Bologna, Pisa, Lehrplan 21

Was haben Bildungsreformen mit kultureller Hegemonie zu tun?

von Dieter Sprock

Immer mehr Eltern in ganz Europa fragen sich, was mit den Schulen in ihren Ländern los ist. Ihre Kinder lernen nicht mehr richtig lesen, schreiben und rechnen, und die Eltern verbringen nach ihrer Arbeit Stunden damit, ihnen das beizubringen, was eigentlich die Aufgabe der Schule wäre. Private Lernhilfen haben Konjunktur.
Viele Lehrmeister klagen über die mangelhafte Ausbildungsreife der Bewerber, die oft nicht einmal in der Lage sind, eine Gebrauchsanleitung zu verstehen oder einfache Rechenaufgaben zu lösen.
Und die Hochschulen sind mit Studenten konfrontiert, die nicht selten weder die fachlichen noch die mentalen Voraussetzungen für ein Studium mitbringen. Die Zahl der Studienabbrecher liegt in den meisten Ländern bei 30 Prozent und mehr, in den Technikfächern sogar deutlich höher, bis gegen 50 Prozent.1 Der Wirtschaft fehlen die Fachkräfte.
Die Probleme sind bekannt. Seit mehr als zwanzig Jahren lösen in vielen Ländern Europas gleichgeschaltete Schul- und Studienreformen einander ab, bei denen zwei internationale Organisationen als Hauptakteure wirken, und zwar die OECD, verantwortlich für die Steuerung der Schulentwicklungen durch Pisa, und die EU mit dem Bologna-Prozess auf der Hochschulebene.

Wie Bologna die Hochschullandschaft verändert hat

Am 19. Juni 1999 unterzeichneten die EU-Bildungsminister an der Universität von Bologna eine Absichtserklärung für den europäischen Bildungsraum, die sogenannte «Bologna-Deklaration», mit der Europas Hochschulwesen auf das amerikanische Bachelor/Master-System umgestellt wurde.
Anwesend war auch eine siebenköpfige Schweizer Delegation, bestehend aus Vertretern von Politik und Wissenschaft unter der Leitung von Staatssekretär Charles Kleiber. Dieser unterschrieb die Erklärung – gegen den Rat der mitgereisten Universitäts-Rektoren – ebenfalls, womit auch in der Schweiz ohne vorherige Diskussion die Umstellung auf das angloamerikanische System eingeleitet wurde. Noch eine Woche zuvor hatte die Plenarversammlung der Schweizerischen Hochschulrektorenkonferenz erklärt, dass die vorliegende Deklaration für die Schweiz nicht akzeptabel sei.2
Mit Bologna sollte ein einheitlicher Europäischer Bildungsraum geschaffen und die Studiendauer verkürzt werden. Einheitliche Kriterien und Methoden der Qualitätskontrolle, das European Credit Transfer System (ECTS), sollten die Leistungen in den verschiedenen Studiengängen und Ländern mess- und vergleichbar machen. Damit sollte Mobilität und Beschäftigungsfähigkeit der Studierenden verbessert und die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Universitäten gegenüber der globalen Konkurrenz gesichert werden.
Nichts von dem wurde erreicht. Herausgekommen ist ein marktwirtschaftlich orientiertes bürokratisches Monster, das die Freiheit von Lehre und Forschung einschränkt und die Universitäten zu wirtschaftlichen Unternehmen sowie die Studierenden zu Kunden macht. Kapitalkräftige Unternehmen drängen die Forschung immer mehr in eine Richtung, die Gewinn verspricht. «Mehr Wettbewerb, mehr Leistung, mehr Effizienz. Und vor allem mehr Europa [sprich EU] sind die Losungen», schreibt Matthias Daum in der Zeit.3
Der Zürcher Soziologe und Bologna-Kritiker Kurt Imhof spricht in einem Interview in der Sonntagszeitung von «Bulimie-Lernen: reinfuttern, rauskotzen, vergessen». Die Lehre sei auf den Mainstream verkürzt worden. Und das Lehrpersonal sei gezwungen, «das Wissen zu standardisieren und dann mit Multiple-Choice-Tests abzufragen». Das Wissen werde heute wie durch einen Trichter vermittelt und am Schluss abgeprüft. «Die Studierenden blicken nicht mehr über den Tellerrand hinaus. Sie können sich aus Zeitgründen nicht mehr kritisch mit etwas auseinandersetzen und werden immer mehr eingeschränkt auf das, was gängig ist», sagt Imhof.4

