«Kinder brauchen einen vom Lehrer strukturierten und geführten Unterricht»

Interview mit Dr. med. Elke Möller-Nehring, Kinder- und Jugendpsychiaterin

Ein Blick über die Grenzen kann in manchen Fällen doch sehr erhellend sein, besonders wenn es um Entwicklungen im eigenen Land geht, die mit der eigentlichen Tradition und den  Wurzeln unseres Staatswesens wenig gemein haben. Das ist schlechthin bei dem neuen Lehrplan 21 der Fall. Interessant ist, dass man im konservativen deutschen Bundesland Bayern genau die gleiche Umkrempelung der bewährten Schule betreibt wie in der Schweiz. Die Kinder- und Jugendpsychiaterin Dr. med. Elke Möller-Nehring zeigt im folgenden Interview erschreckende Parallelen auf, die natürlich die Frage nach der Herkunft dieser Schulreformen aufwirft.

Zeit-Fragen: Was sind Ihre Kritikpunkte am bayerischen LehrplanPLUS?

Dr. Möller-Nehring: Der bayerische LehrplanPLUS ist eigentlich eine Folge des bereits im Jahre 2000 eingeführten Lehrplans. Dieser Lehrplan hat seit seiner Umsetzung im Unterricht bereits so starke Auswirkungen, dass mir klar wurde, wenn jetzt schon wieder ein neuer Lehrplan eingeführt wird, muss ich genau schauen, was dadurch verändert wird. Worauf greift man zurück, was wird es Neues geben?

War das einfach für Sie, sich darüber zu informieren?

Nein, überhaupt nicht. Interessant dabei war, dass es im Vorfeld keinerlei Informationen gab. Das bayerische Kultusministerium hüllt sich in Schweigen. Alles wird hinter verschlossenen Türen entschieden. Erst wenn der Lehrplan fertig erstellt ist, liegt er zur Einsicht bereit.

Was hat sich mit dem Lehrplan aus dem Jahr 2000 verändert?

Systematik, Struktur oder vertieftes Üben sind weggefallen zugunsten von kunterbunter Vielfalt, Selbstentdecken und «jeder findet seinen Weg». Zum Beispiel im Mathematikunterricht: Es erfolgt keine kleinschrittige Anleitung mehr, wie man immer und sicher zur richtigen Lösung kommt. Statt dessen sollen die Schüler jeweils ihre eigenen Wege finden, eine Aufgabe zu lösen. Eine Mutter erzählte mir, wie sehr ihr Sohn, 2. Klasse, damit Probleme hatte. Also setzte sie sich mit ihm hin und gab ihm vor: Diesen Aufgabentyp löst Du so und nicht anders, jenen so. Das gab dem Kind wieder Sicherheit und Halt und ermöglichte ihm, in Mathe wieder mitzukommen.
Im LehrplanPLUS wird diese Vorgehensweise aus dem Lehrplan von 2000 fortgesetzt und mit dem expliziten Verweis auf das Konzept des Konstruktivismus festgeschrieben. Den Lehrern werden verpflichtend neue Unterrichtsmethoden vorgeschrieben, nämlich dass die Kinder selbstgesteuert – sprich anhand von Arbeitsblättern – lernen sollen und sich der Lehrer aktiv aus dem Unterrichtsgeschehen zurücknehmen soll. Er darf nicht mehr als der Wissende auftreten, der den Kindern etwas beibringt, ihnen etwas vermittelt. Seine Aufgabe ist es nur noch, die Lernumgebung zu gestalten, die das selbstgesteuerte Lernen ermöglicht, und beratend im Hintergrund zu stehen. Das ist eine völlig falsche Auffassung von Unterricht.

Kann man schon heute die Folgen der von Ihnen erwähnten Lehrplanrevision aus dem Jahre 2000 wahrnehmen?

