Die Bedeutung des Singens für das Gemüt

von Rita Brügger

Kinder lieben Musik. Sie singen gerne. In einem Kinderlied heisst es denn auch: «Singe macht eus fröhlich – Singe git eus Schwung …». Singen bedeutet noch sehr viel mehr und ist von unschätzbaren Wert, dies aus ganz verschiedenen Gründen.

Die Gemeinschaft beim Singen

Eine Gruppe Kinder sitzt in den Ferien zusammen. Sie verbringen zwei Wochen gemeinsam mit Lernen, verrichten Aufgaben in Haus und Garten und pflegen die Gemeinschaft. Stets beginnt der Morgen im Singkreis. Volkslieder werden gesungen, Ernsthaftes und Lustiges. Es sind einige Texte dabei, die die kleineren Kinder nicht gleich verstehen. Grössere erklären, was gemeint ist, wenn gesungen wird: «… denn der Wind treibt Regen übers Land. Holt die goldnen Garben!» Die Kinder sprechen darüber, wie es heute ist, wie es früher war, wie das Korn eingebracht wird und woher das Brot kommt.
Singen verbindet. Alle tun etwas miteinander. Jeder ist gefragt. Die Grösseren helfen die Liedblätter austeilen. Die Kleineren hören genau zu, was die älteren Kameraden singen. Jeden Tag können sie besser mithalten. Der Chorgesang tönt schön, wenn alle Stimmen dabei sind, und er ist beglückend.

Singen schafft Freude und ist Gemütspflege

So war es auch in unserer Klasse, damals in der Primarschule. Jeder Tag begann mit Gesang. Wir lernten Lieder aus der Heimat, Wanderlieder, Lumpenliedchen. Teilweise sangen wir schon in verschiedenen Stimmlagen und oft auch im Kanon. Nach dem gesanglichen Tagesanfang im Klassenzimmer machten wir uns dann ans Lernen. Der gemütvolle Beginn der Stunde, die Freude am Singen gaben Schwung fürs Rechnen, Lesen, Schreiben. Das Lernen wurde damit leichter.
In der Oberstufe gab es neben den allgemeinen Singstunden auch das Chorsingen, bei dem viele von uns freiwillig teilnahmen. Anspruchsvollere Melodien wurden da gesungen. Wir waren stolz, hin und wieder etwas mit dem Chor vortragen zu dürfen.

Gesang in der Familie und bei der Arbeit

Manch eines der gelernten Lieder kannten wir bald auswendig. Nicht erst in der Schule war es, dass wir diese Volkslieder hörten. Auch in der Familie war Singen Tradition. Stolz erzählte unser Vater von früher und dass er im Kirchenchor den «Messias» gesungen habe. Bei guter Laune hörten wir ihn eines Morgens vor dem Haus singen: «Am Brunnen vor dem Tore», ein wunderschönes Volkslied. Wenn im Radio «Han ame Ort es Blüemli gseh» erklang, dann liefen dem sonst recht ernsten Mann schon mal die Tränen übers Gesicht, vor lauter Rührung über den Inhalt und die melancholische Melodie des Liedes. Auch Mutter kannte viele Lieder und sang bisweilen bei der Arbeit. Uns Kinder begleitete das Singen beim täglichen Abwasch, so wie es in vielen Familien Brauch war. Wir gaben all die Lieder zum besten, die wir kannten, von «Chumm mer wie go Chrieseli günne» bis «es wott es Fraueli z Märit go».

Wanderlieder

In besonderer Erinnerung sind mir all die vielen Ferienlager mit den langen Wanderungen in den Bergen. Bin ich heute mit dem Rucksack unterwegs, kommt es mir wieder in den Sinn, wie wir gesungen haben: «Wir wollen zu Land ausfahren, über die Fluren weit – aufwärts zu den klaren Gipfeln der Einsamkeit …» Wie geht nur noch der Text weiter? frage ich mich. Da war doch etwas mit Bergbach und Wind, gerne möchte ich es wieder singen. Es lässt mir keine Ruhe. Nach und nach kommen mir weitere Textstellen in den Sinn, bis ich das Lied ganz beisammen habe.
An andere Lieder erinnere ich mich. Stundenlang haben wir gesungen. Am Lagerfeuer war es immer eine besonders feierliche Stimmung, zum Beispiel wenn der Kanon «Abendstille überall» ertönte, und wir uns dabei miteinander verbunden fühlten.

Schöne Texte

Am Altersnachmittag dürfen sich die Senioren jeweils anlässlich ihres Geburtstages ein Lied wünschen. Jedesmal staune ich, welch inhaltsreiche Texte diese Volkslieder, die gewünscht werden, haben. Da gibt es Lieder, welche die Natur und die Jahreszeiten besingen, wie beispielsweise «d Zyt isch do, d Zyt isch do, rüefts uf em Nussbaum scho Guggu» oder «Bunt sind schon die Wälder, gelb die Stoppelfelder und der Herbst beginnt». Andere bringen die Schönheit unseres Landes zum Ausdruck mit den Bergen, den Seen und dem Brauchtum, das über Jahrhunderte gepflegt wurde. Eines dieser Lieder, bei denen ich stets eine Gänsehaut bekomme, ist «Luegit vo Bärg und Tal, flieht scho de Sunnestrahl, luegit uf Aue und Matte …». Der ansprechende Text und die dazu passende Melodie drücken die Freude am Land und seinen Leuten aus. Kein Wunder, dass viele Senioren, selbst wenn ihr Gedächtnis nachlässt, die Lieder noch immer im Kopf und damit auch in ihrem Herzen haben.

