ADHS1 – eine längst fällige Diskussion zu Ende führen

von Dr. phil. Bernadette Fontana, Sonderpädagogin und Psychologin

Es ist nun schon über zwanzig Jahre her, seit die Frage, wie auffälliges Verhalten von Kindern zu erklären und zu behandeln sei, im Raum steht. Beunruhigende Zahlen zum Anstieg von Diagnosen und verschriebenen Medikamenten sorgen kurzfristig für Aufsehen, dann bestimmen andere Tagesaktualitäten die Diskussion. Der folgende Artikel greift die Fragestellungen wieder auf, in der Hoffnung, die längst fällige Auseinandersetzung weiterzuführen.

Heute habe ich meine Pille nicht genommen …

Fabienne sitzt mit ihren Mitschülerinnen beim Mittagessen in ihrer Schule. Ihr Teller ist bereits zum zweiten Mal leer. «Ich habe heute Hunger, ich habe nämlich mein Tablettchen nicht genommen.» Das zierliche, für sein Alter sehr kleine Mädchen steht auf und holt sich verschmitzt lächelnd eine weitere Portion. – «Er braucht die Medikamente, sonst würde er unkontrolliert auf die anderen Kinder losgehen. Das kennen wir von früher», erklärt ein Vater der Lehrerin. – «Mein Sohn war schon immer aktiver und lebendiger als seine Geschwister. Mir gefällt es, wenn er eine eigene Meinung hat und sich nicht einfach allem unterordnet, wie wir es mussten», meint ein Vater. – «Ich bin froh, wenn wir es einmal ohne Medikamente versuchen können. Ich habe immer ein mulmiges Gefühl, wenn ich meinem Kind die Tablette hinlege», gibt eine andere Mutter zu bedenken, «aber man hat mir gesagt, mein Kind brauche das, so wie ein zuckerkrankes Kind Insulin brauche.» – «Ich möchte nicht, dass mein Kind durch Chemie gesteuert wird», sagt ein Vater, als in einem Gespräch zur Diskussion steht, seinem Sohn mit Medikamenten zu einem ruhigeren und konzentrierteren Verhalten zu helfen. – «Die Medikamente absetzen, nein, sicher nicht. Sie sollten meine Tochter einmal zu Hause erleben, wie sie auf ihre jüngere Schwester losgeht, wenn ich mit ihr Hausaufgaben mache. Ohne Medikamente wäre das nicht zum Aushalten», meint eine Mutter entschieden auf die Frage der Lehrerin, ob sie auch schon einmal darüber nachgedacht habe, mit dem Kinderpsychiater über eine Reduktion der täglichen Dosis Ritalin zu sprechen; dies auf Grund ihres positiven Verhaltens in der Schule.

Das sind Äusserungen von Kindern und von Eltern, bei deren Kind in kinderpsychiatrischen Abklärungen ein ADHS diagnostiziert wurde (AD(H)S = Aufmerksamkeitsdefizit-(Hyperaktivitäts)-Syndrom). Die Kinder zeigen mangelnde Aufmerksamkeit, Impulsivität und hyperaktives Verhalten, wodurch sie grosse Schwierigkeiten zu Hause und in der Schule hatten und haben. Die Äusserungen spiegeln die unterschiedlichen Auffassungen, wie das auffällige Verhalten dieser Kinder von ihren Eltern beurteilt werden kann. Sie zeigen aber vor allem auch deren Sorge, ihrem Kind keinen Schaden zufügen zu wollen und alles zu tun, damit es seinen Weg ins Leben findet. Alle Beteiligten haben eine schwierige Zeit hinter sich und viele Versuche, das Problem anzugehen. Bei den meisten stand im Laufe der schulpsychologischen oder kinderpsychiatrischen Abklärungen die Frage im Raum, ob ein Medikament mit psychoaktiven Substanzen hilfreich sein könnte. Viele Kinder und Jugendliche nehmen deshalb Tabletten mit dem Wirkstoff Methylphenidat (zum Beispiel Ritalin, Concerta, Medikinet, Equasym). Gemäss Studien sollen es 40 % aller Kinder sein, denen man ein ADHS zuschreibt.

