Ignaz Paul Vital Troxler und der Aarauer Lehrverein

Troxler-Gedenkjahr 2016

Wie eine Bildungsanstalt die Demokratieentwicklung in der Schweiz entscheidend förderte

von Dr. phil. René Roca

Ignaz Paul Vital Troxler (1780–1866) war Arzt, Philosoph, Pädagoge und Politiker. In seinem breiten Wirken verband er stets Theorie und Praxis. Gerade auch als Pädagoge und Politiker setzte er sich vehement für die weitere Festigung und Ausbildung der Volksschule ein. Dabei war ihm besonders die tertiäre Stufe ein Anliegen. Troxler stellte grundlegende pädagogische Überlegungen an und versuchte, mit politischen Vorstössen die gymnasiale Stufe und die Hochschulen in der Schweiz bildungspolitisch zu verankern. In diesen Kontext gehört auch sein Wirken im aargauischen Lehrverein. Er vertrat nicht einen elitären Ansatz wie einige Liberale, sondern sah sehr deutlich die Wichtigkeit guter Schulen für einen funktionierenden und sich entwickelnden demokratischen Staat. Nur mit einer guten Schulbildung wachse der einzelne zu einem mündigen und kritischen Staatsbürger heran.

Troxler – der skeptische Helvetiker (1798–1814/15)

Bereits zur Zeit der Helvetik (1798–1803) versuchte Troxler – er war damals gerade 18 Jahre alt – aktiv mitzuhelfen, aus der Schweiz ein geeintes Land mit einer demokratischen Verfassung zu machen. Er schrieb später in einem autobiographischen Fragment über die Zeit der Helvetik:
«Meine Aufmerksamkeit [lenkte sich] auf das grosse Ereignis der französischen Revolution und ihre Folgen für mein Vaterland. Ich fing an das Allgemeine zu fühlen und selbst zu denken, ich las deutsche und französische Tagesblätter, meine Freiheitsliebe erwachte […].»1
Die Ideen der Revolution nahm Troxler mit Begeisterung auf; sie waren ihm eine Richtschnur für sein ganzes Leben. Die Ausbildung seines liberalen Denkens hatten zwei Lehrer massgeblich geprägt. Er besuchte nach dem Gymnasium in Solothurn das Lyzeum in Luzern und genoss dort einerseits den Unterricht von Thaddäus Müller (1763–1828), der von 1789 bis 1796 Rhetorik unterrichtete und danach bis zu seinem Tod das Amt des Stadtpfarrers von Luzern bekleidete. Er war ein Vertreter der katholischen Aufklärung und unterstützte die kirchenreformerischen Tätigkeiten des Konstanzer Generalvikars Ignaz Heinrich von Wessenberg. Andererseits prägte Franz Regis Krauer (1739–1806), der ab 1769 Professor für Rhetorik und Poesie am Jesuitenkolleg in Luzern war, Troxlers Bildungsgang. Krauer setzte auch nach der Aufhebung des Jesuitenordens 1773 seine Lehrtätigkeit am nun verstaatlichten Lyzeum fort, und Ignaz Paul Vital Troxler versuchte wie Müller als Exponent der katholischen Aufklärung eine zeitgemässe Schule zu fördern. Es war Krauer, der den 18jährigen Troxler dem Regierungsstatthalter Vinzenz Rüttimann für eine Anstellung im helvetischen Staatsdienst empfahl.2
Troxler stellte sich dann tatsächlich in den Dienst des neuen Staates, wurde in jungen Jahren zum Kriegskommissär für den Distrikt Münster (Beromünster) und zum Sekretär des Unterstatthalters ernannt. Später nahm ihn Rüttimann mit nach Bern, ins Zentrum der helvetischen Macht. Troxler erkannte aber zusehends das Janus-Gesicht der Helvetischen Republik: einerseits Freiheit und Gleichheit auf dem Papier; andererseits Bestimmungen und Erlasse, die oft von oben undemokratisch durchgesetzt wurden, unterstützt durch die Gewalt fremder Bajonette.
«Allein bei aller Wirksamkeit nach aussen fühlte ich eine innere Leere und Schaam, dass ich noch so jung und unreif mit regieren und das Schiksal eines Volkes mitbestimmen helfen sollte. Heiss erwachte in mir wieder die Sehnsucht nach Studium und Ausbildung, und das Willkürliche und Heuchlerische, sowie das Schwankende in Diplomatik und Politik fing an, mir Grausen und Ekel zu erregen. Auch sah ich dazumal schon mit dem unbestimmten doch sichern Blick das neue Heranwogen der alten Aristokratie […].»3
Im September 1800 stand der Entschluss Troxlers fest. Statt seine politische Karriere weiterzuverfolgen, ging er nach Jena und Göttingen, um dort Medizin und Philosophie zu studieren. Sein eigentliches Berufsstudium war Medizin. Danach arbeitete er in Wien, in seiner Heimatstadt Beromünster und in Aarau als Arzt. Einen ersten Eindruck des «Heranwogens der alten Aristokratie» bekam Troxler 1806 in seinem Heimatkanton Luzern, als er im Zuge einer Epidemie die dortigen unzureichenden medizinischen Zustände anprangerte. Sogleich wurde ein Haftbefehl gegen ihn erlassen, und er musste mit Sack und Pack ein erstes Mal nach Aarau fliehen.4

Luzerner Lehrjahre (1814–1821)

