Die Kunst des Fährtenlesens

Spuren im Schnee – aber von wem?

von Heini Hofmann  

Was Eingeborene, Indianer und Trapper noch im Blut haben, ist uns modernen Zivilisationsmenschen abhanden gekommen: die hohe Kunst des Fährtenlesens. Nur Wildhüter und Jäger lernen dies noch; schauen wir ihnen deshalb ein wenig über die Schulter.

Anleitung zur Spurensicherung

HH. Wer gerne wildbiologischen Sherlock Holmes spielen möchte, kann ein markantes Trittsiegel eines Wildtieres in Schlick, feuchter Erde oder gefrorenem Schnee mittels Gipsabdruck konservieren und später zu Vergleichszwecken verwenden:

-    Sorgfältiges Säubern des Trittsiegels von Blättern oder Tannennadeln.
-    Ringförmig zusammengeklammerten Kartonstreifen rund um das Trittsiegel in die Unterlage eindrücken.
-    In einer Konservenbüchse Modelliergips (Alabaster) dünnflüssig anrühren.
-    Vorsichtig einem Stöcklein entlang eingiessen (damit keine Beschädigung und kein Luftblaseneinschluss), bis Trittsiegel etwa 2 cm überdeckt ist.
-     Nach etwa 20 Minuten die Gipsform sorgfältig mitsamt Kartonumrandung ausgraben und den Gips einige Stunden fertig erhärten lassen.
-     Kartonrand entfernen und mit alter Zahnbürste den Abdruck reinigen, dann etikettieren (Tierart, Fundort, Datum).
Möchte man von diesem Negativ ein ­Positiv herstellen, bestreicht man das Negativ gleichmässig mit Vaseline, umrandet es wieder mit einem Kartonstreifen und giesst es ein zweites Mal mit Gips aus. Dadurch ergibt sich ein Abdruck, wie man ihn im Gelände vorfand.

So wie unsere Schuhe oder die Velo- und die Autopneus, so hinterlassen auch die Füsse der Wildtiere bei Fortbewegung Spuren im Schnee, in Schlick, Sand oder feuchter Erde. Am augenfälligsten sind solche Tierspuren im Neuschnee. Wer sie zu lesen versteht, dem öffnet sich ein Buch mit sieben Siegeln.

Trittsiegel, Fährte und Spur

Der einzelne Fussabdruck, Trittsiegel genannt, ist für jede Tierart typisch, je nachdem, ob es sich bei Säugetieren um einen Sohlengänger (Branke des Dachses), einen Zehengänger (Pfote des Fuchses) oder einen Zehenspitzengänger (Hufe des Schalenwildes) handelt. Auch beim Federwild zeigt ein Laufvogel (Zehen des Fasans) ein ganz anderes Trittbild als ein Schwimmvogel (Schwimmhäute der Stockente).
Die in der Fortbewegung sich aneinanderreihenden Trittsiegel formen die Fährte oder Spur. Stammen die Tritte von Schalenwild, das heisst von Hirsch-, Reh-, Stein- und Gamswild oder auch vom Schwarzwild (Wildschweine), spricht der Fachmann von einer Fährte. Alle andern Trittbilder, wie zum Beispiel jene von Hasen und Eichhörnchen oder von Raubwild wie Marder, Fuchs und Dachs heissen Spur. Beim Federwild wiederum spricht man – im Gegensatz zu Fährte und Spur beim Haarwild – von Geläufe.  
Und was sich da alles herauslesen lässt! Ein Trittsiegel kann nicht nur die Tierart erkennen lassen, sondern auch etwas aussagen über das Geschlecht und das Alter des Individuums. Neben der Fortbewegungsrichtung lässt sich zudem auf die Gangart schliessen, ob das Tier gemächlich dahinzog, eilig trabte oder sich gar auf der Flucht befand.

