Lehrplan 21 – der Widerstand wächst

EDK richtet ein Bildungsdesaster an und ruiniert den Bildungsstandort Schweiz

In 11 Kantonen der 21 Deutschschweizer Kantone wurden Initiativen gegen den Lehrplan 21 lanciert. In den nächsten Monaten wird schon in verschiedenen Kantonen abgestimmt. Der Widerstand gegen das bürokratisch von oben verordnete Diktat ist gross – grösser als von der Bildungsbürokratie erwartet. Der Lehrplan 21 droht zur Makulatur zu werden. Mit immer neuen Winkelzügen versuchen nun Behörden und Lobbygruppen, den untauglichen Lehrplan einzuführen.

Totalumbau der Schweizer Bildungslandschaft

Rl. Das kommende Bildungsdesaster, das die Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK-D) und ihr Mitarbeiterstab organisieren, zeichnet sich schon seit einigen Jahren klar ab. Die Mängel am Lehrplan 21 sind ausgiebig analysiert und deutlich benannt worden. Doch die EDK und ihr Expertentross wirken geradezu faktenimprägniert und tatsachenresistent. Stur wird am Lehrplan 21 festgehalten. Dieses angesichts der Tatsache, dass ihr eigentlicher Auftrag lautete, nur die Übergänge und Bildungsziele unter den Kantonen zu «harmonisieren», nicht aber einen Totalumbau der Schweizer Bildungslandschaft vorzunehmen. Die Folgen dieses verantwortungslosen Vorgehens werden kommende Generationen tragen müssen.

Uneffektiver Unterricht

Bevor auf die Winkelzüge bei der Einführung und auf die Folgen dieses Lehrplans eingegangen wird, sollen kurz seine gravierendsten Mängel ins Gedächtnis gerufen werden: Hauptkritikpunkt am Lehrplan 21 ist sein untaugliches Bildungs- und Lernverständnis. Obwohl die weltweit einzigartige Megastudie des australischen Bildungsforschers John Hattie (2013) auch hierzulande in Fachkreisen anerkennend zitiert wurde, fanden seine grundlegenden Hinweise auf die Unbrauchbarkeit eines konstruktivistischen Unterrichtsverständnisses keinen Einzug in den Lehrplan 21. Sie sind die Opfer des Lehrplans 21: Kinder, die sich «selbstorganisiert» den Unterrichtsstoff alleine – «individuell» – beibringen sollen! Das widerspricht deutlich einem stringenten, gut geführten und anregenden Unterricht, wie ihn Hattie aus über 50 000 empirischen Untersuchungen als effektiv herausarbeitet hat!

Lehrplan 21 – googlen statt Wissen

Unser Wissen, das in den vergangenen Jahrhunderten erarbeitet wurde, wurde in pädagogisch und sachlogisch angepassten Fachdidaktiken für den Unterricht umgesetzt, die den Schülerinnen und Schülern ermöglichen, sich ein fundiertes Fachwissen anzueignen. Durch neue Sammelfächer (zum Beispiel Natur, Umwelt und Gesellschaft) im Lehrplan 21 wird ein Wissensaufbau zur Lotteriefrage. Ein systematischer Wissensaufbau, welcher der vorgegebenen Wissensstruktur entspricht, wird so geradezu aktiv verhindert. Da nutzt es den Schulabgängern nichts, wenn sie «googlen» können. Ohne Wissensfundament hilft ihnen auch kein Gegoogle. Statt «Selbständigkeit» führt diese Form des Unterrichts zur Unbildung und damit zur Unmündigkeit (Konrad Liessmann. Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Wien 2014).

Soziales Lernen vernachlässigt

Durch das unbrauchbare Lernverständnis des Lehrplans verkommt schliesslich auch das soziale Lernen, welches bisher in einer Klassengemeinschaft, geführt von einer Lehrperson, ermöglicht wurde, zu einem losen Zusammentreffen in einem Raum («Lernumgebung»), bei dem ein «Lernbegleiter» beratend zur Seite steht. Konstante und länger andauernde Zusammenarbeit kann nicht mehr trainiert werden, die dabei entstehenden Konflikte fallen weg, und konstruktive Konfliktlösungsmodelle können nicht mehr erlernt werden. Dazu gehört auch das bündige dauerhafte Zusammenarbeiten mit einer Lehrperson (einem «Vorgesetzten» in der späteren Arbeitswelt), sie bleibt nun oberflächlich.

