Beitrag zu Erziehungsfragen

von Dr. phil. Elisabeth Nussbaumer, Psychologin, und Sonja van Biezen, dipl. Psychologin FH

Um die Fragen der Kindererziehung sei es still geworden, schreibt Dieter Sprock in den Zeit-Fragen vom 8. November 2016. Weiter schreibt der Autor, dass viele Eltern die natürliche Ordnung auf den Kopf stellen und sich von ihren Kindern sagen lassen, wie es zu gehen hat im Leben und welche Bedürfnisse sie befriedigt haben wollen. Dabei wäre es gerade in der heutigen komplexen Welt, in der unsere Kinder aufwachsen und dabei den vielfältigsten Einflüssen ausgesetzt sind, enorm wichtig, dass sich Eltern und Erzieher mit den Fragen der Erziehung grundlegend befassen. Fest steht, dass jedes heranwachsende Kind für seine Persönlichkeitsentwicklung Eltern braucht, die ihm emotionalen Halt und Orientierung für das Heranwachsen in der menschlichen Gemeinschaft geben können. Theorien, dass die Kinder selber entdecken sollen, was für sie wichtig und gut sei im Leben, führen leicht in eine innere Halt­losigkeit und Leere.
Im folgenden sollen einige Beispiele aus dem Alltag verdeutlichen, was mit den einführenden Zeilen gemeint ist.

Kinder sagen den Erwachsenen, was sie zu tun haben

Beispiel 1

Wir sind auf dem Abendspaziergang. Auf dem Trottoir kommt uns ein etwa 5jähriges Mädchen entgegen. Es fährt auf einem kleinen Velo ziemlich schnell auf uns zu. Wir überlegen noch, wer jetzt wohl ausweichen soll. Kurz vor uns bleibt es abrupt stehen und schaut uns herausfordernd an. Mein Begleiter fragt es: «Und jetzt?» Es überlegt ganz angestrengt und sagt zu uns: «Ihr dürft vorbeigehen!» Und sie deutet uns mit ihrem Finger an, wie wir (auf die Fahrbahn und) um sie herumgehen sollen. Sie überlegt sich keine Sekunde, dass sie uns, den Erwachsenen, den Fussweg freigeben könnte. Ihre Mutter, das kleine Geschwister auf dem Fahrrad mitführend, schaut dem Geschehen aus einiger Entfernung zu.

Es liegt nahe, dass dieses Kind nicht darin angeleitet wurde, wie man sich benimmt. Wenn diese wichtige Lektion fürs Leben fehlt, müssen wir annehmen, dass dem Kind auch die Erfahrung und die Sicherheit fehlen, dass ihm die Eltern Anleitung und Rückhalt zur Lösung der kleinen und grossen Probleme im Leben geben werden. Die Erfahrung, dass der Erwachsene vorangeht und sagt, wie eine Situation gemeistert werden kann, ist für die gesunde seelische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen unabdingbar. Nur so können sie auf ihrem Weg ins Leben brauchbare eigene Erfahrungen machen und dabei den Rückhalt ihrer Beziehungspersonen erleben. Es ist sehr wahrscheinlich, dass das im Beispiel beschriebene Kind bereits durch viele Erfahrungen hindurch gelernt hat, mit seinem kindlichen Unwissen eigene Lösungen zu produzieren und sich nicht auf die Erwachsenen abzustützen. Wir müssen zudem annehmen, dass diese Art von «Selbständigkeit» sich in der Beziehung zu Eltern oder einem Elternteil entwickelt hat, welche ihrerseits Opfer eines weit verbreiteten Irrtums über die kindliche Entwicklung sind. Viele Eltern meinen, es sei richtig, dem Kind die Entscheidung oder die Führung des Geschehens zu überlassen. Weil, wie bereits festgestellt, alle Kinder und Jugendliche auf die Orientierung und Anleitung durch Erwachsene angewiesen sind, wäre solchen Eltern zu raten, ihren Kindern als natürliche Autoritäten zu begegnen, weil sie über viel Lebenserfahrung verfügen, die ein Kind noch nicht haben kann.
Fordern Sie von Ihren Kindern eine altersgemässe Ausrichtung auf Sie als Eltern und Lehrer. Zögern Sie nicht, Ihren Kindern zu zeigen, wie man die alltäglichen, kleinen und grossen Probleme gemeinsam bewältigen kann.

Beispiel 2

Einkaufen im Supermarkt. Eine Mutter mit einem etwa 3jährigen Knaben ist nicht zu übersehen. Dieser schreit wie am Spiess. Er tritt und schlägt die Mutter. Der Knabe ist ausser sich und schreit etwa eine halbe Stunde lang. Die Mutter redet aufgeregt auf den Knaben ein und bietet ihm zur Beschwichtigung ein Joghurt, ein Glacé und einen Schoggi­stengel an. Es nützt alles nichts. Der Knabe schreit weiter. Als ich an ihrem Einkaufswagen vorbeigehe, sagt sie mir völlig hilflos: «Er ist halt müde.»