Geschichte und Kulturgut

Beim Durchblättern eines Liederbuches fällt auf, wie alt teilweise die allseits bekannten Volkslieder sind. Von der Sprache her ist es manchmal bemerkbar, sind doch Ausdrücke enthalten, die wir so heute nicht mehr verwenden wie im Jägerlied aus dem 16. Jahrhundert: «Es taget vor dem Walde, stand uf Kätterlin! Die Hasen laufen balde, stand uf Kätterlin! Holder Buel, hei-a-ho …»
Inhaltlich sind diese Lieder ein wahrer Fundus in Geschichtskunde. Wie oft ist da von Armut die Rede und von Waisenknaben, die am Grabe der Eltern stehen. Auch der Krieg und das Söldnertum kommen in vielen Liedern zur Sprache. Da ist der «Jungknab» im Lied «Im Aargäu sind zwöi Liebi», der seine Braut verlässt, um in den Krieg zu ziehen. Nach seiner Heimkehr hat sie einen anderen Schatz gefunden. Wie wahr auch die Zeile «im Röseligarte z Mailand hetts no für mänge Platz» aus dem Lied «s wott aber e luschtige Summer gäh». Dieses Lied entstand in Erinnerung an die Schlacht von Marignano.

Jodellieder

Zur Schweizer Singkultur gehört auch das Jodeln. Jodeln zu lernen braucht eine besondere Technik und kann nicht ohne weiteres ausgeübt werden. Hat man aber das Vergnügen, als Zuhörer einmal an einem Jodlerfest dabei zu sein oder jodelnden Menschen zu begegnen, dann lohnt es sich, auf die Liedtexte genau zu achten. In Volksmusiksendungen am Radio ist dieses Vergnügen auch noch zu erleben. Dann staunt man, was dieses Kulturgut neben den einmaligen Klängen und den gut abgestimmten Melodien beinhaltet. Besonders auch in den Jodeltexten werden das Leben der Leute im Land, die Natur, Feste, Bräuche und Gepflogenheiten beschrieben. Es geht oft um Freundschaften, um Wertehaltungen wie das Lied vom «Schacherseppli», der über sein einfaches Leben berichtet und dabei Humor, Freude und Zufriedenheit ausstrahlt.

Fremdsprachige Lieder

Auf ganz natürliche Weise knüpften wir durch die Lieder auch erste Kontakte zu anderen Sprachen. Da die Schweiz viersprachig ist, gehören zum Liedgut selbstverständlich auch Lieder in französischer, italienischer und romanischer Sprache. Spielerisch lernten wir so beim Singen von «Un kilometre à pied, ça use, ça use …» die Zahlen auf französisch, weil stets ein neuer, zu Fuss zurückgelegter Kilometer beim Weitersingen und Marschieren dazu kommt. Auch Tessinerlieder wie «Vieni sulla barchetta» waren uns als Kind schon geläufig. Das heisst nicht, dass wir den Text immer verstanden hätten. Aber klar war, das ist eines unserer Lieder, genauso wie das schöne romanische Schlaflied «Dorma bain» oder das bekannte «La haut sur la montagne».

Singen heute

Auch die Kinder, die heute aufwachsen, lieben das Singen, genauso wie wir. Zum Glück gibt es immer noch Lehrer und Lehrerinnen, die ihren Schülern Lieder beibringen mit ansprechenden Melodien und einem bereichernden Inhalt. Bei guter Stimmung ist miteinander Singen überaus wertvoll. Das gereimte Wort, das die Kinder so lieben, nehmen sie mit dem Singen eines Liedes in ihr Gedächtnis und ins Gemüt auf. Es ist zu hoffen, dass auch sie sich im Alter gerne an die Lieder zurückerinnern, an das, was sie selber gesungen und gar auswendig gelernt haben. Es bleibt ihnen wie ein kostbarer Schatz.
In nichts ist es vergleichbar mit diesen gekünstelten Bühnenauftritten, die in letzter Zeit in Mode gekommen sind, in denen Kinder zu Playbackmusik mit einem Mikrofon in der Hand Starallüren entwickeln und später bitter erkennen müssen, dass vieles flau und oberflächlich bleibt.

Vermehrt wieder Singen

Meine Schwester hat sich kürzlich als in Berlin lebende Schweizerin zu ihrer Geburtstagsfeier einen Strauss Lieder gewünscht. Und so haben wir, die Schweizer Gäste, ohne grosses Proben aus unserem Erfahrungsschatz ein kleines Ständchen gegeben. Die deutschen Nachbarn und Freunde konnten bei «Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerszeit» gleich mitsingen. Unsere Schweizer Lieder wurden mit Freude gehört und haben bei der Jubilarin sowie bei Zuhörern und Sängern gleicherlei Zufriedenheit hinterlassen.
Singen wir wieder vermehrt all die schönen überlieferten Lieder von hier und aus aller Welt! Dabei gibt es auch immer wieder neue Trouvaillen zu entdecken, die einen erfreuen. Was ich im Baselbieterlied* gefunden habe, möchte ich den Lesern nicht vorenthalten:

Me seit vom Baselbieter und redt ihm öppe no,
er säg nu: «mir wei luege», er chönnt nid säge: «Jo».
Doch tuesch ihn öppe froge: «witdu für’s Recht istoh?»
Do heisst’s nit, dass mer luege well, do sägen
alli: «Jo!» 
                                                                 •

*    Baselbieterlied

Man spricht vom Baselbieter
und sagt ihm manchmal nach,
er sage nur: «wir wollen schauen»,
er kann nicht einfach sagen: «Ja».
Doch fragst du ihn einmal:
«Willst du fürs Recht einstehen?»
Da heisst es nicht, man wolle schauen
Da sagen alle «Ja!»
(Baselbiet ist die mundartliche Bezeichnung für den Kanton Basel-Landschaft)