Indoktrination statt Freiheit

Ein weiteres, heute allgemein nicht mehr so ausführlich diskutiertes Problem liegt in der weitreichenden staatlichen Beeinflussung der Kinder. Beispielhaft steht dafür der umstrittene Sexualunterricht nach Gender-Richtlinien der Uno (LBGT). Als der Widerstand gegen diese Indoktrination 2013 immer lauter wurde, wurden bezeichnenderweise einige Wörter in der 2. Auflage des Lehrplans 21 ausgetauscht. Inhaltlich bleibt alles beim Alten. Weniger bekannt, aber ähnlich weitreichend in seinem Anspruch, ist das neue Welt- und Umweltverständnis (unter anderem Bildung für nachhaltige Entwicklung), mit dem sich der Lehrplan von den christlich-abendländischen Traditionen stillschweigend verabschiedet – unhinterfragt.
Nimmt man den Kompetenzbegriff des Lehrplans hinzu, dass man nicht nur «wissen» und «können» soll, sondern auch «wollen» muss, dann bekommt diese Indoktrination eine geradezu üble Wendung. Sicher ist: Mit dem Lehrplan 21 werden keine mündigen und freien Bürgerinnen und Bürger erzogen.

Ein toter Gaul

Fachlich, politisch und ethisch ist der Lehrplan 21 nicht zu halten. Er gehört auf den Müllhaufen der Geschichte. Doch mit welchen Mitteln und Tricks wurde und wird nun versucht, diesen toten Gaul ins Rennen zu schicken? Dazu einige Fakten:

Lehrplan 21 – an Volk und Fachleuten vorbei

Dass der Lehrplan 21 kein Schweizer Kind ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Seine Mutter ist eine gescheiterte US-amerikanische «Bildungsoffensive» (Diane Ravitch), und sein Vater kommt aus den Vorzimmern der Pariser OECD (Andreas Schleicher). Die Erstellung des Lehrplans 21 hatte in der Schweiz keinen zwingenden Hintergrund (vgl. Dieter Sprock. Bologna, Pisa, Lehrplan 21. Zeit-Fragen Nr. 20/21 vom 13. September). Es lagen schon 2011 konkrete Vorschläge der EDK vor, welche schulischen Inhalte von den Schülerinnen und Schülern in allen Kantonen zu welchem Zeitpunkt zu erreichen sind, um so den Verfassungsauftrag von 2006 zur Harmonisierung zu erfüllen. Doch interessanterweise startete die EDK-Administration mit dem Projekt «Lehrplan 21» schon viel früher! Schon 2004 – zwei Jahre vor der Annahme des Bildungsartikels zur Harmonisierung in der Bundesverfassung – plante sie das HarmoS-Konkordat als «strategisch prioritäres Projekt» mit Kompetenzorientierung. Der Lehrplan 21 ist die Weiterentwicklung dieses unbrauchbaren konstruktivistischen Ansatzes aus den USA. Ein wahrer Schildbürgerstreich in seiner wahnhaften Perfektionierung und Hanswurstigkeit.

Unter Verschwiegenheitsklausel

Man war sich offenbar bewusst, dass der Lehrplan 21 bei Bekanntgabe seiner umstrittenen Vorgaben, zum Beispiel die Abschaffung der Jahrgangsklassen zugunsten von Zyklen, «abtestbare» Inhaltsabschnitte (Kompetenzen) oder überfachliche Ziele, schon zu Beginn gescheitert wäre. Also liess man das Projekt unter Verschwiegenheitsklauseln im geheimen ausarbeiten. Viele Bildungsexperten hatten sich damals bemüht, in eine Fachdiskussion eingebunden zu werden. Sie wurden abgewiesen. Eine Diskussion war offensichtlich nicht erwünscht!

