Dem journalistischen Berufsethos und der politischen Kultur der Demokratie gerecht werden

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen/TG

Beim Besuch der Buchmesse in Leipzig stösst man nicht nur auf wertvolle Neuerscheinungen, sondern kommt auch in Kontakt mit den Autoren und dem interessierten Publikum. So gab beispielsweise die Buchpräsentation von Uwe Krügers neuem Buch «Mainstream – warum wir den Medien nicht mehr trauen» einen aktuellen Einblick in die transatlantisch eingebundenen Leitmedien, in die damit zusammenhängenden Arbeitsbedingungen der Journalisten und verwies auf die wachsende Anzahl kritischer Nutzer der Medien.

Uwe Krüger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Journalistik an der Universität Leipzig. Seine Dissertation von 2011 erschien unter dem Titel «Meinungsmacht – der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten – eine kritische Netzwerk­analyse» 2013 in der Reihe des Instituts für praktische Journalismus- und Kommunikationsforschung (IPJ).
In seinem neu erschienenen Buch wird sehr differenziert auf den berechtigten Vertrauensverlust und die problematischen Arbeits- und Abhängigkeitsverhältnisse des heutigen Journalismus eingegangen. Ebenso werden die politisch-wirtschaftlichen Einbindungen der Eliten und Leitmedien sehr anschaulich dargestellt. Uwe Krüger geht dabei dem alarmierenden Mainstream-Effekt auf den Grund und zeigt, «wie Lobbynetzwerke, vertrauliche Hintergrundkreise, die soziale Herkunft der Journalisten sowie die dramatisch verschlechterten Arbeitsbedingungen der Branche das Meinungsspektrum einengen» (Klappentext). Aus den wenigen exklusiven Journalistenschulen werden die geeigneten Bewerber für die Mainstream-Leitmedien und Kaderschmieden rekrutiert. Seriös recherchierende Journalisten leiden unter diesen Zuständen, Vorgaben, dem Zeitdruck und dem zunehmendem Einfluss von PR-Akteuren.
Glaubt man einer Meinungsumfrage vom Dezember 2014 für Zeit Online «dann finden 47 Prozent der Deutschen, dass ihre Medien einseitig berichten. Viele haben inzwischen den Eindruck, dass sie überall dasselbe lesen» (Klappentext). Dass sich die Menschen von dieser weitgehend manipulativen Medienszene immer mehr abwenden und nach unabhängigen und alternativen Medien suchen, ist ein gutes Zeichen. Sogar der Programmbeirat der ARD musste zugeben, dass beispielweise bei der Ukraine-Krise im Juni 2014 «die Berichterstattung im Ersten den Eindruck der Voreingenommenheit erweckt hat und tendenziell gegen Russland und die russischen Positionen gerichtet war» (S. 14). An zahlreichen Beispielen werden in Uwe Krügers Buch die Ziele und Hintergründe dieser transatlantisch gesteuerten Information und des politischen Kampagnenjournalismus dargelegt.

Gefährlicher Gleichschritt der Leitmedien

Die Elite der Medien kommt regelmässig in vertrauten Zirkeln zusammen. Sie werden auch im Bundeskanzleramt empfangen und zu aktuellen politischen Themen so «informiert» und orientiert, wie die Regierung es wünscht. Kritische und unabhängige Stimmen sind dabei nicht erwünscht. Zahlreiche Medienschaffende, die ihr Berufsethos nicht aufgeben, haben die Konsequenzen zu tragen. Gerade junge Journalisten sind mit einer hohen Existenzunsicherheit belastet. «Über 5000 Journalisten und Redakteure sind laut Bundesagentur für Arbeit in Deutschland arbeitslos.» (S. 49)
Der ehemalige Kulturstaatsminister und heutige Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin bemängelte in der «Mainstream-Berichterstattung» anlässlich der Ukraine-Krise, dass wichtige Fragen nicht gestellt und «die journalistischen Gebote der Sorgfalt und Vollständigkeit, der Distanz und der Objektivität verletzt» würden (S. 17). Er empfiehlt deshalb: «Wer sich ein vollständiges Bild machen will, ist gut beraten, sich nicht nur auf die Mainstream-Medien zu verlassen, sondern auch andere Informationsquellen heranzuziehen.» Gerade die grossen Medien zeigten «auffällig wenig Resistenz gegen eine Ideologisierung der Aussenpolitik des Westens» (S. 17f). Und Nida-Rümelin ergänzt in diesem Zusammenhang: «In einer vollentwickelten Demokratie erwartet man aber […] eine gewisse kritische Distanz gegenüber Nato- und CIA-gesteuerten Informationen.» (S. 18)
Mit Strategien der doppelten Standards, Bundeskanzlerin Merkels Formel von der «marktkonformen Demokratie» (S.128) und Begriffen wie «humanitäre Intervention» sollen den Bürgern die wahren politischen und wirtschaftlichen Absichten verschleiert werden. Uwe Krüger verweist in diesem Zusammenhang auf den britischen Politologen Colin Crouch, der mit dem Begriff der «Postdemokratie» die Täuschung der Bürger bei demokratischen Wahlen beschreibt. Dabei wird durch «konkurrierende Teams professioneller PR-Experten die öffentliche Debatte während Wahlkämpfen so stark kontrolliert, dass sie zu einem reinen Spektakel verkommen.» In «dieser politischen Inszenierung wird die reale Politik hinter verschlossener Tür gemacht», die durch Elitenetzwerke vorbereitet wurde (S. 132).
Der Bürger will eine ehrliche Information, und er hat auch ein Recht darauf. Die Menschen müssen sich in einer Demokratie auf wahrheitsgetreue Informationen der Medien und Politik verlassen können. Kriege wurden immer erst mit Desinformation, Lügen und Propaganda möglich.
Aber nur auf der Basis von Treu und Glauben ist ein friedfertiges Zusammenleben möglich. Ethik und staatsbürgerliche Verantwortung für das Gemeinwohl bilden gerade im Bereich der Medien und des Journalismus die entscheidende Grundlage.    •

Uwe Krüger. Mainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen. C.H.Beck, München 2016, ISBN  978-3-406-68851-5