«Wir sollten etwas selbstbewusster sein»

Plädoyer für eine eigenständige Industriepolitik, die nicht nach dem Ausland schielt

Ein Gespräch von Hanspeter Künzi, Radio SRF, mit Swatch-Chef Nick Hayek

mw. Er machte sich in der ganzen Welt einen Namen, in der Schweiz aber hat er eine wahrhaft grosse Tat vollbracht: der Unternehmer Nicolas Hayek (1928–2010). Als die Uhrenindustrie, einer der Grundpfeiler der Schweizer Wirtschaft, vor dem Abgrund stand, machte er sich, zusammen mit ETH-Ingenieuren und unterstützt von Schweizer Banken, daran, mit der Produktion einer preiswerten Kunststoffuhr, der Swatch (Swiss Watch), die Uhrenindustrie wieder in Schwung zu bringen. Heute gehören zur Swatch Gruppe viele der traditionsreichen Schweizer Uhrenmarken sowie zahlreiche Produktionsstätten, welche alle von der Uhrenindustrie benötigten Einzelteilchen produzieren – und zwar ausnahmslos in der Schweiz.
Seit seinem Tod führt sein Sohn Nick Hayek die Swatch Gruppe – wie sein Vater eine beeindruckende Persönlichkeit.
In einem Radio-Interview mit Radio SRF zeigt sich Nick Hayek als Schweizer Unternehmer, der sich seiner Verantwortung bewusst ist. Für die Hayeks ist die erste Priorität nicht der Gewinn, sondern die Sorge um den Werkplatz Schweiz.
Ein Unternehmer, der seine Kräfte für den Schweizer Standort einsetzt. Einer, der sieht, dass gerade die Eigenheiten des Schweizer Modells wie Föderalismus und direkte Demokratie auch wesentliche Vorteile für eine starke Wirtschaft beinhalten. Kurz, einer neben vielen anderen Bürgern, die ihren Beitrag zur Gesellschaft leisten. Im folgenden haben wir für Sie Auszüge aus dem Interview zusammengestellt.

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Radio SRF: Er ist das Gesicht der Schweizer Uhrenindustrie, Nick Hayek. Seit 13 Jahren ist er Konzernchef der Swatch Group, dem weltweit grössten Uhrenproduzenten. Die Uhrenproduzenten präsentieren sich seit Donnerstag wieder in Basel, an der «Baselworld», der weltweit grössten Uhrenmesse. 1500 Aussteller aus der ganzen Welt zeigen hier ihre Uhren und zum Teil auch ihren Schmuck. […]
Nick Hayek, wir führen hier live ein Gespräch im Studio Basel, weil Sie in diesen Tagen natürlich auch hier in Basel sind. Aber so ein richtiger Fan dieser grossen Messe sind Sie offenbar nicht, oder?

Nick Hayek: Schauen Sie, es ist wichtig, dass diese Messe in der Schweiz ist. Die Schweiz ist das wichtigste Land, wenn es um Uhrenindustrie geht. Aber ich bin mit der Swatch, mit der Marke Swatch gross geworden. Die Marke Swatch würde eigentlich nicht existieren, wenn es nach den Händlern ginge. Basel ist eine Händlermesse. Denn die Händler, die amerikanischen Händler, haben damals anfangs der 80er Jahre gesagt: Ach, das ist ein Quatsch, eine Plastikuhr, das will niemand, die ist viel zu billig. Wer will denn eine Swissmade-Uhr, die billig ist? […]

«Die Schweiz ist das wichtigste Land, wenn es um Uhrenindustrie geht»

Sie haben gesagt, die einen bieten da einen grossen Bluff. Was macht denn jetzt die ganze Swatch Group da?

Ja, wir haben eine Verantwortung, wissen Sie, die Swatch Gruppe war einmal nicht mehr da in Basel. Und wenn Sie sehen, was für eine industrielle Strategie die Swatch Gruppe fährt – das heisst, wir haben 150 Fabriken im Land. Wir bauen alle Teilchen, wir sind total vertikalisiert, und nicht nur für die Swatch Gruppe, sondern auch für Dritte, für die gesamte Schweizer Uhrenindustrie. Und das bedeutet, dass wir unsere Marken in allen Segmenten haben und dass wir sie auch präsentieren und in Basel präsent sein wollen und müssen; einfach um zu zeigen, dass wir sehr solidarisch sind mit der Zukunft dieser Industrie. Da geht es nicht darum, dass der eine sich hervortut und sagt: Ich bin der Grösste, der Beste, sondern wir haben ein gemeinsames Interesse – die Schweizer Uhrenindustrie ist eine wirkliche Hightech-Industrie. Deshalb sind wir da.

