«Permanente Jagd auf schutzlose oder nicht ausreichend geschützte Kinder»

von Manfred Paulus, Erster Kriminalhauptkommissar a.D., Ulm

Niemand braucht sich über die Meldung zu wundern, und niemand sollte sie für übertrieben halten. Es gehört, ob wir das wahrhaben und wahrnehmen wollen oder nicht, längst zum Grundrisiko einer Kindheit in Deutschland (und vielleicht auch in der Schweiz), sexuell missbraucht oder in anderer Weise sexuell ausgebeutet zu werden.

Und grösste Gefahr besteht immer dann, wenn Kinder aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen werden, wenn die üblicherweise vorhandenen Schutzmechanismen versagen.

Nun sind sicher nicht alle der 10 000 oder mehr verschwundenen Kinder in den Fängen sogenannter Pädophiler.

Davon, dass sich diese Pädophilen- und Päderastenszene (Präferenz für Jungen) aufgemacht hat, um auf alleinreisende und schutzlose oder nicht ausreichend geschützte Flüchtlingskinder Jagd zu machen, ist jedoch auf Grund aller bislang gemachter Erfahrungen auszugehen. Und davon, dass sie dabei nicht erfolglos ist, leider auch.  

Auch nach den Naturkatastrophen in Haiti, in Thailand und in Nepal, um nur einige wenige Beispiele zu nennen, gingen Meldungen um die Welt, dass sich diese Szene unverzüglich den plötzlich hilf- und schutzlos gewordenen Kindern annahm.

Ganz erhebliche Gefahren sehe ich bei den Kindern, die auf der Balkan-Schiene in Richtung Westen kommen.

Auf dieser Route besteht seit Jahrzehnten eine perfekt ausgebaute Infrastruktur, was den Handel mit der Ware Frau und Kind zum Zweck der sexuellen Ausbeutung betrifft. Es wäre geradezu blauäugig, davon auszugehen, dass sich die dort tätigen Menschenhändler den allein reisenden Flüchtlingskindern nicht annehmen würden.

Dass es auch in Deutschland wie in der Schweiz Verbindungen und Vernetzungen von (potentiellen), in ihrer sexuellen Ausrichtung auf Kinder fixierten Tätern gibt, wurde von deutschen wie von schweizer Kriminalisten in der Vergangenheit mehrfach nachgewiesen. So wurde eine einem Geheimbund gleich agierende, national wie international agierende Tätergruppierung enttarnt, die permanent Jagd auf schutzlose oder nicht ausreichen geschützte Kinder machte («die Jagd ist so spannend und so schön, wie der Fang», sagte einer von ihnen).

Allein reisende Kinder geraten bereits in der Phase der Schleusung in ganz erhebliche Gefahr, sexuell ausgebeutet zu werden.

Doch auch in Deutschland warten «Helfer» auf sie, die nicht immer Helfer sind.

Es scheint aus kriminalistischer Sicht dringend geboten, mögliche Fluchterlebnisse von Kindern professionell aufzuarbeiten und allein reisende Flüchtlingskinder vom Eintreffen an mit geeigneten Massnahmen vor drohender, sexueller Ausbeutung wirksam zu schützen.

Davon aber ist bislang nicht die Rede. Passt diese Kriminalität doch ganz und gar nicht zu all unseren Vorgaben und Idealen.    •

Fast 5000 Flüchtlingskinder in Deutschland vermisst gemeldet

zf. Am 3. Februar berichtete die «Frankfurter Allgemeine Zeitung»: «Mehrere Tausend minderjährige Flüchtlinge in Deutschland sind nach Angaben des Bundeskriminalamts nicht auffindbar.»

Weiter heisst es im Bericht: «Anfang des Jahres waren in Deutschland fast 4800 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zumindest zeitweise vermisst gemeldet.» «Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge» sind minderjährige Flüchtlinge ohne Begleitung von Erziehungsberechtigten. Eine Sprecherin des Bundeskriminalamtes wird mit den Worten zitiert, am 1. Januar 2016 hätten 4749 unbegleitete Flüchtlinge im Kindes- und Jugendlichenalter als vermisst gegolten. 431 davon waren jünger als 13 Jahre, 4287 zwischen 14 und 17 Jahren und 31 über 18. Ein halbes Jahr zuvor habe die Zahl der vermissten unbegleiteten Flüchtlinge noch bei 1637 gelegen.

Zuvor hatte die europäische Polizeibehörde Europol mitgeteilt, dass in den vergangenen 2 Jahren mindestens 10 000 allein reisende Flüchtlingskinder nach ihrer Ankunft in Europa verschwunden seien.

Die Zeitung zitiert einen Sprecher von Europol: «Dies bedeutet nicht, dass allen etwas passiert ist. Ein Teil der Kinder könnte sich tatsächlich mittlerweile bei Verwandten aufhalten. Aber es bedeutet, dass diese Kinder zumindest potentiell gefährdet sind.»

Der Präsident des deutschen Kinderschutzbundes wird mit den Worten zitiert, Kinder seien durch die Umstände «sehr leichte Opfer» für Kriminelle. Oft würden sie nicht registriert, und so lange sie nirgendwo in Obhut seien, seien sie «recht- und schutzlos» und könnten besonders gut ausgenutzt werden.

Weiter heisst es im Bericht: «Europol lägen auch Informationen darüber vor, dass jene Kriminellen, die zunächst als Schlepper und Menschenhändler von den Flüchtlingen profitiert hätten, nun auch versuchten, die Flüchtlinge de facto zu versklaven oder sexuell auszubeuten. Die Öffentlichkeit müsse davon ausgehen, dass die verschwundenen Kinder nicht ‹irgendwo im Wald versteckt› würden, sondern ‹unter unseren Augen› lebten.»

Im Europaparlament haben mehrere Abgeordnete Auskunft über die mehr als 10 000 unbegleiteten Flüchtlingskinder gefordert. In einem Brief an den Europäischen Rat wiesen sie darauf hin, dass die verschollenen Minderjährigen möglicherweise Opfer von paneuropäischen Banden wurden, die sie für Sexarbeit, Sklaverei oder sogar Organhandel missbrauchen könnten.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3.2.2016