Stiftungen geben in der Bildungspolitik vermehrt den Ton an

von Wolfgang van Biezen

Wenn mit dem «Lehrplan 21» ein gewachsenes und gut funktionierendes Schulsystem fundamental umgekrempelt wird, darüber hinaus wie nebenbei mit dazugehörigen interkantonalen Lehrmitteln die föderale Struktur des Schweizer Bildungswesens weiter geschwächt und einer sich augenreibenden Öffentlichkeit das Produkt einer mehr als zehnjährigen, zum Teil geheimen Arbeit vorgestellt wird, drängen sich Fragen auf: Wem nutzt das Ganze, wer sind die Auftraggeber, wer profitiert und wer finanziert?

Ein nicht zu unterschätzender Beitrag fällt dabei der unauffälligen, aber hocheffizienten Arbeit einiger Stiftungen zu, die mit Geld, jenseits parlamentarischer Kontrolle und Hemmnis, ihre Vision einer ökonomisierten, europaweit kontrollier- und dirigierbaren Schule durchsetzen.1
Die Bertelsmann Stiftung versteht sich als Mutter der strategischen Stiftungen. Eine «strategische Stiftung» durchläuft ein europaweites Ranking, bei dem Bertelsmann bestimmt, was eine gute Stiftung ist und was nicht. Bertelsmann teilt sich in der Folge den europäischen Stiftungsmarkt sowohl geografisch als auch inhaltlich, thematisch mit anderen strategischen Stiftungen auf. Die Netzwerkarbeit beginnt. Das spart Geld und Ressourcen und ermöglicht ein gezieltes, von Bertelsmann kontrolliertes Vorgehen. Ist ein Projekt angedacht, kommt es zur Anschubfinanzierung, was zunächst die beteiligten Akteure in der Verwaltung sowie deren wissenschaftliche Begleitung von Hochschulen und Universitäten einschliesst. Daneben werden hochrangige Behördenmitglieder von Bertelsmann geschult.2
Nachdem die OECD den Wunsch nach einem europaeinheitlichen Bildungssystem geäussert hat und mit der Bologna-Reform auf Hochschulebene bereits der erste Schritt in diese Richtung gemacht worden ist, gehen nun die europäischen Länder daran, ihre Volksschulsysteme anzugleichen. Der Lehrplan 21, den ökonomischen Erfordernissen der OECD entsprechend entwickelt, bei Bertelsmann in Deutschland als Lehrplan für das 21. Jahrhundert ausformuliert, findet sich nun als Schulprojekt 21 in der für das Schweizer Bildungswesen zuständigen Bertelsmann Partnerstiftung, der Jacobs Foundation, bereits 2003 zur hiesigen Implementierung wieder.3

Ernst Buschor, als genauer Kenner der Schweizer Bildungslandschaft, wird 2003 – das Schulprojekt 21 von der Bertelsmann Stiftung mit den heute bekannten Implikationen wie Heterogenität, binnendifferenziertem und kompetenzorientiertem Unterricht, Lehrer als Coach und altersdurchmischtem Lernen und so weiter im Gepäck – ebenfalls Vorstandmitglied der Johann Jacobs Stiftung und fungiert mit seinen vielfältigen Kontakten als Türöffner. Dass Ernst Buschor, bekannt als Erziehungsdirektor des Kantons Zürich und Präsident der Schweizerischen Hochschulplanungskommission, unter anderem gleichzeitig Mitglied des Bertelsmann Stiftungskuratoriums und Vorstandsmitglied der Jacobs Foundation ist, schien seinerzeit niemanden zu stören, zumal über ihn Novitäten wie das PPP (Public Private Partnership = Privatisierung öffentlicher Einrichtungen) und NPM (New Public Management = Führung von Behörden nach ökonomischen Gesichtspunkten) Eingang in das Bildungssystem verschiedener Kantone gefunden haben.
Die Untersuchung von Tonia Bieber, Universität Bremen, erhellt diesen Vorgang, nämlich die mögliche Durchsetzbarkeit der von aussen gesteuerten politischen Einflussnahme in der Schweiz.4

Die «strategische Stiftungsarbeit» nimmt ihren zunächst geheimen Lauf in der Schweizer Bildungslandschaft. Die Anschubfinanzierung der Jacobs Foundation beträgt zunächst 1 Million Franken.5 Verbände wie der landesweite Lehrerverband LCH, die kantonalen Lehrerverbände und die Hochschulen werden zur Mitarbeit eingeladen, deren Führungsspitzen werden unter anderem im stiftungseigenen Seminarhotel Schloss Marbach am Bodensee geschult und Strategien zur Umsetzung an die jeweiligen kantonalen Besonderheiten angepasst und entwickelt.6
Netzwerkmässig im Stiftungsrat der Jacobs Foundation ist Prof. Dr. Jürgen Baumert vertreten, der als Direktor des Max Planck Instituts für Bildungsforschung, Berlin, zuständig für die Pisa-Studien ist. Mit ihm besteht der direkte Draht von der Jacobs Stiftung zur OECD.
Da die bisherigen Kosten des Lehrplans 21, allein durch die jahrelange (geheime) Vorbereitung vor seiner Einführung, für die öffentlichen Hand und damit für den Steuerzahler als erheblich einzustufen sind, wird es höchste Zeit, dass sich die Bürger dieses Landes über die gravierenden Folgen dieses konstruktivistischen Lehrplans für Schüler, Eltern, Lehrer und die Wirtschaft Gedanken machen, dass sie sich informieren, mitreden und mitbestimmen.    •

1    «Die Jacobs Foundation hat zwei Schwerpunkte: die Forschung und Projekte vor Ort. Darauf konzentriert sie ihre Forschungstätigkeit und steigert damit ihre Wirkungskraft, um soziale Prozesse ­positiv zu beeinflussen. Als private Organisation hat sie grosse Handlungsfreiheit. Den Staat kann sie jedoch nicht ersetzen, aber sie kann grosse Risiken eingehen und rascher vorgehen als der Staat. Das ist wichtig, um gesellschaftliche Veränderung auszulösen, eine Art soziale Vorreiterin zu sein. Ich glaube, das gelingt der Jacobs Stiftung gut.» (Rede von Pascal Couchepin anlässlich seines Empfangs als Mitglied des Stiftungsrates der Jacobs Foundation)    
2    Thomas Schuler. Bertelsmann Republik Deutschland. Eine Stiftung macht Politik. Campus Verlag GmbH, Frankfurt a. M. 2010
3    Klaus J. Jacobs, Präsident der Jacobs Foundation, «Jacobs Center for Productive Youth Development», Eröffnungsfeier vom 2. April 2003
4    Eine deutsche Übersetzung des Sonderforschungsberichtes 597 von Tonia Bieber, Bremen: Soft Governance in Education. The Pisa Study and the Bologna Process in Switzerland (Kann auf www.schulforum.ch  abgerufen werden.)
5    Johann Jacobs Stiftung, Jahresbericht 1998, S. 20
6    Johann Jacobs Stiftung, Jahresbericht 1996, S. 7 f.