Vinzenz Rüttimann, Troxlers ehemaligem Vorgesetzten aus der helvetischen Zeit, gelang es, im April 1814 nach dem Sturz Napoleons in Luzern einen Staatsstreich durchzuführen, der die Aristokratie wieder an die Macht brachte. Im Gegensatz zu Rüttimann blieb Troxler den Idealen der Französischen Revolution und der Helvetik treu. Er verfass­te eine Bittschrift und trat dezidiert für die Volkssouveränität ein. Troxler interpretierte den Luzerner Umsturz – wie auch denjenigen in anderen Kantonen – als vorübergehende aristokratisch-oligarchische Erstarrung bis zur Wiedergewinnung der Freiheit. Die eidgenössischen Traditionen gelte es fortan mit den Ergebnissen der Französischen Revolution zu verknüpfen. Der Grundgedanke einer Verbindung von Tradition und Moderne blieb in Troxlers Ideenwelt von nun an bestimmend.5
1819 reformierte der liberale Schul- und Bildungspolitiker Eduard Pfyffer (1782– 1834) die Höhere Schule (Gymnasium und Lyzeum) in Luzern. Er baute sie zu einer kleinen Akademie aus, indem er neue Lehrstühle schuf. Pfyffer gelang es, Troxler, der selber das Lyzeum besucht hatte, für den Lehrstuhl für Philosophie sowie für allgemeine und Schweizer Geschichte zu gewinnen. Damit begann Troxlers politisch-pädagogisches Wirken: Er vermittelte Schülern und Studenten theoretisches Wissen mit dem nötigen Praxisbezug. Dieses pädagogische Konzept war entscheidend, um zukünftig die Schweiz zu gestalten. Gleich nach seinem Stellenantritt in Luzern publizierte Troxler 1819 unter dem Titel «Fürst und Volk nach Buchanan’s und Milton’s Lehre»6 einen Text. Troxler übersetzte darin Flugschriften von George Buchanan (1506–1582) und John Milton (1608–1674) aus der Zeit der englischen Revolutionen des 17. Jahrhunderts und verfasste einen Kommentar dazu.
Buchanan, schottischer Humanist und Historiker, verteidigte die Volkssouveränität und rechtfertigte den Tyrannenmord. Der englische Dichter Milton plädierte aus religiösen und rechtlichen Gründen für die Volkssouveränität, die Beschränkung der Fürstenmacht und die oberste Herrschaft des Rechts.7 Troxlers Schrift richtete sich in der Hauptsache gegen den Berner Aristokraten Karl Ludwig von Haller (1768–1854), der mit seinem Hauptwerk «Restauration der Staatswissenschaft» (1816–1834) der Epoche den Namen gab. Er selber entwickelte darin gedanklich sein Konzept der Volkssouveränität weiter. Troxler doppelte nach, indem er 1821 direkt Hallers Werk «Über die Constitution der spanischen Cortes» angriff. Das brachte für die mehrheitlich restaurativ ausgerichtete Luzerner Regierung das Fass zum Überlaufen, und am 17. September 1821 wurde Troxler fristlos entlassen.8
Troxler zog nach seiner Absetzung ein zweites Mal nach Aarau, wo er schon einmal kurz als Arzt tätig gewesen war. Neben seiner Arztpraxis wollte er weiterhin philosophische Vorlesungen halten und schaute sich intensiv nach einer Möglichkeit um. Der von Heinrich Zschokke (1771–1848), mit dem Troxler schon länger in Kontakt stand, 1819 gegründete «bürgerliche Lehrverein» kam wie gerufen.

