Auf die Stimmen der Völker hören!

km. Was Matin Baraki aus Afghanistan berichtet, wird durch viele andere Zeugen vor Ort bestätigt. So hat die ehemalige Parlamentsabgeordnete Malalai Joya in einem Gespräch mit der deutschen Zeitung «Junge Welt» (21.4.2016) berichtet, seit Beginn der westlichen Besetzung habe sich die Situation für die afghanische Bevölkerung kontinuierlich verschlechtert. Das Land sei nach der westlichen Intervention nur für eine Gruppe zu einem «sicheren Hafen» geworden: für Terroristen: «Millionen von Menschen leiden unter Unsicherheit, Korruption, Erwerbslosigkeit, Armut. Die Rechte aller Menschen, aber insbesondere von Frauen, werden beständig verletzt. Die Besetzer und die Fundamentalisten teilen sich die Macht in dem Land.»
Willy Wimmer, der ehemalige Staatssekretär im deutschen Verteidigungsministerium, hat davon gesprochen, die USA und ihre Verbündeten hätten eine Schneise der Verwüstung von Kabul bis Timbuktu hinterlassen. Es ist eine materielle und eine kulturelle Verwüstung und ein unermessliches menschliches Leiden.
Es mag offenbleiben, ob dieses Resultat das bewusste Ziel einer neokonservativ-trotzkistischen Chaos-Strategie war und ist oder das wahre Gesicht eines elitären westlichen Grössenwahns, dem es nun ergeht wie der Hybris in der antiken Tragödie. Seit 25 Jahren, seit der Zersetzung des Uno-Mitglieds Jugoslawien, hat der westliche Hegemon gemeinsam mit seinen Vasallen das Völkerrecht immer wieder gebrochen und gegen alle Gebote der Menschlichkeit verstossen.
Es klingt wie ein Hohn, wenn sich dieselben westlichen Staaten nun mit der Anmassung schmücken wollen, Millionen von Migranten aus anderen Kulturkreisen «helfen» und sie «integrieren» zu wollen. Integrieren in was? Integrieren in eine Welt nihilistischer, machtbesessener «Eliten», denen jegliche kulturelle Substanz fehlt? Integrieren in eine Ellenbogengesellschaft, die fundamental die Prinzipien der menschlichen Sozialnatur mit Füssen tritt? Schon jetzt wird deutlich, wie absurd ein solches Ansinnen ist. Wer wird bereit sein, einem solchen Weg zu folgen?
Wenn der Westen tatsächlich Aufgaben in der heutigen und künftigen Welt übernehmen will, dann wird das nur möglich sein, wenn es eine Renaissance seiner kulturellen Substanz gibt. Europa ist gefragt.
Das schliesst mit ein, die Forderung nach einer verpflichtenden universellen Ethik als Rahmen für alle Kulturen und Religionen wieder auf die Tagesordnung zu setzen. 1945 und in den Jahren danach hat es den bis heute wesentlichen Versuch der Charta der Vereinten Nationen und der universalen Menschenrechte gegeben, die heute in den meisten Staaten der Welt auch gültiges Recht sind.
Die Geschichte hat gezeigt, dass auch das Verhältnis der Religionen zur säkularen Ethik ein wechselseitiges ist. Die praktizierten christlichen Religionen haben in einer opferreichen und zum Teil auch bitteren Geschichte in wesentlichen Punkten schon einen weiten Weg bewältigt. Es kann nicht Gottes Wille sein, etwas zu fordern, was der Natur des Menschen, seines Geschöpfes, zutiefst widerspricht. Auch die anderen Religionen stehen in dieser Pflicht und sind auf dem Weg. Und sie können diesen Weg sehr gut beschreiten, weil allen grossen Religionen zu eigen ist, die vielfältigste Substanz für ein friedliches und gerechtes Zusammenleben aller Menschen zu bieten. Wenn nicht mehr das Streben nach Macht, sondern der Mensch und sein Schicksal im Mittelpunkt stehen.
Es hängt von den Menschen ab, welchen Weg sie gehen wollen. Noch hat die grosse Mehrheit der Menschen in Europa Gespür und Gewissen für das menschlich Richtige. Auf die Stimmen der Völker zu hören ist deshalb der Ausblick.    •