Die eugenischen «Träume der Genetik»

von Moritz Nestor

Die Genetik ist eine anerkannte Wissenschaft. Nur wenige Humangenetiker denken so wie die Forscher, von denen hier die Rede ist. Bedenklich kann es werden, wenn Forscher auf Geld- und Machtinteressen treffen, die ihnen zu Weltruhm verhelfen und Geldmittel für inhumane und verbrecherische Experimente zur Verfügung stellen. In seinem Buch stellt Ludger Weß die Geschichte derartiger Konzepte dar.

Wer bei politischen Entscheidungen die Geschichte des Themas, über das abgestimmt werden soll, nicht kennt, ist leicht hinters zu Licht zu führen. Das gilt ganz besonders auch für die kommende Abstimmung über das Fortpflanzungsmedizin-Gesetz. Denn: Obwohl Gentechnik und Fortpflanzungsmedizin mehr denn je in aller Munde sind, bleibt doch die wichtigste Frage im dunkeln: Was ist das Motiv der Forscher? Cui bono?
Was machen die Fortpflanzungsmediziner, die hier in der Schweiz in Zukunft mehr Embryonen «herstellen» dürfen als für eine künstliche Befruchtung nötig wären, mit diesen «überzähligen» Embryonen? Das sind menschliche Keime, notabene Menschlein, die alles besitzen, damit daraus ein Mensch wird. Was beabsichtigen die Genetiker und Fortpflanzungsmediziner (inklusive die wirtschaftlichen Interessen, in deren Auftrag sie arbeiten und deren Brot sie essen) mit diesen «überzähligen» Wesen?
Die Frage «Was veranlasst sie [die Gentechniker], immer weiter in die Geheimnisse des Vererbungsvorgangs vorzudringen?»1 steht im Mittelpunkt des Buchs «Die Träume der Genetik» von Ludger Weß. «Die Genetik-Lehrbücher geben darüber keine Auskunft und auch die historischen Abrisse der Gen-Technologie schweigen sich aus.»2 Aber fast alle Genetiker, welche die Entwicklung ihres Faches massgeblich beeinflusst haben, haben Texte mit alarmierenden gentechnischen Sozialutopien hinterlassen: «Träume von Macht über das Leben und eine bessere Welt, die mit Hilfe von Gen-Technik Wirklichkeit werden soll. Diese Machtvisionen sind ein Schlüssel zum Verständnis der aktuellen Entwicklungen in der Genetik und Fortpflanzungsmedizin.»3
Der Schweizer Öffentlichkeit, die zum zweiten Mal über fortpflanzungsmedizinische Themen abstimmen soll, sind diese jedoch unbekannt. In der gesellschaftlichen Diskussion um die Gentechnik in den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts waren diese Texte – wenigstens einer kritischen Schar von besorgten Forschern und Intellektuellen – zum Teil noch geläufig.
Um so wichtiger, dass Ludger Weß diese Amnesie mit seinem Buch durchbricht und den Finger darauf legt, dass aus der «Spitze der naturwissenschaftlichen Genetik der letzten hundert Jahre» nicht nur naturwissenschaftliche Befunde stammen, sondern auch «Entwürfe für die Durchsetzung von Sozialutopien». Ihn hatte die Geschichtslosigkeit der heutigen Darstellungen und Debatten zur Gen- und Fortpflanzungs-Medizin schon länger alarmiert. In ihrer stürmischen Entwicklung hat die Gentechnik Möglichkeiten eröffnet zu weitreichenden und in ihren Konsequenzen kaum zu überblickenden Eingriffen in den Vererbungsprozess.
Das Buch enthält die politischen Manifeste und Texte namhafter Pioniere der modernen Genetik zwischen 1895 und 1962: Haldane, Muller, Serebrovski, Lederberg und die Unterzeichner des Genetiker-Manifests von 1939: Darlington, Crew, Huxley, Muller, Dobzansky und 18 weitere. Jedem Dokument ist eine Einleitung vorangestellt, die den Autor biographisch und historisch systematisch einordnet. Nicht fehlen durfte ein Beitrag zu Ploetz, Begründer der deutschen «Rassenhygiene», der als einziger keinen wissenschaftlichen Beitrag zur Genetik erbrachte. Aber seine «Grundlinien zur Rassenkunde» von 1895 ist die erste Eugenik, die auf der damals neu entstehenden Vererbungswissenschaft aufbaut und in der «im Namen des Fortschritts das gesellschaftliche Gefüge, ethische Massstäbe und schliess­lich Menschenwürde und Existenzrecht der Objektivität ‹wissenschaftlicher› Erkenntnisse und Zwecke untergeordnet werden müssen».4 Diesem Dokumentarteil vorangestellt wurde ein Abriss der Geschichte der Gentechnik und unheilvollen Zusammenarbeit mit der Eugenik.
