Leserbrief

 

Fluch der bösen Tat

Von Libyen bis Syrien und den Irak und im ganzen Mittleren Osten werden die Interventionsmächte (das atlantische Bündnis und Israel) von ihren islamistischen Stellvertreterkriegern jetzt blamiert und blossgestellt.
Diese Schützlinge der westlichen Welt verübten seit dem Beginn des sogenannten Arabischen Frühlings (2011) abscheuliche Menschenrechtsverletzungen, die von unseren Leitmedien lange Zeit eigentümlich wertneutral berichtet wurden. Solange «nur» der zuvor sattsam verteufelte Muammar al-Gaddafi oder die weniger bekannten Tausenden von Staatsbeamten, Regierungssoldaten und «Ungläubigen» durch die verschiedenen radikalen Gruppierungen der vom Westen gefeierten «Opposition» von Libyen bis Syrien öffentlich gelyncht wurden, regte sich hierzulande kaum Protest.
Im Gegenteil: Der französische Aussenminister Fabius bezeichnete ihr Wirken beispielsweise in Syrien als «bon boulot», und Präsident Hollande empfing in Paris exilierte Schreckensherrscher des Emirats Baba Amr als «amis du peuple Syrien». US-Senator John McCain besprach sich gar persönlich mit dem inzwischen uns unrühmlich bekannten Kalifen Ibrahim. Und es ist bekannt, dass die kriegerische Opposition in Syrien – ob sie nun «freie syrische Armee», «al-Nusra» oder eben «ISIS» heisst – vorwiegend aus türkischem Gebiet, das heisst durch die Nato (!) und die alliierten Golfstaaten einschliesslich Saudi-Arabien alimentiert sind.
«Fluch der bösen Tat» titelte der verstorbene Peter Scholl-Latour sein letztes Buch über das Scheitern des Westens im Orient.
Er und viele weniger berühmte Journalisten haben schon lange auf die Risiken der geopolitisch motivierten Zündeleien (Greater Middle East Initiative) der oben erwähnten Mächte hingewiesen.
War das ein Grund für das «spartanische» Medienecho auf sein Ableben im letzten August?

Urs Graf, Zürich