Zehn Thesen über die Schule

von Oskar Freysinger

1. Pädagogik ist eine Lebenskunst, keine exakte Wissenschaft

Unsere gesamte Pädagogik basiert auf der griechischen Paideia1, die im wesentlichen die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler widerspiegelt. Es gibt keine allgemeine Pädagogik, die auf alle gleichermassen anwendbar ist. Die Würde des Menschen liegt in seiner Einzigartigkeit und Unersetzbarkeit. Die Pädagogik muss also die Aufmerksamkeit und das Interesse eines jeden Schülers als Individuum gewinnen können und daraus die Gruppendynamik des Klassenverbundes schaffen.
Wer die Pädagogik als exakte Wissenschaft betrachtet, läuft Gefahr, die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler ihres menschlichen Aspekts zu berauben. Dabei läuft der Schüler Gefahr, seiner Identität als denkendes und fühlendes Subjekt beraubt zu werden und zu einem blossen «Auffangbecken» des Wissens oder schlimmstenfalls zu einem pseudowissenschaftlichen Versuchsobjekt zu verkommen.
Ein menschlicher und individueller Bezug hingegen schafft für jede Schülerin und jeden Schüler ein positives Lernumfeld. Man muss sich jedoch davor hüten, die Gruppen zu heterogen zu gestalten, da sie dadurch unkontrollierbar werden. Durch ein gewisses Mass an Homogenität in der Klasse kann jeder Schüler in einem ihm angepassten Tempo vorankommen, ohne dass er sich überfordert fühlt oder demotiviert wird.

2. Für eine Schule des inneren Wachstums

Die Schule hat gegen die Unwissenheit anzukämpfen und dabei den Arbeitswillen eines jeden Schülers zu fördern. Der Schüler muss verstehen, dass der Erfolg das Ergebnis seiner Anstrengungen ist. Dieser Zusammenhang muss sich so früh wie möglich in sein Gedächtnis prägen, damit er schon als Kind begreift, dass er seines Glückes Schmied ist! Dazu muss er seine Fähigkeiten und Talente in einem aktiven Lernprozess entwickeln. Glück ist manchmal hilfreich – Anstrengung zahlt sich immer aus!
In diesem Sinne trägt jede Anstrengung in der Schule – ob intellektueller, sportlicher oder künstlerischer Art – zur Entwicklung starker und selbstbewusster Persönlichkeiten bei.
Zugleich muss das Langzeitgedächtnis gefördert werden, da es die Grundlage für die persönliche Kultur einer Person bildet. Dabei ist eine zu frühe Spezialisierung zu vermeiden, denn sie schränkt die geistige Entwicklung in einem Alter ein, wo die Persönlichkeit umfassend geformt werden muss.
Es gibt keine grössere Respektlosigkeit den Schülern gegenüber als im Namen einer missverstandenen Gleichstellung zu geringe Anforderungen an sie zu stellen. Die Nivellierung nach unten ist ungerecht für alle – für die Starken wie auch für die Schwachen: Sie täuscht die Schwachen, indem ihre Schwächen verdeckt oder geleugnet werden, und bereitet ihnen damit ein böses Erwachen vor. Minimale Anforderungen entbinden sie davon, sich anzustrengen, um sich zu steigern. Die Starken hingegen werden einer gesunden Herausforderung beraubt und zur Mittelmässigkeit verdammt. Eine harmonische Gesellschaft zeichnet sich jedoch nicht durch durchschnittliche oder verunsicherte Bürger aus, sie besteht aus motivierten und tätigen Menschen, die stets bestrebt sind, sich selber zu übertreffen. Nur jener, der keinen Einsatz zeigt, ist wirklich schwach, und nur jener, der sein Bestes gibt, ist wirklich stark.
Die Noten dürfen kein willkürliches Selektionsmittel sein; sie dienen als Indikator und sind ein pädagogisches Instrument. Sie sind sprachlich formulierten, unvermeidlich subjektiv gefärbten Beurteilungen vorzuziehen, da Zahlen den Vorteil haben, präzise und objektiv zu sein.
Das Scheitern ist sicher schmerzhaft, aber es ist keine Schande oder Ungnade. Die Wiederholung eines Schuljahres ist ein pädagogisches Werkzeug, das dazu dient, die Schüler zu motivieren und ihnen aufzuzeigen, wo ihre Mängel liegen. Dadurch sollen die Schüler ihr Verhalten sowie ihre Lerntechniken anpassen können, um schnell wieder auf den Weg des Erfolgs zurückzufinden. Die Auswertung muss auf der Grundlage des objektiven Wissenserwerbs erfolgen und nicht anhand von ausgeklügelten mathematischen Kalkülen. Sie muss einfach und verständlich sein.

