Leserbrief

Familie in der DDR

Sie haben ein Thema angesprochen, das mich emotional überaus berührt und beschäftigt – die Familie in der DDR. Ich bin Ende der fünfziger Jahre in der DDR geboren und habe bis zum Ende dieses Staates dort gelebt.
Bei allem Respekt vor dem Leser, der zuletzt einen kritischen Leserbrief zur Familie in der DDR schrieb: Er verliess bereits im Alter von 9 Jahren die DDR. Im Kindesalter hat man noch nicht so einen vollständigen Überblick über die politische und gesellschaftliche Situation. Dazu kommt, wenn man die DDR verliess, hatte man schon aus diesem Grund, um das Verlassen immer zu rechtfertigen, einen besonders kritischen Blick. Kontakte oder Besuche können das ständige Leben im Umfeld der DDR nicht ersetzen und kein vollständiges Bild liefern.
Mein Vater hatte drei Geschwister, die nach dem Krieg alle in die BRD gingen (auch der grösste Teil der Verwandtschaft meiner Mutter ging dorthin) – meine Eltern waren Flüchtlinge aus Schlesien bzw. Hinterpommern. Mein Vater entschied sich ganz bewusst für den Verbleib in der DDR. Durch den Verlust seiner Heimat und das Erleben des Krieges hasste er die Nazis und erlebte, dass viele hohe Nazifunktionäre in der BRD weitermachen konnten. In der DDR war das nicht der Fall, Juristen und Lehrer, Hochschullehrer usw., die in der Nazipartei gewesen waren, wurden entlassen. Ziemlich radikal wurde mit der Nazizeit gebrochen, und das gefiel meinem Vater. (Jetzt schreien einige auf – ja, es gab auch Ausnahmen, wohl vor allem beim Militär – aber das waren Ausnahmen.)
Sicher, in der DDR gab es ideologische Vorgaben, und die Kinder wurden in der Schule im Geiste des Staates erzogen. Aber dennoch waren viele Ideen gut. Wir wurden mit der konsequenten Friedenserziehung zum Beispiel geradezu überschüttet, wir sangen bereits im Kindergarten und später in der Schule immer wieder viele Friedenslieder. Ich machte noch eine vormilitärische Ausbildung mit und musste während meiner Studienzeit 3 Wochen ein Zivilverteidigungslager besuchen. Ständig ging es da ausschliesslich um Verteidigung, niemals wurden wir aufgehetzt, schon gar nicht im aggressiven Sinn oder gar für einen Angriffskrieg erzogen. Wer das behauptet, lügt. Dafür bin ich der DDR bis heute sehr dankbar. Wir besuchten als Schüler zweimal ein KZ und sahen viele Antikriegsfilme und lasen Bücher über den antifaschistischen Widerstand usw. Das war auch gut so.
Zusätzlich gab es aber etwas, was es im Westen, jedenfalls seit 1968, nicht gab – wir wurden dennoch, trotz Nazizeit, im Sinne einer starken Heimatliebe erzogen. Damit hat es die DDR auch übertrieben, zum Beispiel durch das Doping im Sport. Die DDR-Führung wollte eben, dass man stolz auf sein Land ist.
Im Westen gab es die konsequente antifaschistische Haltung nach 1945 nicht, vieles wurde unter der Decke gehalten. Deshalb gab es im Westen die starke eruptive 1968er Bewegung, die neben vielen berechtigten Veränderungen leider über das Ziel hinausschoss und sehr viel Gutes und wichtige Werte vernachlässigte oder gar abschaffte. Das ist der wichtigste Unterschied, denke ich.
Niemals in meinem Leben war ich wieder so glücklich wie in der DDR. Meine Kindheit verlief überglücklich, und ich bin meinem Vater heute noch dankbar, dass ich die DDR erleben durfte und nicht in der BRD gross wurde. Natürlich wurde die Familie gefördert – jeder, der wollte, bekam einen Kindergartenplatz. Auch die Mütter konnten arbeiten und wollten dies auch meist. Das Wichtigste: Es gab keinerlei Existenzangst, niemand wurde obdachlos, niemand musste hungern, niemand musste arbeitslos werden. Das waren wichtige Voraussetzungen für das Glück meiner Kindheit, denn meine Eltern kannten all diese Ängste nicht – unsere Familie lebte völlig sorgenfrei.