Die steigende Abgabe dieser Medikamente an Kinder sorgt seit Jahren immer wieder für Diskussionen und Presseartikel. Im letzten August berichtete der Beobachter über eine Zunahme der gelieferten Menge von Methylphenidat an Apotheken in der Schweiz um 810 % im Zeitraum 2000 bis 2014. Diese von Swissmedic veröffentlichten Zahlen entsprechen 100 000 Tabletten à 10 mg täglich.2 Immerhin ein Medikament, das auf der Betäubungsmittelliste steht! Aber es lässt sich damit gut Geld verdienen. Auch wenn die Umsatzzahlen rückläufig sind (es gibt vermehrt Generika), waren es im Jahr 2015 immerhin 366 Millionen US-Dollar, die in der Schweiz mit dem Verkauf von Ritalin umgesetzt wurden.3

Untersuchungen zu Methylphenidat – gesponserte Studien mit wenig Aussagekraft

Im November 2015 berichteten die Medien über eine Untersuchung des Cochrane-Institutes zur Medikamentenabgabe an Kinder mit einem ADHS.4 Die Cochrane Collaboration ist ein weltweites Netz von Wissenschaftlern und Ärzten, die systematische Übersichtsarbeiten zur Bewertung von medizinischen Therapien erstellen, aktuell halten und bewerten. Die wichtigste Vorbedingung, um die Unabhängigkeit der Forschung zu gewährleisten, ist der Verzicht der Forschergruppe auf industrielle oder pharmazeutische Förderung.5 Dadurch sollen ihre Arbeiten systematische Fehler und Bias6 ausschliessen. In der erwähnten Studie widmeten sich die Forscher der Frage, wie schlüssig bisherige Untersuchungen sind, mit denen die Wirkung von Methylphenidat bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS untersucht wurde. Dazu nahmen sie 185 Studien unter die Lupe, in denen Teilnehmer zufällig einer von zwei oder mehreren Test-Gruppen zugeteilt wurden.7 An den Studien hatten 12 245 Kinder oder Jugendliche mit einer ADHS-Diagnose teilgenommen. Die meisten Studien verglichen Methylphenidat mit einem Placebo.8 Die Forscher konstatierten, dass die meisten Studien klein und von niedriger Qualität waren. Sie hielten fest, dass die Medikamente möglicherweise einige der Hauptsymptome von ADHS verbessern können. Die bisher evaluierten Nebenwirkungen (Schlafprobleme und verminderter Appetit) stuften sie als nicht schwerwiegend ein, und kurzfristig stellten sie auch kein erhöhtes Risiko schwerer, lebensgefährlicher Nebenwirkungen fest.

Hier ist anzumerken, dass auch Schlafstörungen und verminderter Appetit zu grossen Problemen im Leben des Kindes und dessen Familie führen können. Die zahlreichen möglichen weiteren, teilweise sehr schwerwiegenden Nebenwirkungen sind auf den entsprechenden Packungsbeilagen aufgeführt.9 Wenn auch nur ein einziges Kind als mögliche Nebenwirkung einen Suizidversuch macht, einen Herzstillstand erleidet oder Wahnvorstellungen hat, so ist das eine menschliche Tragödie.

