«Ein wichtiger Beitrag zu friedensfördernden Massnahmen»

Geleitwort zur 1. internationalen Ausgabe des «Body Count – Opferzahlen nach 10 Jahren ‹Krieg gegen den Terror›; Irak – Afghanistan – Pakistan» (September 2015)

von Dr. h.c. Hans-Christof von Sponeck, vorm. Beigeordneter des UN-Generalsekretärs*

ef. Jeder Mensch, der getötet wird, ist ein Toter zuviel. Die Mehrheit der Bürger in den westlichen Staaten wollen keinen Krieg. In einer Zeit, in der Kriege ohne Ende geführt werden, in der das Völkerrecht und das Humanitäre Völkerrecht ständig mit Füssen getreten und übergangen werden, ist die vorliegende Untersuchung «Body Count – Opferzahlen nach 10 Jahren ‹Krieg gegen den Terror›; Irak – Afghanistan – Pakistan» der «Internationalen Ärzte gegen den Atomkrieg» (deutsche, US-amerikanische und kanadische Sektion) dringend notwendig und ein Meilenstein. Dringend notwendig ist sie auch, um dem Desinteresse der kriegführenden Staaten an der Zahl der menschlichen Opfer etwas entgegenzusetzen und den Entscheidungsträgern von Politik und Zivilgesellschaft dabei zu helfen, Recht und Gerechtigkeit für die verübten Verbrechen einzufordern. Es handelt sich um die weltweit erste Metaanalyse, die die wichtigsten Erhebungen evaluiert und ihre Ergebnisse zusammenführt.

Die Studie, die im September vergangenen Jahres in 1. internationaler Auflage auf deutsch (englische Auflage März 2015) veröffentlicht wurde, hat ergeben, dass die tatsächliche Anzahl der Todesopfer, die der «Krieg gegen den Terror» bis zum Jahr 2013 kostete, fast zehnmal so hoch ist wie bisher bekannt. Mit grosser Redlichkeit, unter Würdigung der bisherigen verfügbaren Quellen und Studien und mit zahlreichen weiteren Quellen gut belegt haben die Autoren Joachim Guilliard, Lühr Henken und Knut Mellenthin eine Dokumentation der wahren menschlichen Verluste als Ergebnis von Kriegen, die seit 2001 im Namen des «Krieges gegen den Terror» durchgeführt wurden, erstellt. Sie weisen nach, dass die Gesamtzahl der Todesopfer der Kriege in Afghanistan, Pakistan und dem Irak in den meisten öffentlichen Darstellungen drastisch unterschätzt wird. Die Zahl der Todesopfer liegt in Wirklichkeit bei weit über 1 Million. Die Todesbilanz ergibt nach 10 Jahren Irak-Krieg 1 Million, in Afghanistan sind tatsächlich 220 000 Tote zu beklagen und in Pakistan etwa 80 000. Dieses erschreckende Ausmass an Todesopfern muss dringend öffentlich wahrgenommen und breit diskutiert werden. Dies um so mehr, als die menschlichen Kriegskosten weder der Bevölkerung noch den Entscheidungsträgern bekannt sind.

Der Leser dieser Studie wird zugleich mitgenommen bei den Schwierigkeiten, zu verläss-lichen Aussagen zu kommen: Die Quellen sind sehr heterogen und die statistischen Intervalle für entsprechende Studien sind sehr breit.

Wir veröffentlichen im folgenden das Geleitwort zu der Studie von Dr. Hans-Christof von Sponeck, dem ehemaligen UN-Koordinator für den Irak.

Die von den USA angeführte multinationale Truppe im Irak (Multinational Force, MNA) sowie die in Afghanistan eingesetzten Truppen der Nato (International Security Assistance Force, Isaf) und der USA (Operation Enduring Freedom, OEF-A) pflegten eine sorgfältig geführte Liste ihrer Gefallenen. Das einzige Interesse des Militärs war, ihre eigenen «Leichen» zu zählen. 4804 Soldaten der MNA starben im Irak zwischen März 2003 und Februar 2012, als die Zählung der Toten (engl. «Body Count») endete. In Afghanistan haben seit 2001 bis Ende 2014 3485 Isaf- und OEF-Soldaten ihr Leben verloren.1

Da die Truppen der US- und sonstiger fremder Armeen nur zwischenzeitlich und heimlich auf pakistanischem Boden stehen, vorwiegend in den nördlichen Stammesgebieten, gibt es keine Gefallenen-Statistiken der Koalitionstruppen für Pakistan.

