Über die Bedeutung der Erziehung

von Dieter Sprock

Um die Frage der Kindererziehung ist es still geworden. Das Thema ist aus den Schlagzeilen verschwunden und scheint auch bei vielen Eltern heute nur wenig Aufmerksamkeit zu finden. Man könnte meinen, das Wissen um die Bedeutung der Erziehung sei in Vergessenheit geraten. Im Alltag begegnen wir Eltern, welche die natürlich gegebene Ordnung auf den Kopf stellen. Sie sind unaufhörlich darum bemüht, ihren Kindern alles recht zu machen und ihnen jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Sie richten sich auf die Kinder aus und überlassen ihnen die Führung.
Es hat sich eine Stimmung breitgemacht, in der Eltern, die noch erziehen wollen, sich nicht mehr trauen, ihren Kindern nein zu sagen, um nicht als Rabeneltern zu gelten.

Kinder ohne Führung

Wenn Eltern ihre Kinder nicht mehr erziehen und ihnen die Führung überlassen, erweisen sie weder sich noch ihren Kindern einen Dienst. Bekanntlich sind diese nicht dankbar. Sie entwickeln das Gefühl, dass sich die anderen Menschen nach ihren Wünschen richten müssen, und werden ungehalten, wenn es nicht so ist. So erlebte ich kürzlich, wie ein kleiner Junge, vielleicht dreijährig, mit seinem kleinkindgerechten Einkaufswägeli durch den Dorfladen kutschierte, ohne sich gross um die Mutter zu kümmern. Als diese ihn zu sich rief, bestand er darauf, dass sie zu ihm komme, und als sie nicht gleich folgte, begann er ein grosses Geschrei. Das ist leider kein Einzelfall. In vielen Familien finden rund ums Aufstehen, Waschen und Zähneputzen, das Essen und Einkaufen, die Schulaufgaben, das Zubettgehen und anderes mehr täglich aufreibende Auseinandersetzungen statt, die manchmal sogar zu regelrechten Machtkämpfen ausarten. Für solches Verhalten finden wir in der übrigen Natur kein Beispiel. Überall folgen die Jungen ihren Eltern nach, und nicht umgekehrt.
Es tut einem in der Seele weh, wenn man sieht, wie Eltern sich mit ihren Kindern verhaken und durch ihr Bemühen, die Kinder bei Laune zu halten, in der besten Absicht, aber völlig ahnungslos, Entwicklungen in Gang setzen und festigen, die dem Kind und ihnen das Leben schwer machen. Kinder, die in der Familie ständig im Mittelpunkt stehen und möglichst früh möglichst viel selbst ­bestimmen sollen, werden nicht selbständig, sondern egozentrisch und verwirrt, viele haben Schwierigkeiten mit dem Lernen, weil sie nicht gelernt haben, Erwachsenen zuzuhören. Kinderärzte, Lehrer und Psychologen wissen davon zu berichten.
Jürg Frick, Dozent und Berater in der Lehrer-Aus- und Weiterbildung an der pädagogischen Hochschule Zürich, schrieb dazu am 5. Oktober in einem Gastkommentar der «Neuen Zürcher Zeitung»: «Zu viele Schülerinnen und Schüler sind nicht genügend auf die Anforderungen der Schule vorbereitet und treten mit teilweise gänzlich falschen Vorstellungen, Überzeugungen und Ansprüchen in die Schule ein. Viele Kinder weisen eine zu geringe Frustrationstoleranz auf, schmeissen alles hin, wenn es nicht auf Anhieb klappt und verweigern sich bei jeder Anforderung. Ihre Selbststeuerung, die Selbstkontrolle über ihre Gefühle und ihr Einfühlungsvermögen sind unterentwickelt. Viele dieser Kinder haben zu Hause gelernt, dass sich die Erwachsenen (zu häufig) an sie angepasst haben und sie selber kaum eine Anpassungsleistung vollbringen mussten: Es findet eine fehlgeleitete Ausrichtung der Eltern auf die Kinder statt.»
Das Resultat sind Kinder, die in der Schule kaum mehr tragbar sind, weil sie sich weder auf Regeln, noch auf Lernen, Zuhören oder das Mittun im Verband der Gleichaltrigen einstellen können. Doch wo früher die Schule ein wertvolles Korrektiv bildete, wird mit der flächendeckenden Einführung «selbstbestimmter Lernformen» diese Fehlentwicklung heute nicht nur fortgesetzt, sondern sogar noch verstärkt.
Die Annahme, nach der Kinder am besten gedeihen, wenn die Erwachsenen sich nach ihren Bedürfnissen richten, ist falsch. Und wenn es dafür noch eines Beweises bedurft hätte, so liefert ihn die Schule heute. Immer mehr Kinder kommen mit dem «selbstbestimmten Wirrwarr» nicht mehr zurecht. Sie werden Opfer falscher Theorien, und es stellt sich die Frage, wie lange wir da noch zuschauen wollen.

Was heisst Führung?

