«Die amerikanische Sicht der Dinge wird der Welt präsentiert»

Interview von Sputniknews mit Willy Wimmer

Willy Wimmer, früherer Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der OSZE und Ex-Staatssekretär beim Bundesverteidigungsminister, findet es nicht überraschend, dass die Uno, aber auch die westlichen Leitmedien «fake news» über die Entwicklung in Aleppo aufgreifen und verbreiten. Diese Medien seien längst darauf ausgerichtet, die Kriegspolitik der Nato zu unterstützen, meint er.

Sputniknews: Herr Wimmer, am Dienstag hat die Uno einen Bericht veröffentlicht, in dem sie behauptet, in Ost-Aleppo würden massenhaft Zivilisten durch Regierungstruppen getötet, entführt und gefoltert. Woher die Information kommt, ist dabei nicht klar, im Bericht wird lediglich auf «vertrauenswürdige Quellen» verwiesen. Wie ist ein solcher Bericht zu werten?

Willy Wimmer: Wir müssen leider seit vielen Jahren davon ausgehen, dass, beginnend bei der OSZE über das Rote Kreuz und bis zu den Vereinten Nationen, Berichte dieser Art im amerikanischen oder angelsächsischen Interesse geschrieben werden. Wir haben in den internationalen Organisationen gesehen, dass die ansonsten objektiven Berichte vor der Veröffentlichung dem amerikanischen Botschafter oder Chefdelegierten vorgelegt werden mussten, damit die amerikanische Sicht der Dinge der Welt präsentiert werden konnte.
Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung muss man davon ausgehen, dass das ein durchgehendes Muster ist. Ich erwähne auch deshalb das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, weil es aus meiner Sicht nicht angeht, dass der Hauptfinancier dieser wichtigen Organisation die Vereinigten Staaten sind und europäische Staaten gerade einmal ein oder zwei Prozent dazu beitragen. Wenn man wirklich wissen müsste, was in unterschiedlichen Teilen der Welt passiert, müss­te das staunende Publikum davon ausgehen können, dass diese Berichte fair sind. Die Erfahrung der letzten 20 Jahre zeigt aber, dass diese Erwartung in der Regel nicht gerechtfertigt ist.

Was bezwecken die UN zum jetzigen Zeitpunkt damit?

Die einzigen Staaten, die sich in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht in Syrien engagieren, sind die legitime syrische Regierung selbst, die Russische Föderation und Iran. Im Zusammenhang mit den Entwicklungen der letzten fünf Jahre sind sie aber auf keine nennenswerte Unterstützung der Vereinten Nationen gestossen. Aus dem Jugoslawien-Krieg wissen wir ja, dass die Vereinten Nationen zum aggressiven Instrument der Nato geworden sind. Das zieht sich wie ein roter Faden durch alles durch und unterminiert das so notwendige Vertrauen der internationalen Staatengemeinschaft und der globalen Bevölkerung in so wichtige Einrichtungen wie Rotes Kreuz, OSZE und Vereinte Nationen. Hier wird im amerikanischen oder angelsächsischen Interesse Kriegspolitik betrieben, und bei den Vereinten Nationen gibt es genügend Kräfte, die sich nicht scheuen, auf diesem Klavier zu spielen.

Der russische Aussenminister Lawrow hat bereits auf den Bericht reagiert und gesagt, dass Hilfsorganisationen vor Ort die geschilderten Greueltaten nicht bestätigen können. In den westlichen Medien wird der UN-Bericht aber ohne Hinterfragung weiter verbreitet. Was halten Sie davon?

Das ist die Kriegsleier im Westen, die wir seit 1999 und dem Krieg gegen Belgrad haben. Die westlichen Leitmedien sind darauf ausgerichtet, die Kriegspolitik der Nato oder der Kriegsmächte Vereinigte Staaten, Grossbritannien und Frankreich offensiv zu unterstützen. In den Blättern ist nicht der geringste Zweifel zu finden – ein Zweifel, der früher zwangsläufig da gewesen wäre, wenn man es mit solchen Erscheinungen zu tun gehabt hätte. Wir sehen auch an Organisationen wie der Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die aus Grossbritannien agiert, oder den Weisshelmen, die als Hilfsorganisation international gehandelt werden, aber selber dem grössten Zweifel unterliegen, zu welchen Kapriolen sich inzwischen der Westen durchgerungen hat. Das macht natürlich das internationale Vertrauen zunichte, und die eigenen Bevölkerungen glauben unseren Regierungen ja auch nichts mehr.