Für beide Kriegsschauplätze gibt es nur ungefähre Vorstellungen bezüglich der körperlich verwundeten Soldaten. Lediglich bezüglich des US-Militärs wissen wir: (a) 32 223 wurden während der Irak-Invasion 2003 und deren Folgen verwundet und (b) 20 040 bis November 2014 in Afghanistan.2

Bezüglich seelischer Störungen von Militärangehörigen, die im Irak, Afghanistan oder Pakistan eingesetzt waren, gibt es keine Zahlen.

Offiziell ignoriert werden Opfer, getötete wie verletzte, wenn es sich um feindliche Kämpfer oder Zivilisten handelt.3 Das ist natürlich keine Überraschung. Es ist kein Versehen, sondern eine bewusste Unterlassung. Die US-Behörden haben über diese Todesfälle nicht Buch geführt.4 Dies hätte das Argument zunichte gemacht, die gewaltsame Befreiung des Iraks von der Diktatur, die Vertreibung der al-Kaida aus Afghanistan und die Elimination sicherer Zufluchtsorte für Terroristen aus pakistanischen Stammesgebieten habe den Terrorismus davon abgehalten, die US-amerikanische Heimat zu erreichen, habe die globale Sicherheit erhöht und die Menschenrechte gefördert, alles zu einem «vertretbaren» Preis.5

Jedoch, Fakten sind in der Tat aufmüpfig. Sowohl Regierungen als auch die Zivilgesellschaft wissen inzwischen, dass diese Behauptungen sich in jeder Hinsicht als auf groteske Weise falsch erwiesen haben. Militärische Schlachten wurden im Irak und in Afghanistan gewonnen, aber zu enormen Kosten für die menschliche Sicherheit und das Vertrauen unter den Nationen. Auch die finanziellen Kosten dürfen nicht vergessen werden.6 Das 21. Jahrhundert hat einen beispiellosen Verlust an Menschenleben unter der Zivilbevölkerung erlebt, besonders im Irak, in Afghanistan und Pakistan. Niemand soll die Frage zu stellen wagen, ob es das wert war! Wie der unabhängige US-Journalist Nir Rosen schrieb: «Den hunderttausenden toten Irakern geht es nicht besser, […] den Kindern, die ihre Väter verloren haben, geht es nicht besser, […] den hunderttausenden Flüchtlingen geht es nicht besser.»7

Der IPPNW-Body-Count muss als bedeutender Beitrag gesehen werden, um die Kluft zwischen verlässlichen Schätzungen der Kriegsopfer, insbesondere der Zivilisten im Irak, in Afghanistan und Pakistan und den tendenziösen, manipulierten oder sogar betrügerischen Darstellungen zu verringern. In der Vergangenheit haben diese das Bild vom Ausmass an Tod und Zerstörung in diesen drei Ländern verschleiert. Subjektive und voreingenommene Berichterstattung ist natürlich eine ernsthafte Angelegenheit. Das schliesst die Verbreitung vorsätzlich gefälschter Informationen mit ein. Im Zusammenhang mit den Kriegen im Irak und in Afghanistan gibt es zahlreiche Beispiele manipulierter «Tatsachen». Das nur kurzlebige (2001/02) «Office of Strategic Influence» (OSI) des US-Verteidigungsministeriums ist ein krasses Beispiel für von der Regierung herausgebrachte Fehl- und Desinformation, die die öffentliche Meinung dahingehend beeinflussen sollte, ihre Irak-Politik zu unterstützen.8

Mit dieser Veröffentlichung wird der Öffentlichkeit bewusst, wie schwierig die tatsächliche Dimension dieser Kriege zu erfassen war und wie rar unabhängige und unparteiische Opferschätzungen waren. Für Regierungen und zwischenstaatliche Organisationen stellt der IPPNW-Bericht ein starkes aide mémoire für ihre rechtliche und moralische Verantwortung dar, die Täter zur Verantwortung zu ziehen. Was in der IPPNW-Studie dargelegt wird, ist nicht allein für die Geschichtsbücher; viel bedeutsamer ist demgegenüber der Aufruf, der Gerechtigkeit zum Durchbruch zu verhelfen.