Jetzt ist ja die Schweizer Uhrenindustrie ein bisschen weniger gut in Schuss als auch schon: Im letzten Jahr ging der Gesamtexport um etwa 3 % zurück, und auch bei Ihnen, in der Swatch Group, ging der Umsatz ebenfalls um etwa 3 % zurück. Und der Reingewinn – das kann man, glaube ich, sagen, ohne zu übertreiben – ist um etwa 20 % eingebrochen. Jeder andere Konzernchef wäre da ziemlich nervös und verunsichert; bei Ihnen hat man das Gefühl, das interessiert Sie gar nicht richtig.

Nein, schauen Sie, wir haben eine andere Philosophie, wie ich gesagt habe; wir sind eine Industrie, und die denkt langfristig und nicht kurzfristig. Uns interessiert nicht, was die Börse denkt. Sie denkt ungefähr so weit wie drei Tage voraus.

Aber weniger Gewinn, das ist nicht nur Börse, das ist auch Ihre eigene Kasse.

Ja, jetzt müend Sie luege, der Schweizerfranken. Wir produzieren und sind loyal zu diesem Standort. Natürlich hat der Schweizerfranken eine Wirkung auf uns. Aber wenn Sie die Gesamtsituation anschauen, macht die Swatch Gruppe im Uhren- und Schmuckbereich über 18 % operativen Gewinn – für ein Industrieunternehmen. Natürlich hatten wir im Vorjahr 20 oder 21 % gemacht. Aber die Swatch Gruppe ist sehr solid finanziert, hat eine langfristige Strategie, und wir werden unsere Strategie nicht kurzfristig deswegen ändern, weil wir einen katastrophal überbewerteten Schweizerfranken haben. Was wir wollen, ist langfristiges Wachstum und Weiterschreiten, in die Innovation investieren und in die Produktion. Wir müssen nämlich beides haben in der Schweiz, wir brauchen Forschung und Entwicklung, wir haben das, wir sind sehr stark. Aber wir müssen auch das Know-how der Produktion hier behalten. Deshalb ist es nicht schlimm, wenn wir einmal 2, 3 % weniger haben. 20 % tönt ja wahnsinnig, aber wenn Sie wissen, dass wir in der Swatch Gruppe immer noch über eine Milliarde Gewinn haben, dann – okay – ist es verschmerzbar.

Sie haben jetzt wieder den harten Franken erwähnt. – Sie ziehen ja sehr gern gegen Herrn Jordan, den SNB-Chef, los. Wenn man nun die Exportzahlen des letzten Jahres etwas genauer anschaut, nach Regionen, fällt auf: Hongkong, der wichtigste Markt, minus 23 %; China, der drittwichtigste Markt, minus 4,6 %, auch sonst im asiatischen und im arabischen Raum, Russland, überall ist es problematisch, in Südamerika auch. Hingegen Euro-Länder wie Italien, Deutschland, Frankreich, dort ist ein positiver Trend. Das würde eigentlich den Schluss zulassen: Also, es liegt nicht wirklich nur am Franken, es sind andere Probleme.