Der «bürgerliche Lehrverein» in Aarau – eine «Universität in Kleinformat»9

Der junge Kanton Aargau, der aus unterschiedlichen Regionen zusammengesetzt war, benötigte für sein Zusammenwachsen gute, wegweisende Bildungsinstitutionen. Um dieses Ziel zu erreichen, gründeten unter anderen Heinrich Zschokke, Regierungsrat Johann Nepomuk von Schmiel und Verleger Heinrich Remigius Sauerländer am 2. März 1811 die «Gesellschaft für vaterländische Kultur». Die «Kulturgesellschaft» hatte bereits zwei Jahre nach der Gründung 130 Mitglieder, neben Vertretern aus der ­Politik auch Geistliche beider Konfessionen. Sie bezweckte die «Beförderung alles dessen, was zur genauern Kenntnis der Geschichte, Natur und Staatskräfte sowie zur Erhebung der Wissenschaft, der Kunst und des Wohlstandes im Vaterlande führt».10 Im Geist und in der Tradition der «Helvetischen Gesellschaft» des 18. Jahrhunderts führte die Kulturgesellschaft ab 1814 eine allgemeine jährliche Versammlung in Bad Schinznach durch. Im ganzen Kanton entstanden nach und nach neben der Gründungsgesellschaft in Aarau in den verschiedenen Bezirken Zweigstellen. Aus der Tätigkeit der Gesellschaft gingen mit den Jahren lokale Sparkassen, Mädchenarbeitsschulen, Anstalten für behinderte und verwahrloste Kinder sowie zahlreiche Armenvereine und Fürsorgeorganisationen hervor. Die Bildung der Jugend und der Ausbau des Schulwesens blieben für die Kulturgesellschaft immer ein Kernanliegen.11
1802 hatten aufgeklärte Privatleute in Aarau eine höhere Bürgerschule gegründet, aus der sich dann das humanistische Gymnasium entwickelte. Dieses wurde 1813 vom Staat übernommen. Für Zschokke war damit das aargauische Bildungswesen noch lange nicht komplett. Sein Anliegen war in den kommenden Jahren, entsprechende «Lücken» zu stopfen. Eine solche Lücke sollte ein neues privates Bildungsinstitut ausfüllen, damit «junge Leute, die eigentlich nicht Anspruch auf Gelehrsamkeit machen zu wollen gedenken, Unterricht in denjenigen Wissenschaften und Kenntnissen zu erhalten, welche auch dem Fabrikanten, dem Kaufmann, dem Handwerker, dem Landwirt und jedem, der künftig mit Würde irgend eine Stelle im Staate bekleiden wird, notwendig oder doch höchst vorteilhaft sind».12 Unter Zschokkes Leitung schlossen sich einige «in Ämtern stehende wissenschaftliche Männer» der Kulturgesellschaft zu einem «bürgerlichen Lehrverein» zusammen, um «durch unentgeltlichen Unterricht das Fehlende zu ersetzen».13
Der Lehrverein sollte dafür sorgen, dass junge Leute von 18 bis 30 Jahren, die nicht an eine Universität gehen wollten, ein seriöses staatspolitisches und staatsbürgerliches Rüstzeug erhielten. Bereits Anfang September 1819 erschien eine öffentliche Anzeige mit der Aufforderung, sich für den ersten Kurs anzumelden. Die Teilnehmer wurden als «Lehrgenossen» oder «Genossen» bezeichnet, um klarzumachen, dass sie keine Schüler oder Studenten im herkömmlichen Sinn seien, sondern Mitglieder eines gemeinsam geführten genossenschaftlichen Vereins. Mit dem Genossenschaftsprinzip wollten die Gründer bewusst eine wichtige Tradition der Schweiz betonen und mit dem Lehrverein erstmals genossenschaftlich-demokratische Grundsätze für eine Bildungsinstitution festlegen.
Jedem Lehrgenossen wurde ein Tutor zugewiesen, und wenn er von auswärts kam, konnte er aus einer Liste von Privatunterkünften wählen. Vierzig Lehrgenossen schrieben sich für das erste Semester ein, was ein grosser Erfolg war. Zschokke bot als Lokal einen Stock seines Hauses in Aarau an.14
Der Unterricht fand vorerst nur während des Wintersemesters statt. Zwölf Fächer wurden im ersten Semester ausgeschrieben, von denen jeder Lehrgenosse mindestens drei belegen sollte. Staatskundliche, historische und juristische Vorträge, immer mit einem Bezug zur Schweiz, standen ebenso auf dem Programm wie technische und naturwissenschaftliche. Im von Zschokke entworfenen Lehrplan stand an erster Stelle das Fach «Geschichte der schweizerischen Eidgenossenschaft», an zweiter Stelle das Fach «Naturrecht und Kenntnis der vaterländischen Verfassungen und Gesetze».15 Gerade diese beiden Fächer, die von vielen Lehrgenossen belegt wurden, sollten ein staatspolitisches Grundwissen vermitteln und ein Nationalbewusstsein fördern.
Die weiteren Fächer waren Staatswirtschaft (Forstwirtschaft, Bergbau, Statistik), Polizeiwissenschaft (Armen-, Kranken-, Arbeits- und Versicherungswesen), Kriegswissenschaft, Strassen- und Wasserbau, Chemie, Mineralogie, Mechanik, Messkunst, Zeichnen sowie Übungen im Halten und Verfassen von Referaten. Zentral war laut Zschokke, dass auf das Leben bezogenes Sachwissen vermittelt wurde. Kriegswissenschaft und Chemie liess man gleich zu Beginn wieder fallen, da sich zu wenige dafür eingeschrieben hatten. Dafür kamen in den folgenden Jahren weitere Fächer dazu wie Weltgeschichte; Geschichte Europas; physikalische Erdbeschreibung; Geometrie mit Anwendung zur Feldmesskunst; Recht der Menschheit (im Rahmen des Fachs Naturrecht); Völkerrecht, Staatsrecht und Kirchenrecht; Anleitung zur «Kenntnis der klassischen oder der vorzüglichsten Schriftsteller alter und neuerer Nationen».16 Das Konzept war also alles andere als starr.
Neben den Vorlesungen, welche die Lehrgenossen nachschrieben und durch eigene Lektüre ergänzten, wurden Übungen abgehalten, zum Beispiel im Abfassen schriftlicher Abhandlungen oder im Halten «wohlgeordneter mündlicher Vorträge».17
Entscheidend in methodisch-didaktischer Hinsicht waren für die Gründerväter der unbedingte Praxisbezug des Stoffs und die Persönlichkeit der Lehrer. Der Lehrplan des «bürgerlichen Lehrvereins» war in der Schweiz einzigartig und sprengte jede Vorstellung, die man sich in jener Zeit von einer Schulanstalt machen konnte. Gegenüber der Kantonsschule besassen die Lehrgenossen grössere Freiheiten, die man aber mit der Zeit auch mit klareren Regeln anpassen ­musste, zum Beispiel, was den Wirtshausbesuch anbelangte: «Kein Genosse soll vor 5 Uhr abends in ein Wirthhaus gehn, und länger als bis 9 Uhr abends bleiben.»18
Die Lehrgenossen erhielten nach Abschluss des Kurses ein Zeugnis über die besuchten drei obligatorischen Fächer, ferner über Fleiss und sittliches Betragen. Die Oberaufsicht des Lehrvereins führte anfangs die Kulturgesellschaft, bis die Regierung 1823 auf Grund des neuen Schulgesetzes und der Übernahme der Leitung durch Troxler das von ihr geförderte Privatinstitut den kantonalen Schulbehörden unterstellte.19
Der grössere Gestaltungspielraum gegenüber der Kantonsschule hatte aber auch Nachteile. Der Lehrgang war ausgerichtet auf ein Semester und zeigte keine darüber hinausgehende Struktur. Man konnte jedes Semester neu einsteigen und ging keinerlei Verpflichtungen ein.20
Nach vier Jahren zeichneten sich ernsthafte Probleme mit den Schülerzahlen ab. Besuchten zu Beginn 1819 noch 40 Lehrgenossen die Institution, so sank diese Zahl innerhalb von vier Jahren um knapp die Hälfte auf 21 Schüler. Zügig wurde nach Lösungen gesucht, die man einerseits in der Öffnung des Lehrvereins über die kantonale Grenze hinaus fand und andererseits in der Person von Troxler.
Troxler war ein Jahr zuvor Präsident der Helvetischen Gesellschaft geworden und hatte in seiner Präsidialansprache «Was verloren ist, was zu gewinnen» sein politisch-pädagogisches Programm klar skizziert. Troxlers Rede kam einem Aufruf zur geistigen Erneuerung der Eidgenossenschaft gleich und bildete die Grundlage für sein Wirken im Lehrverein ab 1823. Es gelte, so Troxler, einen Staat zu schaffen, der sich aus dem Wesen des Menschen ableiten lasse und der von den Kräften der Alten Eidgenossenschaft getragen werde:
«[Es] wird also der Staat, der grosse Menschenverein seinem Wesen nach nicht anders gedacht, als die menschliche Natur in ihrer Entwicklung im einzelnen Wesen.»21
Und weiter:
«Es verlangt daher der wahre menschliche Staat ein öffentliches und freies Leben des Volkes, und dieses Leben kann nur durch Vereinigung von dem, was man politische und bürgerliche Freiheit nennt, im Ganzen, und in all seinen Theilen, zu Stande kommen […]. Die Nationalkraft allein ist die wahre Lebensquelle.»22
Troxlers politisches Ziel stand bereits zur Zeit der Helvetik fest. Er wollte mithelfen, aus der Schweiz ein geeintes Land mit demokratischer Verfassung zu machen. Die Menschenrechte sollten dabei gemäss seiner personalen Auffassung des Menschen auf einer naturrechtlichen Basis stehen. Dazu gehörten für ihn auch die Volksrechte, die sich nicht nur in Wahlen erschöpfen durften. Er sah mit Gleichgesinnten schon früh die Idee des Bundesstaates als der Schweiz angemessene Lösung nach den schmerzlichen Erfahrungen der helvetischen Zeit. Eine föderalistische Bundesverfassung, geschaffen von einem gewählten Verfassungsrat und abgesegnet durch eine Volksabstimmung, galt für Troxler als die moderne Verfassung schlechthin.23 Dieses Ziel wollte Troxler erreichen, indem er mit dem Lehrverein dazu fähige Leute ausbildete.