Ohne die in der IPPNW-Body-Count-Veröffentlichung enthaltenen glaubhaften Informationen wäre es noch schwieriger, Wiedergutmachung und Gerechtigkeit erreichen zu wollen. Mit dem dank Organisationen wie der IPPNW klarer werdenden Bild von den Toten, Verwundeten, Traumatisierten, Vergifteten (durch abgereichertes Uran und weissen Phosphor), den flüchtenden und verarmten Zivilisten kommen wir der Rechenschaftspflicht für die verübten Verbrechen deutlich näher. Es ist eine zwingende Voraussetzung für die auf gefährliche Weise überfällige Debatte, das muss betont werden, dass der Kampf um die Integrität von Informationen gewonnen wird. International führende Vertreter von Regierungen und den Vereinten Nationen können der offenen und intensiven Reflexion, gemeinsam mit der Zivilgesellschaft, über die Ursachen der jüngsten Konflikte nicht länger ausweichen. Das öffentliche Bewusstsein wird nicht bereit sein, weiteres Hinauszögern zu akzeptieren. Menschen auf allen Kontinenten, insbesondere die jungen, die unfreiwilligen Erben der Konflikte, bestehen auf friedensfördernden Massnahmen. Nichts weniger als das!

Der zur rechten Zeit erscheinende Body Count der IPPNW beweist deren unverminderten Einsatz, um «Kriege zu beenden und die Ursachen bewaffneter Konflikte anzugehen» und ist damit selbst ein wichtiger Beitrag zu friedensfördernden Massnahmen.           •

1  Casualities.org: Iraq Coalition Casualty Count, verfügbar unter  http://icasualties.org/ .

2  Breitbart Newsletter  http://www.breitbart.com/national-security/2014/11/11/over-20k-soldiers-wounded-in-afghan-war-theater/

3  2011 veranstaltete das Brüsseler Tribunal (BT) eine internationale Konferenz in Gent (Belgien) über Wissenschaft im Irak. Es stellte sich heraus, dass 449 Wissenschaftler seit der Invasion durch die USA bzw. Grossbritannien umgebracht worden waren. Weder die Besatzungsmächte noch die irakischen Regierung führten eine Untersuchung dieser Verbrechen durch.

4  Der frühere US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld berichtet in seinen Memoiren «Known and Unknown» (Penguin Books, 2011) von irakischen Todesschwadronen und Sektierertum als Ursachen für den Tod von Zivilisten. Das ist nicht falsch. Er verschweigt jedoch jegliche Beteiligung der US- oder Koalitionstruppen am Tod von irakischen Zivilisten.

5  Der frühere US-Präsident George W. Bush kommt in seinen Memoiren «Decision Points» (Virginia Books, 2010) zu dem Schluss: «Ich konnte nicht erkennen, wie irgend jemand bestreiten könnte, dass die Befreiung Iraks die Sache der Menschenrechte vorangebracht hätte.»

6  Joseph E. Stiglitz, Nobelpreisträger für Wirtschaft 2011, und Linda J. Bilmes wiesen 2008 darauf hin, dass die US-Behörden vor der Irak-Invasion die Kosten auf 50 Milliarden Dollar geschätzt hatten. Ihre eigene Schätzung belief sich auf drei Billionen Dollar. Diese Zahl wird inzwischen als zu niedrig erachtet und wird, wenn die endgültigen Berichte vorliegen, wahrscheinlich übertroffen. Siehe Joseph E. Stiglitz & Linda J. Bilmes. The Three Trillion Dollar War: The True Cost of the Iraq Conflict. Norton 2008

