Der Schneehase – die alpine Tarnkappe

Fressfeinde kann er austricksen, Wintersportler nicht

von Heini Hofmann

Eigentlich ist sein wissenschaftlicher Name Lepus timidus (was soviel heisst wie Angsthase) just das Gegenteil von wissenschaftlich, ja explizit eine Beleidigung. Denn der hochalpine Überlebenskünstler muss sich als Nestflüchter von klein auf, im Winter zumal bei extremen Tiefsttemperaturen, in einem unwirtlichem Lebensraum voller Fressfeinde mutig behaupten.

Während der letzten Eiszeit bevölkerte der Schneehase in Europa den eisfreien Gürtel. Als die Gletscher zurückwichen, folgte ihnen der Tarnkappenkünstler nicht nur nordwärts, sondern auch südwärts in die Alpen. Er ist somit eine der wenigen borealen, will heissen im hohen Norden beheimateten Säugetierarten, deren Vorkommen in Mitteleuropa als Eiszeitrelikt auf die Alpen beschränkt ist. Hier bewohnt er steinige Gebiete im Krummholzgürtel des Waldgrenzenbereichs in Höhen von 1400 bis 2700 m, ausnahmsweise bis über 3000 m respektive bis unter 1200 m.

Verwandt mit dem Schneehasen sind der grössere, ganzjährig braun gefärbte Feldhase und das kleinere Wildkaninchen, der Ahne aller Hauskaninchen. Während letzteres nur im Tiefland vorkommt, überlappen sich zum Teil die Habitate von Feld- und Schneehase, die gelegentlich sogar verbastardieren, weil Schneehäsinnen einen grossen Feldhasenrammler offenbar attraktiv finden…

Biologisches Recycling

Der Schneehase richtet sich sein Tageslager nahe der Schneegrenze ein, getarnt zwischen Steinen, Stauden und Legföhren. Im Winter lässt er sich in seiner Sasse oft vollständig einschneien. Seine Nahrung besteht im Sommer aus Kräutern, Gräsern und Beeren. Im Winter begnügt er sich mit dürren Zweigen und der Rinde verschiedener Weich- und Laubhölzer. Doch trotz Nagezähnen sind Hasen und Kaninchen keine Nagetiere, sondern gehören in die Ordnung der Hasentiere.
Bei der Verdauung spielen der grosse Blinddarm und dessen Mikroorganismen eine wichtige Rolle. Ausser der normalen Losung in fester Bohnenform setzen die Hasentiere noch eine zweite Kotform ab, weiche, schleimüberzogene Kügelchen. Sie werden im Blinddarm gebildet, enthalten bis fünfmal mehr Vitamine als die normale Losung und werden bei der Ablage sofort wieder aufgenommen und unzerkaut geschluckt.
Dadurch wird ein Teil der Nahrung zweimal verdaut und somit besser aufgeschlossen – eine Art biologisches Recycling, vergleichbar dem Wiederkäuen der Kühe und anderer Ruminanten. Solche für uns Menschen etwas gewöhnungsbedürftige Laune der Natur hilft den Hasenartigen, längere Fastenzeiten bei Schlechtwetter zu überbrücken.

Nur nicht auffallen

Der Schneehase ist perfekt an die harten Bedingungen des alpinen Winters angepasst. Er ist kleiner und pummeliger als der Feldhase, seine Ohren und sein Schwanz sind etwas kürzer (Kälteschutz). Sein Überlebensprinzip heisst: unentdeckt bleiben. Deshalb lebt er dämmerungs- und nachtaktiv, womit er sich dem Adlerauge entzieht. Den Tag überdauert er in seiner Sasse in sicherer Deckung.
Als schneegängiger Sprinter ist er spezialisierter als der Feldhase. Seine Läufe sind grösser und zudem die Zehen stärker behaart, was sie schneeschuhartig verbreitert und ihm dadurch die Fortbewegung auf Schnee erleichtert. Als Tarnkappenkünstler hat er zudem die Fähigkeit, seine Fellfarbe jahreszeitlich zu wechseln. Im Sommer ist sein Fell etwas grauer als das braune des Feldhasen, im Winter wird es schneeweiss (bis auf die Ohrspitzen) und die Isolierkapazität steigt.
Typisch für den Schneehasen ist seine Spur: Weil er sich nur in zwei – zudem sehr ähnlichen – Gangarten bewegt, nämlich hoppelnd oder flüchtend, hinterlässt er eine ganz spezielle Spur. Denn er fusst mit den hinteren Gliedmassen nicht in den Tritten der vorderen, sondern setzt die viel längeren Hinterläufe paarweise vor die kürzeren Vorderläufe: der sogenannte Hasensprung.

