Lino und die Zahlen

Anne Flachsmann

zf. Wie ein Kind mit Wissen und Mitgefühl dazu angeleitet werden kann, aus einer schulisch schwierigen Situation herauszuwachsen, beschreibt die erfahrene Primarschullehrerin Anne Flachsmann am Beispiel ihres Mathematikunterrichts. Nicht verschwiegen werden darf, dass Anne Flachsmann neben ihrer reichen Erfahrung als Lehrerin, durch die sie die Lernschritte eines Kindes genau erfassen kann, sich intensiv mit pädagogisch-psychologischen Fragestellungen auseinandergesetzt hat. Deshalb gelingt es ihr auch, Lino in seiner Persönlichkeit genau zu erfassen und dann gezielt die passenden nächsten Lernschritte einzuleiten.
Die genaue Kenntnis des Lehrers darüber, in welcher entwicklungspsychologischen und altersangemessenen Reihenfolge die methodischen Lernschritte zu erfolgen haben, ermöglicht, dass alle Kinder einer Jahrgangsklasse die Lernziele erreichen können.
Das hohe Niveau, das in der Arbeitsweise von Anne Flachsmann zum Ausdruck kommt – welches in der Lehrerausbildung und in der Praxis noch vor wenigen Jahren in den Schweizer Kantonen als Standard gelten konnte – wird mit den neuen Lernmethoden und der dazugehörigen Lehrerausbildung, wie sie im Lehrplan 21 gefordert werden, zerstört. Dieser Lehrplan ignoriert grundlegende entwicklungspsychologische Erkenntnisse des 20. Jahrhunderts und fällt in seiner Didaktik weit in die Zeit vor Comenius zurück.
Es ist zwingend, diesen Lehrplan in den einzelnen Kantonen zu stoppen und die gravierenden Fehlentwicklungen der vergangenen zwanzig Jahre zu korrigieren. Unseren Kindern soll weiterhin die Wohltat des Klassenunterrichts bei einer Lehrerin wie Anne Flachsmann zuteil werden. Mit dem heute vorhandenen pädagogischen Wissen lässt sich dies problemlos erreichen.

Als ich Lino kennenlernte, hatte er mit der zweiten Klasse bereits begonnen. Man sagte mir, dass er in der Mathematik sehr schlecht sei und dass er dort, wo Unsinn veranstaltet wird, anzutreffen sei. Beides stellte sich als zutreffend heraus. Bald fiel mir aber auf, dass Lino auch feinfühlig und sehr witzig ist.
Ich unterrichte sehr gerne Mathematik. Im ersten Schuljahr lösen die Kinder Aufgaben im Zahlenraum bis 20. Am Ende des Jahres beschäftigen sie sich mit Aufgaben wie 19+3 oder 15–9. Diese Aufgaben beinhalten den Zehnerübergang, welcher für den Aufbau der Mathematik sehr wichtig ist.
Bei den Aufgaben der zweiten Klasse kommt der Zehnerübergang wieder vor, allerdings im Hunderterraum (59+3 oder 85–9).
Ich begann die erste Lektion mit dieser Klasse, indem ich ihnen diesen Zusammenhang erklärte. An der Wandtafel rechnete ich ihnen vor und forderte sie auf, immer mitzudenken: «Wer klug ist, rechnet immer mit. So löst ihr zehn Rechnungen, nicht nur die eigene!»