Also, jetzt muss ich einige Dinge korrigieren, die Sie vielleicht nicht wissen können. Die Exportzahlen sind nicht die Verkaufszahlen. Das sind Produkte, die man exportiert, von einer Filiale zur anderen. Zweitens reisen die Leute heutzutage. Das heisst, die Chinesen reisen herum. Früher nach Hongkong, dann gab es Probleme, jetzt gehen sie nach Japan, und sie gehen nach Europa. Und natürlich kaufen sie die Produkte dort ein, wo es günstiger und billiger ist. Nun, mit diesen Verwerfungen in der Währung – und ich muss Sie korrigieren: der harte Schweizerfranken wäre kein Problem, wir wollen alle einen guten harten Franken. Aber ein massivst überbewerteter Franken ist eine Katastrophe – für die Industrie und für den Tourismus. Wenn Sie jetzt Ihr Produkt in Deutschland oder in Frankreich verkaufen, dann haben Sie die Leute, die dort Ihr Produkt lokal kaufen, die Franzosen und die Deutschen, die wissen nichts über Währungen. Sie können dort nicht Ihre Produkte [die Preise Ihrer Produkte] von einem Tag auf den anderen um 20 % erhöhen, sonst bricht Ihnen der Umsatz weg, das heisst der Umsatz in Stückzahlen. Also akzeptieren Sie, dass Touristen zum Beispiel nach Deutschland reisen, nach Frankreich, dann kaufen Sie Ihre Uhren dort, statt in Hongkong oder in China. Aber wenn Sie es [den Erlös] nachher in Schweizerfranken wechseln, dann haben Sie ein Minus. Und das müssen Sie auch genau analysieren. 2009 haben wir, die gesamte Schweizer Uhrenindustrie, zum Beispiel 21 Millionen Stück exportiert. 2015 – wenn alle über schwierigere Zeiten reden – über 28 Millionen Stück. Das ist ein unglaubliches Wachstum. […]

«Die Schweizer Uhrenindustrie […] muss­te immer ankämpfen gegen die 1,17 Milliarden Stück, die auf der Welt gemacht werden»

Dann schauen wir uns jetzt doch noch ein anderes Thema an. Über den Schweizerfranken haben wir schon gesprochen, und da könnten wir wohl noch eine halbe Stunde darüber sprechen. Aber Smart-Watches. Vor einem Jahr waren Sie auch schon hier bei uns. Damals haben Sie gesagt, wir haben da keine Angst, es ist keine Konkurrenz für die Schweiz. Unterdessen werden mehr Smart-Watches, vor allem natürlich die Apple-Watches als Uhren bei uns verkauft. Hat Sie das überrascht?

Nein, Sie müssen die Zahlen anschauen. Wissen Sie, der Weltmarkt für Uhren ist 1,2 Milliarden. 1,2 Milliarden Stück werden verkauft. Davon hat die Schweizer Uhrenindustrie traditionell zwischen zwanzig und dreissig Millionen Stück. Die japanische sechzig Millionen. Und jetzt kommen Sie mit diesen Zahlen und vergleichen das mit der Schweizer Uhrenindustrie. Sie müssen es mit der gesamten Uhrenindustrie vergleichen. Die Schweizer Uhrenindustrie, in allen Segmenten, auch im untersten Marktsegment, wo die Swatch Gruppe fast die einzigen sind mit Tissot, mit Swatch, muss­te immer ankämpfen gegen die 1,17 Milliarden Stück, die auf der Welt gemacht werden. Und das sind Modeuhren, das sind intelligente Uhren, das sind unintelligente Uhren, das sind schöne Uhren. Wir waren dem immer ausgesetzt. Smartuhren, die machen wir ja. Swatch hat ihre Kreditkartenuhr lanciert, vor Apple in China, mit Union-Pay. Wir haben Touch Zero 1, Touch Zero 2, und wie ich vorher gesagt habe: Unsere Technologien, die wir haben, die sind in vielen Geräten und übrigens auch bei Apple, nicht in den Smartuhren, aber im Smartphone finden sie Verwendung, die kommen von uns.

Also, Sie waren einmal Pionier, kann man sagen, in diesem Bereich, und jetzt sind Sie von Apple total abgehängt geworden.

Wir sind absolute Pioniere. Aber wissen Sie, wir sind in einer absolut guten Situation. Wir sind im Markt, und wir werden die Funktionen einsetzen, von denen wir sehen, dass der Konsument sie will. Wir haben eine fantastische Situation. Wir können die Integration machen von Funktionen, unabhängig, in unseren Uhren, das heisst, die Uhr muss ein Schmuckstück bleiben für einen Mann und für eine Frau. Und wir können die Funktionen, die nützlich sind, integrieren. Was falsch wäre, was ein paar andere machen, die kaufen in Amerika Know-how ein. Das Know-how ist da, an unseren Universitäten, das CSM in Neuchâtel, die Swatch Gruppe, wir haben alle Know-how bis zum Betriebssystem, aber es gibt Leute, die sehr schnell, um kurzfristige Marketingerfolge zu haben, nach Amerika reisen und sich einkaufen. […]

«Die Schweizer sind keine Extremisten, und sie wollen keine extremistische Politik, weder links noch rechts»

Herr Hayek, ich will mit Ihnen kurz noch über etwas ganz anderes diskutieren, über die Politik. Diese Woche hatten wir im Parlament eine grosse Wirtschaftsdebatte: Die Linken wollen Konjunkturprogramme, wollen zum Beispiel die Nationalbank an die kürzere Leine nehmen. Die Rechten, die wollen eigentlich nichts machen ausser schauen, dass die Rahmenbedingungen gut bleiben. Was möchten Sie?

