Leserbrief 2

Angela und Barack in Hannover

Eigentlich könnte man meinen, dass das von den Medien glamourös aufbereitete Treffen zwischen dem mächtigsten Mann der Welt und der mächtigsten Frau Europas eine Win-win-Situation wäre. Weil doch unsere Kanzlerin Lob und Beistand von höchster Stelle nach ihrem desaströsen Alleingang in der Flüchtlingskrise gut gebrauchen kann. Denn andere europäische Staaten registrieren den «grenzenlosen» deutschen Alleingang mit Kopfschütteln und Häme. Sie denken nicht daran, sich auf eine Kontingentierung festlegen zu lassen. Auch im Inland ist ihre Popularität im freien Fall. Die Menschen fühlen sich in existentiellen Zukunftsfragen übergangen, und die Kommunen stöhnen vor den kaum lösbaren Herausforderungen. Und da ist des Präsidenten «Ich bin stolz auf die deutsche Bevölkerung» gleichsam Balsam für die deutsche Seele.
Aber auch Obama hat innenpolitische Probleme und möchte am Ende seiner Amtszeit das für die USA wichtige TTIP-Abkommen unter Dach und Fach bringen. In diesem Anliegen hat er in der Kanzlerin eine «zuverlässige» und «starke» Partnerin: Soweit zum vermeintlichen Win-win-Spiel.
In der realpolitisch «entschleierten» Sichtweise allerdings ist deutsche Innen- und Aussenpolitik eingebunden in die strikten Vorgaben unserer transatlantischen Spielmacher. Und das gilt insbesondere auch für unsere Kanzlerin, die zurzeit wie niemand sonst diese Interessen bedient und deren Position zu stärken deshalb im ureigenen Interesse der USA liegt.
Vor diesem Hintergrund mutet es geradezu gespenstisch an, wenn zur gleichen Zeit am gleichen Ort, überstrahlt von diesen beiden Lichtgestalten und in unserer medialen Präsentation eigenartig unterbelichtet, eine gewaltige Anti-TTIP-Demonstration ablief. Ein Donnerschlag mit 90 000 Demonstranten aus allen Teilen des Landes! Sie demonstriert auf dramatische Weise einmal mehr die tiefe Zerrissenheit, die Instabilität unseres Landes. Und diese Kluft, die Sorge der Menschen existiert nicht nur in der TTIP-Frage, sie gilt auch für unser Management in der Flüchtlingskrise und die Folgen für die Zukunft unseres Landes insgesamt.

Dr. med. Horst A. Hoffmann, Kiel,
FA für Kinder- u. Jugendmedizin, Psychotherapie