Kinder brauchen Erziehung und Führung. Dabei geht es weder um Strenge noch um Zwang. Druck erzeugt Gegendruck. Die beste Voraussetzung ist die Freude am Kind, nicht nur am eigenen, sondern die Freude am Menschen überhaupt. Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen mit innerer Ruhe und Sicherheit Orientierung geben, so dass sie sich auf sie ausrichten können. Verbindliche Regeln geben ihnen Sicherheit. Sie brauchen Erwachsene, die es ertragen, wenn Kinder mit ihnen nicht einverstanden sind und die ihren Kurs nicht ändern, nur um sie wieder zufrieden zu stellen, Erwachsene, die den Konflikt nicht scheuen. Konflikte gehören zum Leben. Ihre friedliche Bewältigung ermöglicht inneres Wachstum und fördert die Reifung der Persönlichkeit, bei Eltern und Kindern.
Führung in der Erziehung verlangt die Fähigkeit, Kinder geduldig anzuleiten, mit der inneren Gewissheit, dass sie sich gerne anschliessen, weil es ihrer Natur entspricht und sie im freien Zusammenspiel zunächst mit der Mutter und später der ganzen Welt ihre menschlichen Möglichkeiten am besten entfalten können.
Die Welt richtet sich nicht nach unseren Wünschen. Das Leben stellt Anforderungen, die manchmal auch hart sein können und die es zu bewältigen gilt. Unsere Aufgabe ist es, die Kinder darauf vorzubereiten.
Die Genfer Philosophin Jeanne Hersch schreibt zu den Bedürfnissen der Jugend, die uneingeschränkt auch für Kinder gelten, folgendes: «Ihr [der Kinder und Jugend] tiefstes und gewiss auch am weitesten verbreitetes Bedürfnis ist das Bedürfnis nach einem richtigen Vater, nach einer richtigen Mutter. Keine Kameraden, sondern Eltern. Ein richtiger Vater, eine richtige Mutter, deren Liebe und Schutz bedingungslos und deren Autorität unerschütterlich ist. Sie brauchen Lehrer oder zumindest einen Lehrer, dessen Wort wahr, dessen Fordern freundschaftlich und ohne Zorn, dessen Engagement ihnen gegenüber eindeutig und vorbehaltlos ist. Sie brauchen Erwachsene, Menschen, die allein durch ihre Präsenz zeigen, dass das Leben gelebt werden und einen Sinn haben kann.» (aus «Antithesen zu den Thesen zu den Jugendunruhen 1980», S. 47)

Die Bedeutung der Erziehung

Wir Menschen müssen fast alles lernen. Nehmen wir zum Beispiel die Sprache: Wenn ein chinesisches Kind in einer Berner Familie in der Schweiz aufwächst, spricht es so gut Berner Dialekt wie jedes Berner Kind. Da gibt es keinen Unterschied.
Auch die Gefühle und das Verhalten werden gelernt. Zwar ist jedes Kind bei der Geburt einzigartig und unverwechselbar, nicht nur äusserlich, auch in seinem Empfinden. Es gibt lebhafte und ruhige Kinder, mit durchaus grossen Unterschieden, wie jede Mutter weiss. Aber der «Stoff, aus dem die Träume sind», der Inhalt seiner Gefühle, wird gelernt: Babys strampeln und jauchzen, lachen und weinen, sind unzufrieden und glücklich, sie brabbeln vor sich hin, und manchmal verweigern sie sich auch. Das alles ist zunächst ganz spontan, einfach Ausdruck des Lebens. Doch schon bald merkt das Kind, dass es mit seinem Lächeln die Stimmung der Mutter beeinflussen kann, und so entwickelt sich ein feines Wechselspiel zwischen Mutter und Kind, welches vom Kind aktiv mitgestaltet wird.
Wenn sich nun ein Kind verweigert – aus welchem Grund auch immer – und die Mutter sich immer dann besonders um es bemüht und in Aufregung gerät, besteht die Gefahr, dass sie mit ihrer Anstrengung gerade jenes Verhalten verstärkt, welches sie eigentlich «wegerziehen» möchte. Das Kind lernt durch die besondere Zuwendung, dass Rückzug und Verweigerung ideale Mittel sind, um die Aufmerksamkeit der Mutter an sich zu binden und sie zu führen.
Jeder Mensch entwickelt aus allem, was ihm in seiner Kindheit zur Verfügung steht, seinen ganz persönlichen Lebensstil, die Art und Weise, wie er sich im Leben bewegt und wie er die Aufgaben, die ihm das Leben stellt, angeht.
Der kleine Bub, der uns am Anfang im Dorf­laden begegnet ist, wird also nicht wütend, weil der Grossvater schon Wutanfälle hatte, sondern weil er es gelernt hat und offenbar Erfolg damit hatte. Und weil dieses Verhalten gelernt und nicht angeboren ist, kann er es mit entsprechenden Korrekturen auch wieder ändern. Das ist die gute Nachricht.
Erziehung ist eine Verpflichtung gegenüber dem einzelnen wie dem Gemeinwohl. Die Aufgabe stellt sich jeder Generation mit den entsprechenden Herausforderungen der eigenen Zeit neu. Mit Sicherheit aber könnte viel seelisches Leid und Enttäuschung verhindert werden, wenn Eltern sich mit der Erziehungsfrage auseinandersetzen und Entwicklungen, wie hier nur angedeutet, besser verstehen würden. Die Bedeutung der Erziehung kann jedenfalls nicht hoch genug veranschlagt werden.    •