Leserbriefe

Jürgen Rose und sein «Trio infernale»

Wenn man die letzte Meldung zur Wahl eines neuen deutschen Bundespräsidenten hört und der Name von F. W. Steinmeier fällt, müssen wir an Jürgen Roses Formulierung vom «Trio Infernale» denken, dass nämlich Frau von der Leyen und die Herren Gauck und Steinmeier die Vorreiterrolle in Europa anstreben und eine «militärunterfütterte neudeutsche Machtpolitik» führen wollen. Das würde bedeuten, die Bundeswehr, die laut Grundgesetz als reine Verteidigungsarmee konzipiert ist, unter dem Deckmantel der Sicherheits­politik überall einzusetzen, also auch Krieg zu führen?
Dazu passt, dass Herr Steinmeier vermeldet, er werde sich auch in diesem Amt, das ein rein repräsentatives sein sollte, nicht den Mund verbieten lassen, also kein «Gruss­august» sein wolle, sondern seine politischen Ansichten weiterhin einbringen werde.

Gisela und Ingo Kersten

Familie in der DDR

Die Seite 8 in der Nr. 27 von Zeit-Fragen (22. November 2016) finde ich sehr schön und anregend, hat mich aber auch etwas irritiert. Schön, weil hier der Wert und die Bedeutung der Familie für die Erziehung und das Leben allgemein ausgemalt werden, irritierend, weil der Eindruck entsteht, als sei die DDR im Unterschied zum damaligen und heutigen westlichen Deutschland ein wahrer Familienschutzraum gewesen.
Dieser Eindruck, wenn er nicht nur auf einem Missverständnis meinerseits beruht, wäre aber doch wohl nur ein Teil der Wahrheit. Und es wäre sicher ein Irrtum, wenn man gar dächte, der Schutz der Familie sei wirklich ein Anliegen der DDR-Politik gewesen. Es war eher ein machtpolitisches Zugeständnis.
Ich schreibe als jemand, der seine ersten 9 Jahre in der DDR gelebt und die nächsten 30 Jahre bis zum Ende dieses Staates ständig in Briefkontakt mit der Verwandtschaft gestanden hat und auch häufig dort zu Besuch war.
Es ist wahr, dass die Familie in der DDR nicht den Brüchen ausgesetzt war, die es in den sechziger und siebziger Jahren und schliesslich bis heute im Westen gegeben hat. Aber es gab andere Brüche, eben das breite Bestreben des Staates, auf die Kinder und bereits die Kleinkinder Einfluss zu nehmen und sie möglichst früh dem Einfluss der Familie zu entziehen; das ist nicht nur ein Vorurteil. Für meinen Vater war es einer der Gründe, die DDR zu verlassen, als er sah, wie sein kleiner Sohn sich stolz das blaue Pioniertuch um den Hals gebunden hat.
Eine 68er Bewegung wie im Westen brauchte es nicht – der Sozialismus war ja bereits Staatsmacht und die duldete keine Opposition. Dass in der DDR der Mensch von Geburt an als soziales Wesen verstanden wurde, ist sicher wahr – aber ein Bekenntnis zur Familie muss man daraus nicht lesen; durch die Brille der DDR-Verantwortlichen muss man wohl eher lesen, dass der kleine Mensch von der breiten sozialistischen Gemeinschaft zu erziehen sei, nicht von der bürgerlichen Familie, über die Karl Marx bereits im Kommunistischen Manifest gespottet hat, von seiner eigenen Lebenspraxis ganz zu schweigen.
Dass die Familie in der DDR besser überlebt hat als im Westen, ist neben dem weitgehend oppositionsfreien politischen Klima wohl vor allem der Tatsache zu verdanken, dass die DDR-Führung trotz ihrer eigenen Ideologie den Verstand nicht ganz verloren hat: Sie hatte, anders als die Studentenbewegung im Westen, schliesslich die Verantwortung für die Versorgung der Bevölkerung zu tragen, allein schon, weil sie sonst keine Machtbasis mehr gehabt hätte. Deshalb muss­te man neben den antifamiliären sozialistischen Erziehungsmassnahmen, die es umfassend gegeben hat, die Familie wegen ihrer produktiven gesellschaftlichen Funktion in gewissem Rahmen auch bestehen lassen. Die chinesischen Kulturrevolutionäre haben ja gezeigt, was andernfalls geschieht: wirtschaftlicher Niedergang.
Dieses Bestehenlassen der Familie war vor allem auch eine Basis für die dann doch entstehende Oppositionsbewegung, die – Ironie der Geschichte – schliesslich zum Ende der DDR geführt hat. Wenn der zitierte Mitbegründer des «Neuen Forums» und Minister in der Übergangsregierung Modrow sich entsetzt über die antiautoritären Ideen der Frankfurter Schule und ihrer Anhänger äussert, dann äussert sich da schon nicht mehr «die DDR», sondern eben die Bürgerbewegung, die mit Hilfe des familiären und kirchlichen Rückgrats den DDR-Sozialismus beerdigt hat.
Nach meiner Erfahrung ist das solide Überleben der Familie in der DDR Ausdruck der natürlichen Opposition der Menschen gegen die sozialistische Praxis. Ich finde diese Ergänzung wichtig, damit nicht ein historisch falscher Eindruck entsteht.

