Auswendig lernen

von Rita Brügger

Am WEF 2016 machten sich die Teilnehmer aus Wirtschaft und Politik Gedanken zur künstlichen Intelligenz. Ihre Beurteilung: Die 4. industrielle Revolution bringe weit grössere Veränderungen mit sich als die vorangegangene Industrialisierung. Maschinen würden sich immer mehr dem Menschen nähern, und was der Mensch im Kopf habe, sei letztlich nichts anderes als eine Maschine. So die Zusammenfassung eines Sprechers am Samstag, 23. Januar, im Wirtschaftsmagazin «Trend» auf Radio DRS 1.
Deshalb, so das Fazit, müsse mit der 4. industriellen Revolution auch das Bildungssystem mitrevolutioniert werden. Denn in Zukunft würden einfache Arbeiten wegfallen, gefragt seien Kreativität, Künstlerisches und Berufe, bei denen die Mitmenschlichkeit angesprochen werde.
Die meisten Experten sind sich einig, dass der Bildung in Zukunft eine noch grössere Bedeutung zukommen werde, was nach ihrer Meinung einen kompletten Umbau unseres Bildungssystems erfordere. Es sei dumm, wenn Menschen das lernen würden, was Maschinen beherrschten. Als ein Beispiel wurde das Auswendiglernen erwähnt.
Abgesehen davon, dass sich die Schule stets weiterentwickelt hat und dass wir weit weg sind vom blossen, sturen Auswendiglernen, drängen sich mir die folgenden Gedanken auf: Wenn wir uns nicht dem puren Ökonomismus und der Technokratie ausliefern wollen, gilt es, diese Maschinen zu verstehen. Es ist wichtig, nachvollziehen zu können, was wie wo und warum gespeichert wird, und auch dafür ist Auswendiglernen, gepaart mit Verstehen, wichtig.
Ausserdem gibt es einen weiteren Aspekt, der beachtet werden muss. Unsere Ressourcen sind beschränkt, Technik ist diffizil und anfällig für Störungen. Was, wenn diese Wundermaschinen ausfallen? Wenn die Energie knapper wird, wenn Krisen, Kriege zunehmen und unser Leben bedrohen?
Dann sind die Mitmenschlichkeit und die Kreativität gefragt. Aber der Mensch ist ein ganzheitliches Wesen mit Kopf, Herz und Hand, wie es Pestalozzi, der grosse Pädagoge, richtig erkannt hat. Ganzheitliche Bildung erfasst alle Bereiche. Wir können das kulturelle Erbe unserer Vorfahren nicht auslassen, sondern müssen es einbeziehen in sorgsam überlegte Änderungen, die selbstverständlich auch im Schulwesen ihre Berechtigung haben.
Zum Auswendiglernen, das in besagter Radiosendung als überholt bezeichnet und lächerlich gemacht wurde, noch folgende Begebenheit: Am Seniorennachmittag im Dorf gibt es monatlich ein gemütliches Zusammensein. Man gönnt sich ein Gläschen Wein, isst etwas Kleines und plaudert.
Ruth, eine über 80jährige Landwirtin, steht bescheiden auf, stellt sich vor die Leute und fragt: «Ischs rächt, weni no öppis ufsäge?» Die positive Antwort folgt sogleich.
Oft rezitiert die Frau ein langes Gedicht, passend zur Jahreszeit und den aktuellen Begebenheiten. Heute erzählt sie vom Winter, so wie es Johann Peter Hebel, Dichter, Theologe, Pädagoge (1760–1826), aufgeschrieben hat. Sie beginnt mit den Worten:

Isch echt do obe Bauwele feil?
Sie schütten eim e redli Theil
in d’Gärten aben un ufs Hus;
es schneit doch au, es isch e Gruus;
und ’s hangt no menge Wage voll
am Himmel obe, merki wol.

Der Dichter beschreibt darin auf ernsthaft-heitere Art den Winter mit dem Schnee, bis der Frühling dann wieder kommt.
Mäuschenstill wird es im Saal. Obwohl viele der älteren Besucher nicht mehr gut hören, lauscht jeder der Stimme, die da mit viel Gefühl das acht-strophige Gedicht aufsagt, als hätte sie es eben erst gelesen und sich eingeprägt.
Welchen Schatz an Wissen hat sie sich damals als Kind angeeignet, es sich zu eigen gemacht und kann nach Jahrzehnten eine Stimmung hervorbringen, die alle Zuhörer in den Bann zieht.
Natürlich ist es nicht blosses Auswendiglernen, das hier zum Tragen kommt. Es ist der Inhalt, die Auseinandersetzung mit dem Text, das Mitleben dieser Jahreszeit Winter. Aber mit dem Lernen, das sich Ruth damals in der Schule angeeignet hat, und ihrem Gedächtnis, das sie geschult hat, gelingt ihr, was von unschätzbarem Wert ist: Sie gibt uns etwas weiter, was Freude bereitet, und vermittelt uns kulturelle Werte, die über die Jahrhunderte Gültigkeit haben.
Übrigens sollen sich politische Gefangene im Nationalsozialismus oft in den Gedanken mit auswendig gelernten Texten befasst haben, um sich in dieser schweren Zeit geistig daran aufzurichten.    •