«Ich kann nur verantworten, was ich selber für richtig erachte»

Interview mit Oskar Freysinger, Vorsteher des Departements für Bildung und Sicherheit des Kanton Wallis

Zeit-Fragen: Als Chef des «Departements für Bildung und Sicherheit» des Kanton Wallis haben Sie am 1. März die zweisprachige Broschüre «10 Thesen über die Schule» (siehe Seite 8) publiziert. Darin stellen Sie Ihre Vorstellungen von Schulbildung vor. Was hat Sie bewogen, dieses Vorgehen zu wählen?

Staatsrat Oskar Freysinger: Seit den 60er Jahren ist die Schulbildung ideologisch in linken Händen. Alle Schulreformen der letzten Jahrzehnte waren von marxistischem Gedankengut geprägt. Es war nun Zeit, dass ein Schulminister, darüber hinaus ein ausgebildeter Primar- und Gymnasiallehrer mit 27jähriger Schulpraxis, diesen ausgelaufenen Modellen ein allgemein verständliches, die Grundlagen jedes erfolgreichen Lernens charakterisierendes Leitbild gegenüberstellte. Es ging mir darum, die Eltern und Lehrer zu beruhigen und eine Art Orientierung darüber zu liefern, was den Leitfaden meines Wirkens als Staatsrat darstellt.

Kritiker Ihrer Thesen werfen Ihnen vor, Sie hätten diese nicht breit genug abgestützt und sie würden verhaltensauffällige Kinder oder die Integration von ausländischen Schülern nicht berücksichtigen. Was sagen Sie dazu?

Wieso sollte ich meine schulpolitischen Grundprinzipien als Departementsvorsteher breit abstützen lassen? Dann wären es nicht mehr meine. Darüber hinaus würde ich dadurch einen dauerhaften Zank hervorrufen, um am Ende entweder mit einem verwässerten Papier oder mit leeren Händen dazustehen. Ich kann nur verantworten, was ich selber für richtig erachte und was die Grundlage meines Handelns ausmacht. Es geht bei diesen Thesen weder um einen Gesetzestext noch um ein Handlungspapier mit konkreten Massnahmen, sondern um schulphilosophische Betrachtungen. Mir schien es wichtig, den Bürgerinnen und Bürgern über meine Anschauungen in Sachen Schule klaren Wein einzuschenken. Dass dies eine Debatte auslösen würde, war mir bewusst und war auch erwünscht. Verhaltensauffällige und ausländische Schüler sind vor allem Schüler. Die zehn Thesen gelten für sie wie für die anderen. Ihre spezifischen Bedürfnisse müssen konkret angegangen werden, gehören aber nicht in ein allgemeines Thesenpapier.

In bislang 13 Schweizer Kantonen regt sich deutlicher Widerstand gegen den Lehrplan 21. Gefordert wird mittels kantonaler Volksinitiativen eine breite demokratische Beteiligung an den Entscheiden über diesen umstrittenen Lehrplan, der ohne echte Diskussion von den Kantonsregierungen eingeführt werden soll. Im Oberwallis ist der Lehrplan 21 derzeit sistiert. Wie kam es dazu und weshalb?

Den Lehrplan 21 betrachte ich nicht als Monolith, der tel quel über die Schule zu stülpen ist. Reformen dieser Art hatten wir zur Genüge, und das Resultat ist inzwischen bekannt. Ich sehe in diesem Riesenwerk eher einen Katalog, der angepasst werden muss. Was die Qualität der Schule verstärkt, wird übernommen, was Altbewährtes gefährdet, wird vermieden. Dazu braucht es einen langsamen Prozess, eine Evolution und keine Revolution. Eine Arbeitsgruppe ist dabei, gewisse Aspekte auf das Walliser Schulsystem abzustimmen und deren Übernahme vorzubereiten. In keinem Fall werden jedoch gewisse Grundprinzipien in Frage gestellt werden, die die hohe Qualität der Schulbildung in meinem Kanton in Frage stellen könnten. Unter anderem soll die pädagogische Freiheit der Lehrer gewährleistet bleiben und die Wissens- und Kompetenzvermittlung in gesundem Gleichgewicht vor sich gehen.

In den französischsprachigen Kantonen ist der neue Lehrplan (Plan d’études romand – PER) bereits eingeführt. Gibt es darin grundsätzliche Unterschiede zum Lehrplan 21 der Deutschschweizer Kantone?

Die Unterschiede sind folgende: Der Plan d’études romand – PER definiert die Lerninhalte (contenus d’apprentissage), welche im Verlauf der obligatorischen Schulzeit in der welschen Schweiz zu erreichen sind. Der PER beschreibt einerseits, was die Schüler lernen müssen, und andererseits erlaubt dieser Lehrplan den Lehrpersonen, ihre Arbeit, den Platz und die Rolle ihrer Fächer in der Gesamtausbildung der Schüler zu situieren.
Im PER wird von Erwartungen/Zielen ausgegangen. Im PER werden die Kompetenzen im Bereich der fächerübergreifenden Fähigkeiten erfasst.
Der Lehrplan 21 hingegen beschreibt für jeden Fachbereich die Kompetenzen und Kompetenzstufen, welche die Schüler im Laufe der Volksschule erwerben. Der Fokus wird auf das Können (Kompetenz als Ziel – Können statt Wissen) gelegt. Der Lehrplan 21 steht für kompetenzorientierten Unterricht.
Nur schon diese Diskrepanz zwischen den beiden Kantonsteilen, die zum selben Schulsystem gehören, zeigt, dass Vorsicht geboten ist.

Herr Freysinger, vielen Dank für das Interview.    •

(Interview Jean-Paul Vuilleumier)