Vom Wert des Lesens

von Renate Dünki

zf. Wozu eigentlich ein neues Lesebuch? Ein Lesebuch zusammenstellen und herausgeben, wo es doch schon so viele gibt? Worum geht es? Um das weitere Trainieren der Lesefertigkeit? Geht es um das bessere Unterscheiden von wahren oder falschen Inhalten? Um … Medienkompetenz?
Das hier vorgestellte neue Lesebuch, «Mein liebstes Lesebuch. Geschichten, Rätsel und Verse für die zweite Klasse», für die Hand von Lehrpersonen, aber auch für die Familie, setzt seine Akzente anders. Es thematisiert die Verbundenheit miteinander und mit der Natur. Ein Lesebuch zu erstellen setzt umfangreiches Wissen voraus, wie die Lesemotivation in den ersten Schuljahren aufgebaut wird, welche entwicklungspsychologischen Schritte in welchem Alter anstehen, welche methodisch-didaktischen Schritte sinnvoll sind und vieles mehr. Den Autoren des neuen Lesebuches gelingt es als erfahrenen Pädagogen, neue und alte Ansätze der Lesebuchdidaktik sinnvoll und kompetent zusammenzubringen. Damit ist wieder ein Lesebuch erhältlich, dass das Kind in seiner Welt abholen und in unsere komplexe Welt einführen kann, ohne dabei die Kindgemäss­heit oder den gesellschaftlichen Kontext aus den Augen zu verlieren.

Lesen hat einen viel umfassenderen Wert als die aktuell viel zitierte Medienkompetenz. Es kann nicht nur um ein Ankreuzen von falschen oder richtigen Informationen aus einem Text (Pisa) gehen. Lesen heisst den ganzen Menschen ansprechen, seinen Standpunkt innerhalb der Familie oder der Gemeinschaft sehen. Es geht dabei um die Bildung junger Menschen. So heisst es denn auch in einem weiteren Sinn: «Die Förderung der allgemeinen Volksbildung und der republikanischen Bürgerbildung ist Sache des Staates.» (Zürcher Kantonsverfassung, Art. 62, Fassung 1971). Die Volksschule ist «eine Stätte allgemeiner Menschenbildung […]. Wahre Menschenbildung offenbart sich aber nicht ausschliesslich im Wissen und Können; ihr charakteristisches Merkmal liegt vielmehr in der Harmonie eines lauteren Innenlebens und des Handelns, das stets auf das Wohl des Ganzen ausgerichtet ist und nie das Licht zu scheuen braucht.» (Lehrplan der Volksschule des Kantons Zürich, Zweckartikel, Fassung 1971)
Dieses umfassende Bildungsziel entspricht auch den Formulierungen der heutigen kantonalen Volksschulgesetze. Sie betonen gerade die Bildungs- und Erziehungsaufgabe der Volksschule. Wie will die Schule die Werte des friedlichen Zusammenlebens in einer Demokratie vermitteln, wenn nicht im Unterricht?
«Die Volksschule erzieht zu einem Verhalten, das sich an christlichen, humanistischen und demokratischen Wertvorstellungen orientiert. Dabei wahrt sie die Glaubens- und Gewissensfreiheit […]. Die Volksschule fördert die Achtung vor Mitmenschen und Umwelt und strebt die ganzheitliche Entwicklung der Kinder zu selbständigen und gemeinschaftsfähigen Menschen an. […] Sie fördert insbesondere Verantwortungswillen, Leistungsbereitschaft, Urteils- und Kritikvermögen sowie Dialogfähigkeit.» (Volksschulgesetz Kanton Zürich, § 2, 2005) Die Volksschule erzieht die Kinder «nach den Grundsätzen von Demokratie, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit im Rahmen des Rechtsstaates zu einem verantwortungsbewussten Menschen und Bürger». (Volksschulgesetz Kanton St. Gallen, Art. 3, 1983)
Die Lehrpersonen stehen daher in einer grossen Verantwortung gegenüber den Kindern und Eltern, aber auch gegenüber der Gesellschaft. Es ist ihre Aufgabe, Texte auszuwählen, die mit Einfühlungsvermögen, Verbundenheit, Respekt und Verantwortungsgefühl – Grundwerten der Demokratie – bereits auf der Unterstufe, von Schulbeginn an diese Ziele unterstützen und fördern.
Eltern haben für ihre Kinder ein Recht darauf, auf diese Bildungstradition der Volksschule vertrauen zu können, und die Pflicht, diese einzufordern.

Ein Lesebuch entsteht

Ein Arbeitskreis erfahrener Primarlehrer und Heilpädagogen hat sich vorgenommen, in seinem Lesebuch diese Bildungsziele zu berücksichtigen. Der Arbeitskreis hat Themenkreise aus bestehenden Lesebüchern verschiedener Kantone gesichtet, wo nötig an die heutige Zeit angepasst oder als Anregung aufgegriffen. Die Inhalte des Lesebuchs stellen den Wert des Zusammenlebens in der Familie oder der Schule und Gemeinde ins Zentrum. Die Kinder bekommen ein Buch in die Hand, das eine Grundlage für gemeinsames Lesen und den Dialog in der Klasse oder der Familie sein kann, das auch genug Lesematerial bietet und dem Klassenlehrer und auch den Eltern ihre Auswahl offenlässt. Es soll ein Buch zum Behalten und Liebgewinnen sein, weg von Texten, die in zwei, drei Wochen wieder vergessen sind oder nie verstanden waren.
In diesem Sinne wünschen wir Ihnen viel Freude an den wieder entdeckten bzw. angepassten oder neu verfassten Schätzen dieses Lesebuchs für das erste Lesen.    •