Hackerangriffe – «Feindbild Russland» erweist sich als Stimmungsmache

ef. Anfang dieser Woche, rechtzeitig zum 60. Geburtstag des deutschen Bundesnachrichtendiestes BND, machte ein Interview mit dem neuen BND-Chef Bruno Kahl in der «Süddeutschen Zeitung» vom 28.11.2016 die Runde: «BND-Präsident warnt vor Cyber-Angriffen aus Russland». Der US-Wahlkampf sei von Hackern und Trollen beeinflusst worden – die Spur führe nach Russland, so heisse es bei US-Sicherheitsbehörden. Der neue BND-Chef bestätigte, es gebe «‹Anhaltspunkte› für eine Spur nach Russland». Im Interview sagte er: «Die Zurechnung zu einem staatlichen Akteur ist technisch naturgemäss schwierig. Aber es spricht einiges dafür, dass das von staatlicher Seite zumindest geduldet oder gewünscht wird.» Bruno Kahl sieht diese Gefahr auch für das kommende Wahljahr in Deutschland. Russland könne bei der Bundestagswahl 2017 Cyber-Angriffe tätigen.
Der IT-Sicherheitsexperte Guido Rudolphi aus Uster (Schweiz) fand klärende Worte im Interview mit dem «Tages-Anzeiger» vom 29.11.2016. Die Warnung des BND-Chefs, Russland könne im Wahljahr 2017 Cyber-Angriffe gegen Deutschland tätigen, kommentierte der IT-Sicherheitsexperte mit den Worten: «Das ist absoluter Quatsch. Herr Kahl spricht ja von Stimmungsmache, da müsste er sich an die eigene Nase fassen. Denn das ist genau das, was er macht.» Auf die Frage, ob Russland Cyber-Angriffe machen könne, sagte er: «Möglich wäre es schon. Es wäre aber auch möglich, dass die Schweizer, die Amerikaner oder irgendwelche Hacker aus Timbuktu das machen könnten. Ich frage mich allerdings, wie der Aufgabenbereich eines BND-Chefs definiert ist, dass er ohne Beweise solche Aussagen tätigen kann.» Auch bei den gehackten E-Mails der Wahlkampfhelfer von Hillary Clinton klärte er auf: «Dieser Wahlkampfhelfer hatte ein Passwort, das heute kein Kindergärtner mehr benutzen würde. Auch hier werden uns aber keine Beweise gegen die Russen vorgelegt. Es wird einfach etwas behauptet, und das passt dann in eine globale Stimmungsmache. Noch vor ein paar Jahren waren es stets die Nordkoreaner, dann waren es die Chinesen, und jetzt sind es die Russen. Offensichtlich ist die Einschätzung von Cyber-Bedrohungen immer sehr davon abhängig, wie die politische Wetterlage ist. Das ist einfach nur noch peinlich.»
Zu den Kassandra-Rufen der Cyber-Attacken und ob man sich davor schützen kann, erhellt der IT-Sicherheitsexperte: «Grundsätzlich ist es so, dass es Sicherheit in der IT nicht gibt. Sicherheit in der IT ist ein Marketingbegriff und nichts anderes. Und wenn wir uns dessen bewusst sind, müssen wir uns überlegen, welche Daten wir wo und wie aufbewahren.» Die meisten Politiker kümmerten sich darum allerdings wenig. Politischer Cyber-Krieg bestehe darin, «dass man ohne Beweise behauptet, dass ein Cyber-Krieg stattfindet. Und das passiert gerade».
Als in der vergangenen Woche bei 900 000 Telekom-Kunden in Deutschland der Internet-, Telefon- oder Fernsehanschluss ausfiel, war schnell klar: Das sei ein gezielter Angriff auf die Telekom, ja, ein gezielter Angriff auf die öffentliche Kommunikationsstruktur Deutschlands. Manfred Kloiber vom Deutschlandfunk vom 3.12.2016 hierzu: «Halten wir erst einmal fest: Es war kein gezielter Angriff auf die Telekom. Und es war kein gezielter Angriff auf die öffentliche Kommunikationsinfrastruktur unseres Landes. […] Vielmehr war es der misslungene Versuch von Computerkriminellen. […] Es zeichnet sich ab, dass bei 900 000 Kunden der Deutschen Telekom der Internet-, Telefon- oder Fernsehanschluss nur deshalb ausfiel, weil die verwendeten Router der Telekom einfach nur billig und schlecht programmiert waren. […] Schon wenige Stunden, nachdem der Störfall bekannt wurde, kreisten wilde Spekulationen über einen staatlichen Angriff auf unsere Infrastruktur. Russische Geheimdienste wurden als Urheber vermutet, ja, der Cyber-Krieg brach gerüchteweise schon aus. […] Und Telekom-Chef Höttges soll bereits eine Cyber-Nato gefordert haben.» Stimmungsmache eben.    •