3. Für einen Unterricht, der Inhalte vermittelt

Im Laufe der ersten Schuljahre muss sich das Kind selbstverständlich auch Lerntechniken aneignen. Doch dient die Schule nicht in erster Linie diesem Zweck. Sie hat vor allem dafür zu sorgen, dass die Schüler etwas lernen. Schule dient dem Wissenserwerb, was eine Grundbedingung für die Aneignung von Kompetenzen darstellt. Ohne ein eigenes, geduldig erworbenes Wissen fehlt es dem Menschen an Orientierung und Kultur. Sicher ist heute vieles im Internet zu finden, doch diese Masse an Informationen ist unstrukturiert und verwirrend, sie ist nicht nach Bedeutung und Qualität geordnet. Wenn der Schüler nicht gelernt hat, seine eigenen Gedanken in ständiger Übung zu ordnen, wird ihm der Kompass im Durcheinander der elektronischen Medien fehlen. Er braucht eine kritische, mit einem gewissen Vorwissen angereicherte Denkfähigkeit, die ihm erlaubt, neues Wissen in sein bereits bestehendes Denkschema einzufügen.
Es ist an der Zeit, ein gewisses Mass an Memorisierung zu rehabilitieren. Abgesehen davon, dass es eine zerebrale Übung darstellt, ist es für selbständiges Denken unverzichtbar. Was in unseren Köpfen ist, gehört uns und kann uns nicht genommen werden. Das Einmaleins (Kopfrechnen) zu beherrschen, einige Schlüsseldaten der Menschheitsgeschichte zu kennen, mit den Namen der wichtigsten Städte der Welt vertraut zu sein und sie auf einer Karte wiederfinden zu können, ist ein wesentliches Rüstzeug. Darüber hinaus beruht Allgemeinbildung – Gedichte, Lieder, Redewendungen, Lektüren, Verhaltensweisen – im wesentlichen auf unserem Gedächtnis. Sie bereichert unseren Geist und unsere Seele, sie erlaubt uns, selbständig zu denken, erleichtert das Leben in der Gesellschaft und stärkt unsere Kommunikationsfähigkeit.

4. Die Qualität der Schule hängt von der Qualität der Lehrerinnen und Lehrer ab

Der Lehrer ist der wichtigste Wissensvermittler. Die Verbindung zwischen Lehrer und Schüler ist so alt wie die Zivilisation selbst und hat sich nicht grundlegend verändert. Damit diese Verbindung fruchtbringend ist, muss der Lehrer über die nötigen Fähigkeiten verfügen, um seinen Auftrag zu erfüllen. Daher die Bedeutung einer guten Ausbildung. Diese Ausbildung muss ihn optimal auf seine konkrete Rolle als Pädagogen vorbereiten und ihn lehren, eine Klasse zu leiten, ohne dabei das theoretische Rüstzeug zu vernachlässigen. Die Theorie vertieft seine Kenntnisse in den Bereichen Psychologie und Didaktik. Es versteht sich von selbst, dass die Fachkenntnisse, die der Lehrer in seinem Studium erwirbt, unabdingbare Voraussetzung für einen gelungenen Unterricht sind.
Der Unterricht ist als etwas Umfassendes zu verstehen, das hauptsächlich von der Lehrerpersönlichkeit genährt wird, welche auf Wissen sowie menschlichen und intellektuellen Kompetenzen aufgebaut ist. Der Schüler muss dem Lehrer mit Respekt begegnen. Dieser soll ein Vorbild sein, dem er nacheifert und das er zu übertreffen anstrebt.

