Die «Tablet»-Familie

In immer mehr Familien verödet das Gespräch bei den Mahlzeiten, weil jeder mit einem elektronischen Gerät beschäftigt ist.

mk. Eine vierköpfige Familie im Speisesaal eines Hotels: Mutter und Vater, ein Sohn, etwa 12jährig, ein Baby, das im Kinderwagen mit am Tisch sitzt. Das Frühstück verläuft sehr ruhig, wir hören am Nebentisch nichts als das ständige Geplärre irgendeiner albernen Sendung für Babys. Dieses Geplärre kommt aus einem Tablet, das die Mutter sorgfältig vor dem Baby aufgebaut hat. Während das Baby lautlos auf den Bildschirm starrt, nehmen die restlichen Mitglieder der Familie ihr Frühstück ein, ebenso lautlos. Sie reden nämlich nicht miteinander, sondern jeder starrt auf seinen eigenen Bildschirm. Manchmal telefoniert der Vater mit seinem Handy. Auch daran nehmen Mutter und Sohn keinen Anteil. Alle wirken abgestellt, gelangweilt. «Alle drei sind gemeinsam einsam» schreibt Moritz Nestor über eine ähnliche «digitalisierte» Familie (Zeit-Fragen Nr. 15/16 2015) und erklärt, was es für das Kleinkind und für seine Persönlichkeitsentwicklung heisst, statt Beziehung und emotionales Echo in der realen Welt zu erfahren, in einer irrationalen, nicht erklär- und erfahrbaren Welt emotional allein gelassen zu werden. Von «digitaler Demenz» spricht der Hirnforscher Man­fred Spitzer in diesem Zusammenhang. Beim Kölner Bildungskongress «Lernen erfolgreich gestalten» postuliert er: »Es ist kriminell, Babys vor Bildschirme zu setzen, und wer damit wirbt, macht die Kinder wissentlich dumm.»1 Spitzer im Interview: «Es geht immerhin um die wertvollsten Firmen der Welt und deren Umsatz: Google, Microsoft, Apple, IBM, Facebook. Nachdem in jedem Haushalt schon drei Computer stehen, geht es jetzt darum, dass an Schulen und Kindergärten auch noch Informationstechnik angeschafft werden soll. Und davor warne ich. […] Computer sind in Schulen Lernverhinderungsmaschinen.»
Frage des Journalisten: «‹Wenn die digitalen Medien wirklich so gefährlich sind – ist es dann nicht sinnvoll, dass Kinder lernen, mit diesen Gefahren umzugehen?›
Spitzer: ‹Nein, das schadet ihnen! Alkohol ist Teil unserer Kultur. Alkohol macht süchtig. Betreiben wir Alkohol-Pädagogik in Kindergärten und Grundschulen? Nein! Weil es der Entwicklung junger Menschen schadet, Alkohol zu konsumieren. Und es schadet ihnen ebenfalls nachweislich, früh Medien zu konsumieren.
Wir wissen, dass der Medienkonsum bis zum zweiten, dritten Geburtstag zu Sprachentwicklungsstörungen führt. Wir wissen, dass Medienkonsum in Kindergärten die Bildungsbiografie massgeblich negativ beeinflusst, dass er zu Aufmerksamkeitsstörungen in der Schule führt. Wir wissen, dass eine Playstation in der Grundschule zu Schulproblemen und massivem Einbruch im Lesen und Schreiben führt. Wir wissen, dass ein Computer im Jugendzimmer – das zeigen unter anderem die Pisa-Daten – die Schulleistungen verschlechtert. Das alles ist durch gute wissenschaftliche Untersuchungen belegt›.»2
Doch diese Familie praktiziert diesen atomisierten Medienkonsum bei jeder Mahlzeit und setzt auch ihr Baby diesem aus. Es wirkt gut versorgt, die Eltern haben es immer dabei, es hat einen kindgerechten Sitz, die Eltern kümmern sich auch um seine «Unterhaltung». Die Familie streitet nicht, offenbar sind sich alle einig, zumindest was die Gestaltung der gemeinsamen Mahlzeiten anbelangt. Anlass zu Meinungsverschiedenheiten gibt es so nicht, da man gar nicht miteinander spricht. Aber ist das Harmonie?

Bedeutung des Familientisches

Wissen die Eltern, was sie da tun und was sie verpassen? Jeder Mensch braucht immer wieder Beziehung, das Gespräch mit dem Mitmenschen, den Gedankenaustausch, das Echo. Um wie viel mehr braucht das aber ein Baby? Die gemeinsamen Mahlzeiten am Familientisch wären die beste Gelegenheit dazu. Schon Alfred Adler betonte, wie wichtig es sei, dass die Eltern beim Mittagstisch eine gute Familienstimmung, ein freundliches Gespräch für die ganze Familie gestalten. Der Familientisch ist eine unersetzliche Gelegenheit zur Entfaltung der Beziehungen und der Gemeinschaft in der Familie. Adler warnte davor, mit schlechter Stimmung – zum Beispiel einem Gespräch über Probleme in der Schule – alles zu verderben. Das Kind denkt dann schnell, ach, wäre das doch nur schon vorbei. Adler kannte unsere heutigen Medien noch nicht, doch was er über die Erziehung zur Gemeinschaft sagt, ist heute noch gültig, weil es zur Natur des Menschen gehört. Daran ändern auch die neuen Medien nicht grundsätzlich etwas. Das Gespräch bleibt unverzichtbar. Adler: »Sprechen stellt deutliche Bindungen zwischen Menschen her und ist gleichzeitig eine Hervorbringung ihres Zusammenlebens. Die Psychologie der Sprache und des Sprechens ist verständlich nur, wenn wir die Idee der Gemeinschaft als Ausgangspunkt nehmen.»3