Taktik, Tricks und Tempo

Hasen sind Fluchttiere, die jedoch bei Gefahr nicht einfach kopflos davonrennen. Dank Früherkennung von Fressfeinden können sie diesen trick- und temporeich ein Schnippchen schlagen. Ihr Radar sind die grossen Ohren und die teleskopartigen, am Kopf hochstehenden, weit auseinanderliegenden Augen, die einen Rundumblick ermöglichen.
Dank solcher Möglichkeiten zur Früherkennung von Gefahren verharren sie zuerst wie erstarrt in Deckung, um dann unerwartet mit explosionsartigem Start zu entkommen. Solche Blitzstarts und Sprinttempi von bis zu 70 Stundenkilometern selbst auf Schnee ermöglichen ihnen die grossen, kräftigen Hinterläufe. Mit den kleinen Vorderläufen lässt sich das überraschende Hakenschlagen einleiten, was die Chance noch erhöht, einem Fressfeind zu entkommen.
Weil Hasenkeulen von verschiedensten Beutegreifern geschätzt werden, müssen die Hoppler ständig fluchtbereit sein. Aus der Luft können tagsüber Steinadler, Habicht und Kolkrabe (für Junghasen zudem Sperber und Turmfalke) gefährlich werden, nachts auch der Uhu. Terrestrisch lauert Gefahr von Fuchs, Marder und Luchs – und zur Jagdzeit in gewissen Kantonen von den Niederwild-Grünröcken. Auch freilaufende Touristenhunde sind sowohl für Schneehase und Schneehuhn, die oft ihren Lebensraum teilen, ein (mit Goodwill vermeidbares) Problem.

Kunst des Ausfährtens

Die Jagd auf den Schneehasen ist ursprünglich und anspruchsvoll. Sie erfolgt klassischerweise mit dem Laufhund oder nach Trapperart als Spurenjäger. Wichtige Voraussetzung sind günstige Wetterbedingungen. Bei grossen Neuschneemengen verharren die Schneehasen tagelang in der Sasse, ohne Spuren zu hinterlassen. Am besten ist ein wenig, aber nicht zuviel Neuschnee, jedoch nicht gegen das Nachtende hin, da sonst die Spuren bis am Morgen wieder zugeschneit sind.
Wer denkt, es sei einfach, in einem Wirrwarr von Schneehasenspuren jener zu folgen, die zur Sasse und damit zum Versteck des Hasen führt, der täuscht sich. Denn um ihre fährtensuchenden Fressfeinde in die Irre zu führen, haben die Tarnkappenkünstler noch eine weitere Finte im Köcher; sie laufen unverhofft in der eigenen Spur zurück und machen dann plötzlich einen weiten Sprung zur Seite in eine Deckung, wodurch die Hauptspur blind endet… Deshalb bleibt die strenge Schneehasenjagd des öftern ohne Beute, was ein echter Jäger jedoch mit Fassung trägt.    •

Schwankende Bestände

HH. In seinem Vorkommensgebiet ist der Tarnkappenhase in einzelnen Kantonen geschützt: SG, AR, AI, LU, BE. In den anderen Bergkantonen wird er bejagt (Auflistung in absteigender Reihenfolge der Abschussgrösse im Mittel der letzten drei Jahresstatistiken): GR, VS, TI, UR, GL, SZ, NW, OW, VD. Im Fürstentum Liechtenstein ist er jagdbar, wurde aber nicht mehr erlegt.
Insgesamt werden schweizweit jährlich rund 1450 Schneehasen geschossen, der Grossteil davon (gut 1100) in Graubünden, wo die Hasenjagd vom 1. Oktober bis zum 20. November offen ist und etwa 1700 Niederwild-Jäger das Patent lösen.
Seit Beginn der Datenerhebung 1955 liegt die durchschnittliche Strecke gesamtschweizerisch bei knapp einem halben Schneehasen pro Jahr und Jäger, was auf ein konstantes Vorkommen schliessen lässt. Eine genaue Zahl aller freilebenden Schneehasen in der Schweiz ist allerdings nicht bekannt; eine vorsichtige Hochrechnung kommt auf etwa 14 000. Erschwerend für solche Erhebungen wirken sich klima- und krankheitsbedingte Bestandesschwankungen aus.

Störungen steigern Stresshormone

HH. Wildtiere im Bergwinter leben am energetischen Existenzminimum. Unnötige Störungen durch Wintersportler abseits der Pisten können ihr Leben aufs Spiel setzen. Das belegen aktuelle Losungsuntersuchungen des Schneehasenforschers Maik Rehnus: Kotproben aus Wintersport-Bereichen im Engadin weisen höheren Stresshormongehalt auf als solche von Tieren im Nationalpark.
Aber auch die Klimaerwärmung bringt dem Tarnkappenkünstler Ungemach: In schneearmen Spätherbsten steigt der Druck der Prädatoren (Raubtiere), und die kälteabhängige Umfärbung des Fells erfolgt schon vor dem ersten Schneefall, wodurch die Tarnfunktion ins Gegenteil mutiert. Zudem steigt der Feldhase, dessen Lebensraum jetzt schon mit dem des Schneehasen überlappt, zunehmend höher und konkurrenziert so den kleineren Bruder.
Es gibt aber auch Bereiche (zum Beispiel im Kanton St. Gallen), wo die Situation gerade umgekehrt ist wegen dem geringen Feldhasenvorkommen und dem dadurch fehlenden Konkurrenzdruck. Hier kann man dem an sich hochalpinen Schneehasen deshalb vereinzelt auch in tieferen Lagen begegnen. So gibt es Beobachtungen auf 1200 und sogar auf bloss 900 m Höhe.