Die Schweizer Wasserkraft und ihre Zukunft

von Narcisse Seppey, Hérémence VS

Das «blaue Gold» (Wasser) und das «schwarze Gold» (Erdöl) haben eine gemeinsame Herkunft, sie sind Zeitgenossen, an das industrielle Zeitalter gebunden und sie erbringen ähnliche Dienste wie Antrieb von Baumaschinen, die Pickel und Schaufel ersetzt haben, und Lastwagen, welche die Rücken der Tragtiere und Menschen entlastet haben. Dazu kommt die Schaffung von häuslichem Komfort wie Beleuchtung, Heizung, Kücheneinrichtungen und Waschmaschine. Beide Antriebskräfte kommen von jeher aus einsamen Gegenden: entweder aus der Hochgebirgseinöde oder aus der Sandwüste.
Die Nutzniesser dieser «Manna» haben Eifersucht hervorgerufen, da es gewissen Menschen ungerecht erschien, weil sie vom Himmel kam, währenddem die wirtschaftlichen Vorteile der intensiven Landwirtschaft und der Industriebetriebe vom Menschen erschaffen werden mussten.

Umstrittene bisherige Energiequellen

Das Industriezeitalter stützte seine Produktivität auf drei Energiequellen: Kohle, um die Häuser zu wärmen und Züge und Schiffe anzutreiben; Erdöl, um grössere Motoren zu betreiben; Elektrizität für die Beleuchtung und den Antrieb von Kleinmotoren.
Diese natürlichen Energiequellen sind heute alle drei umstritten: Kohle wegen der Umweltverschmutzung durch Feinpartikel; Erdöl wegen der Luftverschmutzung und der ihm zugeschriebenen Klimaerwärmung; Wasserkraft wegen der Reduzierung der Durchflussmenge in den Wasserläufen.

Neuere Energiequellen

Die Atomenergie, als grosse Entdeckung des 20. Jahrhunderts, wurde zu Anfang als ein «Geschenk des Himmels» angesehen. Sie ist mit einer phänomenalen Kraft versehen und besass keine der Nachteile der bisherigen Energie­quellen. Die Atomenergie hat mit ihrer raschen Verbreitung in den meisten industrialisierten Ländern die anderen Energiequellen überholt.
Aber auch dieser vielgerühmte Energiestar hat seine Achillesferse. Mehr als alle anderen Energiequellen erzeugt er grosse Befürchtungen: Tschernobyl hat aufgezeigt, dass eine zerstörte Zentrale auch in 1000 km Distanz genauso verheerende Auswirkungen haben kann wie in der direkten Nachbarschaft. Fukushima hat den raschen Vertrauensverlust gegenüber Atomkraftwerken auch in einem Land, in dem die Atomkraft ein hohes Ansehen genossen hat, illustriert. Die breite Thematisierung möglicher Schäden hat die «lokalen» Auswirkungen von Hiroshima und Nagasaki vergessen lassen. Die Angst vor einem nuklearen Desaster beeinflusst die ganze Welt. In den wirtschaftlich besser gestellten Ländern wie der Schweiz geraten die grossen Vorteile dieser Energiequelle durch die Befürchtungen eines ernsthaften Störfalls in einem Atomkraftwerk in den Hintergrund und bringen die Bevölkerung dazu, das Ende der Atomkraftnutzung zu fordern.

Deckung des aktuellen Bedarfs

In unserem Land wie auch in den Nachbarländern deckt die Atomenergie den energetischen Bedarf zu einem höheren Prozentsatz als jede andere Quelle. Ohne Ersatz zu schaffen, kann ihre Eliminierung deshalb kaum umgesetzt werden.
Gewisse Länder – mit Deutschland als Vorreiter – haben gigantische finanzielle Mittel für die Produktion von Alternativ­energien eingesetzt. Dies jedoch, ohne auf die Nutzung der Kohle zu verzichten, die beispielsweise im weltweit grössten Bergwerk aus den 1980er Jahren auch heute noch gewonnen wird – trotz dessen Beitrag zur Luftverschmutzung. Die angestrebten sauberen und erneuerbaren Energiequellen sind folgende:
Da ist zuerst einmal die Sonne, die mit ihren grosszügigen wärmenden Strahlen alle Länder der Welt beglückt. Dann ist da der Wind, der unsere Windturbinen antreibt, und an dritter Stelle die Geothermie und die Wärmepumpen, welche die Liste vervollständigen.
In unserer europäischen Region ist aktuell der Energiebedarf mehr als genügend gedeckt, wie am Preiszerfall zu erkennen ist. Diese Situation ist die Folge der staatlich getätigten Investitionen und Subventionen für die Förderung der neuen Energiearten.

