Asien gehört den Völkern Asiens

Das Shanghai Forum 2016 – ein Blick aus Serbien

von Zivadin Jovanovic, Belgrad Forum for a World of Equals

Das Thema des kürzlich stattgefundenen 11. Shanghai Forums war «Vernetzbarkeit, Integration und Innovation: Der Aufbau einer Schicksalsgemeinschaft in Asien». Die Arbeit dieses in vielem einzigartigen internationalen Treffens brachte siebenhundert Wissenschaftler, Experten, Politiker und Geschäftsleute aus der ganzen Welt zusammen; während dreier Tage des Symposiums gab es rund 100 Präsentationen. Neben den Teilnehmern aus China und den asiatischen Ländern, welche die Mehrheit der Teilnehmer stellten, kamen zahlreiche andere Teilnehmer aus Europa, Nord- und Südamerika, Afrika und Australien.

Die Anwesenden konnten besonders interessanten Vorträgen des ehemaligen Präsidenten von Indonesien Susilo Bambang Yudhoyono, des Generalsekretärs des Nordischen Rates Dagfinn Høybråten, des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Enrico Letta, der ehemaligen US-Finanzministerin Rosario Marin, des Nobelpreisträgers (2007 für Forschungen zum Klimawandel) Frans Berk­hout, des Professors der Fudan Universität Wu Shinbo, des Direktors im chinesischen Finanzministerium Guoqi Wu, des Vizepräsidenten der Neuen Entwicklungsbank der BRICS Paulo Nogueira Batista und anderer Referenten folgen.

Freier wissenschaftlicher Meinungsaustausch

Der dreitägige freie wissenschaftliche Meinungsaustausch konzentrierte sich auf die Zukunft Asiens, seine wirtschaftliche und technologische Entwicklung im 21. Jahrhundert sowie die Integration und die Rolle in den internationalen Angelegenheiten. Ausgangspunkt war, dass sich Asien in der Zeit nach dem Kalten Krieg als Region mit der dynamischsten wirtschaftlichen, technologischen und wissenschaftlichen Entwicklung in der Welt etabliert hat. Asien ist der grösste Markt in der Welt und leistet einen grossen Beitrag zur Beendigung der Weltwirtschaftskrise sowie zur Wahrung von Frieden und Stabilität. Dementsprechend betonten sowohl chinesische als auch ausländische Teilnehmer, dass Asien eine grössere Rolle bei der Bewältigung der globalen Angelegenheiten, bei der Entschärfung von Keimzellen von Krisen sowie bei der Entscheidungsfindung im allgemeinen spielen sollte. «Wir können nicht mit dem blossem Recht, in den Vereinten Nationen und anderen internationalen Foren zu stimmen, zufrieden sein. Es ist nur natürlich, dass wir an den wirklichen Entscheidungen in allen Fragen teilhaben, die unser gemeinsames Schicksal betreffen.» Dies war eine der prominenten Ansichten von Teilnehmern des Forums.
«Wir müssen uns immer bewusst sein und die gemeinsame Position einnehmen, dass Asien den Völkern Asiens gehört.» Dieser Standpunkt aus der abschliessenden Plenarsitzung war eine Zusammenfassung der vielen konkreten Vorschläge, wie die Zukunft des grössten Kontinents der Welt zu fördern sei. Er war in erster Linie an die Mächte ausserhalb der Region gerichtet, sie sollten davon absehen, sich in die Angelegenheiten Asiens einzumischen.
Streben nach

Verbundenheit und Kooperation

Wirtschaftliche, infrastrukturelle und kulturelle Verbundenheit, eine Kooperation, die allen nutzt, Koordination und Führung – das sind die wichtigsten Voraussetzungen, damit Asien die Rolle übernimmt, die ihm auf globaler Ebene zusteht. Eine breite Integration der asiatischen Länder auf der Grundlage eines umfassenden gemeinsamen Schicksals, der vollen Gleichberechtigung und des gegenseitigen Nutzens ist das natürliche Ziel und der beste Weg Asiens für seinen weiteren Wohlstand und seinen Beitrag zur Erholung der Weltwirtschaft – so eine der häufig ge­äusserten Ansichten.
Um den Prozess der Innovation, Integration und dynamischen Entwicklung zu unterstützen und zu stärken, braucht Asien eine dynamische Führung – das ist die Meinung des renommierten chinesischen Wissenschaftlers Professor Wu Shinbo, einer der Leiter des Instituts für Entwicklung der Fudan Universität. Er ist der Ansicht, dass es selbst dem Verband Südostasiatischer Nationen (ASEAN) an einer dynamischen Führung fehlt, die in der Lage ist, auf die zeitgenössischen Entwicklungsherausforderungen zu antworten.