7  Nir Rosen, Following the Bloodshed of America’s Wars in the Muslim World. Nation Books. 2010

8  Joachim Guilliard erinnert uns daran, dass viele Kriegsgegner sich nicht für die Genauigkeit der vorgelegten Opferzahlen interessieren. Jedes durch Krieg verursachte Todesopfer ist eines zu viel, argumentieren sie. Guilliard weist jedoch darauf hin, dass die Anzahl der Toten auch das politische Gewicht mit sich trägt, das einem Konflikt zugeschrieben wird. Knut Mellenthin liefert Informationen darüber, dass die Opfer von Drohnenangriffen in Pakistan viel mit den ziellosen, häufig von angeworbenen lokalen CIA-Informanten ermöglichten Angriffen zu tun hatten. Lühr Henken schliesslich stellt den Begriff «Taliban» in Anführungsstriche. Das ist richtig, da sowohl afghanische als auch pakistanische Dorfbewohner, die gegen Korruption oder fehlende Entwicklung in ihren Bevölkerungsgruppen protestierten, häufig als «Terroristen» oder als «Taliban» bezeichnet wurden, um gescheiterte Massnahmen zu rechtfertigen.

*    Dr. h.c. Hans-Christof von Sponeck, vorm. Beigeordneter des UN-Generalsekretärs und Koordinator für humanitäre Fragen der Uno für den Irak (1998–2000); residierender UN-Koordinator für Pakistan (1988–1994), zuständig auch für Afghanistan.

Quelle: Body Count – Opferzahlen nach 10 Jahren «Krieg gegen den Terror»; Irak – Afghanistan – Pakistan. Internationale Ausgabe: 1. Auflage, deutsche Version September 2015; 1. Auflage, englische Version März 2015

Herausgegeber: IPPNW PSR PGS – Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in soz. Verantwortung (deutsche Sektion), Berlin – Physicians for Social Responsibility (US-amerikanische Sektion), Washington DC – Physicians for Global Survival (kanadische Sektion), Ottawa der International Physicians for the Prevention of Nuclear War – IPPNW

«Wie die Autoren der Body Count Studie aufzeigen, ist es […] politisch wichtig gewesen, die Verantwortlichkeit der alliierten Streitkräfte für das Gemetzel und die massive Zerstörung in der Region herunterzuspielen. Ähnlich wichtig war es für US-Politiker, die Milliarden von Dollar an Kriegskosten zu verbergen, die seit 2001 aufgewendet wurden, denn die Anerkennung dieser Kosten trägt zur Kriegsmüdigkeit der westlichen Bevölkerung bei.

Eine politisch sinnvolle Option für die US-Eliten auf politischer Ebene war es, die laufende Gewalt internen Konflikten verschiedener Arten zuzuordnen, einschliess- lich der historischen religiösen Feindseligkeiten, als ob das Wiederaufleben und die Brutalität solcher Konflikte unabhängig wäre von der Destabilisierung, die durch jahrzehntelange militärische Interventionen verursacht wurde.»

Quelle: Robert M. Gould, PSR, Tim Takaro, PGS: Body Count, Vorwort der Physicians for Social Responsibility (USA) und Physicians for Gobal Survival (Kanada)

«Auch die durch den Vietnam-Krieg verursachte konsequente politische Destabilisierung der Region, mit der der Aufstieg des schrecklichen Khmer-Rouge-Regime verbunden ist, erinnert an die aktuelle ‹Nachkriegs›-Destabilisierung im Irak und dessen Nachbarländern, die den Aufstieg brutaler Kalifat-‹Möchtegerns› wie ISIS ermöglichte, die jetzt die Region terrorisieren und meist mit brutalen Luft- und Bodenangriffen der USA, Kanada und lokaler Kräfte beantwortet werden.»

Robert M. Gould, PSR, Tim Takaro, PGS: Body Count, Vorwort der Physicians
for Social Responsibility (USA) und
Physicians for Gobal Survival (Kanada)

«Die in dieser Studie vorgenommene Abschätzung der Opferzahlen zeigt auch, dass die viel gepriesenen Präzisionswaffen nichts am hohen Prozentsatz von Zivilisten ändern, die im Krieg getötet werden oder indirekt an seinen Folgen sterben.»

Jens Wagner: Body Count, Einleitung

Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz rechnet in seinem Buch «Die wahren Kosten des Krieges» (2008) vor, dass allein die Kosten des Irak-Krieges etwa drei Billionen US-Dollar betragen – das Sechzigfache dessen, was die Bush-Regierung dafür ursprünglich im Kongress veranschlagt hatte. Die im Irak angerichteten Schäden sind darin nicht enthalten.

«Wir [der Westen] haben von Mali bis Afghanistan alles platt gemacht.»

Willy Wimmer