Appenzell Innerrhoden führt radikale Schulreformen nicht ein

zf. Die grosse Sorge um die Qualität des Schweizer Bildungswesens veranlasst immer mehr Bürger dazu, Wege zu suchen, wie der Lehrplan 21 verhindert werden kann. In 13 der 21 deutschsprachigen Kantone wurden daher Volksinitiativen lanciert, die von einem breiten Spektrum von Bürgern getragen werden – Lehrer, Eltern, Unternehmer, Politiker aller Parteien und andere mehr.
Dadurch kommt unaufhaltsam eine öffentliche bildungspolitische Diskussion in Gang, die auch für Mitglieder der kantonalen Regierungen wieder den Weg frei macht, eigenständige und sinnvolle Wege im Umgang mit unbrauchbaren Schulreformen wie dem Lehrplan 21 zu gehen.
Ein erstes herausragendes Beispiel stellen die «Zehn Thesen über die Schule» vom Walliser Erziehungsdirektor Oskar Freysinger dar. Diese Thesen verdienen Ausstrahlung auf die ganze Schweiz, obwohl sie vorerst eine Art bildungspolitische Präambel eines Lehrplans für den zweisprachigen Kanton darstellen. Der Erziehungsdirektor hat sich so geäussert, dass der Lehrplan 21 im Wallis nicht einfach übernommen werde; vielmehr suche man sich auf der Grundlage der Thesen das heraus, was man für sinnvoll und angepasst halte.
Einen ähnlich eigenständigen Weg geht nun auch Appenzell Innerrhoden. Im Sommer 2015 hatte dort Paul Bannwart eine Einzelinitiative eingereicht, die den Lehrplan 21 verhindern sollte. Doch die öffentliche Diskussion kam zunächst nicht in Fahrt. Sogar anlässlich der Entscheidung des Appenzeller Grossen Rates im November 2015, die Initiative gegen den Lehrplan 21 nicht zu unterstützen, kam keine breite inhaltliche Auseinandersetzung über die problematischen Aspekte des Reformwerks auf.
Erst wenige Wochen vor der Landsgemeinde, die am 24. April über die Initiative entscheiden sollte, gelingt es einigen besorgten Appenzellern doch noch, die Diskussion anzuregen – Broschüren werden versandt, Gespräche geführt und Veranstaltungen organisiert. Auch in den lokalen Medien erscheinen Artikel, die sich inhaltlich mit der Kritik am Lehrplan 21 befassen. Im Landsgemeindemandat – das ist die Botschaft für die Landsgemeinde – macht die Standeskommission bereits klar, dass der Kanton weiterhin an vielen bildungspolitischen Eigenheiten festhalten und keine übertriebenen Reformen aufgleisen werde.
Schliesslich sind es persönliche Gespräche mit dem Landammann und Erziehungsdirektor Roland Inauen, die den Durchbruch zu einer guten Lösung für alle eröffnen. Nach inhaltlich sehr weitreichenden Zusagen, zentrale Reformen des Lehrplans 21 im Kanton Appenzell Innerrhoden nicht umzusetzen, sondern nur moderate Anpassungen der Lernziele vorzunehmen, erklärt sich Paul Bannwart in der nebenstehenden Medienmitteilung bereit, die Initiative zurückzuziehen.
Die entstehende öffentliche Diskussion um den Lehrplan 21 trägt Früchte, weil man an der Meinung der Betroffenen nicht vorbeikommt. Das macht Mut und gibt Hoffnung.    •

Rückzug der Initiative «Für eine starke Volksschule»

Ich ziehe meine im letzten Sommer eingereichte Initiative «Für eine starke Volksschule» zurück, sofern dies zum jetzigen Zeitpunkt möglich ist. Mit der Initiative wollte ich vor allem die Einführung des Lehrplans 21 verhindern. Die Diskussionen, Veranstaltungen und die Gespräche mit den verschiedensten Exponenten gaben mir das Vertrauen, dass der neue Lehrplan pragmatisch, moderat und unter Berücksichtigung der Appenzeller Eigenheiten umgesetzt werden wird. Die für mich problematischen Aspekte haben sich relativiert.
Im Verlaufe der Zeit konnte ich feststellen, dass bei der vorgesehenen eigenständigen Umsetzung des neuen Lehrplans Kultur, Tradition und christliche Grundsätze in den Schulen weiterhin gebührend berücksichtigt werden.
Mir wurde auch versichert, dass für den Unterricht keine Absicht besteht, das selbstgesteuerte oder individualisierte Lernen gegenüber anderen Methoden zu bevorzugen. Meine Befürchtung, dass die Schulzimmer in sogenannte Lernlandschaften umgestaltet werden müssen, in welchen die Schüler mit Hilfe des Computers oder anderer durch die Lehrperson bereitgestellter Mittel für sich alleine lernen sollen, stellte sich als unbegründet heraus. Die Lehrpersonen werden weiterhin für die Klassenführung verantwortlich sein. Eine Veränderung der Lehrerrolle in Richtung eines hauptsächlich begleitenden Coachs sei nicht vorgesehen.
Es zeigte sich auch, dass die Einführung des sogenannten altersdurchmischten Lernens (AdL) ebenfalls kein Thema für unsere Schulen ist. Sie werden weiterhin in Jahrgangsklassen oder – in den kleineren Schulgemeinden – in bewährten Mehrjahrgangsklassen geführt, beispielsweise erste und zweite Klasse zusammen. Eine Einführung der Basisstufe (Kindergarten und 1./2. Klasse zusammen) war zu keinem Zeitpunkt vorgesehen. Ebenso wird der Landsgemeindebeschluss von 2008 respektiert; das erste Kindergartenjahr wird freiwillig bleiben.
In der Fremdsprachenfrage hat sich der Kanton Appenzell Innerrhoden öffentlich klar positioniert. Laut Land­ammann und Erziehungsdirektor wird ohne Not nichts an dieser Strategie geändert: Auf der Primarstufe soll nur eine Fremdsprache unterrichtet werden, die zweite soll auf der Oberstufe folgen.
Dass sich der Kanton Appenzell Innerrhoden weiterhin zurückhaltend gegenüber jährlichen Standardtests auf eidgenössischer Ebene verhält, wurde von mir positiv aufgenommen.
Ich hoffe, mit den geführten offenen Diskussionen einen Beitrag für eine moderate Entwicklung unseres Bildungswesens geleistet zu haben, und danke für die konstruktiven Gespräche.

Paul Bannwart, 24. März 2016
9050 Appenzell Steinegg