Wie Pisa die Volksschule umgestaltet und die Lerninhalte steuert

Die Umgestaltung der Volksschulen, welche durch die Propagierung individualisierender Lernformen bereits in den späten sechziger Jahren ihren Anfang genommen hat, erhielt durch Pisa neuen Schub. Befeuert durch das überwältigende Medienecho, führte die Veröffentlichung der ersten Testergebnisse zu Anfang unseres Jahrhunderts in einigen europäischen Ländern zum sogenannten «Pisa-Schock». Und in der Folge begannen diese, ganz im Sinne der Pisa-Macher, ihre Bildungspolitik auf ein besseres Abschneiden im «Ländervergleich» auszurichten und die Lerninhalte auf die Tests abzustimmen. Auf diese Weise sollen die Lerninhalte weltweit vereinheitlicht und mess- und kontrollierbar werden. «Der angeblich neutrale Pisa-Test», sagt der Didaktik-Dozent Jochen Krautz in einem Interview in der «Neuen Zürcher Zeitung», «führt zu einem völlig neuen Begriff von Bildung: Es geht nicht mehr um Wissen, sondern um die Fähigkeit, sich anzupassen.»5
Eng mit Pisa verbunden ist die Kompetenz­orientierung. Doch hat Kompetenz im Sinne der Pisa-Tests nichts mit der Vorstellung von kompetenten Menschen zu tun, die wir alle schätzen, sondern führt zu einer handlungsorientierten Banalisierung der Schule.
Die individualisierenden Lernformen bedeuten nicht individuelle Förderung, wie manch einer wohlmeinend geglaubt haben mag, sondern Vereinzelung. Sie zielen auf die Abschaffung des Klassenunterrichts. Die Lehrer sollen die Schüler nicht mehr unterrichten, sondern «Lernbegleiter» sein. Und entsprechend werden die neuen Lehrmittel bereits so verfasst, dass die Schüler mit ihnen und Unterstützung des Internets alleine lernen und ihre Ergebnisse selbst korrigieren sollen. Der Lehrer soll durch den Computer ersetzt werden. Das digitale Klassenzimmer ist längst nicht mehr nur Utopie, obwohl wir nicht erst seit Hattie6 wissen, dass der Lernerfolg ganz wesentlich von der Vermittlung eines Lehrers abhängt. Zu allen Zeiten und überall wussten die Menschen darum und haben deshalb grosse Sorgfalt darauf verwendet, ihren Kindern ihr Wissen und ihre Kultur weiterzugeben.7 Warum nun dieser Bruch?

Zugriff auf die Schweiz und Lehrplan 21

Damit dieser Paradigmenwechsel auch in der Schweiz möglich wurde, musste die Volksschule zumindest teilweise aus ihrer direktdemokratischen Verankerung herausgelöst werden. Die Aufsicht über die Schulen, welche bis vor zehn Jahren Vertreter der Gemeinde- und Bezirksschulpflegen ausübten, die jeweils für vier Jahre vom Volk gewählt wurden, wurde zum Teil schon auf sogenannt professionelle, demokratisch nicht legitimierte «Fachstellen für Schulbeurteilung» übertragen. Und die Hausvorstände, die dem schweizerischen Demokratieverständnis entsprechend als Gleiche unter Gleichen einem Schulhaus vorstanden, wurden durch Schulleiter mit weitreichenden Entscheidungsbefugnissen ersetzt. Beides war notwendig, um die von oben verordneten praxisfremden Reformen durchzusetzen.
Eine Studie, welche an der Universität Bremen im Forschungsbereich «Staatlichkeit im Wandel» (!) von Befürwortern (!) der Reformen gemacht wurde, beschreibt überrascht, wie es gelungen ist, die «Vetospieler» in der Schweiz auszuschalten und durch geschickte Manipulation die innenpolitische Debatte über Reformen des Bildungssystems massgeblich zu prägen.8
Ergebnis dieses Prozesses ist der Lehrplan 21. Mit ihm sollen die bereits vollzogenen Reformen festgeschrieben und die säumigen Schulen gleichgeschaltet werden.

«Warum haben die Pisa gemacht?»