Leider kann ich das heute für mich nicht mehr bestätigen. Nach der Wende kam die Arbeitslosigkeit und inzwischen Teilzeitarbeit. Man verdient so wenig, dass man gerade so über die Runden kommt. Das Schlimmste – heute hat man wieder Angst, dass erneut ein Krieg ausbricht. Die ständige Anti-Russlandhetze in den Medien ist unerträglich. Es wird viel gelogen, deshalb lese ich Zeit-Fragen.
Damit kein Missverständnis aufkommt – auch ich sehe kritische Seiten der DDR, und sie ist wohl auch zu Recht untergegangen. Da wir viele Verwandte im Westen hatten, habe ich unmittelbar auch die schwierigen Seiten der DDR-Familienpolitik erlebt, zum Beispiel bekam mein Vater zur Teilnahme an der Beerdigung seiner Schwester nur drei Tage Urlaub. Da diese in Saarbrücken lebte und wir an der Ostseeküste, war das eine lange Reise, so dass für den eigentlichen Anlass nur ein Tag blieb. Die Mutter meines Vaters schrieb dem DDR-Staatschef, um ihren Sohn besuchen zu können. Später gab es dann Reiseerleichterungen. Das waren schon Schwierigkeiten für die Familie. Jedoch darf man nicht vergessen, dass der junge Staat DDR noch die Einheit wollte.
Es war Konrad Adenauer, der um jeden Preis an der Westbindung festhielt. Hätte sich Deutschland entschliessen können, neutral zu bleiben, wären wir nicht geteilt worden, und die Russen hätten sich zurückgezogen. Leider ist es so nicht gekommen.
Als Kind in der DDR erlebte man eine hohe Wertschätzung, wir hatten eine sehr gute Bildung, Leute aus Finnland kamen in die DDR, um sich von diesem System etwas abzuschauen (wahrscheinlich stammt noch aus dieser Zeit das bis heute so gute finnische Schulsystem). Wir hatten kostenlose Bildung auch an der Universität, billige gute Bücher, viele gute Filme (die Märchenfilme aus der DDR sind bis heute beliebt), viele Sport- und Kulturmöglichkeiten, für jeden erschwinglich. Am Westen nach der Wende fiel uns zuerst eine deutliche Kinderfeindlichkeit auf. Durch befristete Arbeitsverträge oder Arbeitslosigkeit, durch Existenzängste verhindert man oft die Erfüllung eines Kinderwunsches. Kurzum, Schwarzweissdenken ist nicht angebracht.
Fazit: In der DDR wurden viele traditionelle Werte wie die Familie hoch geachtet und unterstützt (auch Ehekredite vom Staat, die bei Geburt von Kindern nicht zurückgezahlt werden mussten) – im Westen durch das System (hohe Kriminalität, drohender Jobverlust, höherer gesellschaftlicher Druck), Werte wie schrankenlose Selbstfindung und Individualität, wenig Gemeinsinn und Familiensinn, viel soziale Unsicherheit, Gefahr durch Kriege und durch massenhafte Zuwanderung die Familie gefährdet (übrigens auch durch den überflüssigen Gender-Wahn).
Die DDR können die Menschen, die dort gelebt haben, am besten beurteilen. In der DDR-Zeit war ich dem Staat gegenüber damals oft sehr kritisch eingestellt – aber heute ärgern mich oft einseitige und verzerrte Darstellungen. Die «Krönung» war eine Behauptung in einem Beitrag auf «Kulturzeit», in dem behauptet wurde, in der DDR hätten Rassismus und Antisemitismus grassiert. Das war wirklich unverschämt und entspricht nicht im mindesten den Tatsachen. Aber das ist wieder ein anderes Thema.
Vielleicht noch dies: An der DDR hat mich später besonders die einseitige Darstellung der Zeitereignisse in den Medien gestört – oder auch die des Geschichtsbildes. Doch inzwischen sehe ich, dass dieser jetzige Staat das kaum anders macht. Früher in der DDR informierte man sich zusätzlich in den «Westmedien», heute zusätzlich im Internet oder ab und an in Sendungen nach 23 Uhr.

M. Wenk