5. Für eine Rückkehr zu den Grundlagen

Die Wissensgrundlage eines Menschen stützt sich auf zwei Säulen: die Muttersprache und die Mathematik. Ohne Sprache gibt es keine Geisteswissenschaften, ohne Mathematik keine exakten oder technischen Wissenschaften. Indem man diese beiden Säulen solide gestaltet, schafft man ein festes Fundament für das gesamte Wissensgerüst. Es ist eine Bereicherung, wenn die Schule ihre Lernfelder und Forschungsgebiete ausweitet, doch darf dies nicht zum Nachteil der Grundlagenfächer geschehen. Diese bilden das Rückgrat des Bildungsweges und bereiten den Boden für alle anderen Wissensbereiche vor.
Insbesondere erlaubt uns das Lesen literarischer Werke nicht nur, abstrakte Zeichen in Bilder umzuwandeln, sondern die Tiefen der menschlichen Psyche zu ergründen. Dabei entwickelt der Schüler sein Einfühlungsvermögen – eine Tugend, welche durch die Unmenge an flüchtigen virtuellen Darstellungen ausgelöscht zu werden droht, welchen er im modernen Medienumfeld ausgesetzt ist. Wenn sich der Schüler mit bedeutenden literarischen Werken befasst, entdeckt er nicht nur die Schönheit des sprachlichen Ausdrucks, sondern die Komplexität und die Tragik des menschlichen Schicksals. Dank der vertieften Menschenkenntnis, des Verständnisses und Einfühlungsvermögens, die das Lesen solcher Werke mit sich bringt, wird er dazu angeregt, dem Mitmenschen nachsichtig und wohlwollend zu begegnen. Die Romanwelt ist kein von der Realität losgelöstes Phantasiegebilde, sie ist der Schlüssel zur ihrer Ergründung.

6. Für die Würde der Schule

Die Schule muss mit der Zeit gehen, zugleich aber eine gewisse Distanz zu Modeerscheinungen wahren. Nur so kann sie zu ihrer Würde zurückfinden. Die Schule ist kein Markt, wo die Händler ihren Kunden Produkte verkaufen. Die Schüler sind keine Kunden, die man zufriedenzustellen hat – sie sind Menschen, die erzogen, geschult und ausgebildet werden müssen. Darin liegt, weit von allen materialistischen Absichten, die moralische und intellektuelle Verpflichtung der Pädagogik. Ohne diesen Auftrag verkommt die Schule zu einer Wissensbörse, einer «Diplomfabrik» oder im schlimmsten Fall zu einem Kinderhort, in dem unerzogene Kinder und Jugendliche von gestressten Lehrpersonen mehr schlecht als recht beaufsichtigt werden.

7. Das Ziel bedingt die Mittel und nicht andersherum

Die Schüler mit den EDV-Tools und dem Internet vertraut zu machen, ist wünschenswert und notwendig, doch muss dies im Dienste des eigentlichen Wissenserwerbs geschehen. Die Mittel – so verlockend und unterhaltsam sie auch sein mögen – dürfen nicht mit dem Ziel des Lernprozesses verwechselt werden: dem Erwerb von vertieftem Wissen und umfassenden Kenntnissen. In einer Welt, wo die Formen die Inhalte immer mehr verdrängen, ist es wichtig, wieder zu den Grundlagen zurückzufinden und einen sinnvollen Bezug zwischen Form und Inhalt herzustellen. Die Schule ist der beste Ort dafür. Zu oft wird das Schulprogramm von den Lehrmitteln bestimmt. Sie sind jedoch keineswegs das Ziel, sondern lediglich Mittel, welche die Lehrperson im Unterricht unterstützen sollen.

