«Wir haben alle etwas zu geben»

von Nicole Dupraz*

Wir befinden uns in der Schweiz in einem Land, das für seine Uhrmacherkunst und seine Genauigkeit bekannt ist. Es scheint mir wichtig, dass wir alle unsere Uhren wieder richtig stellen. Wir müssen wissen, was wir wollen und was wir nicht wollen. Verstehen, wovon wir sprechen, wenn wir von Freiheit, Souveränität und Menschenwürde sprechen und ein gemeinsames Verständnis von Demokratie entwickeln.
In einer Welt, in der die Sprache ein Turm von Babel geworden ist, ein Macht- und Manipulationsmittel, ist es dringend notwendig, im Dienste der Wahrheit die Dinge beim Namen zu nennen und uns auf gemeinsame Begriffe zu einigen, die für alle Menschen gelten – nicht nur in Europa, sondern auf dem ganzen Planeten.
Freiheit, Souveränität und Menschenwürde sind drei Begriffe, die untrennbar durch die eine Realität verbunden sind und ein Leben in Frieden von Generation zu Generation beinhalten. Die direkte Demokratie ist eine Staatsform, in der alle Individuen – das heisst das Volk als Souverän – in Frieden zusammenarbeiten und zusammenleben und den einzelnen dabei unterstützen, gerecht zu handeln. Es nutzt nichts zu sagen, jeder muss frei sein, wenn es keine Möglichkeit gibt, in Frieden zu leben. Die Freiheit ohne Bürgersinn, die Freiheit ohne Frieden ist keine Freiheit.
Bei der Demokratie muss genau definiert werden, was sie ist und was sie nicht ist und wie sie funktioniert. Die Schweiz ist meines Wissens das einzige Land, das die direkte Demokratie lebt, und das bewundere ich sehr. Ich bin jedoch immer etwas betrübt, wenn ich mitbekomme, dass trotz dieses Systems, geprägt von Volksabstimmungen, Initiativen und Referenden, die Stimmenden sich zum Beispiel für Drogenabgabestellen oder die Präimplantationsdiagnostik entschieden haben.
Im Spätwerk von Carl Gustav Jung mit dem Titel «Gegenwart und Zukunft» habe ich den Unterschied zwischen Masse und Volk kennengelernt. Die Masse ist nur ein Konglomerat von Menschen mit ganz unterschiedlichen Meinungen, die durch Desinformation leicht zu beeinflussen sind. Im Gegensatz dazu besteht das Volk aus Individuen und nur, wenn eine Anzahl reifer Persönlichkeiten zusammenkommt, kann auch die Gesellschaft ausgeglichen sein, weil daraus eine wohlüberlegte Aktivität entsteht.
Im weiteren muss man wissen, dass alle parlamentarischen Demokratien, wie Frankreich und viele andere Ländern der Welt, nur dazu dienen, die Macht der Gewählten zu festigen, während die Wähler nichts mehr zu sagen haben. Die Lösung der anstehenden Fragen kann nicht von ideologiegeleiteter Parteipolitik kommen, die kaum etwas anderes kann, als die Menschen zu entzweien.
Ich möchte auch eine kurze Bemerkung zu Griechenland machen, ein Land in dem ich im Rahmen meiner Lehrerausbildung in der französischen Schule in Athen ein Praktikum absolviert habe. Griechenland hat mit Sokrates ein Demokratie-Modell entwickelt, hat das Jahrhundert von Perikles und die Definition der Masse durch Pythagoras hervorgebracht. Was Alexis Tsipras nicht verstanden hat in der aktuellen griechischen Situation, ist, dass der Euro nicht Europa bedeutet. Weil er durch die Angst, die Euro-Zone zu verlassen, gelähmt war, haben die anderen Euro-Mitgliedsländer ihn unter Druck setzen können. Indem sie den Teufel an die Wand gemalt haben, für den Fall, dass Griechenland die Euro-Zone verlassen würde, hat die Kapitulation von Alexis Tsipras – denn es handelt sich um eine Kapitulation, gefolgt von einem schrecklichen, neokolonialistischen Abkommen, das Griechenland bevormundet – dieses Land zu einer Kolonie ohne jede Souveränität gemacht. Das heisst, Griechenland befindet sich zwischen Skylla und Charybdis. Alexis Tsipras hätte das Volk auch fragen können, ob es einverstanden ist, die Euro-Zone zu verlassen, genau so wie er dessen Meinung zu den europäischen Institutionen kennen wollte. Bei der Griechenland-Krise geht es nicht um die Schulden – denn diese sind die Propaganda, auf die das Imperium zurückgreift, um den westlichen Ländern ihre Souveränität abzusprechen.