Die Studie hält weiter fest, dass keine genauen Aussagen gemacht werden konnten, wie stark der Nutzen von Methylphenidat tatsächlich ist. Ebenso wenig konnte überprüft werden, wie sich die Einnahme langfristig auf die körperliche und seelische Entwicklung eines Kindes auswirkt, da die Studien alle über einen kurzen Zeitraum gemacht wurden (vereinzelt bis maximal 14 Monate). Die Behandlung hatte im Durchschnitt jedoch nur 75 Tage (zwischen 1 und 425 Tagen) gedauert. Eine Langzeitwirkung des Medikamentes zu bewerten war nicht möglich, weil Studien fehlten, welche sich mit Kindern und Jugendlichen befassen, die über einen langen Zeitraum Methylphenidat nehmen oder genommen haben und allenfalls schon erwachsen sind. Die Forscher des Cochrane-Netzwerkes forderten deshalb Studien mit längerer Nachbeobachtungszeit, um dieses Risiko besser einschätzen zu können. Sie stellten jedoch fest, dass solche Studien schwierig zu machen seien und mit erheblichen ethischen Bedenken verbunden wären. Ein wichtiges Ergebnis war die mangelhafte Aussagekraft der untersuchten Studien, die als niedrig eingestuft wurde. Die Kritik ging dahin, dass es für die Studienbeteiligten leicht möglich war, herauszufinden, zu welcher der Testgruppen die Kinder gehörten (mit Methylphenidat oder ohne). Dann war die Berichterstattung der Ergebnisse in vielen Studien unvollständig, und je nach Studie schwankten auch die Ergebnisse. Bezüglich der Unabhängigkeit der Forschenden hielt die Cochrane-Gruppe fest, dass 72 (= 40%) der 185 eingeschlossenen Studien von der Industrie finanziert waren.

Zurück bleibt ein berechtigtes Unbehagen: von den produzierenden Firmen gesponserte Studien von niedriger Qualität als Beweis für den Nutzen von Medikamenten für Kinder.

Unsichere Diagnosen – ADHS, eine erfundene Krankheit

Es gibt keinen klinischen Test, um ein ADHS festzustellen. Das im Unterschied zu Krankheiten mit klaren körperlichen Ursachen wie zum Beispiel Diabetes. Bei solchen Krankheiten kann man die Blutwerte überprüfen und feststellen, ob jemand davon betroffen ist oder nicht. Ein medizinisches Messverfahren für die Diagnose eines ADHS ist auch nicht in Sicht. Es wird anhand von bestimmten Kriterien – oft mit Hilfe spezieller Fragebögen – beurteilt. Sie werden von Eltern oder auch Lehrpersonen ausgefüllt: Hat ein Kind Schwierigkeiten, Aufgaben oder Aktivitäten zu organisieren? Zappelt es mit Händen oder Füssen oder rutscht auf dem Stuhl herum? Widerspricht es Erwachsenen? Usw.10 In der Fachliteratur werden zwar eine ganze Reihe von Schritten beschrieben, die bei der Diagnosefindung vollzogen werden müssen.11 Aber auch wenn das Verfahren genauso durchgeführt wird – was nicht immer der Fall ist –, so gibt es letztlich keinen ADHS-Quotienten, keinen Bio-Marker. Alle Werte, Angaben und Beobachtungen müssen interpretiert werden und sind subjektive Entscheidungen des Untersuchenden. Diese Subjektivität zeigt sich auch darin, dass zum Beispiel im Tessin weniger ADHS-Diagnosen gemacht werden und weniger Ritalin verschrieben wird als in der Deutschschweiz. Diese unterschiedliche Verschreibungpraxis hängt nach Oskar Jenny, Leiter der Abteilung Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich, möglicherweise damit zusammen, dass die Erwartungen an die Kinder je nach Kulturraum anders seien. Je nachdem werde eine grössere Abweichung von der Norm toleriert.12

Diagnosen können jedoch schwerwiegende Folgen haben, wie Monika Fry, leitende Ärztin im Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst Graubünden, in einem Artikel in der Schweizerischen Ärztezeitung zu bedenken gibt: «Eine gestellte Diagnose kann sich wesentlich auf das Selbstwertgefühl und somit die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes oder Jugendlichen auswirken. Kinder haben kaum Möglichkeiten, sich gegen Interpretationen ihres Verhaltens durch Erwachsene zu wehren, obwohl sie Wesen mit Eigenaktivität ab dem ersten Atemzug sind.»13 Zu bedenken muss in erster Linie das persönliche Leid geben, das eine falsche Diagnose nach sich ziehen wird.