Wirtschaftliche Macht

Derzeit ist China die zweite und Japan die drittgrösste Wirtschaftsmacht der Welt. Die Wirtschaft von Indien, Indonesien, Kasachstan und anderen asiatischen Ländern wächst schnell, was zu einer dynamischen wirtschaftlichen Entwicklung des gröss­ten Kontinents beiträgt. Japan hat den Vorsitz der ­G-7-Gruppe, während China der ­G-20-Gruppe vorsitzt. China ist der Initiator der Shanghai Cooperation Organization, beherbergt die Neue Entwicklungsbank (NDB), die von den BRICS-Staaten gegründet wurde und die Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB). Die asiatischen Länder und die neuen Finanzinstitute investieren zunehmend in Innovation, erneuerbare Energien und generell in die «grüne» Entwicklung.
Die mehrdimensionale globale Initiative «Ein Gürtel, eine Strasse» (One Belt, One Road), die im Jahre 2013 von Präsident Xi Jinping ins Leben gerufen wurde, eröffnete umfassende Aussichten auf eine schnellere Entwicklung in einem grossen Teil der Welt vom Pazifik bis zum Atlantik. Das Wesen dieser Initiative umfasst Entwicklung, Verbundenheit und den Nutzen für alle. Im Gegensatz zu einigen anderen Initiativen und Verbünden, die eng am freien Handel orientiert und für andere gesperrt sind, ist die Initiative «Ein Gürtel, eine Strasse» breit, offen und entwicklungsorientiert, ohne formelle Mitgliedschaft. Als Beispiel für geschlossene Initiativen wurde ein Verweis auf die Trans Pacific Partnership TPP (USA, Kanada, Mexiko, Japan, Australien, Philippinen, Singapur, Malaysia, Peru, Brunei, Vietnam) gemacht.

Bedeutende Beiträge zur wirtschaftlichen Entwicklung auf globaler Ebene

Es wurde darauf hingewiesen, dass China auch einen bedeutenden Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung auf globaler Ebene leistet, vor allem zur Entwicklung der Entwicklungsländer (Süd-Süd-Kooperation), indem es die veralteten wirtschaftlichen Strukturen ändert, insbesondere durch den Aufbau moderner Infrastrukturen. Dabei benachteiligen weder China noch die neuen internationalen Finanzinstitutionen, die mit chinesischem Kapital oder auf Chinas Initiative hin gegründet wurden (NDB, AIIB), Kreditnehmer, indem sie politische Kriterien verwenden oder sich in ihre inneren Angelegenheiten einmischen.
Diese Aussage wurde vom Vizepräsidenten der Neuen Entwicklungsbank, dem Brasilianer Paulo Nogueira Batista, unterstützt. Er sagte, dass die NDB zwar eine Gründung der BRICS-Staaten, aber keine BRICS-Bank ist, und dass das Gründungskapital der NDB von 50 Milliarden Dollar nicht für die Entwicklung der BRICS-Mitglieder vorgesehen war, sondern für die Entwicklungsländer im allgemeinen. Während er eine behutsame und faire Haltung gegenüber der Weltbank zum Ausdruck brachte und eine Zusammenarbeit mit ihr anbot, zusammen mit der Versicherung, dass die NDB weder Konkurrenz noch Ersatz sei, sondern vielmehr «Hilfe» und «Ergänzung» zum bestehenden System der internationalen Finanzinstitutionen (Weltbank, IWF), sprach Batista mit einem Hauch von Stolz über die Vorteile der NDB. «Wir sind eine rein technische Bank, da die Kreditanträge allein durch die Qualität und Glaubwürdigkeit der Projekte beurteilt und entschieden werden und nicht durch Festlegung ideologischer oder politischer Bedingungen oder Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Länder, die ein Darlehen beantragen», sagt Batista. Er fügte hinzu, dass die NDB jede Darlehensanfrage innerhalb von 6 Monaten löst, im Gegensatz zur Weltbank, wo das Verfahren im Durchschnitt 16 Monate dauert. Die NDB hat nur 100 Mitarbeiter, sagte Batista, und er überliess es dem Publikum, diese Zahl mit der über­grossen und teuren Bürokratie der Weltbank oder dem IWF zu vergleichen.