Roman Langer, Soziologe und Assistenzprofessor am Institut für Pädagogik und Psychologie an der Johannes-Keppler-Universität in Linz, geht in seiner Arbeit «Warum haben die Pisa gemacht?» der Frage nach, welche politischen Konstellationen und Absichten dazu geführt haben, dass Pisa entstand und sich durchsetzen konnte.9
Er teilt die Entwicklung in drei Phasen ein, beginnend mit dem sogenannten «Sputnik-Schock», den die USA angesichts des ersten sowjetischen Satelliten im Weltraum 1957 erlebten und den sie mit einer Bildungsinitiative beantworteten.
Auch die zweite Phase begann mit einem Schock, der diesmal durch die katastrophalen Ergebnisse eines nationalen Bildungsberichts, «A Nation at Risk», anfangs der achtziger Jahre in den USA selbst ausgelöst wurde. In der Folge drängte die amerikanische Bundesregierung die OECD unter Androhung ihres Austritts dazu, internationale Bildungsstandards zu entwickeln. Sie wollte damit die Kontrolle über die Bildungspolitik der US-Bundesstaaten erzwingen, die ähnlich wie in der Schweiz die Kantone und in Deutschland die Bundesländer innehaben. Die OECD gab dem Druck nach. Sie wurde damit zum bedeutendsten Bildungsakteur und erfand Pisa.
Die dritte Phase ist durch die Definition einer politisch-ökonomischen Strategie für die EU-Staaten durch den Europäischen Rat gekennzeichnet. Ausgelöst durch den «postsozialistischen Globalisierungsprozess» und schockiert durch die Resultate der ersten Pisa-Tests übernahmen die deutschsprachigen Länder, die Schweiz eingeschlossen, die in den USA entwickelten und von der OECD propagierten Bildungsstandards, obwohl nach Langer die USA selbst, «alles andere als einheitlich positive Erfahrungen» damit gemacht hatten. Auch die Kompetenzmodelle der OECD wurden ohne kritische Prüfung übernommen (Langer, S. 62).

Internationalisierung der Bildungspolitik

Inzwischen gibt es zahllose Studien, die sich mit der Steuerung nationaler Bildungspolitik durch internationale Organisationen wie die OECD und die EU befassen. Die Universität Bremen hat zu diesem Thema eigens einen Sonderforschungsbereich eingerichtet, aus welchem auch das bereits erwähnte Papier «Soft Governance in Education. The Pisa Study and the Bologna Process in Switzerland» stammt.
Die beiden Sozialwissenschaftler Kirstin Martens und Klaus Dieter Wolf untersuchen in ihrer Arbeit über «Paradoxien der Neuen Staatsräson. Die Internationalisierung der Bildungspolitik in der EU und der OECD»10 den wachsenden Einfluss internationaler Organisationen auf die Bildungspolitik der Nationalstaaten und kommen zum Schluss, dass sowohl die EU als auch die OECD in den vergangenen Jahren im Bereich der Reform nationaler Bildungssysteme unerwartet an Bedeutung gewonnen haben. Es überrascht sie, «damit einen Politikbereich auf der internationalen Agenda vorzufinden, der als Teil der Kulturhoheit bisher fest in den nationalen poli­tischen Systemen verankert war». Verwunderlich sei auch «das Ausmass an Gestaltungsmacht», welche beide Organisationen erlangen konnten, obwohl sie «keine rechtliche Zuständigkeit für den Bildungssektor» besitzen. Sie führen diesen Erfolg auf eine «Manipulation innerstaatlicher Kräfteverhältnisse» zurück, bei der beide Organisationen ihren Einfluss auf die politischen Kader der nationalen Regierungen nützten, um ihre Interessen durchzusetzen (Martens und Wolf, S. 145f). Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Einspruch!

Es gibt, wenn man bereit ist hinzuschauen, keinen Zweifel am Einfluss, den die zwei amerikanisch dominierte Organisationen, die OECD und die EU, auf Europas Bildungs­politik ausüben. Und es ist unverständlich, dass die europäischen Länder und leider auch die Schweiz bereit sind, amerikanische Bildungsstandards zu übernehmen, wo doch die USA – einmal abgesehen von einigen Eliteschulen und -universitäten, die nicht nach diesen Vorgaben lehren – für ihr schlechtes Bildungswesen bekannt sind.
Die Folgen dieser verfehlten Politik sind nicht zu übersehen und vielfach beschrieben. Inzwischen gibt es in vielen Ländern Einspruch dagegen. «Einspruch!» ist auch der Name einer in der Schweiz erschienen Broschüre von namhaften Intellektuellen, die inzwischen in vierter erweiterter Auflage mit gegen 10 000 Exemplaren erschienen ist.11
Eltern haben sich zusammengetan und fordern, dass ihre Kinder in der Schule wieder unterrichtet werden.12 Und in den meisten Deutschschweizer Kantonen wurden bereits Initiativen gegen die Einführung des Lehrplans 21 eingereicht, und zwar mit weitaus mehr Stimmen als notwendig gewesen wären.13
Nur die Stimme der Politik fehlt bis heute. Langer spricht von einem Vier-Phasen-Modell im Umgang der Politik mit Kritikern: Zunächst werde die Kritik ignoriert und totgeschwiegen, dann die Kritiker als inkompetent oder von unlauteren Motiven getrieben diffamiert, anschliessend würden vereinzelte Probleme zwar zugestanden, aber im gleichen Atemzug als belanglos bagatellisiert, und schliesslich werde behauptet, dass die Kritik altbekannt und längst widerlegt sei (S. 64). Ich überlasse es dem geneigten Leser zu entscheiden, in welcher Phase wir uns zurzeit befinden.

