«Putin ist der perfekte Teufel für die USA und die Nato»

Interview mit Philippe de Villiers*, französischer Politiker und Schriftsteller

Le Figaro: Was halten Sie vom Minsker Abkommen, das von François Hollande und Angela Merkel mit Wladimir Putin ausgehandelt wurde?

Philippe de Villiers: Das Minsker Abkommen ist sehr wichtig, denn es beinhaltet vier Neuerungen. Zuerst einmal haben sie den Beteiligten erlaubt, aus der Kriegslogik auszusteigen. Der diplomatische Weg der kleinen Schritte verheisst möglicherweise eine friedliche Zukunft.
Zweitens haben zwei grosse europäische Staaten, Frankreich und Deutschland, diese Verhandlungen geführt und haben sich als Garanten für die Umsetzung des Abkommens neben Russland gestellt. Es ist offensichtlich, dass weder die Europäische Union noch die USA die Fähigkeit oder den Willen haben, in dieser Gegend Frieden zu schaffen. Dieses Abkommen zeigt, dass nur dann, wenn Europa mit Europa spricht, ein wahrer Friede denkbar wird – das entspricht einem Europa der Nationalstaaten.
Drittens ebnet dieses Abkommen den Weg, um die einzig mögliche Lösung aufrechtzuerhalten – die territoriale Einheit der Ukraine: Es braucht die Zustimmung von Kiew zu einem speziellen Status für den Osten des Landes mit dem Recht auf die russische Muttersprache. Schliesslich beinhaltet das aktuelle Abkommen, im Gegensatz zur Vereinbarung vom letzten September, zeitliche Vorgaben für die einzelnen Umsetzungsphasen.

Für einmal sind Sie also mit einer Initiative von François Hollande einverstanden?

Jawohl, denn Europa darf nicht länger seine Zukunft von den amerikanischen Vorgaben abhängig machen. François Hollande hat sich als Staatschef verhalten, ohne die amerikanischen Anweisungen zu berücksichtigen. Er hat sich dem von den USA geforderten Beitritt der Ukraine in die Nato widersetzt. Von nun an muss man Frankreich ermutigen, über diese erste positive emanzipatorische Phase hinauszugehen. François Hollande muss nun die Mistral-Schiffe nach Russland liefern und so den von Frankreich unterzeichneten und von den Russen bereits mit einer Milliarde Euro finanzierten Handelsvertrag erfüllen. Frankreich muss auch die Sanktionen aufheben, die zurzeit Kriegshandlungen sind, welche die französische Wirtschaft noch mehr benachteiligen als die russische; die US-Wirtschaft wird in keiner Weise tangiert. Aber am wichtigsten ist – anstatt sich auf den Aufbau eines künstlichen Maastrichter-Europas zu versteifen – für die Zukunft ein echtes, sinnvolles und lebensfähiges Europa vorzubereiten, verbunden mit einer grossen kulturellen und strategischen Partnerschaft mit Russland – ein Europa vom Atlantik bis zum Ural.

Das Abkommen wurde bereits von den ukrainischen Separatisten verletzt. Kann man Wladimir Putin vertrauen?

Wenn wir zum Beginn der Ereignisse zurückkehren, kann man klar ein Lügenkonstrukt der Europäischen Union und ein von der westlichen Presse verbreitetes Wunschdenken feststellen. Meines Wissens wird der Waffenstillstand auf der Frontlinie eingehalten. Einzige Ausnahme ist Debalzewe, das ein spezielles Problem darstellt, da es erst kurz vor dem Minsker Abkommen entstanden ist. Aber auch dort werden jetzt die schweren Waffen zurückgezogen. Die Kontrollmechanismen werden eingerichtet, und die Staatschefs sprechen miteinander. Wenn die Medien behaupten, dass russische Lastwagen mit humanitärer Hilfe Munition geladen haben und so die ukrainische Grenze überqueren, dann frage ich mich schon: Warum legt man uns keine Beweise vor, im Zeitalter der Satelliten, die alles sehen, der ­iPhones, die alles filmen? Wo sind die Bilder?

Das Konzept der Freizeitparks «Puy du Fou» mit geschichtlichen Themen wird auch in Russland übernommen werden. Hängt Ihre uneingeschränkte Unterstützung von Wladimir Putin auch damit zusammen?

Ganz im Gegenteil. Nachdem ich Russland durch die Umsetzung dieses französisch-russischen Projekts kennenlernte, habe ich zwei Dinge entdeckt. Erstens, dass Russland zutiefst europäisch ist. Seine ganze Kultur, seine Eliten und das ganze Volk sind auf Europa ausgerichtet. Solschenizyn hatte mich gewarnt: «Macht nicht den Fehler, Russland den Rücken zuzukehren. Es geht um unsere Zukunft.»
Ausserdem entdeckte ich, dass Putin ein echter Staatsmann ist. Ich habe auch verstanden, weshalb die globalisierten Eliten im Westen ihn ständig kritisieren: Die USA wollen Europa zum einundfünfzigsten Stern auf der amerikanischen Flagge machen. Dafür müssen sie die Europäer dazu bringen, sich weiterhin der Fuchtel der Nato zu unterziehen. Wladimir Putin ist der perfekte Vorwand dazu, der ideale Teufel. Vergessen wir nicht die wirklichen Ursachen der ukrainischen Krise. Zuerst ein von der Nato angezettelter Staatsstreich. Dann ein Fehler der ukrainischen Regierung, nämlich das Verbot der russischen Sprache. Schliesslich der amerikanische Anspruch, die Ukraine in die Nato einzugliedern. Wie konnte man nur auf die Idee kommen, dass die Russen akzeptieren würden, die Nato direkt vor ihrer Haustüre zu haben? Wladimir Putin will keine Zerstückelung der Ukraine. Er will einfach die Anerkennung der Muttersprache in den russischsprachigen Gebieten, einen speziellen Status für diese Regionen und die Neutralität der Ukraine gegenüber der Nato.