Die Vorteile des Klassenunterrichts nutzen

Als ich mit der ersten Rechnung fertig war, meldete sich Lino: «Das habe ich nicht verstanden.» Ohne Kommentar rechnete ich der Klasse weitere zwei Aufgaben vor und spürte deutlich, dass die Kinder mir aufmerksam folgten. Darauf löste jedes Kind eine Aufgabe an der Wandtafel, wobei die Reihenfolge freiwillig war, die Teilnahme jedoch nicht. Als etwa die Hälfte der zehn Kinder gerechnet hatte, meldete sich Lino wieder: «Ich habe es ein bisschen verstanden.» Als er als Letzter an der Reihe war, bewältigte er die Aufgabe mit meiner Hilfe. Danach meinte er: «Jetzt habe ich es, glaube ich, fast verstanden.» Seine Selbsteinschätzung traf hier wie in anderen Fällen zu. Die Klasse blieb bis zum Schluss aufmerksam und konzentriert.
Mit dieser Vorgehensweise beim Lernen neuer Lerninhalte habe ich guten Erfolg. Die Schüler können einen Rechenvorgang mehrmals nachvollziehen und melden sich erst, wenn sie sich in der Lage fühlen, die Aufgabe zu bewältigen. Weil alle Kinder zu Beginn wissen, dass auch sie vorrechnen werden, denken sie in der Regel mit. So haben sie bereits einige Übung, wenn sie später im eigenen Heft arbeiten sollen. Es entsteht eine ruhige Stimmung, weil alle mitgenommen werden und sie gleichzeitig voneinander lernen können.
Am Ende der Mathematiklektion kam Lino zu mir: «Weisst du, warum ich gerne bei dir Mathematikunterricht habe? Du erklärst es mehrmals und lässt mir Zeit.» Dies war der Auftakt zu unserem gemeinsamen Lernen.
Lino beherrschte die Grundlagen der ersten Klasse tatsächlich nicht und scheiterte oft. Er klammerte sich an irgendwelche Regeln, die er anderswo angewandt hatte. «Aha», erklärte er beispielsweise, «du musst immer die hintere Zahl zur vorderen zählen.» So fiel es ihm äusserst schwer, sich auf meine Erklärungen einzulassen. Ich veranschaulichte meine Gedanken mit wenig ausgesuchtem Material und achtete darauf, ihn nicht mit verschiedensten Lösungsansätzen einzudecken. Und ich stellte mich darauf ein, dass er meist nur einen geringen Teil meiner Anleitung aufnahm. Eine grosse Hilfe hingegen war bei unserer gemeinsamen Arbeit, dass er sehr prompt darüber Auskunft geben konnte, wo er stand.

Die Eltern einbeziehen

Zwei Monate später lernte ich anlässlich des Zeugnisgesprächs seine Mutter kennen. Ich legte ihr dar, dass Lino in der Mathematik nur knapp genügend sei. Mir sei allerdings aufgefallen, dass er in anderen Fächern viele interessante Gedanken einbringe, die von einer wachen Intelligenz zeugen würden. Im Unterschied dazu denke er in Mathematik nicht flüssig mit. Ich sei mir aber sicher, dass ihm dies auch in der Mathematik gelingen könne, zumal ihm dazu nichts fehle.
Die Mutter fühlte ihren Sohn von meiner Schilderung so erfasst, dass sie genauso offen und spontan wie er reagierte. Sie erzählte mir, wie sie als Kind in der Mathematik ebenfalls versagt hatte und ihr Vater dafür kein Verständnis aufbrachte. Obwohl sie inzwischen eine anspruchsvolle Tätigkeit im Sozialwesen bekleide, sitze ihr der Respekt vor den Zahlen noch immer in den Knochen. Beim Lernen mit ihrem Sohn werde sie nervös. Ich konnte dies nachvollziehen und wir entschieden uns, dass die ältere Schwester diese Aufgabe in Zukunft übernehmen werde.
Es war mir im Gespräch gelungen, mit der Mutter von Lino ein Arbeitsbündnis zu schliessen. Die Arbeit mit ihm würde von nun an eine gemeinsame sein.
Bei der Begrüssung am nächsten Morgen sagte Lino als erstes: «Als meine Mutter gestern nach Hause kam, war sie sehr stolz auf mich.» Sie hatte ihn natürlich nicht für die kaum genügende Mathematiknote loben können, aber meine ermutigende Sicht ins Gespräch mit ihrem Sohn einfliessen lassen.

