Wie das Fernsehen unsere Jugend beeinflusst

Eine Lehrerin im Dialog mit ihrer Klasse

von Anne Noll

Germany’s Next Topmodel ist eine deutsche Castingshow im Reality-TV-Format des Senders ProSieben. Seit 2005 wird diese Serie jährlich produziert. Bereits die erste Staffel wurde von 2,75 Millionen Zuschauern gesehen. Sie erreichte damit 7,9 Prozent des Gesamtpublikums und 13,5 Prozent der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49jährigen.
Selbsterklärtes Ziel der Sendung ist es, Deutschlands «nächstes Topmodel zu finden». Im Jahr 2010 bewarben sich bereits 21 312 junge Frauen, 2000 standen in Köln für das Casting Schlange, eine zweistellige Anzahl wurde daraus ausgewählt.
Die jungen Frauen treten dann in speziellen Aufgaben, sogenannten «Challenges», gegeneinander an. Beispielsweise wurden die Kandidatinnen mit Salatsauce übergossen, ihnen wurde ein Tintenfisch auf den Kopf gesetzt, oder sie mussten in einer Bar aus Eis posieren. Die Frauen können die gestellten Aufgaben zwar aus persönlichen Gründen, etwa aus Schamgefühl bei freizügigen Fotos oder bei Phobien, verweigern, doch kann sich dies negativ auf Entscheidungen der Jury auswirken. Die Jury, Heidi Klum und zwei weitere Angehörige der Modebranche, bestimmt jeweils, wer ausscheidet und wer in die nächste Runde weiterkommt.
Seit Beginn der Serie werden die Inhalte und die Wirkung auf das Publikum von verschiedenen Seiten scharf kritisiert. 2009 berichtete die «taz» ausserdem, dass bis dahin keine der bisherigen Gewinnerinnen eine internationale Model-Karriere gelungen sei.

Vgl.: Stichwort «Germanys next Topmodel», www.wikipedia.org vom 27.5.2016, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 8.5.2010, Süddeutsche Zeitung vom 17.5.2010