Russland scheint seinen Nationalstolz zurückzugewinnen. Besteht da nicht die Gefahr eines Übermasses an Nationalismus?

Der Unterschied zu Frankreich ist der folgende: In Russland gibt es eine echte Wiederherstellung der moralischen, staatsbürgerlichen, patriotischen und spirituellen Werte. Die kleinen Russen lernen den Stolz, Russe zu sein. Mit den Russen wird positiv über das eigene Land gesprochen, über seine Grösse, sein reiches Erbe, seine eurasische Ausstrahlung. Was bekommen die jungen Franzosen zu hören? Dass man sich für Frankreich schämen muss, dass die Franzosen Rassisten sind und dass Patriotismus ein Makel ist. Es gibt mehr Meinungsfreiheit in Russland als bei uns. Wie Philippe Muray es vorausgesagt hat, sind wir in einem Käfig der «Phobien» gefangen: Islamophobie, Xenophobie, Europhobie, Homophobie. Keiner traut sich mehr, sich zu rühren! Und wir haben eine trockengeschleuderte, sterilisierte, weichgekochte politische Klasse, welche die Arbeitsteilung preist zwischen den Laizisten, welche die geistige Leere schaffen, und den Islamisten, die diese Leere füllen.

Dies verhindert nicht, dass auch die Russen mit starken ethnischen und kulturellen Spannungen konfrontiert sind?

Der Unterschied zur Integration auf «französische Art» ist offensichtlich. In Russland gibt es auf 140 Millionen Einwohner 20 Millionen Muslime. Wladimir Putin wendet das alte Vorsichtsprinzip an: «In Rom lebt man wie die Römer, in Russland wie die Russen.» In Frankreich sind diejenigen, die glauben machen wollen, dass der Laizismus und die «Menschenrechtsgläubigkeit» genügen, um das Problem zu lösen, nichts anderes als Manipulatoren oder Feiglinge. Es gibt nur eine Art der Integration in unserem Land: Das ist das Französisieren!

Wenn nun die Verhandlungen zwischen der Europäischen Union und Griechenland stocken, kann Tsipras sich an Russland wenden?

Für die europäische Oligarchie begeht Alexis Tsipras eine Todsünde. Er wird bald auf dem Parthenon geopfert werden, da er vor dem Euro nicht auf die Knie geht und seine Neigungen zu Russland eingesteht. Er findet sogar Positives zu sagen über den «Teufel». Aber die Verehrer von Brüssel und Frankfurt haben immer noch nicht verstanden, dass der Euro den europäischen Wirtschaften keine Erlösung bringen wird. Griechenland wird den Euro verlassen: Verhandlungen können den Fälligkeitstermin nur hinausschieben. Diese ganze europäische Konstruktion ist nichts anderes als eine tödliche Dekonstruktion. Die heutige Europäische Union ist ein verrückter, wundertätiger Versuch, die Staaten und Grenzen aufzulösen und die Völker mit ihrer wertvollen Arbeit den Meistern der Globalisierung auszuliefern, damit diese weiterhin ihre immensen Gewinne scheffeln können.

Wie könnte die Zukunft Europas aussehen?

Das von den Eurokraten und den globalisierten Eliten ausgeheckte Freihandelsabkommen, das Europa in einen Nebenmarkt der USA verwandeln soll, zerstört unsere Zukunft und widerspricht jeglichem gesunden Menschenverstand. Was ich diesem ­«Europa» vorwerfe, ist, dass es ein amerikanisches Europa wird – ein blosses wirtschaftliches und kulturelles Anhängsel der USA. Um die Zukunft vorherzusagen, könnte man sagen: «Die Europäische Union ist tot, es lebe Eu­ropa!» Das echte, das grosse Europa, vom Atlantik bis zum Pazifik, das Europa, das die wahre Wiege seiner althergebrachten kulturellen Bündnisse wiederfindet. Das Europa der Königin Anna von Kiew, der russischen Königin, die einen französischen König heiratete. Das Europa, das die guten alten Ideen wiederentdeckt, welche die Welt leiten, seitdem aus den Erfahrungen der Menschheit das Triptychon «Souveränität, Grenzen, Identitäten» erfunden wurde.    •

Quelle: Le Figaro vom 23.02.15, © Alexander Devecchio
(Übersetzung Zeit-Fragen)

*    Philippe de Villiers, geboren am 25. März 1949 in Boulogne (Vendée), ist ein französischer Politiker und Schriftsteller. Er ist Gründer der souveränistischen Partei «Mouvement pour la France» (MPF) und Gründer des Freizeitparks «Puy du Fou» (Vendée) mit Schauspielen zur Geschichte Frankreichs. Von 1988 bis 2010 war er Präsident des Generalrats [Conseil général] des Departments der Vendée. Von 1987–1994 und von 1997–2004 war er Mitglied der französischen Nationalversammlung. Von 1994–1997 und von 2004–2014 gehörte er dem EU-Parlament an. 1995 und 2007 war er Kandidat bei den französischen Präsidentschaftswahlen. Sein neuestes Buch «Le Roman de Jeanne d'Arc» wurde im November 2014 bei Albin Michel veröffentlicht.