Schon seit 1890 entwickelte Jacques Loeb eine «biologische Ingenieurskunst», eine «All-Organisationswissenschaft», die alle Bereiche des menschlichen Lebens (auch Glauben, Denken, Fühlen und Handeln) allein mit «physikalisch-chemischer Analyse», rational-technisch erklären wollte.5 «Leben [sollte] aus der physikalisch-chemischen Beschaffenheit der lebenden Materie» erklärt werden. Loeb beein­flusste zahlreiche Biologen und Psychologen wie zum Beispiel Skinner und Watson sowie die spätere Molekularbiologie. Seine Forschungen wurden ökonomisch reichlich gefördert.
Der Nobelpreisträger Hermann Joseph Muller zum Beispiel schreibt in seinem Text «Aus dem Dunkel der Nacht», die Genetik sei für ihn das Mittel, um «die menschliche Evolution ‹eugenisch› kontrollieren zu können».6 Überragende Männer sollten mit mehreren Frauen Kinder zeugen dürfen und Samenbanken von Nobelpreisträgern und hervorragenden Politikern angelegt werden.
Der russische Genetiker Serebrovskij will 1930 in seiner «Anthropogenetik und Eugenik in der sozialistischen Gesellschaft» die in der Viehzucht erprobten Verfahren der künstliche Befruchtung und die Populationsgenetik und die Mutationsforschung der 20er Jahre auf den Menschen anwenden, um die erwünschten genetischen Merkmale massenhaft zu verbreiten, um die genetische Qualität der Bevölkerung zu heben.7
Der US-amerikanische Nobelpreisträger Lederberg hält schliesslich die auf der Genetik basierende Eugenik für «das biologische Gegenstück zur Erziehung», das wissenschaftlich exakter sei als die Erziehung, die eine «umstrittene Tradition» habe. Die Genetiker, schreibt er 1962 in «Die biologische Zukunft des Menschen», würden «in kurzer Zeit die Grundlagen für Verfahren zur Steuerung der Entwicklung haben und zum Beispiel die Grösse des menschlichen Gehirns durch pränatale oder frühe postnatale Eingriffe regulieren können». Er stellt die entscheidende Frage: «Warum sollen wir uns heute mit somatischer Selektion abgeben, die in ihrer Auswirkung so langsam ist? […] [Wir] dürften […] in ein oder zwei Generationen eugenischer Praxis erreichen, wozu wir heute zehn oder hundert Generationen bräuchten.»8 Notabene: «somatische Selektion» ist die Tötung von geborenen Menschen mit «unwertem» Genmaterial – entweder durch die Natur oder durch den Menschen, wie die Nazis das taten, der die Evolution selbst in die Hand nehmen will und Gott spielt. Der US-Amerikaner Josua Lederberg plädiert dafür, man «müsse die Rassenunterschiede genetisch aufheben und notfalls auch die Zweigeschlechtlichkeit, um wirkliche Gleichberechtigung herzustellen».9
Mit Lederbergs Beitrag kommt Ludger Weß auf das berüchtigte CIBA-Symposium von 1962 zu sprechen, das heute leider vergessen zu sein scheint. Lederbergs Beitrag «Die biologische Zukunft des Menschen» war eines der eugenischen Referate des Symposiums, das die CIBA-Stiftung 1962 in London abhielt und dessen Beiträge 1963 in «Man and His Future» veröffentlicht wurden.