Die Kinder stärken

Nach drei Monaten begannen wir mit dem kleinen Einmaleins. Ich hoffte, dass Lino hier einen besseren Zugang zur Mathematik finden würde. Das Thema beinhaltete keine nicht verstandenen Lerninhalte aus der ersten Klasse und viele Schüler lieben das Einmaleins, weil sie mit Auswendiglernen der Reihen zu guten Resultaten kommen.
Nicht so Lino. Die Zweierreihe schien mir kein Problem für ihn zu sein, da Zweierschritte einfach und bekannt sind. Doch wenn ich ihn nach dem Resultat von 2 mal 2 fragte, erhielt ich keine Antwort. Er hatte sich offenbar noch nicht entschlossen, über Zahlen ernsthaft nachzudenken.
Ohne mich beindrucken zu lassen, lernten wir eine Reihe nach der andern. Die ganze Klasse entwickelte eine zunehmende Begeisterung und lernte gern. Lino auch, jedoch sehr langsam. Es gab Stunden, während denen er höchstens zwei Rechnungen löste – den Rest der Zeit schwatzte oder trödelte er. Auch beim Unfugtreiben war er weiterhin sehr aktiv dabei.
Eines Tages gab ich der Klasse eine Mathematikprüfung zurück. Alle freuten sich, weil sie gute Noten hatten. Lino war der einzige, dessen Note ungenügend war. Er sass da und schaute dem fröhlichen Treiben mit finsterem Blick zu. Er konnte inzwischen die Reihen einigermassen, war aber viel zu langsam. Obwohl er mir leid tat, sagte ich kein tröstendes Wort zu ihm. Die Realität war unumstösslich.
Seinen Humor verlor er allerdings nie. Immer wieder war er beispielsweise der Überzeugung, 6–6 gebe 1. Ich erklärte ihm: «Aber denk mal, wenn du sechs Gummibärchen hast, und ich nehme dir sechs weg, dann hast du doch keines mehr!» Er schaute mich kurz an und erwiderte: «Das sag ich meiner Mutter!»
Bei der nächsten Prüfung kam er sieben Minuten nach Beginn bereits mit dem Blatt in der Hand zu mir. Dies war nichts Ungewöhnliches, er hatte diese Angewohnheit. Mit leuchtenden Augen fragte er mich: «Was denkst du? Komme ich, um dich etwas zu fragen oder weil ich fertig bin?» Ich entgegnete: «In deinen Augen sehe ich, dass du fertig bist.» «Es stimmt", rief er, «ich bin fertig!» Er hatte sich seinen Traum, auch einmal zu den Schnellen zu gehören, erfüllt. Ich war auf das Prüfungsergebnis gespannt und tatsächlich: Alle Rechnungen waren richtig gelöst!
Lino konnte es am nächsten Tag kaum glauben. Die ganze Klasse freute sich mit! Offensichtlich hatte er sich über die bisherigen Niederlagen so geärgert, dass er sich entschloss, auch in der Mathematik vorwärts zu machen.
Nach sieben Monaten war meine Stellvertretung beendet, und ich verabschiedete die Klasse ein letztes Mal. Die Sommerferien begannen. Das Gedränge in der kleinen Garderobe war gross. Alle packten und schwatzten aufgeregt durcheinander. Lino stand im Getümmel vor mir und hatte eine letzte Bitte: «Fragst du mich die Sechserreihe ab?» Diese war gelernt, aber von mir noch nicht überprüft. Ich fragte ihn kurzerhand kreuz und quer ab. Er beantwortete alle Rechnungen in zügigem Tempo fehlerfrei. Gut gelaunt und zufrieden verabschiedete auch er sich.
Ich bedaure es, Lino nicht mehr weiter unterrichten zu können.
Seine Entwicklung ist das Resultat einer Kooperation zwischen Lino, seiner Mutter und mir.
Lino brachte wie alle Kinder den Wunsch mit, auch gut zu sein. Zudem hat er die günstige Gabe, sich mitzuteilen, er ist aktiv und lernt gerne vom Erwachsenen.
Ich brachte viel Unterrichtserfahrung und entscheidend die absolute Sicherheit mit, dass ihm nichts fehlt, um Mathematik zu verstehen. Ich konnte mich einfühlen. Als Schülerin war ich ebenfalls eine schlechte Mathematikerin gewesen. Als ich später Primarlehrerin werden wollte, gab es keinen andern Weg, als das Problem anzugehen. Ein Freund und Lehrer begleitete und unterrichtete mich in dieser Zeit mit grosser Ruhe und Zuversicht. Seine Freude an der Mathematik übertrug sich auf mich. Ich höre ihn heute noch schwärmen: «Heute beginnen wir mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Anne, du wirst es lieben!»
Diese sichere, ruhige Stimmung bringe ich heute meinen Schülern entgegen. Mit wenig didaktischem Firlefanz – bloss mit Kreide, Wandtafel und viel Humor – führe ich die Kinder ins mathematische Denken ein.
Die Freude daran, einem Schüler wie Lino weiterhelfen zu können, ist ein zentraler Grund, weshalb ich immer noch gerne unterrichte.     •