Homöopathische Überarbeitung

Konsequenterweise kam es zu keiner korrekten Vernehmlassung. Die umstrittenen Punkte wurden von der «Konsultation» ausgenommen. Aber selbst in dieser «Konsultation» war die Kritik mehr als zahlreich und deutlich. Doch relevante Einwände, wie zum Beispiel die Frage des Anschlusses an Kantonsschulen bzw. Hochschulen, wurden übergangen. Auch die Reduktion praktischer Inhalte wurde nicht hinterfragt. Kritik wurde nur an irrelevanten Punkten und in homöopathischen Dosen in die überarbeitete Version aufgenommen. Beispielsweise wurde die Zahl von über 3000 Kompetenzen, was zu einem Aufschrei in der Presse führte, auf 300 gemindert, indem man sie kurzerhand zu Unterkompetenzen erklärte, die dann (Ober-)kompetenzen zugeordnet wurden. Die Gesamtzahl bleibt gleich. Oder der heftig kritisierte Umfang des Lehrplans wurde gemindert, indem man einzelne Wörter wegsparte, aber nicht den Inhalt, wie gefordert, reduzierte. Es gibt viele weitere Beispiele. Es war eine Farce, bei der jeder das Gefühl haben sollte, er hätte mitbestimmen können!
Das demokratische Vetorecht wurde durch den Weg über die politisch nicht legitimierte EDK bewusst umgangen. Ähnliche «Konsultationsverfahren» werden und wurden nun in den einzelnen Kantonen durchgeführt. Hier spielen sich die Einflussmöglichkeiten im Promillebereich ab.

Behördenpropaganda statt Abstimmungskampf

Ein erschreckendes Defizit an demokratischer Gesinnung trat nun in den ersten kantonalen Abstimmungen um den Lehrplan 21 zutage. Der Spielball wurde von der EDK an die kantonalen Behörden weitergegeben. Diese sind sich oft nicht zu schade, ihre Behördenübermacht auszunutzen.
So zeigte sich in einer Abstimmung im Kanton St. Gallen um eine Initiative, die den Austritt aus dem HarmoS-Konkordat forderte, dass mit Kritikern nicht zimperlich verfahren wird. Ging es bei dieser Initiative doch darum, überhaupt erst eine Abstimmung zum Lehrplan 21 zu ermöglichen. Geschickt wurde lange vor dem Abstimmungskampf Propaganda über den behördlichen Dienstweg via Schulleitung an die Lehrerschaft verbreitet. Lehrerverbandsspitzen wurden instrumentalisiert. Im Abstimmungskampf wurden dann Schulleiter und Lehrer angehalten, Leserbriefe zu schreiben. Über die Presse wurden diffamierende Berichte über einzelne Personen, die der Initiative nahestehen, plaziert. Mit 30 % Zustimmung zur Initiative mussten die Initianten nach dieser massiven Kampagne fast schon zufrieden sein.

Abstimmungskampf im Vorfeld

Einige kantonale Erziehungsbehörden richten vorzeitig (steuerfinanzierte) Stellen ein, die den Lehrplan 21 geistig vorspuren und mögliche Opposition verhindern sollen. Einige Kantone haben «Kernteams» gebildet, in denen Spitzen der Erziehungs- und Schulbehörden sowie Lehrerverbände zusammengenommen werden. Sie bilden einen wichtigen Baustein zur strategischen Einführung des Lehrplans. Im Thurgau liegt beispielsweise sogar ein «Change-Management-Plan» (2014) vor. Ausführlich wird dort unter anderem zu Massnahmen zur Ruhigstellung der Lehrkräfte angeleitet. Obwohl ein Termin zur Einführung des Lehrplans 21 noch nicht feststand und die Initiative dazu noch nicht ergriffen war, wurde die Order ausgegeben, dass die Lehrerschaft sich nicht zu diesem Thema äussern solle und auch keine öffentliche Diskussion erwünscht sei. Parallel werden in jedem Schulhaus 1 bis 2 Lehrer dafür bezahlt (Steuergelder), sich als «Multiplikatoren» schulen zu lassen, die den Lehrplan einführen sollen. Daneben werden und wurden systematisch im kantonalen Geflecht politische Parteien und Verbände eingebunden – weniger auf der Sachebene, sondern nach parteipolitischen Interessen.