Troxlers Wirken im Lehrverein (1823–1829)

Troxler arbeitete neben seinem Beruf als Arzt von 1823 bis 1830 ehrenamtlich im Lehrverein, vier Jahre davon als Vorsteher (1823–1827). Für ihn war diese Zeit der Höhepunkt seiner pädagogischen Tätigkeit.
Troxler schrieb gleich zu Beginn über die Bedeutung des Lehrvereins, der jetzt «Lehrverein für eidgenössische Jünglinge» genannt wurde:
«Der Zögling wird hier geleitet durch innere Beweggründe, die in ihm mit der Erkenntnis seiner selbst und der Welt erweckt werden; durch das Ansehen, die Aufsicht und den Einfluss seiner Lehrer; endlich durch das (Aarauer-) Publikum, welches in seiner Bildung und seinem Kunstfleiss, in seinem Wohlstand und seiner Tätigkeit keine geringe Gewährleistung gegen Müssiggang und Rohheit, gegen Unsittlichkeit und Ausschweifung gefunden hat.»24
Troxler beschloss, die von Zschokke eingeleitete Erweiterung und Neuorientierung noch zu vertiefen:
«Der Lehrverein […] erlitt im Jahre 1823 eine wesentliche Veränderung und erhielt in Zweck und Form eine von seinem bisherigen Zustand verschiedene Richtung. Eine Zahl neuer Lehrer schloss sich an die vorhandenen an, die Anstalt ward mit der Kantonsschule in Verbindung gesetzt, und konnte als eine Fortsetzung derselben betrachtet werden, da der Lehrverein gleichsam die Stelle eines Lyzeums vertrat, und so die grosse Lücke zwischen dem Gymnasium, oder der Kantonsschule in ihrer wirklichen Einrichtung, und der Universität ausfüllte. Die Folge davon war, dass die Anstalt des Lehrvereins einen höheren, wissenschaftlichen Karakter, als vorher der bürgerliche Lehrverein hatte, annahm, und nun gleichsam eine vorbereitende Mittelschule für die Universität und das Leben ward.»25
Da sieben Schüler aus dem Kanton Luzern Troxler nach Aarau gefolgt waren, erhöhte sich der Bestand wieder auf etwa 30 Schüler. Die Teilnehmerzahlen verbesserten sich weiter, da sich mehr und mehr auch «Lehrgenossen» aus anderen Kantonen einschrieben. Die Kurse wurden nun ganzjährig im Sommer und Winter geführt.26
Entscheidend war für Troxler das «Jünglingsalter» deshalb, weil sich in diesen Jahren Erziehung und Entwicklung, Erzogen-Werden und Selbsterziehung in ihrer Richtung entgegengesetzt überschneiden würden. Das Jünglingsalter, so Troxler, sei der Angelpunkt des Lebens. Es sei auch die Zeit der Berufsentscheidung und damit der tätigen Eingliederung des Jünglings in die menschliche Gesellschaft: als werdender Berufsmann und als künftiger Staatsbürger. Eine der menschlichen Natur gemässe Erziehung und Bildung führe dem Staat fähige und verantwortungsbewusste Bürger zu, ohne die er – als Republik – nicht existieren könne.
Troxler gestaltete den Lehrplan von Grund auf um. Anstelle der praxisbezogenen Fächer rückte er die Philosophie in den Mittelpunkt. Sie bildete für ihn das Herzstück der Ausbildung, da für ihn nicht die Nützlichkeit des künftigen Berufes massgeblich war, sondern die Einsicht, dass die einzelnen Lehrgegenstände Bildungs- und Übungsmittel der Seelenkräfte seien. Der Muttersprache und der Philosophie komme dabei hervorragende Bedeutung zu, sie seien «Anker und Segel aller Erziehung»:
«Die Wirklichkeit und Gegenwart nun, von welcher in der Erziehung nach naturgemässer Notwendigkeit ausgegangen werden muss, ist die Muttersprache und die Richtung auf das Ewige und Göttliche, so sehr sie auch verkannt und entstellt worden, die Philosophie. Diese beiden, ich möchte sie die Anker und Segel aller Erziehung nennen, sind es, welche die herrschende Bildungstheorie wenn auch nicht ganz verdrängte, doch bis zur Ungebühr beschränkte, und endlich völlig surrogieren wollte.»27
Also erweiterte Troxler den Lehrplan um Philosophie, Philologie und Altertumskunde. Er selbst lehrte im Rahmen des Philosophieunterrichts neben dem Naturrecht auch Logik, Metaphysik, Anthropologie und Moral. Troxler arbeitete seine philosophischen Vorlesungen während seiner Zeit beim Lehrverein zu zwei seiner Hauptwerke in Buchform aus, und zwar der «Naturlehre des menschlichen Erkennens, oder Metaphysik» (1828) und der «Logik, die Wissenschaft des Denkens und Kritik aller Erkenntnis» (1829). Neben der Philosophie unterrichtete Troxler noch Weltgeschichte, Geschichte der Menschheit und «Encyclopädie der Wissenschaften».28
Insgesamt erstreckten sich die Lehrgegenstände nun auf 58 Fachwissenschaften. Durch diese Intensivierung der Lehrgänge wuchs auch der Lehrkörper. Troxler gewann neue Lehrer, und die Praktiker und Laien verschwanden nach und nach. Im Wintersemester 1823/24 waren fünf von zehn Lehrern politische Flüchtlinge aus Deutschland, darunter Friedrich List (1789–1846), ein bedeutender Nationalökonom, der bis 1822 ordentlicher Professor für Staatswirtschaft und Staatspraxis in Tübingen gewesen war.29
Um die steigenden Unkosten zu bewältigen – so verschlang der Aufbau einer Bibliothek einiges an Geldmitteln – führte man ein Schulgeld für Vermögende ein.30
Mit Troxlers Übernahme der Leitung begann auch die kantonale Aufsicht. Die war kein Zufall, kannten doch die Aargauer Behörden die luzernischen Querelen rund um den kritischen Geist. Der Kantonsschulrat schrieb als Aufsichtsbehörde, es sei notwendig,