Ziehen, Trollen und Flüchten

Je nach Bewegungsart schränkt das Wild mehr oder weniger, das heisst, die Tritte der rechten und linken Läufe werden – entsprechend der Körperbreite – seitlich einer gedachten Mittellinie gesetzt. Dieser Zwischenraum zwischen linken und rechten Tritten heisst Schrank (Schränken), während der Längsabstand der einzelnen Fussabdrücke die Schrittlänge aufzeigt.
Beim gemächlichen Ziehen und beim rascheren Traben oder Trollen fusst das Schalenwild mit den Hinterläufen mehr oder weniger genau in die Tritte der Vorderläufe, so dass ein solches Trittsiegel effektiv aus zwei übereinander liegenden Tritten besteht, nämlich der Hinter- über dem Vorderlauf­abdruck.
Beim Flüchten dagegen, das einem Galopp gleichkommt, erfolgt die Fortbewegung sprungartig von den abstossenden Hinter- auf die Vorderläufe, wobei die hinteren die vorderen überfliegen, so dass die ersteren vor die letzteren gestellt werden, und zwar um so weiter, je rascher die Flucht.

Schnüren, Hoppeln und Nageln

Einzelne Tierarten weisen zudem ganz speziell typische Spurbilder auf. Ein solches ist beispielsweise das Schnüren (ruhiges Traben) des Raubwildes, besonders ausgeprägt beim Fuchs, wenn er die Tritte der Vorder- und Hinterläufe sowohl genau ineinander als auch – ohne jegliche Schränkung – schnurgerade hintereinander setzt, wodurch das Spurbild einer Perlenschnur gleicht.
Ganz anders bei den Hasen: Weil sie sich nur in zwei – zudem sehr ähnlichen – Gangarten bewegen, hoppelnd oder flüchtend, zeigen sie eine ganz andere Spur, nämlich den so genannten Hasensprung. Dabei treten sie mit den hinteren nicht in die Tritte der vorderen Gliedmassen, sondern setzen die viel längeren Hinterläufe paarweise vor die kürzeren Vorderläufe. Analog verhält es sich beim Eichhörnchen.
Auch die Marder bewegen sich hüpfend fort, setzen jedoch die Tritte der Vorder- in die der Hinterläufe, wodurch in der Spurabfolge nur zwei paarweise nebeneinander stehende Trittsiegel erscheinen, weshalb man dies als Paarsprung bezeichnet. Eine weitere Besonderheit ist das Nageln, typisch beim Dachs, wenn sich vor allem die kräftigen Grabekrallen an den Vorderbranken vor den Zehenballen abbilden und dadurch eine genagelte Spur hinterlassen.

Faszination und Denkansporn

Tierspuren und -fährten im Schnee sind ein faszinierendes Phänomen, sozusagen die stumme Zeichensprache einer belebten Natur. Sie sind indirekte Zeugnisse von Wildtieren auf Nahrungssuche oder beim Knüpfen sozialer Kontakte. Wenn aber, was leider vermehrt der Fall ist, Fluchtspuren dominieren, dann gibt dies zu Besorgnis Anlass.
Denn trotz zum Teil genialer Überlebensstrategien der Wildtiere bedeutet der Winter, zumal in den Bergen, für sie eine Gratwanderung zwischen Leben und Tod. Jede zusätzliche Störung – zum Beispiel durch Wintersportler abseits von Pisten und Loipen – veranlasst die am energetischen Existenzminimum lebenden Tiere zu unnötigen Verausgabungen, die deren Leben aufs Spiel setzen können.
Nehmen wir daher beim Wintersport Rücksicht auf die Wildtiere und lassen wir sie – vor allem im Bergwinter – in ihren Einständen ruhen und stören wir ihre Sozialgefüge nicht; freuen wir uns vielmehr an Fährten und Spuren in gemächlichen Gangarten, frei von Angst, Flucht und vielleicht tödlichem Stress.    •

Störungen vermeiden!

HH. Wer à la Winnetou auf winterliche Fährtensuche gehen möchte, kann dies genussvoll tun, ohne dabei das Wild zu stören, sofern folgende Regeln beachtet werden:

–    Die Wege nicht verlassen. Dies ist auch nicht nötig, weil die Wildspuren die menschlichen Trampelpfade ohnehin immer wieder kreuzen.
–    Auch auf Skiern und Schneeschuhen sich an bestehende Routen halten.
–    Die Dämmerung meiden. Denn zu dieser Zeit ist das Wild unterwegs.
–     Schutzzonen und Schongebiete umgehen. Auch Futterstellen meiden.
–    Den Hund, so er mitkommt, an die Leine nehmen.
Solche Rücksichtnahme, die das eigene Vergnügen kaum mindert, hilft dem Wild, unnützen Kräfteverschleiss beim provozierten Flüchten zu vermeiden – und vielleicht gerade deshalb die ohnehin harte Winterzeit zu überleben.