Die Auswirkungen sind dahingehend, dass die Schulabgänger mit auffallend weniger gefestigten Grundlagen in die Lehre oder auch ins Studium kommen. Das führt dazu, dass Professoren an den Universitäten Kurse anbieten müssen, um erst einmal die Grundlagen zu vermitteln, die die Studenten früher selbstverständlich als Voraussetzung für ein Studium mitbringen mussten. Die Lehrherren können nicht mehr auf mathematisches Grundwissen oder gefestigte Rechtschreibung zurückgreifen. Aber auch im Verhalten stellen sie immer mehr fest, dass die jungen Erwachsenen nicht in der Lage sind, etwas zu lernen, sich etwas konzentriert zu erarbeiten – die modernen Unterrichtsmethoden führen eben nicht dazu, dass die Schüler das können –, und sich von einem Erwachsenen anleiten zu lassen. Das führt in den Lehrbetrieben zu Unmut.

Wehren sich die Lehrbetriebe gegen diesen zunehmenden Bildungsabbau?

Bis heute wird noch nicht erkannt, dass ein Zusammenhang zwischen den Defiziten der Jugendlichen und den neuen Lehrplänen besteht. Deshalb ist es mein Anliegen, eine breite Diskussion in der Bevölkerung zu erwirken, damit die Menschen beginnen, zu erkennen, was sich hier eigentlich abspielt und woher diese Entwicklungen kommen.

Habe ich das richtig verstanden, man realisiert die Defizite, aber sieht deren Ursachen noch zu wenig?

Ja, bis heute gibt es weder von den Lehrer- noch von den Elternverbänden Widerstand, aber die Lehrer in den Schulen sind völlig konsterniert und teilweise auch frustriert, weil das, was in den Lehrplänen vorgeschrieben wird, überhaupt nicht brauchbar ist.

Was heisst das konkret?

Der Lehrplan ist kompetenzorientiert und basiert auf dem Konstruktivismus, mit beidem kann man als Lehrer nichts anfangen. Das sind Schlagworte, die nicht die Qualität des Unterrichts verbessern. Im Gegenteil. Die Lehrer realisieren, dass ihre pädagogische Aufgabe nicht mehr gewürdigt wird, weil ihnen mit Vorgaben wie selbstentdeckendem Lernen, Wochenplänen oder individuellen Arbeitsaufträgen ihr pädagogisches Instrumentarium aus den Händen genommen wird. Das wollen die Lehrer nicht. Und den Eltern wird zunehmend die Aufgabe eines Hilfslehrers zugeschoben, ohne deren Unterstützung viele Schüler scheitern würden und diejenigen, deren Eltern das nicht leisten können, wirklich scheitern – sollen wir wirklich zurück zur Zwei-Klassen-Bildung?

Sie haben den Konstruktivismus erwähnt, der als neue Erkenntnis für die Reformen auch in der Schweiz gepriesen wird. Es bestehen überhaupt auffallende Parallelen zum Schweizer Lehrplan 21. Was muss man sich unter dem Konstruktivismus vorstellen?

Der Konstruktivismus geht davon aus, dass jeder Mensch sich seine eigene Wirklichkeit konstruiert und dass es keine Wahrheit und kein gesichertes Wissen gibt. Das Kind soll sich aus dem, was es in der Welt vorfindet, selbst eine »Realität» zusammenbauen, die seiner momentanen Zielsetzung oder inneren Gestimmtheit gerade entspricht. Das Problem ist, dass die Kinder und Jugendlichen so keine Anleitung mehr bekommen. Es wird nicht mehr vermittelt, dass es Grundlagen und Erkenntnisse gibt, die festgelegt sind, sondern das Kind muss alles selbst entdecken und neu zusammenbauen. Das ist zum einen eine Überforderung und führt vielfach zu einer totalen Oberflächlichkeit, weil das Fundament fehlt. Und es relativiert natürlich stark alle Werte und Normen, die es für ein friedliches Zusammenleben und eine gut funktionierende Demokratie zwingend braucht.

Wie sieht das denn konkret im Unterricht aus?