«dass eine genaue und ununterbrochene Aufsicht [über den Lehrverein] angeordnet werde. Diese Aufsicht könnte sehr schicklich darin bestehen, dass die Glieder des Kantonschulrats die Vorlesungen von Zeit zu Zeit und unangekündigt besuchen und dass halbjährliche oder jährliche Prüfungen angeordnet werden».31
Festzuhalten gilt, dass der Lehrverein zu keinen Problemen Anlass gab und auch von der behördlichen Seite her weiterhin viel Unterstützung genoss. Die behördliche Seite vermerkte positiv, dass nun auch Zeugnisse ausgestellt wurden.
Troxler gab zudem den Anstoss zur Entwicklung der schweizerischen Schulprogramm-Literatur. Dies war eine neue Gattung von kleinen Schriften, die meistens einen Jahresbericht oder eine Voranzeige mit einer wissenschaftlich-pädagogischen Abhandlung verband. In diesem Rahmen reflektierte Troxler über die Grundlagen der Pädagogik und äusserte sich zu aktuellen bildungspolitischen Themen. Meistens erschienen diese programmatischen «Anzeigen» am Ende eines Semesters.
Zentral in Troxlers theoretischem Ansatz ist eine harmonische Beziehung des Schülers zu seinem Lehrer, wogegen der Lernprozess durch blinden Gehorsam zerstört wird:
«Allein nichts ist dem Erziehen und Bilden mehr entgegengesetzt, mehr es von Grund aus zerstörend, als blosser Befehl und Zwang. Nur durch den freien Willen geht der Weg zu sittlichem Wandel, und der Mensch lernt noch weit leichter, als er folgt.»32
Allerdings braucht es in diesem Lernprozess Disziplin und Gehorsam und die Anerkennung und Wertschätzung der Fachautorität des Lehrers seitens des Schülers, erst dann wird dieser selbständig und frei:
«Der Wille des Zöglings selbst muss sich der Leitung und Führung des Erziehers hingeben, und dazu kann nur Achtung und Liebe führen. Wer Sitten bilden will, muss das Herz weit mehr für sich haben, als wer auf den Geist wirken will. Zu Letzterm wird nur Überlegenheit des Lehrers erfordert, und die innere Bestimmung wird abgenöthigt; zu Ersterm aber, dass der Zögling sein Bedürfnis fühle, das Wohlwollen seines Erziehers inne werde, und sich seiner Führung überlasse. Es ist dies um so wichtiger, da es der einzige Weg ist, selbstständig zu werden. Freigelassen werden muss der Mensch doch einmal, wenigstens in seinem Privatwandel, er trete aus der Schule in die Welt, oder gehe auf die Universität. Hat er aber nicht Selbstständigkeit errungen, so ist er nur ein freigelassener Sklave.»33
Die Lehrgenossen waren zwischen 18 und 30 Jahre alt. Dieses «Jünglingsalter» verstand Troxler als wegweisend, wenn es darum ging, ein politisches Bewusstsein zu legen:
«Das Jünglingsalter ist daher nicht, zu welcher Annahme der Wahnsinn oberflächlicher Ansicht verführt, das Ende der Erziehung. Die Erziehung, welche das Jünglings­alter gewöhnlich endet, ist nur der Teil der wahren menschlichen Erziehung, und zwar nur der äusserliche, nur die positive sichtbare Erziehung. Nicht ihr entgegen, sondern in ihr verborgen, sie begründend und richtend, liegt die innere unsichtbare lebendige Erziehung, welche im Jüngling offenbar, und tätig im Manne werden soll, die eigene freie Selbstentwicklung. […] Das Jünglingsalter ist der Übergang von dem Erzogen-Werden von andern zu dem Erziehen durch sich selbst.»34
Die Gedanken, die Troxler formulierte, sind heute noch aktuell. Zentral für ihn war die Notwendigkeit einer vollständigen Freiheit der Schule sowohl vom Staat wie von der Kirche:
«Frei ist aber die Erziehung, welche in allem rein menschliche Bildung anstrebt und in diesem Streben durch Aussenverhältnisse kein Hindernis erleidet noch erduldet.»35
Für Troxler war eine solche freie und öffentliche Erziehung «ein wesentliches Erfordernis und eine Grundbedingung der Republik».36
Mit der Zeit wurde der Lehrverein unter der Führung Troxlers ein Anziehungspunkt für Schweizer aller Kantone, auch für Ausländer.37 Viele Lehrgenossen schrieben sich jetzt während mehrerer Semester ein und planten, sich nach dem Abschluss an einer Universität zu immatrikulieren. Gab es anfangs noch einen fruchtbaren Austausch mit der Kantonsschule in Aarau, wurde diese Institution, die sich ebenfalls positiv weiterentwickelte, immer mehr zu einer Konkurrentin zum Lehrverein. Streitereien zerstörten schliesslich das gute Einvernehmen, und Troxler überwarf sich mit dem Rektor der Kantonsschule, Rudolf Rauchenstein. Als 1826 auch noch eine Gewerbeschule eröffnet wurde, geriet der Lehrverein immer mehr unter Druck, was sich auch in den abermals sinkenden Schülerzahlen zeigte.38
Das Ende des Lehrvereins war aber kein krisenbedingtes Untergehen und schon gar nicht ein Auseinanderfallen der Schulgemeinschaft. Als Troxler 1830 eine Berufung auf den Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Basel erhielt, musste er den Unterricht am Lehrverein im Frühling 1830 einstellen.39 Der sich nun anbahnende politische Umbruch in vielen Kantonen der Schweiz machte deutlich, dass der Lehrverein eine wichtige Mission erfüllt hatte. Nun war praktische Politik angesagt.

