Die Genossenschaftsidee und -praxis ist Unesco-Weltkulturerbe

ef. Am 30. November 2016 hat der Zwischenstaatliche Ausschuss zum Immateriellen Kulturerbe in Addis Abeba die Idee und Praxis der Genossenschaft in die Unesco-Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Mit der Aufnahme soll die Idee geschützt und zugleich als wirtschaftliches Modell wieder stärker ins Bewusstsein gerückt werden. Die Nominierung bestätigt zugleich das Völkerverbindende, denn Genossenschaften verbinden uns mit Menschen auf der ganzen Welt. Genossenschaftliches Zusammenwirken ist eine Form menschlicher Lebensgestaltung in Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung, die sich in unterschiedlichen Formen weltweit entwickelt hat. Das genossenschaftliche Prinzip beinhaltet Grundwerte des menschlichen Zusammenlebens in Gleichwertigkeit und Freiheit und orientiert sich am Gemeinwohl. Die seit 150 Jahren geltenden anthropologisch fundierten ethischen Grundlagen der Genossenschaftsidee sind auch heute aktuell und sollen für zukünftige Generationen bewahrt und weiterentwickelt werden.
Die Uno hatte 2012 bereits das «Jahr der Genossenschaften» ausgerufen und damit die Genossenschaften mit ihren weltweit 800 Millionen Mitgliedern in über 100 Ländern gewürdigt.
Genossenschaften zeichnen sich durch ein hohes Mass an Mitgestaltung und Mitbestimmung aus; deshalb ist die Genossenschaft anderen Unternehmensformen oft vorzuziehen.
Genossenschaften tun etwas gegen die Armut, schaffen Arbeitsplätze und fördern die soziale Integration.
In den vergangenen Jahren hat sich Zeit-Fragen in vielen Artikeln und Beiträgen mit den elementaren Grundlagen von Genossenschaften interdisziplinär auseinandergesetzt.
Ein Beispiel dieser Auseinandersetzung ist die Broschüre «Wir gründen eine Genossenschaft. Miteinander und füreinander leben und wirken» (Deutsch/Englisch/Französisch).    •

Die Broschüre kann beim Verlag Zeit-Fragen bestellt werden.
An der kommenden Leipziger Buchmesse vom 23. bis 26. März 2017 wird die Genossenschaft Zeit-Fragen zwei Veranstaltungen zum Thema durchführen.

Zum Immateriellen Kulturerbe

Der Zwischenstaatliche Ausschuss zum Immateriellen Kulturerbe setzt sich aus 24 gewählten Vertragsstaaten der Konvention zum Immateriellen Kulturerbe zusammen. Er entscheidet jährlich über die Aufnahme neuer Kulturformen in die Listen des Immateriellen Kulturerbes.
Bisher sind 336 Formen des Immateriellen Kulturerbes auf der internationalen Repräsentativen Liste eingetragen, 43 Elemente auf der Liste des dringend erhaltungsbedürftigen Immateriellen Kulturerbes und zwölf gute Praxisbeispiele zur Erhaltung Immateriellen Kulturerbes.
Kriterien für die Anerkennung sind unter anderem eine nachweisbare Lebendigkeit und eine identitätsstiftende Komponente für die Trägergemeinschaft der Kulturform, die Entwicklung von Erhaltungsmassnahmen, eine weitreichende Beteiligung der Trägergemeinschaft und die Eintragung in ein nationales Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes. Mit der Einschreibung verpflichten sich die Vertragsstaaten, das Immaterielle Kulturerbe auf ihrem jeweiligen Staatsgebiet zu fördern.
Zum Immateriellen Kulturerbe zählen lebendige Traditionen aus den Bereichen Tanz, Theater, Musik, mündliche Überlieferungen, Naturwissen und Handwerkstechniken. Seit 2003 unterstützt die Unesco den Schutz, die Dokumentation und den Erhalt dieser Kulturformen. Bis heute sind 171 Staaten dem Unesco-Übereinkommen zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes beigetreten. Die Schweiz hat das Unesco-Abkommen im Jahr 2008, Deutschland im Jahr 2013 ratifiziert.

Quelle: Pressemitteilung der Deutschen Unesco-Kommission vom 30.11.2016 und Schweizerisches Bundesamt für Kultur

Schweizer Genossenschaften

In der Schweizer Geschichte stellen die Genossenschaften ein zentrales Fundament dar. Der Bundesbrief von 1291, der Aufbau der Gemeinden, die Landsgemeinden und nicht zuletzt der Name Eidgenossenschaft basieren auf genossenschaftlichen Werten; diese historisch gewachsenen Strukturen und Erfahrungen flossen 1848 auch in den Aufbau des Schweizerischen Bundesstaates ein.
Aufbauend auf der Tradition der Allmende und der Alpgenossenschaften bildete sich in der Schweiz – ähnlich wie im übrigen Europa – als Reaktion auf die Industrialisierung eine breite Genossenschaftsbewegung. So entstanden in der Landwirtschaft besonders viele Bezugs- und Absatzgenossenschaften. Grosse Bedeutung für die Volkswirtschaft und als Weg zur Selbsthilfe erlangten im 19. Jahrhundert auch die Konsumgenossenschaften.

Quelle: Genossenschaft Zeit-Fragen. «Wir gründen eine Genossenschaft», Seite 10

2012 – das internationale Jahr der Genossenschaften

Nach Angaben der Uno gibt es weltweit 800 Millionen Genossenschaftsmitglieder in mehr als 100 Ländern; über 100 Millionen Arbeitsplätze werden von Genossenschaften bereitgestellt. Die Hälfte der Weltbevölkerung findet ihre Ernährungsgrundlage in Genossenschaften. So tragen Kreditgenossenschaften, ländliche und gewerbliche Genossenschaften dazu bei, regionale Wirtschaftskreisläufe zu stabilisieren und lokale Beschäftigung zu fördern.
Darüber hinaus fordert die Uno, dass die Staaten ein Umfeld und eine Gesetzeslage schaffen, die Genossenschaften ebenso fördern wie andere Unternehmensformen.
Eine der grossen Herausforderungen der Zukunft ist die Senkung der Jugendarbeitslosigkeit durch Neugründungen von Genossenschaften oder auch anderen kleineren Unternehmen.
Nicht alle Genossenschaften arbeiten auf genau die gleiche Art. Aber die meisten Genossenschaften folgen den sieben Grundsätzen genossenschaftlicher Identität, die im Laufe der Zeit in der internationalen Gemeinschaft entwickelt wurden. Sie dienen ihnen als Richtlinien, mit deren Hilfe sie ihre Werte in die Praxis umsetzen:
1. Freiwillige und offene Mitgliedschaft
2. Demokratische Entscheidungsfindung durch die Mitglieder
3. Wirtschaftliche Mitwirkung der Mitglieder
4. Autonomie und Unabhängigkeit
5. Ausbildung, Fortbildung und Information
6. Kooperation mit anderen Genossenschaften
7. Vorsorge für die Gemeinschaft der Genossenschaft

Quelle: Genossenschaft Zeit-Fragen. «Wir gründen eine Genossenschaft», Seite 16f.