Die Saline von Ulcinj

von Dr. phil. Niels Peter Ammitzboell

Mehrere Jahre währt schon der Disput über ein Juwel der Natur im Süden Montenegros: Das Tauziehen geht um den Erhalt einer der grössten Salzgewinnungsanlagen Europas als Rast- und Überwinterungsplatz für Zugvögel, die Saline von Ulcinj (Ulcinjska solana). Das Schicksal der Saline scheint zwar schon besiegelt, da das Areal verkauft wurde und die Salzgewinnung brachliegt. Ohne Salzgewinnungsaktivitäten wird das grosse Gebiet nicht mehr mit Meerwasser geflutet. Die Becken trocknen aus und die Vögel, so zahlreich und vielfältig in ihrem Erscheinen, bleiben aus.
Wer einmal einen Tag in der Saline verbracht hat, wer die ornithologischen Besonderheiten wie den Triel aus nächster Nähe beobachten konnte, wer den Wind über den seichten Wasserflächen und das unaufhörliche Rufen der Limikolen und Seeschwalben um sich herum erlebt hat, wird diese phantastischen Eindrücke nicht mehr vergessen. Der Fischadler holt seine Opfer, grosse Gruppen Flamingos fliegen immer wieder auf, um sich bald darauf wieder ins Wasser zu stellen, Eisvögel bejagen die schmalen Wasserkanäle, kleine Schafherden weiden auf den engen Deichen, die die Becken trennen, die regelmässig überschwemmt werden. Kühe finden ihr Futter an den breiten Grasrändern der Saline. Das einzigartige Biotop, die Saline von Ulcinj, wird von touristischen, ornithologisch interessierten Gruppen alljährlich im Frühling bereist. Sie ist fester Bestandteil einer ornithologischen Reise in Montenegro.
Leider soll dieses Juwel sterben. Es soll einer riesigen Hotelanlage weichen, die den Schlamm und das Salz aus der Saline für «ökologische» Anwendungen empfiehlt. Das klingt schön, riecht aber nach reiner Geldmacherei. Montenegro hat Hotels und Strände genug. Die Strände könnte man gerade im Süden besser pflegen, dann kämen mehr Touristen, die den armen Einwohnern etwas Geld bringen. Andere, riesige Hotelanlagen, die sich ökologisch nennen, wie zum Beispiel diejenige im Norden des Skutarisees, stehen leer. Es sind überteuerte Protzanlagen, die Einwohner profitieren davon kaum.
Mit einem guten Wassermanagement, mit einigen Anlagen für die Besucher und freundlichen Touristenführern mit Vogelkenntnissen könnte die Saline als wunderbarer Ort der Erholung für Menschen und Vögel wieder hergestellt werden.    •