Die Ausstrahlung des Lehrvereins und seine Bedeutung für die Demokratisierung der Schweiz

Troxlers Persönlichkeit

Der Lehrverein hätte nie solch nachhaltige Folgen für die Entwicklung der Schweiz zeitigen können, hätte nicht Ignaz Paul Vital Troxler diese Institution geprägt. Troxler besass eine ungemein kämpferische Natur. Er überzeugte durch Gradlinigkeit und Vertrauenswürdigkeit und legte bei der Verfolgung seiner Projekte stets einen grossen persönlichen Einsatz an den Tag. Er brachte der Jugend und insbesondere seinen Studenten Zuneigung und Offenheit entgegen und gab ihnen mit seinem Enthusiasmus die Gewiss­heit, an der Gestaltung der Zukunft mitbeteiligt zu sein. Immer wieder forderte er sie dazu auf, politisch aktiv zu werden und die nötigen Reformen in der Schweiz anzupacken.
Die grosse Empathie, die Troxler zu seinen Studenten entwickelte, kommt in den Reden der Lehrgenossen zum Ausdruck, die sie jeweils am Ende des Semesters hielten. Die Reden beinhalten einen tiefen Glauben an den Fortschritt und an das Gute im Menschen, die Forderung nach Aufklärung und Volksbildung, liberale Ansichten über Kirche und Staat sowie die Begeisterung für vaterländische Geschichte und Heimatliebe.40 Unter Troxlers Ägide wurde ein Verein der Zofingerfreunde gegründet, der eine gesamteidgenössische Verbundenheit schuf und den Bundesstaatsgedanken weiter förderte.

Der Lehrverein als Motor der Regeneration in der Schweiz

Troxlers Berufung nach Basel fiel in der Schweiz mit dem Beginn der Regeneration zusammen. Der Lehrverein war, wie sich in den Jahren ab 1830 zeigte, eine der wichtigsten Institutionen, die dieser Zeitspanne entscheidende politische Impulse verlieh. Einige der über zweihundert Lehrgenossen spielten als Pädagogen, Beamte oder Politiker während der Regenerationszeit und darüber hinaus eine zentrale Rolle. Sie halfen mit, die Restaurationspolitik zu überwinden, tilgten vielerorts die Reste aristokratischer Politik und förderten so die liberale Neugestaltung der Schweiz.41 Zwei Beispiele seien herausgegriffen.

Das Beispiel des Kantons Aargau

Auch im Kanton Aargau regte sich ab 1830 der Reformwille, der sogar eine revolutionäre Spitze erhielt. Als am 27. September 1830 die Aargauer Regierung eine Bittschrift erhielt, waren bei den Unterzeichnern auch Karl Rudolf Tanner (1794–1849) und Gottlieb Hagnauer (1796–1880) dabei, die selber am Lehrverein unterrichtet hatten.42 Sie bildeten den Kern des «Lenzburger Vereins». Ihnen folgten später bekannte ehemalige Lehrgenossen wie Eduard Ignaz Dorer und die Brüder Johann Peter und Kaspar Leonz Bruggisser. Am 7. November 1830 fand in Wohlenschwil eine legendäre Volksversammlung statt, die Troxler von Basel aus aktiv unterstützt hatte. Als Dank sollte er später das Bürgerrecht von Wohlenschwil erhalten. Die Volksbewegung im Kanton Aargau gipfelte am 6. Dezember 1830 im «Freiämter Sturm», der den Kanton revolutionär umgestaltete und ihn ins Lager der liberalen Regenerationskantone brachte.43 Der Grosse Rat des Kantons Aargau akzeptierte am 10. Dezember 1830 die Forderung, dass ein Verfassungsrat gewählt und eine neue Verfassung erarbeitet werden solle. Während der Verfassungsrat ein neues Grundgesetz ausarbeitete, hatte die Bevölkerung die Möglichkeit, mit Bittschriften Einfluss zu nehmen. Die schliesslich 1831 in Kraft gesetzte neue liberal-repräsentative Verfassung war die erste kantonale Verfassung, die im Kanton Aargau durch eine Volksabstimmung angenommen wurde.44
Einige Jahre später schrieb Troxler über diese kantonalen politischen Umwälzungen:
«Geschichte und Erfahrung lehren uns, dass nur grösserer und unmittelbarerer Einfluss des Volks auf unsere öffentlichen Angelegenheiten uns eine volksthümlichere Leitung derselben und einen glücklichen Gang unsers allgemeinen Lebens verbürgen kann. Unglaube und Misstrauen gegen das Volk, Volksscheu und Volksverachtung sind die grösste Sünde des Republikaners und die eigentliche Wurzel geistlicher und weltlicher Aristocratie oder besser Oligarchie.»45

Das Beispiel des Kantons Baselland

Auch für die Demokratisierung und Trennung des Kantons Basel spielte der Lehrverein eine wichtige Rolle. Den Anfang im Kanton Basel machte der ehemalige Lehrgenosse und spätere Advokat Stephan Gutzwiller (1802–1875). 1830 war er selber Mitglied des Grossen Rates und verfasste – unzufrieden über die Zustände in seinem Kanton – eine Bittschrift an die städtischen Oberen. Diese wurde am 26. Oktober 1830 dem Bürgermeister überreicht und löste eine Entwicklung aus, die 1833 zur Trennung von Baselland und der Stadt führte. Baselland erhielt mit der Unterstützung Gutzwillers eine liberal-repräsentative Verfassung, die nach St. Gallen gar das Gesetzesveto, den Vorgänger des fakultativen Referendums, enthielt. Baselland wurde so ein Vorreiter für die Entwicklung der direkten Demokratie in der Schweiz.46
Kaum in Basel angekommen, beschränkte Troxler seine Tätigkeit wie gewohnt nicht aufs Lehramt. Er befürwortete die seiner Meinung nach berechtigten Ansprüche der Basler Landschaft gegenüber der Stadt und unterstützte aktiv seinen ehemaligen Studenten Gutzwiller. Sein politisches Engagement kostete ihn abermals seine Stelle.
Auch in weiteren Kantonen unterstützten ehemalige Lehrgenossen oder Lehrer des Lehrvereins aktiv die revolutionären Bestrebungen und ländlichen Volksbewegungen. So ist Troxler zusammen mit ehemaligen Studenten auch eine Schlüsselfigur beim Umsturz im Kanton Luzern.47 Insgesamt wurde damit ab 1830 ein republikanisches Fundament für den Bundesstaat gelegt, und es gelang, eine demokratische Entwicklung in Gang zu setzen, die, ausgehend von der Einführung der repräsentativen Demokratie, die Weiterentwicklung zur direkten Demokratie ermöglichte.