Ich möchte, dass die Schweiz weiterhin festhält an ihrem föderalen System, in dem sie Autonomie an die Leute herunterdelegiert, in den Kantonen, in den Gemeinden, in den Städten.

Braucht es jetzt ein Wirtschaftsprogramm, wie es die Linken wollen?

Nein, es braucht kein Wirtschaftsprogramm.Schauen Sie, die Schweiz hat ein Problem, das ist der Schweizerfranken, das ist nun einmal das Problem, auch wenn es Ihnen auf die Nerven geht, wenn ich das immer wieder sage. Schauen Sie, die amerikanische Nationalbank, die japanische, die europäische, alle Nationalbanken haben erkannt, dass ihre Währung wichtig ist als Instrument für ihre Industrie. Nur die Schweiz meint, sie könne nichts machen, sie sei klein und schwach. Und das ist unser Problem; das andere ist phantastisch: unsere Beziehung zur Gewerkschaft ist phantastisch, die Nähe zu den Arbeitern, das Bildungssystem, die Infrastruktur. Wir haben das Beste, was es gibt. Und wir haben noch etwas Gutes: dass es keine zentralistisch ausgerichtete Politik gibt, die irgendwelche Mass­nahmen ergreifen will, um der Wirtschaft zu helfen.

Kann man sagen, was die Politik punkto Nationalbank betrifft, also die Nationalbank etwas an der kürzeren Leine lassen – da sind Sie eher auf der linken Seite, was so Konjunkturprogramme betrifft, eher auf der rechten Seite? Wo stehen Sie eigentlich?

Wissen Sie was? Ich bin ein Pragmatiker. Das heisst, was uns tötet auf der Welt, sind diejenigen, die Dogmen und Ideologien haben. Was wir brauchen als gute Schweizer … wir stehen mit den Füssen auf dem Boden, wir müssen das tun, was gut ist für unser Land und für unsere Arbeiter und für unsere Beschäftigung. Arbeitslosigkeit, das geht nicht in diesem Land. Da muss man aufstehen. Und wenn es linke Positionen gibt, wenn es rechte ­Positionen gibt – einmal ist sie links, einmal ist sie rechts, das interessiert mich nicht, wir machen das, wovon wir überzeugt sind. Und wenn jemand von aussen sagt, das ist links oder rechts, interessiert uns das nicht.

Trotzdem – einmal alle vier Jahre mindestens muss man ja dann doch entscheiden: Welche Partei wähle ich? Welche wählen Sie?

Ich wähle eigentlich keine Parteien, ich wähle Personen, ich schaue mir an: Wer ist glaubwürdig und wer vertritt das, was ich richtig finde. Und dann wähle ich so. Ich bin in keiner …

Jetzt haben wir ja eine neue Mehrheit seit letztem Herbst, eine neue, grössere Mehrheit als früher. Ist das für Sie als Unternehmer eine gute Sache, haben Sie da gejubelt?

Sehen Sie, ich habe gelernt, dass in der Schweiz immer alles in Massen passiert. Auch wenn Sie jetzt diese Wahlen gesehen haben, dann hat es jetzt ein bisschen Übergewicht gegeben auf der rechten Seite. Und dann hat es einmal ein Übergewicht auf der linken Seite. Das wird alles ausbalanciert. Die Schweizer sind keine Extremisten, und sie wollen keine extremistische Politik, weder links noch rechts. Das macht mir gar keine Sorgen. Und vergessen Sie nicht dieses einmalige System … Wenn ich das unseren chinesischen Freunden immer erzähle, dass wir sieben Bundesräte haben, und die kommen doch tatsächlich aus vier verschiedenen Parteien! Das ist ja sensationell. Und genau so muss es sein.