Albrecht Müller, Herausgeber der NachDenkSeiten, hat ebenfalls in einem detaillierten Artikel gezeigt, wie einseitig die westliche Medienberichterstattung ist. Beispielhaft dafür veröffentlichten Spiegel online und andere Videos mit angeblichen Hilferufen von festsitzenden Menschen aus Aleppo, deren Echtheit nicht geklärt ist, während russische Beobachtungskameras in Echtzeit die Evakuierung von Zivilisten und Aufständischen zeigten. Wie kann man dieses Ungleichgewicht in den deutschen Medien vertreten?

Das ist Regierungspolitik, das ist offensive Nato-Politik. Wir wissen ja, dass der Kommunikationsdirektor der Nato jener unglückliche Jamie Shea ist, der 1999 die Öffentlichkeit jeden Tag in den Krieg geprügelt hat und anschliessend alles getan hat, um diese Kriegsbereitschaft aufrechtzuerhalten. In einer solchen Situation können Sie im Westen nicht davon ausgehen, dass nur im Ansatz eine faire Berichterstattung erfolgt. Spätestens seit dem zweiten Irak-Krieg und den Dingen, die man uns im Zusammenhang mit Kuwait vorgelogen hat, dass sie im wesentlichen von amerikanischen PR-Agenturen stammen.
Wenn vor zwei Jahren zum ersten Mal in der modernen deutschen Geschichte im Bundeskanzleramt Wert darauf gelegt wird, dass man sogenannte Spin-doctors beschäftigt, dann weiss man, wohin die Reise geht. Wer glaubt denen hier noch was? Eigentlich niemand mehr, sie glauben sich doch selbst nichts mehr!

Auf Sputnik-Anfrage wollten die Verantwortlichen des UN-Berichts ihre Quellen nicht nennen, es hiess, aus Gründen des Quellenschutzes. Sollte bei so schweren Anschuldigungen die Uno nicht verpflichtet werden, ihre Quellen transparent darzustellen?

Die Vereinten Nationen müssen wieder ihren alten Charakter im Zusammenhang mit dem Dienst am internationalen Frieden zurückgewinnen. Solange sie als Hilfsorgan der Nato angesehen werden müssen, glaubt denen sowieso niemand. Und vor diesem Hintergrund ist es auch mehr als zwangsläufig, dass man Sputnik und anderen, die wissen wollen, was Sache ist, solch fadenscheinige Begründungen liefert.

Auf dem EU-Gipfel in Brüssel hat Kanzlerin Merkel Russland und Iran ganz offen Verbrechen vorgeworfen. Kann sie sich das zum jetzigen Zeitpunkt erlauben?

Offensichtlich kann die Dame sich alles erlauben. Aber man muss ja nur in die deutsche Öffentlichkeit hineinhorchen, um festzustellen, dass das den Leuten zum einen Ohr reingeht und zum anderen Ohr wieder hinaus. Das hat auch damit zu tun, dass in Deutschland und anderen europäischen Staaten alle wissen, dass es die Amerikaner, die Briten und die Franzosen gewesen sind, die über Spezialkräfte die Entwicklung in Syrien so befeuert haben, dass es überhaupt erst zu einem fünfjährigen Konflikt dort gekommen ist. Wo ist eigentlich die Stimme der deutschen Bundeskanzlerin gewesen, als dies nachweislich durch unsere Bündnispartner geschehen ist? Wo hat Frau Merkel dazu aufgerufen, von diesem schändlichen Handeln abzulassen? Und dazu muss man noch sagen: Diejenigen, die völkerrechtswidrige Kriege zu verantworten haben, sind dann wie Tony Blair anschliessend auch noch europäische Repräsentanten für genau den Raum im Nahen und Mittleren Osten geworden. Das heisst, man macht bei uns die Perversion zum System. Und da muss man sich natürlich fragen, wo hat denn damals Frau Merkel dazu beigetragen, den britischen Premierminister dem internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zuzuführen? Das ist doch der Ausgangspunkt der Entwicklung, mit der wir es jetzt zu tun haben. Und das sehen in Deutschland viele Menschen so.    •

Quelle: https://de.sputniknews.com/politik/20161216313802241-wimmer-aleppo-berichterstattung/ vom 16.12.2016