Eltern fragen sich heute vermehrt, woher die jungen Menschen die Vorbilder für ihr Handeln nehmen. Warum ihre Kinder bei Mobbing als Täter oder als Opfer involviert sind, verstehen sie nicht, sind sie sich doch sicher, dass sie selbst ihnen in der Familie eine andere Welt vorleben und ihren Kindern mit Respekt begegnen. Auch ist vielen Eltern das Gehabe fremd, mit dem junge Frauen, fast noch Kinder, sich plötzlich bewegen. Schaut man sich jedoch Fernsehsendungen an, die für Jugendliche produziert und ausgestrahlt werden, versteht man besser, warum diese plötzlich andere Werte leben als ihre Eltern. Mit Hilfe der Medien und dabei insbesondere auch durch das Fernsehen wird heute massiv Einfluss auf die jungen Menschen genommen.
Unbedingt solle ich mir einmal eine Sendung im Fernsehen ansehen, das hatten mir die Schülerinnen meiner 8. Schulklasse sehr empfohlen. In dieser spannenden Serie würden junge Frauen bei einem Wettbewerb mitmachen mit dem Ziel, Model zu werden. Seit drei Jahren unterrichte ich diese Klasse, und neben dem Schulstoff nutzen wir immer wieder Gelegenheiten, alltägliche Vorkommnisse und Fragen des Lebens zu diskutieren.
Neugierig zu erfahren, was die Schülerinnen so fasziniert, sitze ich also vor dem Fernsehapparat. Gerade versucht eine junge Frau, zwischen Felsen über Steine auf ein kleines Podest zuzugehen. Dabei bemüht sie sich, dynamisch zu schreiten, denn das ist der Auftrag an alle Kandidatinnen des heutigen Tages. Bewertet wird ihr Auftritt von der «Jury», den drei Personen, welche in Regiestühlen auf dem Podest thronen.
Am Körper trägt die Frau wenig, eine Art Badeanzug, erweitert um ausladende Bügel mit Metall oder Stoff zwischen Taille und Kopf. Sie stellt ein «Alien» dar, so wurden die Kleider kommentiert, als sie zugeteilt wurden. Ihre Füsse stecken in Gebilden, die man nicht wirklich Schuhe nennen kann und deren Sohlen mindestens 15 Zentimeter hoch sind.
Trotz der Schuhe gelingt es ihr, den Weg auf die Jury zu einigermassen hinter sich zu bringen. Nun wird das Gesicht in Gross­aufnahme eingeblendet. Hoffnung und Unsicherheit spiegeln sich im Gesicht der hübschen jungen Frau. Heidi Klum, ehemaliges Model und Mitglied der Jury, kommentiert diesen Auftritt sinngemäss: «Bei dir hat das nicht so gut funktioniert, du wackelst. Was war mein Auftrag?» Diesen kann die junge Frau nicht wiederholen, sie war nicht aufmerksam, wie sie eingesteht. Weitere abwertende Kommentare der anderen Jurymit­glieder folgen. Jeweils in Grossaufnahme werden die Reaktionen der jungen Frau gezeigt, sie ist beschämt. Auf ihrem Weg zurück folgt ihr die Kamera, man sieht nun von hinten, wie sie versucht, das Gleichgewicht zu halten.
Einigen der Mädchen gelingt es trotz der Schuhe, den Weg auf die Jury hin zügig hinter sich zu bringen, bei anderen ist es eher ein Stolpern. Bereits am Tag vorher hatte sich eine junge Frau einen Zeh verletzt und beim Anblick der Schuhe Sorgen gemacht, wie sie damit gehen solle. Auch das erfahren die Zuschauer. Immer wieder werden Grossaufnahmen der Gesichter eingeblendet: Angst, Hoffnung, Unsicherheit sieht man bei den einen, Keckheit, Herausforderung bei anderen.
«Du hast alles genau so gemacht, wie ich es mir vorgestellt habe.» «Du hast alle Anweisungen umgesetzt.» «Gut war bei dir, dass du bei der Verteilung der Schuhe nicht reklamiert hast. Das kann man bei einem Set nicht gebrauchen.» Solche Komplimente werden an einige der Frauen verteilt.
Mit verschiedenen Mitteln wird die Spannung der Zuschauer aufrechterhalten. Zum Beispiel wird einmal eine Szene eingeblendet, in der drei Frauen gemeinsam vor die Kamera gestellt werden. Ein längeres, erwartungsvolles Schweigen wird von einem Jurymitglied durchbrochen: «Wir hätten euch alle rauswerfen können.» Pause, dramatische Musik. Zwei der jungen Frauen erfahren: «Dir geben wir noch einmal eine Chance.» Artig bedankt sich jede. Der dritten wird mitgeteilt, dass sie nun ausscheidet, ihre grosse Enttäuschung ist offensichtlich. Wiederum Grossaufnahmen, alle Reaktionen werden in langen Einstellungen präsentiert.
Immer wieder werden Szenenausschnitte eingeblendet: Die Frauen im Auto auf dem Weg zum Auftritt, im Camp mit den anderen Teilnehmerinnen, bei der Verteilung der Kleider, beim Anblick der Schuhe. Manchmal sprechen sie einen Kommentar zu ihrem eigenen Auftritt in die Kamera, so als ob sie einer Freundin ihre Gedanken erzählen würden. Auch intime Telefongespräche von Teilnehmerinnen mit der eigenen Mutter bekommen Sendezeit zugeteilt. Auf diese Weise werden die Zuschauer einbezogen in die Selbstbeurteilungen, Befürchtungen, Hoffnungen und Ängste der jungen Frauen.
Während ich zuschaue, wächst meine Empörung über diese Art des Umgangs mit jungen Menschen. Die jungen Frauen und ihre spontanen Gefühle werden regelrecht vorgeführt. Ich denke an meine Schülerinnen. Warum sind sie so begeistert? Und vor allem: Was lernen sie, was nehmen sie mit?

Welche Werte werden den Zuschauerinnen vermittelt?