Maulkorb für Lehrpersonen

Schliesslich wird durch eine verfrühte Einführung des Lehrplans den Lehrkräften verwehrt, eine andere Meinung zu äussern als die ihres Arbeitgebers, der Erziehungsbehörde (sogenanntes Loyalitätsgebot). Zu Wort melden sich so unter den Lehrern nur noch Befürworter des Lehrplans in der Öffentlichkeit. Andererseits wird über die Schulleitungen zum Teil ungeniert Werbematerial gegen die Initiativen an Lehrkräfte und Eltern verteilt. Manche Schulleiter fordern sogar dazu auf, gegen die Initiativen zu stimmen. Die Grenzen politischen Anstandes werden überschritten. Solch ein Verhalten grenzt an steuerfinanzierte Manipulation.

Langsam gehen die Augen auf

Immer mehr Bürgerinnen und Bürgern fallen die Ungereimtheiten und Unstimmigkeiten seitens ihrer Behörden und der EDK auf. Aus vereinzelten Schulmodellen weiss man inzwischen über die Untauglichkeit der «Lernmodelle» à la Lehrplan 21. Die Argumente für den Lehrplan klingen für immer mehr Menschen inzwischen hohl. Noch immer wird versucht, die Lehrerschaft mit lockeren «Wir-schaffen-das-schon»-Sprüchen zu gewinnen. Eltern wird vorgegaukelt, dass ihr Kind sich «individuell» entwickeln könne, und ein Lernbegleiter –, der noch 20 weitere Kinder «individuell» zu betreuen hätte, – könne sich viel Zeit für die Einzelprogramme genau ihres Kindes nehmen.

Die Rechnung wird präsentiert

Wird der Lehrplan 21 eingeführt, werden die nächsten Schülergenerationen weiterhin markant schlechter ausgebildet werden. Diese Generationen sollen sich dann aber in einer sich schnell wandelnden Gesellschaft gut zurechtfinden und in der Lage sein, ihre und auch unsere Zukunft zu sichern. Dies wird mit dem Lehrplan 21 nicht funktionieren.

Arbeitslos mit dem Lehrplan 21

Die Konzeption des Lehrplans 21 geht in Richtung «Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft». Doch wo steht die Schweiz in 10 oder 20 Jahren wirklich? Was sollen wir mit einer Generation Schülerinnen und Schülern, die zu «Dienstleistern» ausgebildet wurden, wenn mit der digitalen Welt von «4.0» alle Tätigkeiten in diesem Segment wegrationalisiert oder dazu noch günstiger im Ausland angeboten werden? Praktische Grundfähigkeiten: Geschicklichkeit, Genauigkeit, Sorgfalt und Ausdauer sind im Lehrplan 21 kaum noch gefragt und werden marginal behandelt. Sie bilden aber eine wesentliche Grundlage für das kleinere und mittlere Gewerbe – des wichtigsten wirtschaftlichen Standbeins der Schweiz.
Eine Stärke der Schweiz liegt in ihrem föderalistischen Aufbau und Wettbewerb. Darin eingeschlossen ist auch das Schulwesen. Direktdemokratisch, föderal, fein angepasst an die Bedürfnisse jeder Gemeinde und jedes Kantons und zugeschnitten auf die Stärken und Schwächen, können Schulen flexibel und angepasst auf äussere Umstände reagieren. Mit dem Einheitslehrplan 21 erhält die Schweiz eine zentralistische Steuerung, die eben genau diesen Vorteil verspielt.

Des Kaisers neue Kleider

Mit jeder kantonalen Abstimmung wird es für die Lehrplan-21-Strategen schwieriger, ihre Ware an die Stimmbürgerinnen und -bürger zu verkaufen. Langsam spricht es sich herum, dass der Lehrplan 21 weder die Kinder noch die gesamte Gesellschaft im Blick hat. Wie eine zukunftsorientierte und gute Schule aussieht, ist bekannt. Nun geht es darum, der Vernunft einen Weg durch das politisch-behördliche Nebelfeld zu bahnen.

Schule heisst auch Bildung

Die Schule ist nicht nur ein Ort, an dem Menschen ausgebildet werden, um das berufliche Rüstzeug für die Zukunft zu erhalten, sondern auch ein Ort, an dem sie gebildet werden, um sich zu mündigen Staatsbürgern und zu Persönlichkeiten entwickeln zu können. Das leistet der Lehrplan 21 nicht.    •

Wer sich für eine solide Bildung engagieren möchte, sei auf die vielen kantonalen Initiativen verwiesen. Auf deren Internetseiten findet man auch ausführliche Informationen.