Früher war ja die Schweizer Politik auch im Ausland Sinnbild für Kontinuität, für Stabilität – jetzt sorgen da immer wieder Initiativen – ob sie dann zustande kommen oder nicht – auch im Ausland für Schlagzeilen. Auf der linken Seite 1:12, Mindestlohn, auf der rechten Seite Masseneinwanderungsinitiative der SVP oder jetzt gerade kürzlich die Durchsetzungsinitiative … Das gibt ganz ein neues Bild auch im Ausland von der Schweizer ­Politik: weniger Stabilität, hat man zum Teil das Gefühl in der Schweiz. Ist das für Sie ein Problem, merken Sie das?

Nein, haben Sie den Eindruck? Nein, ich habe im Ausland den Eindruck, dass die Leute die Schweiz bewundern. Nur die Politiker, wenn Sie auf die Politiker im Ausland hören, die deutschen sind ja ein gutes Beispiel: Wenn zum Beispiel die Schweiz die Abzocker-Initiative angenommen hat, sagen diese Politiker in Deutschland: «Sensationell. Die Schweizer sind doch intelligent! Sind die intelligent, die haben gewählt gegen diese Abzocker.» Und dann kommt eine Abstimmung, die Masseneinwanderungsinitiative, dann sagen die gleichen Politiker: «Das ist doch skandalös, diese Schweizer, wie die manipuliert werden können, was die abgestimmt haben!» Ja, was ist es jetzt? Ist es sensationell einmal, wenn es ins Programm passt, und einmal nicht?

Als Unternehmer merken Sie keinen Unterschied gegenüber zum Beispiel vor zehn Jahren, als das noch ein bisschen anders war?

Im Gegenteil, ich denke, die Schweiz ist ein Beispiel, und viele, viele Leute auf der Welt – nicht die Politiker – finden die Schweiz ein super Beispiel. Und die Schweiz hat Leadership in vielen Bereichen, auch in der Technologie und übrigens auch in der smarten Technologie, und wir sollten uns dessen bewusst sein und etwas selbstbewusster sein, bevor wir versuchen, überall in der Welt etwas einkaufen zu gehen, was wir selber machen könnten. […]

Eine sensationelle neue Batterie – Swiss made!

Zum Schluss möchte ich mit Ihnen noch über etwas ganz anderes reden, nicht über Uhren, sondern über Batterien. Belenos heisst die Firma, noch relativ klein, aber dort soll etwas ganz Grosses entstehen, eine neue Superbatterie, die viel leistungsfähiger ist als alles, was es bis heute gibt. Man spricht von 30 % mehr Leistung, und dafür sind sie einfacher zum Aufladen. Wie kommt eine Firma wie Ihre dazu, da so gross einzusteigen in ein eigentlich fremdes Gebiet?

So fremd ist das nicht. Die Uhrenindustrie – da geht alles um Energie. Sie können ja Uhren – die mechanischen – mit Ihrem Körper aufladen, von der Bewegung her. Es gibt sogar Uhren, die Sie durch die Temperatur der Haut zum Laufen bringen können. Und bei der Mikro-Elektronik auch. Alles, was Miniaturisierung ist und wenig Energie verbraucht, da sind wir Spezialisten: Touch Screen, Solarzellen. Jetzt – mein Vater steht ja am Ursprung von dem. Er sagte immer und hat die Vision gehabt: Wenn diese Mobilität, wenn die Chinesen, wenn die Inder, wenn all diese Leute die gleichen Fehler machen wollen in der Mobilität wie wir, dann wird die Welt untergehen mit all diesem Smog.

Wollte ein Swatch-Mobil machen.

Wollte Swatch-Mobil machen. Dann gründete er Belenos, übrigens auch mit der ETH als Aktionär, mit George Clooney als Aktionär, und wir erforschten Brennstoffzellen und Batterien. Und wir haben mit Hilfe der ETH ein neues Material gefunden: Vanadium, und jetzt kommt das Ideale: Renata ist unsere Batteriefabrik, 800 000 Stück pro Tag produzieren wir in Baselland. Und die Kombination Forschung und Entwicklung und eine Produktion haben dazu geführt, dass wir jetzt im Juli bereit sind, eine sensationelle neue Batterie zu bringen, die 30 % mehr Energiedichte hat, weniger gefährlich ist, schneller aufgeladen werden kann – Swiss made!