Da Kompetenzen vor Inhalten stehen, sollen die Kinder heute die Unterrichtsstunden selbst gestalten. In einem Gymnasium sind zum Beispiel in der 7. Klasse in Geografie die Länder Europas zu behandeln. Es ist explizit vorgeschrieben, dass die Schüler diese in Form von Präsentationen vorstellen. Abgesehen davon, dass die Schüler nicht lernen, wie man eine Präsentation solide aufbaut, sind sie nicht in der Lage, aus dem Material, das sie sich aus dem Internet zusammensuchen, einen fundierten Überblick zu geben. Dazu braucht es ein Studium. Die Lehrer haben solch ein Fachstudium, eine didaktische Ausbildung, und jetzt sollen sich die Kinder gegenseitig mit ihren unstrukturierten Vorkenntnissen etwas beibringen. Das ist doch unmöglich und hat keinen Lerneffekt. Die Lernenden, die das zusammen erarbeiten sollen, sind teilweise so entmutigt, weil sie keine Ideen entwickeln, um sinnvoll an die Sache herangehen zu können. Sie haben eine Flut von unstrukturierten Informationen und nicht die geringste Ahnung, was sie jetzt damit anfangen sollen, und geben am Ende auf …

… man kann es fast nicht glauben, dass das die Zukunft unserer Schulstuben sein soll …

… doch, leider ist es so. In einer Vierergruppe sollten sich die Schüler also die Präsentation erarbeiten. Einer nahm sofort sein Handy aus der Tasche und war nur noch am Spielen, weil die Aufgabe ihn völlig überfordert hat. Es ist kein Lehrer da, der die Jugendlichen anleitet und ihnen Unterstützung gibt und über Klippen hinweghilft. Völlig auf sich alleine gestellt zu sein, ohne Anleitung, ohne Kontakt zum Lehrer, überfordert die Jugendlichen.

Wie wirkt sich das auf die Lernenden aus?

Das führt zu einer völligen Verunsicherung, es entstehen Entmutigung und im schlimmsten Fall das Gefühl, dumm zu sein. Daraus resultiert bei den jungen Menschen oft ein auffälliges Verhalten, was nicht selten zur Überweisung zum Psychologen oder Psychiater führt. Ich bin Kinder- und Jugendpsychiaterin und habe diese Fälle zu Hauf in meiner Praxis. Die jungen Menschen werden pathologisiert und haben ein Leben lang eine schwere Bürde zu tragen, die sie kaum mehr loswerden. Das müsste nicht sein.

Was ist Ihre Vorstellung von gutem Unterricht?

Wir müssen heute davon ausgehen, dass viele Kinder und Jugendliche nicht mehr in der Lage sind, sich auf einen anderen Menschen einzustellen und auszurichten. Der Kinder- und Jugendpsychiater sowie Buchautor Dr. Michael Winterhoff sieht bei heutigen Schulanfängern eine emotionale Entwicklung, die einem 16 Monate alten Kind entspricht. So sitzen die Kinder in der ersten Klasse.

Das ist erschreckend.

Ja, es braucht zwingend ein Nachreifen. Die ganze Persönlichkeitsentwicklung der Kinder kann aber nur an der Person seines erwachsenen Gegenübers erfolgen. Dessen muss sich der Lehrer bewusst sein. Er ist derjenige, an dem sich die Kinder orientieren, der ihnen einen Weg aufzeigt. Das bedeutet, sie brauchen einen vom Lehrer strukturierten und geführten Unterricht, in dem er kleinschrittig mit genauer Anleitung und Korrektur vorangeht. Dadurch, dass eine Beziehung zwischen dem Lehrer und den jungen Menschen entsteht, sind ein Erfassen, ein Ermutigen und ein gezieltes Unterstützen des Kindes möglich. Dazu gehört auch, dass der Lehrer von den Schülern etwas einfordert. Da braucht es einen persönlichen Bezug. Die Grundschullehrer könnten das voll ausfüllen, weil hier auch noch das Klassenlehrerprinzip herrscht. Sie könnten die Kinder zu diesem Nachreifen bringen. Dieser logisch aufgebaute und strukturierte Unterricht und die Beziehung zwischen Lehrer und Schülern sind die Grundlagen für den erfolgreichen Unterricht.