Noch mehr zu denken gibt das Bekenntnis des «Erfinders» des ADHS: Der amerikanische Psychiater Leon Eisenberg gestand kurz vor seinem Tod dem Medizinjournalisten Jürg Blech, dass ADHS ein Paradebeispiel einer fabrizierten Krankheit sei. Er sei jetzt der Meinung, Kinderpsychiater müssten viel gründlicher die psychosozialen Gründe ermitteln, die zu diesen Verhaltensauffälligkeiten führen könnten.14

Wachsame Volksvertreter – Paradigmenwechsel im Menschenbild

Als nach der Jahrtausendwende vermehrt Kinder zur Schule gingen, die psychoaktive Substanzen wie Ritalin einnahmen, beunruhigte das viele wache Bürgerinnen und Bürger. Die stetig zunehmende Zahl von Diagnosestellungen und die Abgabe von Psychopharmaka an Kinder führte zu parlamentarischen Vorstössen auf kantonaler und nationaler Ebene. Allein der Kantonsrat Zürich befasste sich zum Beispiel zwischen 2004 und 2015 mit sieben Postulaten und einer Interpellation, welche die Abgabe von Ritalin an Kinder und Jugendliche thematisierten.15 So forderte im Jahr 2006 ein Postulat im Kantonsrat Zürich die Erhebung der Diagnosestellung und Behandlung psychischer Störungen in den vergangenen fünf Jahren und ein Monitoring vorerst für die kommenden drei Jahre. Damit sollte geprüft werden, ob der Anstieg der verschriebenen Psychopharmaka zu Lasten anderer therapeutischer Mass-nahmen erfolgt sei und wenn ja, warum. In der Begründung der Anfrage heisst es:

«Die Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie im Kanton Zürich befindet sich in einem Paradigmenwechsel. Ein biologistisches Menschenbild löst das humanistische und sozialwissenschaftliche ab16, und mit diesem verändern sich die Behandlungsweisen von Entwicklungsstörungen, Krankheiten und Verhaltensauffälligkeiten. Psychische Störungen werden vermehrt als biochemische Störungen im Hirn verstanden, und die Behandlung erfolgt zunehmend mit der Gabe von chemischen Substanzen, welche die neurobiologischen Hirnfunktionen so beeinflussen, dass das unerwünschte Verhalten verschwindet. Nach psychosozialen Ursachen und Umweltbedingungen, welche das Auftreten bestimmter Verhaltensauffälligkeiten und psychischer Störungen begünstigen, wird immer weniger gefragt.»17

Diese Entwicklung forderten die Aufmerksamkeit der Politik, verlangten die unterzeichnenden Kantonsrätinnen und wiesen darauf hin, dass sich zum Beispiel die Abgabe von Ritalin oder analoger Medikamente zwischen 1996 und 2000 versiebenfacht habe. Der Regierungsrat beantragte in seiner Antwort, das Postulat nicht zu überweisen. Er begründete das mit der Entwicklung neuer Behandlungsformen, der Therapiefreiheit der behandelnden Ärztinnen und Ärzte, der Überprüfung von Medikamenten durch Swissmedic und den durch ein Monitoring anfallenden Kosten.18 In den folgenden Jahren gab es weitere Postulate, und auch auf nationaler Ebene wurden verschiedentlich parlamentarische Vorstösse zum Thema eingereicht.19 Schliesslich wurde bei der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften ZHAW eine Studie in Auftrag gegeben, die sich mit den gestellten Fragen befasste. Die Studie kam zum Schluss, dass das Medikament sorgfältig verschrieben werde, die Schweiz im Vergleich mit anderen Industriestaaten gut dastehe und auf Bundesebene die nötigen Massnahmen getroffen worden seien.20 Damit wurde die Diskussion zum Thema abgeschlossen.21

«Eingriff in die Freiheit und die Persönlichkeitsrechte des Kindes»