Die Aktualität der Gedanken Troxlers

«Es ist der freie, edle, republikanische Geist, […] der in der Gesellschaft für vaterländische Kultur lebt, und sein Interesse in Gemeinnützigkeit setzt, der erkannt hat, dass wer Freiheit will, die Herrschaft der Vernunft wollen muss, und daher alles Gewicht auf geistige und sittliche Bildung legt.»48
Dieses Zitat Troxlers aus der sechsten Anzeige des Lehrvereins fasst gut seinen anthropologischen Ansatz und sein personales Menschenbild zusammen. Die politische Freiheit zu erkämpfen und zu bewahren hiess für Troxler immer gleichzeitig die umfassende Bildung und Hebung der geistig-sittlichen Kräfte aller Bürger. Solch eine Sichtweise, die letztlich zutiefst aufklärerischem Denken verpflichtet ist, galt es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegen herrschende utilitaristische Tendenzen durchzusetzen.
Nach seiner Entlassung aus dem Basler Lehramt kehrte Troxler ein weiteres Mal nach Aarau zurück. Auf Grund seines grossen Einsatzes während der aargauischen Regeneration und der Förderung der Volksversammlung in Wohlenschwil erhielt er von dieser Gemeinde das Bürgerrecht und konnte damit in den Grossen Rat gewählt werden, was ihm im November 1832 auch gelang. Als Mitglied des Grossen Rates arbeitete Troxler mit grosser Sorgfalt das neue aargauische Schulgesetz aus. Dieses beinhaltete die Essenz seines pädagogischen Anliegens, wie es auch heute noch in der Präambel des aargauischen Schulgesetzes zum Ausdruck kommt:
  

«Der Grosse Rat des Kantons Aargau, gestützt auf die §§ 28–35 und 38 bis der Kantonsverfassung,
in der Absicht, dem Kanton Aargau Schulen zu geben,
in denen die Jugend zur Ehrfurcht vor dem Göttlichen und zur Achtung vor Mitmensch und Umwelt,
zu selbständigen und verantwortungsbewussten Bürgern,
zu gemeinschaftsfähigen, an Geist und Gemüt reifenden Menschen erzogen wird,
in denen die Jugend ihre schöpferischen Kräfte zu entfalten vermag und wo sie mit der Welt des Wissens und der Arbeit vertraut gemacht wird.»49

Mit dem Lehrplan 21 steht in unseren Tagen bildungspolitisch ein umstrittener Reformschritt bevor. Ein eigentlicher Paradigmenwechsel soll von einem – wie von Troxler und anderen entwickelten und geförderten – humanistischen Bildungsideal wegführen und einer Orientierung an «Kompetenzen» Platz machen, die sich in einem blossen utilitaristischen «Anwenderwissen» erschöpft.50
Die aktuelle Diskussion würde an Breite und Tiefe gewinnen, führte man sich die pädagogischen Gedanken Pestalozzis51 und auch Troxlers aus der Frühzeit der Entstehung und Entwicklung der Volks-, Mittel- und Hochschulen in der Schweiz zu Gemüte.    •