Zukünftiger Bedarf

Der Energiebedarf hat bisher noch nie abgenommen, trotz der andauernden Sparaufrufe und der Abschreckungsmassnahmen gegen Stromverschwendung. Der zukünftige Bedarf wird weiterhin zunehmen, und zwar aus verschiedenen Gründen:
Einerseits nehmen in unseren Ländern die Bevölkerungszahlen von Jahr für Jahr zu, vor allem auf Grund der Immigration, entweder aus humanitären Gründen oder auf Grund des Wunsches nach einem besseren Leben. Andererseits eröffnet sich immer breiteren Schichten der Bevölkerungen ein wirtschaftlich besseres Leben. Eine der ersten Auswirkungen davon ist die Erhöhung des Energiekonsums.

Voraussehbare Entwicklung der aktuellen Energiequellen

Zurzeit wird keine der unerwünschten Energiequellen aufgegeben: Die Atomkraftwerke sind immer noch in Betrieb, die Kohle wird weiterhin abgebaut und verbrannt, das Erdöl treibt immer noch die grosse Mehrheit der Motorfahrzeuge an und versorgt, mit dem Erdgas zusammen, einen grossen Teil der Heizungsanlagen.
Diese Energien sehen ihrem Ende entgegen, wobei der Zeitpunkt je nach Land noch unbestimmt und variabel ist. Die bisherigen alternativen Energiequellen, zu denen sich noch andere gesellen werden, ermöglichen diese Veränderung. Die heutigen Bevölkerungen sind sich alle der Gefahren der Luftverschmutzung und der Klimaerwärmung bewusst wie auch der Gefahr einer (regionalen) nuklearen Katastrophe. Die Pionierländer werden die anderen Länder dazu bringen, sich anzuschliessen. Die bereits unterzeichneten, weltweiten Vereinbarungen sind deutliche Vorzeichen dafür.

Die heutige Situation der Wasserkraft

Der Zusammenbruch der Energiepreise trifft die Wasserkraftproduzenten mit voller Wucht. Deren Preise sind keineswegs überhöht. Gegenüber den Sonnen- und Windenergiequellen sind sie jedoch nicht mehr konkurrenzfähig, weil diese von staatlichen Subventionen profitieren, die eine deutliche Wettbewerbsverzerrung erzeugen.
Die Tendenz zur Globalisierung der Wirtschaft verstärkt noch die Versuchung, sich im Ausland zu tieferen Preisen zu versorgen, und zwar mit Energie wie auch mit Nahrungsmitteln. In diesen beiden Gebieten – um sich hier auf diese zu beschränken – begnügt sich eine breite Schicht der Bevölkerung damit, ihre Augen auf ihr Portemonnaie zu heften, anstatt auf Qualität und Versorgungssicherheit Wert zu legen.

Vergleich der jeweiligen Vorteile

Obwohl sie sauber und erneuerbar sind, haben Solar- und Windenergie Schwachpunkte, die nun immer mehr zutage treten: Die Sonnenenergie hängt von den Aktivitäten eines launischen Gestirns ab. Nachts im Tiefschlaf sich befindend, macht es tagsüber oftmals Siesta, sobald Regen oder Nebel seinen Platz einnehmen. Die Windenergie ist genauso Stimmungsschwankungen ausgesetzt, denn der Wind bläst mit Geschwindigkeiten zwischen 0 und 200 km pro Stunde. Beide Energien sind saisonabhängig, und die aktivsten Jahreszeiten entsprechen nicht immer den Zeiten mit dem grössten Energiebedarf. Die Solarinstallation, die im Winter eine genügende Heizleistung für ein Haus erbringt, produziert im Sommer unverhältnismässig viel unnötige Energie.
Auf dem gleichen Markt ist die Wasserkraft die einzige Energie, die sofort und auf Knopfdruck tags oder nachts, winters oder sommers, ohne Überschuss produziert werden kann.