Im Jahre 2011 hatte sich auch die Nationale Ethikkommission NEK-CNE mit der Frage befasst. In ihrem Bericht22 zeigte sie sich besorgt über eine steigende Tendenz von pharmakologischen Eingriffen bei Kindern. Hier würden die Erwachsenen, wenn auch mit dem Ziel, «das Beste zu wollen», über das Kind als noch nicht (voll) urteilsfähige Person entscheiden. Oft gehe es den Eltern darum, dass das Kind im Wettbewerb um Ausbildung und Arbeitsplatz gut bestehe, indem vor allem seine kog-nitiven, aber auch emotionalen und sozialen Fähigkeiten verbessert und seine «Stressresistenz» gesteigert werde. Die NEK-CNE gab aus ethischer Perspektive zu bedenken, dass die Diagnose beispielsweise eines Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms, eines oppositionellen Trotzverhaltens oder einer Angststörung eine fachliche Herausforderung darstelle, weil die Abgrenzung zwischen normalen und krankhaften kindlichen Verhaltensweisen schwierig zu ziehen sei. Man könne der Anpassung kindlichen Verhaltens an bestehende Normen und deren soziale Integration gegenüber positiv eingestellt sein. Die NEK-CNE hatte hier jedoch Bedenken:

«Darin liegt ein Eingriff in die Freiheit und die Persönlichkeitsrechte des Kindes. Weil pharmakologische Wirkstoffe zwar Verhaltensveränderungen verursachen, das Kind aber damit nicht lernt, wie es solche Verhaltensänderungen selbst erzielen kann, wird dem Kind eine wichtige Lernerfahrung für eigenverantwortliches Handeln vorenthalten: nämlich sein Verhalten durch eigene Entscheidungen – und nicht (allein) durch fremde Mittel – zu beeinflussen und damit Verantwortung übernehmen zu können. […] Der Konsum pharmakologischer Mittel kann noch weitere Auswirkungen auf den Charakter haben, weil dem Kind vermittelt wird, dass es nur mit Hilfe solcher Mittel in sozial anerkannter Weise ‹funktioniert›. Insofern seine Charaktereigenschaften medikamentös angepasst und von Psychopharmaka abhängig gemacht werden, hat es Folgen für seine Persönlichkeitsbildung und sein Selbstwertgefühl und könnte die Ausbildung von Mustern für Suchtverhalten begünstigen. […] Der Konformitätsdruck, unter dem Kinder von seiten der Eltern und Bildungseinrichtungen stehen, erzwingt einen Standard an Normalität, der die Toleranz gegenüber Kindlichkeit abnehmen lässt. Auch könnte sich die Vielfalt von Temperamenten und Lebensweisen reduzieren und damit letztlich das Recht des Kindes auf einen offenen Lebensweg gefährdet werden. Die NEK-CNE plädiert dafür, die Lebensverhältnisse den Interessen und Bedürfnissen der Kinder anzupassen.»

Die NEK-CNE forderte deshalb, die gegenwärtige Verschreibungspraxis von Psychopharmaka bei Kindern zu überprüfen, die Ursachen des höheren Verbrauchs zu klären und die Kinder vor übermässigem Gebrauch zu schützen.23

Zu viele Diagnosen – zu viele Medikamente

Seit die Schweiz die Uno-Kinderrechtskonvention (KRK) ratifiziert hat, erfolgt in regelmässigen Abständen eine Einschätzung durch die Uno, wie die Umsetzung der KRK in der Schweiz durchgeführt wird. Der Bericht wurde am 4. Februar 2015 publiziert. Aus den über hundert Empfehlungen wurden diejenigen zur psychischen Gesundheit unserer Kinder und Jugendlichen als vordringlich zu behandelnde ausgewählt. Die Schweiz wurde durch den zuständigen Ausschuss der KRK darauf hingewiesen, dass Kinder in der Schweiz zu häufig die Diagnose Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung ADHS oder Aufmerksamkeitsstörung ADS erhalten würden, des weiteren sei man besorgt über den damit verbundenen Anstieg der Verschreibung von Methylphenidaten wie Ritalin, Concerta und so weiter. Dann war der Ausschuss auch beunruhigt über Berichte, wonach Kindern mit Schulverweis gedroht würde, deren Eltern der Behandlung mit psychotropen Substanzen und anderen Psychostimulanzien nicht zustimmen würden.24