Neue Medien braucht das Land

Eigentlich sollte das Wissen über die Bedeutung der Beziehungsgestaltung insbesondere mit Babys heute Allgemeingut sein. Offensichtlich ist es das nicht. Familienszenen, wie der hier beschriebenen, begegnet man praktisch überall.
Dem Unwissen könnte man leicht abhelfen: Man müsste nur eine Zeitlang jeden Tag im Radio, im Fernsehen, auf Facebook, mit Apps usw. kleine Beiträge zu diesem Thema bringen, die Eltern aufklären. Die meisten Eltern wollen das Beste für ihr Kind, sehr viele würden die Botschaft ernst nehmen und Konsequenzen daraus ziehen. So könnte man die Medien einmal sinnvoll nutzen. Die etablierten Medien zeigen aber offensichtlich wenig Interesse an solch sinnvoller Information.
Vielleicht müssen wir das selber an die Hand nehmen: Entsprechende Beiträge produzieren, plazieren, vielleicht sogar einen Kanal gestalten. Warum nicht? Immerhin hat die Revolution des Internets dazu geführt, dass sich immer mehr Menschen von den Mainstream-Medien abwenden und sich auf die Suche nach alternativer Berichterstattung machen. Warum also nicht auch solche Themen aufgreifen?     •

1    Focus vom 30.3.2009
2    Interview mit Manfred Spitzer im Kölner Stadt-Anzeiger vom 9.8.2012
3    Alfred Adler. Kindererziehung, Frankfurt/M 1976, S. 70

Deutsche Bundesregierung wirbt für Computerspiele für Kleinkinder

mk. Dorothee Bär ist passionierte Gamerin – und CSU-Bundestagsabgeordnete und Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium. Im Bundestag organisierte sie bereits zwei LAN-Partys. Sie setzt sich offensiv dafür ein, «Kinder ab drei Jahren an digitale Spiele heranzuführen».1 Im letzten Herbst organisierte sie einen Kongress zum Thema «Digitale Spiele in Kinderhänden». Auf dem Podium sassen nur Befürworter. Bär arbeitet eng mit Vertretern der Spieleindustrie zusammen: In der Stiftung Digitale Spielekultur sitzen die Vertreter der Vereinigung der Spielehersteller Game und der Bundesverband für interaktive Unterhaltungssoftware. Daneben sind dort Vertreter des Bundesministeriums für Verkehr und Familie sowie der Behörden vertreten. Damit ist eine enge Verflechtung von ­Politik und Spieleindustrie gegeben, eine Verflechtung, die in anderen Bereichen zu einem Medienaufschrei führen würde. Diese Stiftung konnte es durchsetzen, dass der Deutsche Computerspielpreis nicht mehr nur an «kulturell und pädagogisch wertvolle Computerspiele» vergeben wird, sondern dass «auch richtige Spiele» ausgezeichnet werden − Killerspiele. «Kulturell wertvoll» ist nur noch ein Kann-Kriterium. Sogar digitale Spiele für Kleinkinder müssen nicht mehr «pädagogisch wertvoll» sein, um eine Auszeichnung zu erhalten.
Bär sagt über sich, sie setze sich «mit grosser Leidenschaft dafür ein, Vorurteilen gegen Computerspiele zu begegnen».2 Zu diesem Zweck hat sie den Deutschen Computerspielpreis mitbegründet. Dies war der erste Schritt, aus Killerspielen, Trainingsprogammen im Quälen und Töten, «kulturell wertvolle» Güter zu machen. Jetzt wird auch diese Maske fallen gelassen, jetzt kann alles ausgezeichnet werden, Hauptsache, es ist «gut gemacht» – und das heisst in dieser Branche, möglichst realistisch, möglichst lebensnah, möglichst brutal.
Frankreich geht andere Wege
Übrigens: Frankreich geht ganz andere Wege: «Die Ausstrahlung von Fernsehprogrammen für Kleinkinder unter drei Jahren wurde komplett verboten. ‹Fernsehkonsum für Säuglinge ist höchst schädlich›, entschied die französische Medienbehörde CSA (Conseil superieur de l’audiovisuel). Zusätzlich wurde bei Programmen für Kleinkinder ab drei Jahren ein verpflichtender Warnhinweis der CSA eingeführt: ‹Fernsehen kann Kinder bei ihrer Entwicklung behindern. Es können Passivität, Sprachprobleme, Unruhe, Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten und Abhängigkeit auftreten.›»3
1    Die Welt vom 10.4.2016
2    Dorothee Bär. Warum Computerspiele gut für Deutschland sind. Focus online vom 12.4.2014
3    Andrea Hennis in FOCUS vom 30.3.2009