühe, 20 Mutterschweine, Hund Simba, ein paar Hühner und Katzen. Neben der Tierhaltung werden noch Weizen und Triticale angebaut und Hochstammobst (Kirschen, Zwetschgen und Äpfel) produziert. Triticale ist ein Getreide, das aus der Kreuzung von Hartweizen (Triticum aestivum) und Roggen (Secale cereale) gezüchtet worden ist. Sie dient hauptsächlich als Futtergetreide, da die Backfähigkeit weniger gut ist als bei der Mischung von Weichweizen und Roggen. Der Anbau von Triticale ähnelt demjenigen von Weizen. Die Pflanze zeichnet sich durch eine gute Anpassungsfähigkeit aus, ist anspruchslos und auch geeignet für den Anbau in höheren Lagen.
Im weiteren produzieren wir 30 000 kWh Solarstrom. Wir erhalten vom Staat rund 18 000 Franken Beiträge pro Jahr.

Erläutern Sie uns in ein paar Sätzen Ihre Situation als Betriebsleiter eines landwirtschaftlichen Betriebes.

Heute ist die Arbeit eines Betriebsleiters die Arbeit eines Büroangestellten. Dauernd muss man Formulare ausfüllen, neue Vorschriften umsetzen und den Betrieb entsprechend anpassen. Die Arbeit auf dem Hof, Tiere pflegen, Maschinen reparieren, kommt dabei zu kurz. Die Beamten schreiben uns vor, wie und was wir zu tun haben.

Die Bauern werden immer wieder aufgefordert, Unternehmer zu sein. Zum freien Unternehmertum gehört aber zwingend, die Verkaufspreise der produzierten Erzeugnisse durch eine angemessene, kostengerechte Kalkulation zu berechnen und am Markt zu generieren. Warum wird dieser Grundsatz bei der Landwirtschaft ausser Kraft gesetzt?

Weil man von einer falschen Ideologie ausgeht. In der Industrie gilt, wer grösser ist, kann mehr und günstiger produzieren. In der Landwirtschaft gilt das nicht. Die Natur setzt uns natürliche Grenzen. Der Strukturwandel mit grösseren Betrieben führt zu einer teuren Produktion, weil die dazugehörige Mechanisierung ein Vielfaches an Kosten verursacht. Zum Beispiel ein kleiner bis mittlerer Betrieb kann seine Tiere mit einer Gabel füttern (Kosten 35 Franken), ein grosser Betrieb braucht dafür einen Futtermischwagen (Kosten 35 000 Franken). Der grössere Hof müss­te also 1000 mal mehr produzieren als der kleinere, um nur von den Kosten her gleichzuziehen, und das geht nicht. Und wenn er es macht, hat das Folgen für den Preis. Infolge der höheren Produktionsmenge sinken die Preise. Einzig die staatlichen Subventionen helfen, eine solche Produktion zu stützen. Das hat aber mit Markt und marktgerechten Preisen nichts zu tun.

Die offizielle Agrarpolitik möchte die mittleren und kleineren Bauernhöfe zu grösseren Betriebseinheiten zusammenführen. Für den bäuerlichen Familienbetrieb ist diese Strukturbereinigung existenzgefährdend. Wo muss eingesetzt werden, um den bäuerlichen Familienbetrieben eine reelle Zukunftsperspektive zu geben?

Es braucht eine Basisstützung für jeden Voll­erwerbsbetrieb, weniger Vorschriften und eine marktgerechte Produktion, also ein auf die Nachfrage abgestimmtes Produktions­volumen und keine Überproduktion, damit die Preise stimmen. Die aktuelle Agrar­politik zwingt aber die Bauern zur Produktionsmengensteigerung, damit die sinkenden Preise kompensiert werden können.

Mit den Direktzahlungen sollen die Landwirte einen Ausgleich für die nicht kostendeckenden Produktepreise erhalten. Warum reichen diese Zahlungen nicht für eine langfristige Existenzsicherung Ihres Betriebes?

Das Problem ist nicht die Grösse der Direktzahlungen, sondern die dazugehörigen Vorschriften.
Wenn man auf Grund der Vorschriften zuerst viel Geld in den Betrieb stecken muss, um Direktzahlungen zu erhalten, und diese Vorschriften dann wieder relativ kurzfristig geändert werden, was wieder zu neuen Investitionen führt, dann geht die Rechnung für den Landwirt nicht auf. Zudem führt diese Politik zu immer höheren Produktionskosten.

Was muss geändert werden, damit der Bauernstand in unserem Land den in der Bundesverfassung festgeschriebenen Auftrag auch erfüllen kann?

Es braucht eine einfache finanzielle Existenzsicherung für jeden Vollerwerbsbetrieb, im Sinne der Kleinbauerninitiative von René Hochueli und Lorenz Kunz. Die Vereinigung zum Schutze der kleinen und mittleren Bauern (VKMB) unter ihrem Präsident René Hoch­ueli lancierte am 1. September 1983 mit dem Slogan «Gnue Heu dune!» eine Volksinitiative für eine echte bäuerliche Landwirtschaft. «Wir wollen Bauern bleiben!» überschrieb das Komitee einen Artikel im verbandseigenen Monatsbulletin. Den «bodenunabhängigen Fleischfabriken» und Massenproduktionsbetrieben wurde der Kampf angesagt. Die Initiative «Ernährungssouveränität» (www.ernaehrungsouveraeniteat.ch) der Uniterre geht genau in diese Richtung.

Was erwarten Sie vom Schweizer Bürger in bezug auf die Erhaltung des bäuerlichen Familienbetriebes?

Ich freue mich natürlich über die vielen Sympathiekundgebungen gegenüber den Bauern. Ansonsten wünsche ich mir ein faires Konsumverhalten und die Einsicht aller Bürger, dass alle Betriebe unabhängig von ihrer Grösse und ihrer Lage ein Existenzrecht haben. Auch erwarte ich den Willen, die Sympathien durch politische Taten zu bekräftigen.

Herr Müller, vielen Dank für das Gespräch.    •

(Interview Reinhard Koradi