Was hat das alles mit kultureller Hegemonie zu tun?

Zbigniew Brzezinski, der Verfasser von «Amerikas Strategie der Vorherrschaft» widmet in seinem Buch «Die einzige Weltmacht»14 der «kulturellen Komponente der Weltmacht USA» besondere Aufmerksamkeit. Diese, schreibt er, sei «bisweilen unterschätzt» worden. Amerikas Massenkultur besitze, besonders für die Jugendlichen in aller Welt, eine geradezu magische Anziehungskraft. «Amerikanische Fernsehprogramme und Filme decken etwa drei Viertel des Weltmarktes ab. Die amerikanische Pop-Musik ist ein ebenso beherrschendes Phänomen, während Amerikas Marotten, Essgewohnheiten, ja sogar seine Mode zunehmend imitiert werden. Die Sprache des Internets ist Englisch, und ein überwältigender Teil des Computer-Schnickschnacks stammt ebenfalls aus den USA und bestimmt somit die Inhalte der globalen Kommunikation nicht unwesentlich.» Und schliess­lich sei Amerika zu einem Mekka für jene jungen Leute geworden, die nach einer anspruchsvollen Ausbildung strebten. Annähernd eine halbe Million ausländischer Studenten drängten alljährlich in die USA, und viele der Begabtesten kehrten nie wieder nach Hause zurück. Absolventen amerikanischer Universitäten seien in den Regierungskabinetten aller Herren Länder vertreten. (Brzezinski, S. 46)
Brzezinski lässt keinen Zweifel aufkommen, dass Amerika bereit ist, diese Vorteile zu seinen Gunsten zu nutzen. Die amerikanische Dominanz, schreibt er, basiere auf «einem globalen System unverwechselbar amerikanischen Zuschnitts». Stärker als die früheren Grossmächte stelle Amerikas «globales Ordnungssystem auf die Methode der Einbindung» ab. Ebenso stark setze es auf die «indirekte Einflussnahme auf abhängige ausländische Eliten». (Brzezinski, S. 44f)
Es bleibt nur noch zu hoffen, dass Brzezinskis aufreizende Offenheit auch unsere Politiker zum Nachdenken anregt.    •

1    Schmidt, Mario. Studienabbrecher. Lasst sie nicht fallen. http://www.zeit.de/2014/53/studienabbrecher-studium-hochschule-hochschulpakt/komplettansicht
    Studienabbrüche an Schweizer Universitäten. http://edudoc.ch/record/110176/files/Staffpaper11.pdf 
2    Müller, Barbara. Die Anfänge der Bologna-Reform in der Schweiz. Bern 2012, S. 155
3    Daum, Matthias. Sie können das nicht unterzeichnen! http://www.zeit.de/2012/52/Bologna-Reform-Universitaeten-Schweiz 
4    Sebastian Ramspeck und Balz Spörri im Interview mit Kurt Imhof, SonntagsZeitung vom 31.10.2009
5    Krautz, Jochen. Den Pisa-Test sollte man abschaffen, Interview mit Claudia Wirz in der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 14.7.2014
6    Hattie, John. Lernen sichtbar machen. Baltmannsweiler 2015, 3. erweiterte Auflage
7    Felten, Michael. Auf die Lehrer kommt es an!
Gütersloh 2010
8    Bieber, Tonia. Soft Governance in Education. The PISA Study and the Bologna Process in Switzerland. TranState Working Paper No. 117, Bremen 2010. Eine deutsche Übersetzung finden Sie unter www.schulforum.ch 
9    Langer, Roman. Warum haben die Pisa gemacht? In: Warum tun die das? Governanceanalysen zum Steuerungshandeln in der Schulentwicklung. Wiesbaden 2008. S. 49–72
10    Martens, Kersten und Wolf, Klaus Dieter. Zeitschrift für Internationale Beziehungen. 13. Jg. (2006) Heft 2, S. 145-176, www.kj.nomos.de/fileadmin/zib/doc/Aufsatz_06_02.pdf 
11    Pichard, Alain und Kissling, Beat (Hrsg.). Einspruch! Kritische Gedanken zu Bologna, Harmos und Lehrplan 21
12    www.elternfuereinegutevolksschule.ch/Eltern_fuer_eine_gute_Volksschule/Willkommen.html 
13    www.lehrplan21-nein.ch/media/aktuelles/20160210_karte_ch_gegen_lp21_beiblatt.pdf 
14    Brzezinski, Zbigniew. Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie zur Vorherrschaft. Frankfurt am Main 1999