Und eben die kann man dann nicht nur für Uhren, nicht nur für Unterhaltungselektronik brauchen, auch E-Bikes sollen so gehen oder zum Beispiel auch Autos – da ist ja momentan in der Schweiz so das Mass aller Dinge der Tesla, da kostet so eine Batterie etwa 30 000 Franken. Man kann 400 km damit herumfahren, und dann muss man sie je nachdem ein paar Stunden bis einen halben Tag wieder aufladen. Mit Ihrer Batterie … wie schnell geht denn das zum Beispiel?

Wir sind spezialisiert, mit tieferer Spannung, mit tieferem Volt [tieferer Voltzahl] zu arbeiten, und damit können wir sie schneller aufladen. Auch die Materialien werden nicht so heiss, die Langlebigkeit ist grösser. Das kommt alles aus dem Wissen der Uhrenindustrie. […]

Und Sie wollen das zum Teil auch später nach China liefern. Wo entstehen dann alle diese Arbeitsplätze?

Zunächst entstehen sie einmal in der Schweiz, denn wir haben hier die Forschung gemacht und machen die Produktion. Wie ich gesagt habe: 800 000 Batterien pro Tag produzieren wir heute! Es gibt sonst, glaube ich, keinen anderen Batterien-Produzenten, der so viel produziert in der Schweiz. Was aber wichtig ist, sind die Arbeitsplätze in der Schweiz. Da sind wir Pioniere, da werden wir vorwärts gehen. Aber wir müssen auch die Welt verändern, wir müssen auch dafür sorgen, dass die Batterien, die besser sind, tatsächlich auch zu einer veränderten Mobilität kommen [führen], und da kann es sein, dass es auch ein Joint-venture geben wird und dass an verschiedenen Orten auf der Welt Fabriken entstehen, die schneller diese Batterien herstellen können.

Sie haben schon einmal gesagt, dass da Jahresumsätze von zehn Milliarden Franken drin liegen. Das ist verglichen mit den Umsätzen der ganzen Swatch Gruppe mehr, als Sie mit allen Uhren Umsatz machen. Wann ist das soweit?

Da müssen Sie die Analysten fragen.

Ich frage Sie, Sie wissen es ja besser, scheinbar.

Schauen Sie, das ist nicht wichtig. dass Sie das Know-how der Produktion haben, und Forschungs- und Entwicklungsresultate sind da. Dann sehen Sie, dass Produkte existieren. Wissen Sie, wie viele Unternehmer zu uns kommen, kleine Unternehmer, mittlere Unternehmer, die E-Bikes machen, die Ideen haben – wissen Sie: Alle diese selbstfahrenden Autos, die da sind, die brauchen Energie, und da sehen Sie, welches Potential aus der Schweiz kommt.

Trotzdem nochmals: Wann wird daran voll gearbeitet, wann sind diese zehn Milliarden realistisch, und wie viele Leute arbeiten dann – separat noch einmal – in der Schweiz?

Sie wissen, das Geld interessiert mich nicht, wichtig ist, wenn wir die ersten hunderttausend Batterien geliefert haben für ein superneues E-Mobil. Und das wird sicher 2017 schon der Fall sein.

Ihr Vater ist ja bekannt geworden als der, der eigentlich die Schweizer Uhrenindustrie gerettet hat. Ist es vielleicht einmal so, dass Sie dann einmal bekannt sein werden als der, der die Idee des Elektroautos, eines umweltfreundlichen Massenverkehrsmittels, geschafft hat?

Nein, das ist nicht so, das wird weiterhin mein Vater sein, denn mein Vater hat diese Vision gehabt im Jahr 2007. Und das hat bis heute gedauert, weil wir hartnäckig sind und nicht auf Analysten und Börsen und Journalisten hören.

Sie wollen es zu Ende führen?

Nicht nur wir wollen, wir werden es zu Ende führen. Wir sind ja Unternehmer und nicht Marketing-Typen.

Dann wünschen wir Ihnen dabei viel Glück, Herr Hayek, vielen Dank, dass Sie in die Samstagsrundschau gekommen sind.    •

Quelle: Radio SRF, Samstagsrundschau vom 19.3.2016