Zusammenfassend heisst es unter dem Titel Psychische Gesundheit (Punkt 60 und 61):

«Der Ausschuss empfiehlt dem Vertragsstaat:

a  Studien zu nicht medikamentösen Diagnose- und Therapieansätzen bei ADHS und ADS durchzuführen;

b  sicherzustellen, dass die Gesundheitsbehörden den Ursprung der Unaufmerksamkeit im Klassenzimmer ermitteln und die Diagnostik von psychischen Gesundheitsproblemen bei Kindern verbessern;

c  die Unterstützung für Familien zu verbessern, einschliesslich des Zugangs zu psychosozialer Beratung und psychologischer Unterstützung, und sicherzustellen, dass Kinder, Eltern, Lehrkräfte und andere Berufsgruppen, die mit und für Kinder arbeiten, angemessene Informationen zu ADHS und ADS erhalten;

d  die notwendigen Massnahmen zu ergreifen, um zu verhindern, dass Druck auf Kinder und Eltern ausgeübt wird, einer Behandlung mit psychotropen Substanzen zuzustimmen.»25

Die Schweiz hat nun bis 2020 Zeit, um diese Empfehlungen umzusetzen. Mit dem Monitoring der Umsetzung ist das Netzwerk Kinderrechte beauftragt. – Der Uno-Bericht löste viel Echo in der Presse aus. Zwar gab es die üblichen Polemiken gegen den «Überbringer» der Nachricht, in diesem Fall Pascal Rudin, Soziologe und Repräsentant der Internationalen Vereinigung der Sozialarbeiter an der Uno. Aber die meisten Presseartikel zeugten davon, dass die Frage der medikamentösen Beeinflussung des Verhaltens von Kindern nach wie vor ungelöst ist und vielen wachen Bürgerinnen und Bürgern Sorge bereitet.

Die entscheidende Frage – das Menschenbild

Unsere nachfolgende Generation braucht unseren Schutz und unsere Sorgfalt beim Umgang mit Schwierigkeiten, die sich ihnen in den Weg stellen. Dazu gehören Kinder mit Symptomen, die unter dem Begriff ADHS zusammengefasst werden. Was in der kantonsrätlichen Motion vor zehn Jahren angesprochen wurde – der Paradigmenwechsel vom humanistisch-sozialwissenschaftlichen zum biologistischen Menschenbild –, ist seither schweigend übergangen worden. Die Diskussion fokussierte sich stark auf die neurobiologische Forschung.26 Hier liegt aber der Schlüssel dafür, wie wir die anstehenden Probleme lösen wollen. Diese Diskussion erfordert einen offenen und ehrlichen Diskurs. Dabei sind unabhängige und kompetente Fachleute gefragt, genauso wie die betroffenen Eltern, Erzieher und Lehrer und wir alle als Bürgerinnen und Bürger, denen die Verantwortung für die nachwachsende Generation am Herzen liegt. •

1  AD(H)S (Aufmerksamkeitsdefizit(hyperaktivi-täts)syndrom) ist eine der am häufigsten diagnostizierten und behandelten psychiatrische Erkrankungen bei Kindern. Diesen Kindern kann es Mühe machen, gut in der Schule zu sein, weil es ihnen schwer fällt, Anweisungen zu befolgen und sich zu konzentrieren. Ihre Verhaltensprobleme beeinträchtigen oft auch ihre Fähigkeit, gut mit der Familie oder mit Freunden auszukommen. Methylphenidat ist das Medikament, das Kindern und Jugendlichen mit ADHS am häufigsten verschrieben wird.