Bei dieser Sendung mit einer Einschaltquote von 13,5 Prozent (siehe Kasten) geht es nur vordergründig um die Models. Zielgruppe sind eigentlich die Zuschauerinnen, die jungen Frauen im deutschsprachigen Raum. Seit nunmehr zehn Jahren prägt diese Serie das Selbstbild von jungen Frauen mit, ihnen wird dort vorgezeigt, wie sie sein sollen.
Schön sein nach den heutigen Idealen ist Voraussetzung, um überhaupt dabei zu sein, aber das allein reicht nicht. Drei Personen beanspruchen die Macht, Aufträge und Anweisungen zu erteilen. Unter allen Umständen müssen diese von den jungen Frauen umgesetzt werden, wenn sie im Wettbewerb weiter kommen wollen. Dabei müssen sie den eigenen Körper, Schmerzen, das Schamgefühl übergehen, sie geben ihren eigenen Willen auf. Erniedrigungen durch andere Menschen, hier die «Jury», ertragen sie, weil sie die anderen Konkurrentinnen übertreffen und in die nächste Runde kommen wollen. Und ausserdem: Bei Erniedrigungen anderer schauen sie zu, Mitgefühl ist nicht gefragt.
Am nächsten Tag wollen die Schülerinnen unbedingt meine Meinung zu der Serie hören. Betroffen schildere ich ihnen, was ich gesehen und mir dazu überlegt habe. Engagiert und lebhaft entgegnen die Schülerinnen, sie sind voller Bewunderung für die in der Sendung vorgezeigte Welt. Wichtigster Einwand ist, dass die jungen Frauen ja freiwillig mitmachen und deshalb jederzeit aufhören könnten. Sie haben Mühe zu verstehen, dass die Frauen in ihrem Ehrgeiz und der Konkurrenz angesprochen werden und dann Schritt für Schritt in unwürdige Situationen geführt werden. Belohnt wird nämlich, wer sich ohne Widerspruch unterordnet und dabei aber noch keck und herausfordernd bleibt.
Der Gedanke, dass sie selbst die eigentliche Zielgruppe dieser Sendung sind, ist ihnen zunächst fremd. Jedoch sind sie bereit, meine Beobachtungen und Überlegungen anzuhören und wollen sich etwas dazu überlegen. Vor einigen Tagen nun haben sie erzählt, dass einige untereinander weiter diskutiert hätten und nun gerne nochmals gemeinsam mit der ganzen Klasse darüber sprechen wollen.

Im Dialog mit den Jugendlichen

Auch ich habe mir in der Zwischenzeit noch einige Gedanken gemacht. Bei diesem sogenannten Wettbewerb geht es nicht um die Schönheit von zehn Frauen, sondern den Zuschauerinnen und den Zuschauern, die jede Woche eine Stunde lang mitfiebern, sollen bestimmte Wertemuster eingepflanzt werden. Natürliche Regungen wie Widerwillen, Schamgefühl und Schmerzen werden abgewertet. Gelobt und belohnt werden Härte sich selbst und anderen gegenüber. Abgewählt werden die sensiblen, empfindsamen Frauen, die auch einmal eine Schwäche zeigen, weiter nach oben kommen die Frechen, Vorwitzigen, Harten. Auf diese Weise wird ein scharfes Oben und Unten vorgezeigt und eingeübt.
Auf die Überlegungen der Jugendlichen in meiner Klasse bin ich gespannt, und so sind wir mitten in einer wichtigen Auseinandersetzung. Die in dieser Sendung präsentierte Scheinwelt, die mit der gelebten Wirklichkeit nichts zu tun hat, kann durch einen echten Dialog aufgedeckt und vielleicht sogar entzaubert werden. Dieser Dialog kommt in Gang, wenn Erwachsene ihn mit Freude an den jungen Menschen und an der Auseinandersetzung führen. Die Jugendlichen, die mit Hilfe solcher Sendungen manipuliert werden, sind bei ihrer Wertebildung und in ihrer gesamten Entwicklung zu mündigen Erwachsenen auf diesen Dialog angewiesen. Lassen wir sie und ihre Zukunft nicht im Stich!     •