Interne Integration und Einheit auf der Grundlage gegenseitigen Nutzens

Um sein grosses Entwicklungspotential intensiv zu starten und zu nutzen und vor allem um seiner grundlegenden Rolle und Verantwortung für die globalen Angelegenheiten entsprechend seiner Wirtschaftskraft zu entsprechen, muss Asien zunächst eine interne Integration und Einheit auf der Grundlage gegenseitigen Nutzens erreichen. Alle chinesischen Initiativen sind offen für andere Parteien und zielen nicht darauf, Privilegien zu erwerben oder andere Länder zu dominieren oder zu isolieren. Ein hervorragendes Beispiel dafür ist die Initiative «Ein Gürtel, eine Strasse». Obwohl China über Jahrzehnte Milliarden von Dollar in die wirtschaftliche Entwicklung in der ganzen Welt und besonders in den Entwicklungsländern investiert hat, gab es weder Beschwerden noch irgendwelche Äusserungen, dass es sich in innere Angelegenheiten einmischen oder nach Dominanz oder «Exzellenz» streben würde. Noch setzt China seine Streitkräfte auf der ganzen Welt ein, um die Sicherheit seiner Investitionen zu gewährleisten.
Die asiatischen Länder verfügen über ausreichende Kenntnisse, Weisheit und Willen, ihre Streitigkeiten beizulegen und ihre Beziehungen in gegenseitigem Interesse zu pflegen und dabei Stabilität zu bewahren sowie das Verständnis und die umfassende Zusammenarbeit zu fördern. Diese Ansicht der Teilnehmer des Shanghai Forums klingt wie eine Botschaft an Mächte ausserhalb der Region, die für die eigenen geopolitischen Ziele ungelöste Probleme in den Beziehungen zwischen China und einigen ihrer Nachbarn ausnutzen könnten.

Friedliche Konfliktlösung und keine Einmischung der USA

Es versteht sich von selbst, dass China nicht zufrieden ist und es nicht sein kann, wenn zum Beispiel die USA versuchen, solche Probleme auszunutzen, oder wenn es Vertreter sucht, um den berechtigten Interessen Chinas zu schaden. Ein ernsteres Beispiel für ein solches Problem ist der Streit mit den Philippinen über das Südchinesische Meer.
China bietet seinen beteiligten Nachbarn an, Streit friedlich und in direkten Verhandlungen zu lösen, ohne Beteiligung eines anderen externen Akteurs. Versuchen, dieses Problem zu internationalisieren, fehlt es sowohl an einer Rechtsgrundlage wie an einer politischen Rechtfertigung. Die Internationalisierung führt zu keiner Lösung, sondern vielmehr zu unnötigem Misstrauen, einer Verschlechterung der Atmosphäre und zum Aufschub einer nachhaltigen Lösung. Deshalb ist die Position Chinas gegen eine Internationalisierung legitim und sollte niemanden überraschen. Je eher die direkten Verhandlungen zwischen den beteiligten Parteien akzeptiert werden, desto eher kann eine Lösung zum Nutzen beider Seiten erreicht werden. Es ist in der Tat schwierig zu glauben, dass irgend jemand ausserhalb der Region ein grösseres Interesse für eine gerechte und dauerhafte Lösung als China und andere direkt betroffene Parteien haben könnte. Faktoren der Eskalation sollten deaktiviert und entfernt werden. Das geschieht durch direkte Verhandlungen der beteiligten Parteien und die Umsetzung der Initiative «Ein Gürtel, eine Strasse». Für die letztere ist die Stabilität des Südchinesischen Meeres von grösster Bedeutung.
Das Shanghai Forum wurde 2005 gegründet, und in kürzester Zeit entwickelte es sich zu einem der bekanntesten und einflussreichsten Kongresse der Welt. Traditionellerweise sind die Organisatoren die Fudan-Universität, eine der angesehensten Universitäten der Welt, und die koreanische Higher Studies Foundation. Der Veranstalter ist das Institut für Entwicklung an der Fudan-Universität. Das Forum selbst ist eine nichtstaatliche, gemeinnützige Organisation, das seine Sym­posien regelmässig jedes Jahr im Mai in Shanghai abhält.
Tatsächlich ist das Shanghai Forum ein Treffen von unabhängigen Wissenschaftlern, Philosophen und Denkern im allgemeinen und nicht von Regierungsbeamten, die an der operativen Entscheidungsfindung teilhaben, was jedoch den Wert seiner Erkenntnisse nicht schmälert. Ganz im Gegenteil. Ohne Zweifel fand alles, was auf dem diesjährigen Forum gesagt wurde, schnell seinen Weg zu den wichtigsten Entscheidungszentren auf der ganzen Welt und wird dort sorgfältig geprüft.
Wenn Asien das Zentrum der Weltentwicklung im 21. Jahrhunderts ist, dann ist China das Zentrum der Entwicklung in Asien und die wachsende Weltmacht.    •