Leserbrief

«Wenn Brexit zum Instrument wird»

Um die aktuelle Entwicklung bezüglich Brexit einzuordnen, sollte man zurückgreifen auf Ausführungen von Professor A. Stahel aus dem Jahr 2012 (Zeit-Fragen Nr. 30 vom 16.7.2012). Er beleuchtet die langfristige Geo- und Militärstrategie der USA für die kommenden Jahrzehnte, die im Bericht «Sustaining U.S. Global Leadership: Priorities for 21st Century Defense» vom 3. Januar 2012 enthalten ist. Demnach richten die USA ihre militärischen Anstrengungen auf den Konflikt mit China, der im Raum zu stehen scheint. Engagement und Truppen der USA würden aus Europa abgezogen. Dennoch wollten die USA ihre Hegemonie für die nächsten hundert Jahre aufrechterhalten. Der strategische Pfeiler in Europa dazu sei, das Zusammengehen von Deutschland und Russland zu verhindern. Die zentrale Aufgabe komme hier Grossbritannien und Frankreich zu.
Durch die Eröffnung einer Frontlinie in der Ukraine konnten wir erfahren, dass die USA es bitterernst meinen. Ungeachtet des Ausgangs der Präsidentenwahl bleibt es auch weiterhin für die USA strategisch essentiell, in Europa die Drohkulisse zu Russ­land aufrechtzuerhalten und zu verstärken. Aufsplitterung und Krisen sind dazu auch ein Mittel der Wahl. Nun konstelliert sich das Intermarium, ein eigenes militärisches Gebilde, als Gürtel zwischen Deutschland und Russland. Das Intermariumsgebiet war bisher in grossen Zügen der Wirtschaftsraum Deutschlands.
Wenn Brexit zum Instrument wird, europäische Länder gegeneinander aufzubringen, könnte das US-Imperium einen Sieg verzeichnen. Teile und herrsche ist ein bewährtes Herrschaftsmittel. Wenn europäische Länder sich der Gesamtsituation bewusst sind und sich ihr entgegenstellen möchten, müssen sie mehr als bisher gutnachbarliche Beziehungen pflegen, keine Misstöne zulassen, funktionsfähige Formen der Zusammenarbeit entwickeln, Streitigkeiten beilegen und so weiter. Kleine regionale Krisen können ausufern, sie eignen sich als Zunder für grosse Katastrophen. Das gilt es zu vermeiden.

Dr. N. P. Ammitzboell, Tobel