Christian Fischer, Köln

Anmerkung der Redaktion: Der obige Leserbrief ist eine wichtige Ergänzung zu den Beiträgen der Ausgabe Nr. 27 unserer Zeitung, denn selbstverständlich sind weder Redaktion noch Autoren der Meinung, dass es die Probleme, von denen der Leserbrief­autor schreibt, nicht gegeben habe. Hingegen müssen wir im sogenannten Westen uns um so mehr die Frage stellen, wie sich die zeitweise heftige Kritik an der Familienpolitik der ehemaligen DDR mit der Tatsache verträgt, dass wir im «Westen» heute die Bedeutung der Familie in einem Ausmass verkennen, das einer Negierung der menschlichen Natur gleichkommt.

«Kompetenzorientierung» und Niedergang des Bildungswesens in OECD-Staaten

Gemäss den «Grundlagen für den Lehrplan 21» soll das bewährte Schweizer Bildungssystem auf die «Kompetenzorientierung» (Definition Weinert) der OECD umgebaut werden (www.lehrplan.ch/sites/default/files/Grundlagenbericht.pdf).
Die 1961 gegründete Wirtschaftsorganisation OECD will mit der «Kompetenzorientierung/-steuerung» und dem «selbstgesteuerten Lernen» den globalen Bildungsmarkt öffnen, der den Abbau der Souveränität der Staaten zur Folge hat und 2017 über 6000 Milliarden US-Dollar Umsätze (Computer, Tablets, Software, fixfertige Unterrichtseinheiten, Testbatterien usw.) für die globalen Bildungskonzerne bringen soll.
Die Mitte der 1960er Jahre in den USA angestossenen Reformen und neuen Lehrpläne führten dort zu einem Niedergang des Bildungswesens, wovon vor allem die schwächeren Schüler betroffen waren. In den 1970er Jahren wurde das weltweit gröss­te Bildungsexperiment mit 100 000 Schülern und 1 Milliarde Dollar durchgeführt, um die beste Methode zur Förderung der schwächeren Schüler herauszufinden. Obwohl alle Eliteuniversitäten beteiligt waren, erfüllte nur der «Direkte Unterricht» (Klassenunterricht) eines Praxislehrers die vorgegebenen Verbesserungsziele in allen Fächern. Trotzdem wurden von den Bildungspolitikern die gescheiterten Methoden finanziell bevorzugt, weshalb sich das tiefe US-Bildungsniveau nie mehr erholt hat.
Die Einführung «individualisierter», «selbstgesteuerter» Lernmethoden mit «Lernbegleitern» und der Gesamtschule führte in den 1980er Jahren in Grossbritannien zu sinkenden Leistungen. 1993 machte der Erziehungsguru der Labour-Partei seine eigene Partei für jahrzehntelanges Versagen in der Schulbildung und in der Vermittlung von moralischen Werten sowie dem Im-Stich-Lassen von schwächeren Schülern verantwortlich.
1990 wurde in Finnland ein nationaler Lehrplan mit «Kompetenzorientierung» und «Gesamtschule» eingeführt. Man wollte eine Abkehr vom bisherigen leistungsfähigen Schulsystem, um «zeitgemässer» zu werden. Dank dem Nachwirken des alten Schulsystems hatte Finnland bei den Pisa-Resultaten bis 2006 Spitzenplätze belegt. Als jedoch die bisherigen qualifizierten Lehrer mehrheitlich durch neu ausgebildete «Lernbegleiter» abgelöst waren, stürzte das «Musterland» bei Pisa 2009 förmlich ab und verlor über 25 Punkte, was einem ganzen Lernjahr entspricht. Inzwischen wendet sich Finnland von der Gesamtschulreform ab und führt wieder Sonderschulen ein.
Im Jahr 2000 führte Neuseeland einen neuen Lehrplan mit «Kompetenzorientierung» nach dem Vorbild Grossbritanniens ein. Seit 2002 befinden sich die Pisa-Resultate Neuseelands im freien Fall. Waren 2001 noch 47 Prozent der 12jährigen Schüler fähig, einfache Multiplikationen durchzuführen, waren es 2009 noch 37 Prozent!  
Das bewährte Schweizer Bildungssystem darf nicht am Volk vorbei beerdigt werden!

Peter Aebersold, Zürich