Der Lehrer kann, so wie Sie seine Aufgabe beschreiben, viel gezielter auf die Schüler eingehen als mit diesen neuen Formen, die im LehrplanPLUS geplant sind. Die Kinder sind sich hier selbst überlassen.

Die Kinder sind haltlos und wursteln sich irgendwie durch. Ein weiterer Aspekt ergibt sich daraus: Da das Individualisieren und das selbstgesteuerte Lernen so im Fokus stehen, fällt der ganze Klassenunterricht weg. Die Klassengemeinschaft ist die herrlichste Situation, um voneinander lernen zu können. Der schwache Schüler, der die Fragen des anderen Mitschülers hört und die Antwort auch erfährt, kann dabei sehr viel lernen, auch wenn er sich nicht getraut hat, die Frage zu stellen. Die Kinder lernen, aufeinander Bezug zu nehmen, sich zuzuhören. Unter der kundigen Hand eines erfahrenen Lehrers können sie eine Gemeinschaft werden, in der sie alles, was sie später in unserer Gesellschaft und unserer Demokratie brauchen, erlernen können. Damit werden sie demokratiefähig. Das fällt alles in den «Lernbüros» weg, wo jeder einzelne nur sein Fortkommen im Blick hat. Der Mitschüler zählt dabei nicht oder stört gar.

Man kann eigentlich sagen, dass der LehrplanPLUS und auch schon der Lehrplan 2000 im Sinne des Schulunterrichts einen Paradigmenwechsel darstellt.

Ja!

Der Lehrer oder die Lehrerin werden nur noch zu Statisten …

… Coaches oder Lernbegleiter …

…und die Schüler werden sich selbst überlassen und sollen irgend etwas entwickeln im Sinne des Konstruktivismus, was mit der Realität nichts zu tun hat. Man fragt sich, warum wird so etwas wider besseres Wissen an unseren Schulen eingeführt?

Das sind ganz klar ideologische Zielsetzungen. Das kommt alles aus wirtschaftsnahen Kreisen, natürlich nicht aus dem Mittelstand, sondern aus der internationalen Grossindustrie und der Hochfinanz. Sie wollen Menschen haben, die steuerbar sind. Kinder, die keinen Bezug mehr zur Gemeinschaft und keine Ausrichtung mehr auf den Erwachsenen haben, sind steuerbar. Sie sind so unverbunden, dass man sie leicht manipulieren kann. Und der Bildungsbereich ist ein ­äu­sserst lukrativer Markt.

Was sagen die Eltern dazu, das kann doch niemand gutheissen, der noch einigermassen vernünftig ist?

Das ist etwas, was wir bayerischen Eltern auf keinen Fall wollen. Ganz viele Eltern merken, dass vieles nicht richtig läuft, aber sie können die Vorgänge nicht einordnen. Das ist mein Anliegen, den Eltern zu erklären, was sich hier abspielt. Aus diesem Grund haben wir einen Elternbrief verfasst von der Initiative «Eltern für eine gute Bildung». Wir wollen eine Bildung im Sinne der humanistischen Tradition, bei der es um eine Bildung für alle geht. Damit jeder Mensch in die Lage versetzt wird, die Welt beurteilen zu können und den politischen Prozess mitzugestalten. Das wollen wir zurückholen, und unser Elternkreis hat den Elternbrief verfasst, den man unter der Internetadresse www.eltern-fuer-gute-bildung.de  herunterladen kann. Wir freuen uns, wenn sich das weiter verbreitet und eine Diskussion dadurch angestossen wird.

Frau Dr. Möller-Nehring, vielen Dank für das interessante Gespräch.     •

(Interview Thomas Kaiser)