2  Ritalin, Irrglaube Hirndoping. In: Beobachter, 21.8.2015

www.novartis.com/sites/www.novartis.com/files/novartis-annual-report-2015-de.pdf, Zugriff 2.5.2016

4  Storebo, O.J. et al. Methylphenidate for children und adolescents with attention defizit hyperactivity disorder adhd (dt.: Nutzen und Schaden von Methylphenidat bei Kindern und Jugendlichen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom ADHS). Abzurufen unter www.theCochranelibrary.com.

5  vgl. www.cochrane.org

6  durch falsche Untersuchungsmethoden und Voreingenommenheit verursachte Verzerrung von Untersuchungsergebnissen

7  sogenannte randomisierte kontrollierte Studien, RCTs

8  Ein Placebo enthält einen Stoff, der wie Methylphenidat aussieht und schmeckt, aber keinen aktiven Wirkstoff enthält.

9  vgl. www.compendium.ch/mpub/pnr/78405/html/de

10 vgl. ADHD/ODD-Eltern- und Lehrerfragebogen. www.pukzh.ch/default/assets/File/3_1_ADHD_ODD.pdf . Abgerufen 2.5.2016)

11 vgl. zu diesem Thema: Baumann, Thomas und Romedius, Alber. Schulschwierigkeiten: Störungsgerechte Abklärung in der pädiatrischen Praxis. Bern 2011. ISBN 978-3-456-84871-6

12 vgl. Ellner, Susanna. Im Tessin wird Ritalin weniger oft verschrieben als in der Deutschschweiz. Kinderarzt Oskar Jenni im Interview. In: NZZ am 16.1.2013

13 Fry, Monika. Diagnostik wohin. Überlegungen aus der Kinderpsychiatrie. In: Schweizerische Ärztezeitung. 2014; 95:48, 1824

14 Blech, Jörg. Schwermut ohne Scham. In: Der Spiegel 6/6.2.12. S.122-131

15 Die im folgenden erwähnten Vorstösse können auf der Webseite des Kantonsrates abgerufen werden. www.kantonsrat.zh.ch

16 Dieser Wechsel vom humanistischen Menschenbild hin zu einem in der amerikanischen Psychiatrie seit den 1980er Jahren üblichen biologistischen Menschenbild hat nachhaltige Folgen. Vergleiche dazu: Allen, Francis. Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen. 2013. ISBN 978-3-8321-9700-1

17 KR-Nr. 202/2006. Postulat Abgabe von Psychopharmaka in Kinder- und Jugendlichentherapien

18 vgl. Auszug aus dem Protokoll des Regierungsrates des Kantons Zürich. Sitzung vom 25. Oktober 2006

19 unter anderem Nationalrätliche Motionen 11.3878, Psychopharmaka, Freysinger, Oskar. 13.3013, Verschreibung von Ritalin, Kommission für Sicherheit und Soziales. 15.2.2013; 13.3536 Ritalinabgabe von Siebenthal, Erich. 20.6.2013; abzurufen unter www.parlament.ch.

20 vgl. Medienmitteilung des Bundesrates vom19.11.2014:.www.admin.ch/gov/de/start/medienmitteilung.msg-id-55280.html, abgerufen 30.4.2016

21 siehe Protokoll des Zürcher Kantonsrates, 15. Juni 2015

22 NEK-CNE. Über die Verbesserung des Menschen mit pharmakologischen Wirkstoffen. Schweizerische Ärztezeitung. 2011; 43 (vollständige Fassung online unter www.saez.ch) Diese Stellungnahme ist in deutscher, französischer, italienischer und englischer Sprache als Download unter www.nek-cne.ch verfügbar.

23 NEK-CNE. a.a.O.

24 vgl. Vereinte Nationen. Ausschuss für die Rechte des Kindes. Übereinkommen über die Rechte des Kindes. Schlussbemerkungen zum zweiten, dritten und vierten Staatenbericht der Schweiz. Februar 2015

25 Schlussbemerkungen zum zweiten, dritten und vierten Staatenbericht. Februar 2015

26    vgl. Hasler, Felix. Neuromythologie. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung. 2012. ISBN978-3-8376-1580-7