Solche Situationen erleben viele Mütter tagtäglich. Sie haben oft auch Angst vor solchen Ereignissen und davor, dass sie ihr Kind nicht mehr beruhigen können. Manchmal sind es auch Schamgefühle, die dann eine Distanz in der Beziehung zu dem Kind ergeben. Vielleicht hat das Kind aber auch schon etwas Falsches gelernt. Zum Beispiel, dass es seinen Willen bekommt, wenn es nur lange genug weint oder «täubelet». Jedes Verhalten der Kinder ist von den frühesten Kindertagen an gelernt. In den ersten Tagen und Wochen kann das Weinen eines Babys die Mutter seelisch sehr beschäftigen und in Aufruhr bringen. Falsche Theorien werden bereits im Wochenbett an die Mütter herangetragen, beispielsweise, dass alle Bedürfnisse des Babys stets befriedigt werden müssen. Die Vorstellung entsteht, dass das Baby und später das grösser werdende Kind immer zufrieden sein müsse. Die falschen Theorien führen dazu, dass die Eltern davon ausgehen, dass immer eine Harmonie zwischen den Bedürfnissen der Kinder und den Ansprüchen der Eltern bestehen sollte. Diese Einstellung der Eltern kann ein Verhalten wie beispielsweise schreien oder auch sich verweigern fördern, wenn ein Kind die Erfahrung macht, dass sein Protest erfolgreich ist und es so stets die Aufmerksamkeit der Mutter und des Vaters an sich binden kann. Es wäre sehr hilfreich, wenn die Eltern dieses Schreien richtig deuten könnten, um der Sache eine Wende zu geben. Die Eltern müssen die Führung in der Beziehung zum Kind übernehmen, damit es einen Halt und eine Orientierung bekommt. In unserem Beispiel ist es wichtig, dass der Kleine nicht die «Macht des Schreiens» erfährt. In so einer Erziehungssituation überlegen sich manche Eltern, eine psychologische Beratung in Anspruch zu nehmen.

Kinder haben gelernt, einen Konflikt ohne Streit zu lösen

Beispiel 3

Fünf Knaben spielen an einem Bach miteinander lebhaft und mit sehr viel Freude in Halloween-Masken. Sie sind ungefähr zehn Jahre alt. Vier der fünf Knaben tragen einen schwarzen Umhang und eine Pappmaske. Die Stimmung unter ihnen ist richtig freundschaftlich. Wenn Fussgänger vorbeigehen, ziehen sie ihre hässlichen Masken ab, um die Leute nicht zu erschrecken. Der fünfte Knabe spielt nicht mit. Im Gegenteil, er stört das fröhliche Treiben, indem er von oben auf der Brücke stehend die spielenden Kinder bespuckt. Er achtet dabei darauf, dass keiner ihn sehen kann. Leise fragte ich ihn, weshalb er das tue. Er gibt mir keine Antwort. Plötzlich kommt einer der Knaben vom Fluss herauf, stellt sich vor den spuckenden Knaben hin und sagt ganz ruhig zu ihm, er solle einfach mit dem Spucken aufhören. Der Störenfried zeigt keine Reaktion. Daraufhin wiederholt der andere Junge seine Aufforderung sehr bestimmt und ernst: «Hör auf mit dem Spucken!» Sagt es kein weiteres Mal und kehrt dem Angesprochenen den Rücken zu. Dann spielt er mit seinen drei Kameraden weiter. Der Bub auf der Brücke, der nicht mitgespielt hatte, hört auf zu spucken. Offenbar nimmt er sich das Gesagte zu Herzen. Er läuft weg und lässt die anderen in Ruhe spielen.

Warum haben wir dieses Beispiel aufgeschrieben? Weil es uns beeindruckt und gefreut hat. Man hört und liest viel vom gewalttätigen Umgang unter Kindern und Jugendlichen. Dass es aber durchaus lebensfrohe und ernsthafte junge Menschen gibt, die etwas anderes vorleben und verinnerlicht haben, ist eine erfreuliche Tatsache. Der beschriebene Junge hat in seinem Umgang mit dem Fehler des anderen Knaben so ernst und gefestigt gewirkt, dass es uns als Psychologen nachdenklich stimmte. Woher hat er wohl diese ruhige und reife Bestimmtheit? Es ist anzunehmen, dass er in der Familie gelernt und erlebt hat, wie Konflikte ruhig und ohne Gewalt gelöst werden können. Es ist von grosser Bedeutung, dass gerade in der heutigen Zeit, in der oft Gewalt und Mobbing den Alltag der Kinder auf dem Spielplatz und in der Schule mitbestimmen, Kinder im Elternhaus und in der Schule eine Orientierung und Anleitung im gewaltfreien Umgang bekommen.     •