1    Troxler, Ignaz Paul Vital. Einige Hauptmomente aus meinem Leben (1830), in: Rohr, Adolf (Hg.): Ignaz Paul Vital Troxler (1780–1866). Politische Schriften in Auswahl, Band I, Bern 1989, S. 389
2    Vgl. Roca, René. Ignaz Paul Vital Troxler und seine Auseinandersetzung mit der Helvetik. Von der repräsentativen zur direkten Demokratie, in: Arlettaz, Silvia et al. (Hg.): Menschenrechte und moderne Verfassung. Die Schweiz im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert. Akten des Kolloquiums an der Universität Freiburg/Schweiz, 18.–20. November 2010, S. 97–106
3    Troxler, Hauptmomente, S. 390f.
4    vgl. Furrer, Daniel: Ignaz Paul Vital Troxler (1780–1866). Der Mann mit Eigenschaften, Zürich 2010, S. 9f.
5    vgl. Rohr, Adolf: Einleitung zu Troxlers politischem Schrifttum, in: Rohr, Troxler, Band I, S. 24
6    vgl. Troxler, Ignaz Paul Vital: Fürst und Volk nach Buchanan’s und Milton’s Lehre, in: Rohr, Troxler, Band I, S. 24–33
7    vgl. Rohr, Troxler, Band I, S. 33–38
8    vgl. Roca, René. Wenn die Volkssouveränität wirklich zu einer Wahrheit werden soll … Die schweizerische direkte Demokratie in Theorie und Praxis – Das Beispiel des Kantons Luzern, Zürich 2012, S. 92 f.
9    Ort, Werner. Der modernen Schweiz entgegen. Heinrich Zschokke prägt den Aargau, Baden 2003, S. 250
10    Zweckartikel der Gesellschaft für vaterländische Kultur, zit. nach Drack, Markus T. Der Lehrverein zu Aarau 1819–1830, Aarau 1967, S. 12
11    vgl. Drack, Lehrverein, S. 11–18
12    Zschokke, zit. nach Halder, Nold. Geschichte des Kantons Aargau 1803–1953 in zwei Bänden, Erster Band: Gründung, Aufbau, Festigung 1803–1830, Aarau 1953, S. 318
13    zit. nach Halder, Geschichte, S. 318
14    vgl. Ort, Werner. Heinrich Zschokke 1771–1848. Eine Biographie, Baden 2013, S. 441
15    vgl. Drack, Lehrverein, S. 30f.
16    zit. nach Drack, Lehrverein, S. 31
17    vgl. Ort, Zschokke, S. 441f.
18    zit. nach Ort, Schweiz, S. 245
19    vgl. Halder, Geschichte, S. 318
20    vgl. Ort, Schweiz, S. 245
21    Troxler, Ignaz Paul Vital. Was verloren ist, was zu gewinnen. Rede in der Versammlung der Helvetischen Gesellschaft, 8. Mai 1822, in: Rohr, Troxler, Band I, S. 45
22    Troxler, Rede, 8. Mai 1822, S. 47, 60
23    vgl. Roca, Troxler, S. 63
24    Troxler, zit. nach Halder, Geschichte, S. 319
25    Troxler, zit. nach Drack, Lehrverein, S. 54
26    Furrer, Troxler, S. 341f.
27    Troxler, Ignaz Paul Vital. Neunte Anzeige des Lehrvereins zu Aarau, 1826, zit. nach Spiess, Emil: Ignaz Paul Vital Troxler. Der Philosoph und Vorkämpfer des schweizerischen Bundesstaates dargestellt nach seinen Schriften und den Zeugnissen der Zeitgenossen, Bern 1967, S. 314
28    vgl. Drack, Lehrverein, S. 75
29    vgl. Ort, Zschokke, S. 442
30    vgl. Drack, Lehrverein, S. 58–60
31    zit. nach Ort, Schweiz, S. 248
32    Troxler, Ignaz Paul Vital. Fünfte Anzeige des Lehrvereins zu Aarau, 1824, zit. nach Rohr, Schriften, S.121
33    Troxler, ebd., S. 121f.
34    Troxler, Ignaz Paul Vital. Siebente Anzeige des Lehrvereins zu Aarau, 1825, zit. nach Spiess, Troxler, S. 313
35    Troxler, zit. nach von Wartburg, Wolfgang. Die grossen Helvetiker. Bedeutende Persönlichkeiten in bewegter Zeit 1798–1815, Schaffhausen 1997, S. 256
36    Troxler, Ignaz Paul Vital. Achte Anzeige des Lehrvereins zu Aarau, 1825, zit. nach Rohr, Schriften, Band I, S. 129
37    vgl. von Wartburg, Troxler, S. 253–256
38    vgl. Halder, Geschichte, S. 321
39    vgl. Ort, Zschokke, S. 443
40    vgl. Staatsarchiv Aarau: Archiv des Kantonsschulrates, Lv. Akten (Akten des Lehrvereins 1823– 1830); Matrikel- und Protokollbuch des Lehrvereins 1823–1830
41    vgl. Drack, Lehrverein, S. 147–167: Liste aller Schüler
42    vgl. Drack, Lehrverein, S. 143–146: Liste aller Lehrer
43    vgl. Drack, Lehrverein, S. 103f.
44    vgl.Halder, Geschichte, S.351–355
45    Troxler, Ignaz Paul Vital. Ein wahres Wort über das jetzige Vaterland, mit Rücksicht auf eine Schmähschrift namenloser Verläumder, 1839, in Rohr, Troxler, Band II, S. 468
46    vgl. Roca, René. Die Einführung des Vetos im Kanton Baselland. Ein wichtiger Schritt für die Entwicklung der direkten Demokratie in der Schweiz, in: Baselbieter Heimatblätter, Nr. 1/78, Liestal 2013, S. 1–12
47    vgl. Roca, Volkssouveränität, S. 111–134
48    Troxler, Ignaz Paul Vital. Sechste Anzeige des Lehrvereins zu Aarau, 1824, zit. nach Rohr, Schriften, Band I, S. 125
49    Schulgesetz vom 17. März 1981 (Stand 1. Januar 2011), Kanton Aargau, 401 100 (www.gesetzes- sammlungen.ag.ch)
50    vgl. www.lehrplan.ch.
51    vgl. Brühlmeier, Arthur. Menschen bilden. 27 Mosaiksteine: Impulse zur Gestaltung des Bildungswesens nach den Grundsätzen von Johann Heinrich Pestalozzi, zweite, leicht veränderte Auflage, Baden 2008
Erstabdruck: Argovia, Jahresschrift der Historischen Gesellschaft des Kantons Aargau, Band 126, Aarau 2014, S. 140–154

Troxler-Gedenkjahr 2016

ro. Vor 150 Jahren, am 6. März 1866, starb Ignaz Paul Vital Troxler (geb. 1780). Er war Arzt, Philosoph, Pädagoge und Politiker und leistete auf allen diesen Gebieten Herausragendes. Troxlers Wirken sind im Gedenkjahr verschiedene Veranstaltungen gewidmet: Nach einer Tagung an der Universität Basel (3. bis 5. März) zu den Schwerpunkten und Kontexten seiner Philosophie fand am 6. März in Aarau ein Festakt statt. Am 19. Mai wird nun noch ein Symposium im ehemaligen Kloster St. Urban durchgeführt. Die Tagungsberichte und Programme sind unter www.troxlergedenkjahr2016.ch einsehbar. Es ist das Verdienst des Vereins «Troxler-Gedenkjahr» und besonders von Franz Lohri, dass mit den Anlässen eine Schweizer Persönlichkeit gewürdigt wird, die allzu stark in Vergessenheit geraten ist, deren Gedanken aber an Aktualität und Tiefe nichts verloren haben.
Im Rahmen des Gedenkjahres ist das Buch von Max Widmer zu Troxler vom Futurum Verlag erneut aufgelegt worden. Der Band enthält Max Widmers Troxler-Biografie in einer um die Quellennachweise ergänzten Neuauflage sowie eine Studie von Franz Lohri zu Troxlers vielseitigem Wirken.
Max Widmer/Franz Lohri: Ignaz Paul Vital Troxler. Schweizer Arzt, Philosoph, Pädagoge und Politiker. Mit einem Geleitwort von alt Bundesrat Kaspar Villiger, Futurum Verlag, Basel 2016. ISBN 978-3-85636-249-2