Blick in die Zukunft

Heutzutage kann der Energiekonsum nur noch zunehmen. Zusätzlich zur wirtschaftlichen Komforterhöhung der traditionell armen Bevölkerungsschichten benötigt fast jede moderne Aktivität Energie. In der Wohnung braucht es Energie an allen Ecken und Enden, die Bewohner brauchen sie für ihre persönlichen Geräte, die ihnen Tür und Tor zu sozialen Kontakten öffnen.
Parallel dazu werden sich die traditionellen Energien in eine umgekehrte Richtung entwickeln: Auf die umweltbelastenden Ener­gien wird man zunehmend mit dem Finger zeigen, und ihr Ersatz ist unausweichlich, da er technisch und finanziell möglich ist. Die Förderung elektrischer Fahrzeuge, wenn sie sich allgemein verbreitet, wird die Erdölbranche massiv treffen.
Die gefährlichen Energien hingegen werden dann aufgegeben, wenn ihr Ersatz Tatsache wird, denn die moderne Welt schätzt es, sich vor allen möglichen Risiken zu schützen.
Grundlegende Änderungen werden wahrscheinlich schneller als erwartet eintreten: Auf Grund ihres Strombedarfs und der Angebote der Lieferanten liebäugeln Private immer öfter mit einer eigenen Stromproduktion. Die dafür notwendigen Photovoltaik-Paneele werden immer leistungsfähiger und kostengünstiger. Ein solcher Entscheid verlangt jedoch eine Anbindung an das Stromnetz, einerseits für den Energiebezug bei ungenügender Produktion, anderseits für die Einspeisung bei Überproduktion.
Falls sich diese Lösung allgemein verbreitet, werden Hunderttausende Hausbesitzer zu produzierenden Konsumenten, während heute nur einige hundert grosse Gesellschaften die Energieproduktion in Händen halten. Wenn sich alle Hausbesitzer an dieser Entwicklung beteiligen, sei es aus rein wirtschaftlichen Überlegungen oder weil es heute «in» ist, so könnte die Produktion ohne weiteres den ganzen Bedarf decken, auch ohne Erdöl und Atomkraft.

Welche Zukunft hat die Wasserkraft in der Schweiz?

Wenn die Nutzung von Erdöl und Atomkraft noch länger weiterbesteht, könnten die alpinen Stauseen das ganze Jahr gefüllt bleiben. Auf Grund der vorhergehenden Ausführungen ist eine solche Entwicklung eher unrealistisch, vor allem in der Schweiz.
Wenn man jedoch die verbreitete Produktion von alternativen Energien durch Private in Betracht zieht, so erscheint die Vernetzung unerlässlich. In diesem Fall ist die Wasserkraft der ideale Partner, da er Phasen von Ener­giemangel überbrücken und Energieüberfluss verwerten kann.
Es ist offensichtlich, dass die Politik auch in diesem Bereich eine entscheidende Rolle spielen wird. Wenn unser Land – gewisse andere Staaten imitierend – die alternative Stromproduktion Privater mit massiven Subventionen unterstützen wollte, so müsste es auch die Wasserkraft gleichermassen unterstützen, da letztere sonst unweigerlich ihre Bedeutung verlieren würde. Wenn die nationale und kantonale Politik die Gleichwertigkeit der Hilfe ins Auge fasst, werden auch die grossen Unternehmen der Branche mittun.
Zusätzlich zu den Vorteilen der einzigen sauberen, erneuerbaren und allzeit einsetzbaren Energie bietet die Wasserkraft den grossen Vorteil einer nationalen statt ausländischen Energieproduktion.
Entscheidend ist auch, dass die schweizerische Politik die Vorzüge der Unabhängigkeit gegenüber dem Ausland und des Föderalismus im Innern des Landes nicht aus den Augen verlieren darf – im Energiebereich wie auch in allen anderen Bereichen, die das ganze Land und seine Bevölkerung betreffen!     •
(Übersetzung Zeit-Fragen)