Den schweren Einbruch näher zu erforschen und darzustellen, den das CIBA-Symposium historisch bedeutete, wäre eine verdienstvolle Weiterführung der hervorragenden Forschungsarbeit von Ludger Weß. Ein kurzer Exkurs soll das deutlich machen: Allein der Titel der deutschen Ausgabe des CIBA-Symposiums von 1966 «Das umstrittene Experiment: der Mensch» spricht Bände über die sozialpolitische Stossrichtung dieser Versammlung. Die CIBA-Stiftung hatte 27 angloamerikanische Forscher (darunter sechs Nobelpreisträger) sowie ranghohe Regierungsberater eingeladen. Deutsche fehlten bezeichnenderweise. Die geistige Führung lag beim britischen Eugeniker Julian Sorell Huxley, dem Bruder des Schriftstellers Aldous Huxley und Enkel von Thomas Henry Huxley («Darwins Dogge»). Er war einer der weltweit führenden Eugeniker schon während des nationalsozialistischen Rasseprogramms. In höchste Ämter gelangt, hat er nach dem Weltkrieg die durch die nationalsozialistischen Verbrechen in Verruf geratene Eugenik unter dem neuen Label «Transhumanismus» von ihrer Nazi-Vergangenheit gesäubert und als «Wissenschaft» neu belebt. Das kommt in einem Papier von 1947 zum Ausdruck mit dem Titel: «Unesco: Its Purpose and its Philosophy», in dem Huxley seine Stellung als Generalsekretär missbrauchte, eine vom Hitlerismus «gereinigte» Eugenik zu fordern:
«Auch wenn es sicher wahr ist, dass jegliche radikale eugenische Politik für viele Jahre politisch und psychologisch unmöglich sein wird, wird es […] wichtig sein, zu erkennen, dass das Eugenik-Problem mit grösster Sorgfalt untersucht wird und das öffentliche Bewusststein über die Sachverhalte so weit informiert wird, dass das Undenkbare wenigstens denkbar wird.»10
Von 1959 bis 1962 ist Huxley Präsident der British Eugenics Society. Diese neue Eugenik sei «global», wie R. S. Deese in «Twilight of Utopias» schreibt:
«Julian Huxley zeichnet das Bild einer idealen globalen Politik. Er rief dazu auf, eine einheitliche Weltkultur zu schaffen, eine neue Religion auf dem Boden der Forschungsergebnisse der Evolutionsbiologie, aus der sich schliess­lich eine Weltregierung entwickeln sollte.»11
Schon der Titel der deutschen Ausgabe zeigt das Gottähnlichkeitsstreben dieser Genetiker: Der Mensch sei das «Experiment» «einer biologischen Revolution» «für eine neue Welt». Der vordere Klappentext beginnt mit dem Zitat von Julian Huxley: «Dieses Buch manifestiert den kosmischen Augenblick, ‹in dem der gewaltige Evolutionsprozess – nach 5 Milliarden Jahren – in der Person des forschenden Menschen sich seiner selbst bewusst wird.›»12 Die 27 Forscher verstanden sich also als Exekutive der Evolution. Julian Huxley schliesst daraus, der Mensch stehe heute vor der Alternative, entweder «Lenker der Evolution oder Krebsgeschwür der Erde» zu sein.13 Huxley hielt die «Verbesserung der genetischen Qualität des Menschen durch eugenische Verfahren»14 für die zentrale Aufgabe der Menschheit.
Sicher denkt nicht jeder Humangenetiker so. Es sind nur wenige, von denen hier die Rede ist. Aber gefährlich ist es, wenn Forscher mit Gott­ähnlichkeitsstreben auf Geld- und Machtinteressen treffen, die ihnen zu Weltruhm verhelfen und Geldmittel für inhumane und verbrecherische Experimente zur Verfügung stellen. Immerhin: Von dem, was 1962 die angloamerikanischen Genetiker als «Lenker der Evolution» (Huxley) an Plänen für die «Verbesserung» der Menschheit schmiedeten, ist viel Zweifelhaftes schon verwirklicht. Darüber muss an anderer Stelle berichtet werden. Die Quellen jedenfalls, die Ludger Weß in seinem Buch erschliesst, sind an Bedeutung für die heutige öffentliche Diskussion um die Fortpflanzungsmedizin nicht zu unterschätzen und sollten dringend einbezogen werden.     •

1    Ludger Weß. Die Träume der Genetik. Gentechnische Utopien vom sozialen Fortschritt. 2. Auflage. 1998. ISBN 3-929106-06 S. 9
2    Ludger Weß, S. 9
3    Ludger Weß, hinterer Umschlag
4    Ludger Weß, S. 87.
5    Ludger Weß, S. 13.
6    Ludger Weß, S. 16.
7    Ludger Weß, S. 120ff.
8    Ludger Weß, S. 189.
9    Ludger Weß, S. 185.
10    Unesco: Its Purpose and its Philosophy. Washington D.C. 1947. In: Liagin: Excessive Force: Power Politics and Population Control. Washington D.C., S. 85; Information Project for Africa 1996. Englisches Originalzitat: «Even though it is quite true that any radical eugenic policy will be for many years politically and psychologically impossible, it will be important for Unesco to see that the eugenic problem is examined with the greatest care, and that the public mind is informed of the issues at stake so that much that now is unthinkable may at least become thinkable.»
11    R. S. Deese: Twilight of Utopias: Julian and Aldous Huxley in the Twentieth Century. In: JSRNC 5.2 (2011) 210–240, S. 210. Originalzitat: «Julian Huxley sketched a vision of ideal polity that was nothing less than global, calling for the creation of a uniled world culture, a new religion predicated on the methods and discoveries of evolutionary biology, and, ultimately, the emergence of a global government.»
12    Das umstrittene Experiment, vorderer Klappentext
13    Das umstrittene Experiment, S. 47.
14    Das umstrittene Experiment, S. 47.