8. Die Schule ist auch eine Schule fürs Leben

Die Schule ist kein Spielfeld des absoluten Relativismus, auch wenn sie in erster Linie der Aneignung des kritischen Denkens dient. Erst durch die Entwicklung eines moralischen Bewusstseins und allgemein geltender Wertmassstäbe kann der Mensch wachsen, menschlicher werden, im Einklang mit sich selbst und mit seinen Mitmenschen leben. Eine Bildung ohne Werte dient lediglich der Ausbreitung des Nihilismus. Darüber hinaus verursacht das Leugnen von Werten meist Verzweiflung und kann zu Selbstmord, Drogenkonsum, Gewalt oder Apathie führen.
Ein moralisches Bewusstsein bildet sich erst dann heraus, wenn wir lernen, wie unsere Zivilisation entstanden und gewachsen ist. Zu wissen, wie sie sich entwickelt hat, erlaubt uns, ihren Fortbestand zu sichern. Sich zunehmend anderen Weltanschauungen und Wertvorstellungen zu öffnen, ist nur möglich, wenn wir die eigenen Werte verinnerlicht haben. Wer seine eigenen Wurzeln nicht kennt, kann die des anderen weder verstehen noch akzeptieren.

9. Die Schule fördert die Sprachen

In einer Welt, wo die Distanz zwischen den Ländern, Völkern und Kulturen immer geringer wird, kommt man nicht umhin, sich vielfältige Ausdrucks- und Kommunikationsmittel anzueignen. Eine oder mehrere Fremdsprachen zu beherrschen bedeutet, sich an diese neue Realität anzupassen. Der Kanton Wallis hat das Glück, ein zweisprachiger Kanton zu sein. Aus diesem Grund wird dem Unterricht der beiden Kantonssprachen der Vorrang gegeben, ohne dass der gleichzeitige oder spätere Erwerb weiterer Sprachen vernachlässigt würde. Je besser ein Mensch klassische oder moderne Sprachen beherrscht, desto klarer und genauer kann er seine Gedanken formulieren. Darüber hinaus bildet jede neue Sprache eine Brücke zu anderen Denkformen und Weltanschauungen.

10. Subsidiarität vor Zentralisierung

Obwohl die Struktur und die Tätigkeiten der Schulverwaltung nur einen indirekten Einfluss auf die eigentliche pädagogische Arbeit haben, sind sie dennoch von zentraler Bedeutung. Auf Grund der politischen Beschaffenheit der Schweiz und der besonderen geographischen Lage des Wallis eignen sich Subsidiarität und Dezentralisierung am besten für die Organisation der Schule. Die täglichen Entscheidungen müssen möglichst nah an der Realität und pragmatisch getroffen werden. Zu diesem Zweck ist ein grosser Teil der Verantwortung den Schuldirektionen und -zentren zu übertragen. Darüber hinaus muss der Informationsfluss, soweit es geht, vereinfacht werden. Die Strukturen sollen von allen für den Unterricht und die Verwaltung der Schule überflüssigen Lasten befreit und die Bürokratie sowie die administrative Zusammenarbeit auf das Wesentliche beschränkt werden. Die Bildung hat in den Klassenräumen stattzufinden und nicht in den Büroräumen der Verwaltung. Dementsprechend soll die Verwaltung kein Joch, sondern eine Stütze sein.    •

1    Wikipedia: Paideia (griechisch, «Erziehung», «Bildung») ist ein Schlüsselbegriff für das Verständnis der antiken Kultur und ein zentraler Wertebegriff. Er steht einerseits für die intellektuelle und ethische Erziehung und Bildung als Vorgang und andererseits für die Bildung als Besitz und Ergebnis des Erziehungsprozesses. Er bezeichnet damit nicht nur den Schulunterricht für Kinder, sondern die Hinwendung des Menschen zum Denken des Massgeb­lichen und die Ausbildung der Arete [Tüchtigkeit]. Nur durch die richtige Paideia erreicht die Seele ihre «Bestform» Der Begriff leitet sich von der Erziehung des Kindes ab, meint aber schon früh die Bildung, die ein Jugendlicher erhält und die ihn sein Leben lang prägt. […] Paideia bedeutet zum einen den Vorgang der Kindererziehung und zum anderen das Ergebnis dieses Erziehungsprozesses, nämlich die Bildung. Die gymnastische Paideia bezieht sich auf das körperliche Ebenmass (symmetria) und die musisch-philosophische Paideia bezieht sich auf die seelisch-geistige Harmonie (kalokagathia). Später wird Paideia als Synonym für Zivilisation und Kultur zugleich die Bezeichnung für eine Bildung, die im Gegensatz zum Barbaren den zivilisierten Menschen auszeichnet.