Kürzlich habe ich ein Video des französischen Politikers François Asselineau gesehen, in dem er den Gründungsmythos der EU-Väter aufdeckt. Er zeigt auf, dass Robert Schumann als Agent der amerikanischen Geheimdienste und Walter Hallstein als Hitler und Mussolini nahestehender Jurist, der von den Amerikanern übernommen wurde, eingesetzt wurden, um die Nationen Europas zu zerstören und sie unter das Diktat des Imperiums zu stellen. Weil General de Gaulle vom Hallstein-Plan Kenntnis hatte, entschied er sich für die Politik des leeren Stuhls, das heisst, Frankreich schickte keinen Vertreter in die EU-Kommission.
Festhalten möchte ich auch, dass es keine Demokratie ohne demos (Volk) gibt, da ja gar kein europäisches Volk existiert.
Die Darlegungen gewisser Präsidenten europäischer Mitgliedsländer beruhen auf einer doppelten Lüge: Die erste Lüge setzt den Euro mit Europa gleich und die zweite Lüge setzt die Europäische Union mit Eu­ropa gleich. Beide Lügen sind abscheulich. Die Euro-Zone ist nicht die EU. Es gibt Länder, die zur EU gehören, aber keineswegs zur Euro-Zone – zum Beispiel Grossbritannien, Schweden, Polen oder Ungarn. Und die EU umfasst keineswegs ganz Europa, es existieren unabhängige Länder wie die Schweiz, Norwegen, Serbien, Weissrussland, Russland und die Ukraine. Alle diese Länder sind Teil des geografischen und des kulturellen Eu­ropa, ohne Mitglied der EU zu sein. Will man vergessen machen, dass die EU einzig eine politische und wirtschaftliche Allianz zwischen einigen Ländern ist?
Die meisten westlichen Gesellschaften sind geprägt von den Theorien des Relativismus oder des amerikanischen Modernismus. Gefangen in den Widersprüchen zwischen dem Völkerrecht und den instrumentalisierten Menschenrechten haben sie zur Entstehung von Schwatzbuden-Demokratien geführt, indem man hochstehende Prinzipien bemüht, um das Recht auf Einmischung in die Angelegenheiten fremder Länder zu rechtfertigen, sogenannt gerechte Kriege zu führen, «Terroristen» zu bekämpfen und eine weltweite Diktatur aufzubauen.
Das Chaos auf der Welt entsteht nicht aus der Seele der Völker, der Rassen oder der Religionen, sondern auf Grund der Plünderungen und der Gewalttätigkeiten durch die Mächtigen. Seien wir wachsam!
Der Relativismus behauptet, dass das Gute oder das Bessere auf Ideologien beruhe. Er stellt den Menschen als seelenlos dar, bewegt einzig durch soziale, kulturelle, psychologische und biologische Kräfte, die ihn von sich selber entfremden.
Die echte Demokratie jedoch anerkennt die positiven Werte, die individuell sich im gesunden Menschenverstand widerspiegeln und kollektiv im Gemeinschaftssinn.
Ich möchte in diesem Zusammenhang den Arzt Albert Schweitzer zitieren, den ich sehr schätze: «Es wird ein Tag kommen, an dem die Samen der Güte aufgehen und sich im Herzen der Menschen ausbreiten werden.» Dieser Tag ist gekommen, heute und jetzt. Jetzt müssen wir einsehen, dass das Chaos und der Geist der Spaltung überhandgenommen haben, weil der Mensch vom Bonum commune abgeschnitten ist. Wenn wir das Gewissen in seiner universellen Dimension wieder finden, ermöglicht dies dem Individuum, sich zu besinnen auf seine individuelle und kollektive Verantwortung, auf seine im Herzen wohnende menschliche Aufgabe und auf seine Würde.
Diese menschliche Würde zu schützen heisst, das unmenschliche globalisierte Wirtschaftssystem unermüdlich zu bekämpfen, sich zu weigern, Sklave des Geldes und der Banken, Sklave der Fernsehbotschaften und -bilder zu sein, die nur die Massen verblöden sollen.
Michelangelo war ein Genie, das – vor einem Marmorblock stehend – bereits das zu schaffende Kunstwerk vor sich sah. Er bearbeitete den Stein einzig, um das Kunstwerk vom überflüssigen Material zu befreien. Dies kann nur eine Hand erreichen, die der Intelligenz der Vernunft gehorcht. Natürlich sind wir nicht alle Michelangelos mit einem Talent zum Bildhauer. Aber jeder kann sich darum bemühen, dort, wo er sich befindet, mit der Intelligenz des Herzens und der Vernunft und den Fähigkeiten, die er zur Verfügung hat, seinem Gegenüber echte Mitmenschlichkeit entgegenzubringen. Davon hängt die Zukunft der Welt ab. Dass derjenige, dem das Leiden erspart wird, sich berufen fühlt, das Leiden des andern zu lindern. Jeder hat etwas zu geben: Keine grossen Reden, sondern konkretes, gerechtes und ausgewogenes Tun mit gesundem Menschenverstand.
Besten Dank für Ihre Aufmerksamkeit.    •

*    Lehrerin aus Vallabrègues, Frankreich; Vortrag, ­gehalten auf dem 23. Kongress «Mut zur Ethik» mit dem Thema «Freiheit, Souveränität und Menschenwürde – Schutzwall gegen Despotie und Krieg» vom 4.–6. September 2015