Die Absurdität des heutigen Kreditwesens

von Myret Zaki, Chefredaktorin der Westschweizer Wirtschaftszeitschrift «Bilan»

Wenn es darum geht, einen Kredit zu bekommen, ist die Diskrepanz zwischen grossen und kleinen Unternehmen besorgniserregend. Erstere finanzieren sich kostenlos auf dem Kapitalmarkt. Letztere haben grösste Mühe, einen Kredit zu erlangen; sie haben nicht die kritische Grösse, um bei den Banken zu günstigen Bedingungen einen Kredit aufnehmen zu können. Wenn man sich bewusst macht, dass es diese kleinen Betriebe sind, die den grössten Teil der Schweizer Wirtschaft ausmachen – und dies ist in allen europäischen Ländern der Fall –, so ist diese Entwicklung zu bedauern. Darüber hinaus kann man sich fragen, ob es unter diesen Umständen noch erstaunlich ist, dass in den OECD-Ländern der wirtschaftliche Wachstumsstillstand chronisch geworden ist.
Die nicht börsenkotierten kleineren und mittleren Unternehmungen (KMU) haben überall in Europa Schwierigkeiten, von den Banken Kredite zu erhalten. Der Grund dafür sind die anspruchsvollen Anforderungen der Banken, die vertiefte Schulden- und Rentabilitätsanalysen verlangen, und zwar unabhängig vom gewünschten Kreditbetrag und von der Grösse der Firma.
Dies bedeutet hohe Bearbeitungsgebühren, die für die KMU hohe Zinsen bedeuten. In der Westschweiz belaufen sich die Zinsen für Bankkredite, sogar bei staatlich abgesicherten KMUs, auf durchschnittliche 4,5 %. Man kann sich schon fragen, welche realen Risiken Banken bei einem Kredit von 200 000 Franken eingehen, wenn sie gleichzeitig auf dem Kapitalmarkt mehrere Milliarden aufs Spiel setzen.
Den hohen Kreditkosten für Kleinunternehmen steht die unglaubliche Leichtigkeit entgegen, mit der grosse Unternehmen Zugang zu riesigen Summen an Bargeld erhalten. Diese Kredite sind nicht nur kostenlos (Zinsraten nahe bei 0 %), sondern vor kurzem haben Konzerne wie Henkel in Deutschland oder Sanofi in Frankreich zum ersten Mal Anleihen zu negativen Zinsen aufgelegt. Das heisst mit anderen Worten, dass sie für ihre Verschuldung entschädigt werden!
Andere werden bald folgen und Anleihen mit Coupons tiefer als Null auflegen. Willkommen im Zeitalter der garantierten Verluste für Anleger und des Helikoptergeldes für Grossunternehmen! Solche Firmenanleihen sind möglich, weil die Europäische Zentralbank Unternehmensobligationen aufkauft. Seit Jahren versucht die EZB, das Wachstum anzukurbeln, indem sie europäische Staatsanleihen in Milliardenhöhe aufkauft. Als diese Politik nicht fruchtete, hat die EZB in diesem Jahr begonnen, Unternehmensanleihen aufzukaufen, was deren Preis ansteigen und die Rendite bis in den negativen Bereich absinken liess. Mehr als 700 Milliarden Euro an europäischen Schuldverschreibungen mit Anlagequalität, das heisst 30 % des Marktes, werden bereits zu negativen Zinssätzen abgewickelt.
Welches Interesse haben nun Grossunternehmen, ihre Märkte, ihre Innovationen, ihre Effizienz auszubauen, wenn sich durch Verschuldung Geld verdienen lässt? Sie können sich damit begnügen, grundlos Geld zu leihen, anstatt aktiv Wachstum, Produktion und Arbeitsplätze zu generieren. Als es noch posi­tive Zinssätze gab, war deren Funktion, Anreize zu schaffen, damit die Schuldnerfirma diesen Kredit auf produktive Weise arbeiten liess, um später seinen Gläubigern Kapital und Zinsen zurückzahlen und darüber hinaus für die erbrachte Arbeit einen Gewinn für sich sichern zu können. Zurzeit ist dieses Vorgehen ausgeschaltet.
Einerseits zahlen nun die KMU – die Lunge unserer Wirtschaft – hohe Zinsen, wenn sie das Glück haben, die spezifischen Bedingungen der Banken zu erfüllen. Anderseits verdienen die Grossunternehmen, die Zugang zum Kapitalmarkt haben, durch Verschuldung viel Geld. So ist es leichter zu verstehen, weshalb die Produktivität in Europa auf dem Nullpunkt ist, obwohl sie der entscheidende Faktor für die Verbesserung der Lebensbedingungen ist.    •

Quelle: Bilan vom 21.9.2016

(Übersetzung Zeit-Fragen)