Im Schatten des Rotlichts

Ein neues Buch von Manfred Paulus

von Dr. Barbara Hug

Roberto Scarpinato ist Leitender Oberstaatsanwalt der Direzione Distrettuale Antimafia di Palermo. Er ist eine der bestgeschützten Persönlichkeiten weltweit. Giovanni Falcone und Paolo Borsellino waren seine Kollegen, sie wurden 1992 mit gezündeten Sprengsätzen ermordet. Scarpinato warnte Deutschland vor dem «Gewähren-Lassen», vor der «Mafiaromantik» und damit vor dem Kniefall vor dem organisierten Verbrechen. Eine demokratische Gesellschaft wird bedroht durch die von der Mafia angelegten Gelder in Milliardenhöhe und die daraus resultierende Einflussnahme auf Wirtschaft, Politik und Staat. Demokratie – wohin wird sie verschwinden?
Manfred Paulus spricht in seinem neuesten Buch aus jahrzehntelanger Erfahrung über die Verbrechen hinter glitzernden Fassaden, gemeint ist die Sex-Sklaverei, das Rotlichtmilieu, der Frauen- und Kinderhandel und, gepaart damit, die Waffen- und Drogenkriminalität. Ein Milieu existiert nicht ohne das andere. Die «Ware Frau» wird erbarmungslos ausgebeutet, das Geschäft floriert im reichen Deutschland. Prostitution wird stets erzwungen, meist wird sie aus Armut angeboten. Da der offene Strassenstrich nicht jedermanns Sache ist und die Freier gerne anonym bleiben, wird das Milieu in nach aussen akzeptierte Wellnesshotels verlegt, zum Beispiel an Flughäfen im reichen Deutschland. Wellness, feines Abendessen – niemand vermutet zunächst, dass die graumelierten Herren noch ein Stündchen oder zwei eine Domina aufsuchen, ein Opfer aus dem Balkan, das hier zu Diensten stehen muss.
Paulus nimmt den Leser mit in die Vergangenheit, ebenso wie in die Gegenwart seiner nächtlichen polizeilichen Fahrten und Erlebnisse im Ulmer Milieu. Wie viele junge Frauen er mit seinen Einsatzkräften tot oder leidend aufgefunden hat, bleibt verborgen. Die Charakterisierung der Täter jedoch, der Geschäftemacher und deren Brutalität, geht unter die Haut. Organisierte Kriminalität (OK) benötigt stets die gesellschaftliche Akzeptanz ihrer Handlungen, die nicht verborgen werden können. Wie die OK im Bereich Drogen die Akzeptanz des illegalen Drogenkonsums durch geschickte propagandistische Wege via Medien und andere Kanäle zu verankern suchte, so auch die OK im Bereich des Rotlichts. Beliebt ist hier das Verbreiten des Märchens der Freiwilligkeit, mit der sich arme junge Frauen aus Osteu­ropa angeblich ins Prostitutionsgeschäft begeben. Paulus entlarvt dieses Märchen anhand von Gesprächen, die er mit jungen Frauen führen konnte. Schon nur durch die Anwerbung und Schleusung der zum Teil sehr jungen Frauen legt sich um deren Hals die Schlinge. Sollten sie aussteigen wollen, führt die Schlinge oft zum sicheren Tod. Alles freiwillig?
Gerade jetzt, wo Deutschland an der Grenze zu Frankreich Bordelle aus dem Boden stampft, wo die Schweiz überrollt wird mit Freiern aus Frankreich, weil dort den Freiern grössere Geldstrafen drohen, gerade jetzt ist dieses Buch von ausserordentlicher Aktualität. Es verdient eine breite Leserschaft.    •

zf. Nach Angaben der Bundesregierung sind im Jahr 2015 in Deutschland 5835 minderjährige Flüchtlinge verschwunden, darunter 555 Kinder. Das geht aus einer Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Parlamentsanfrage vom 7.4.2016 hervor (BT-Drucksache 18/7916). Von 8006 als vermisst gemeldeten minderjährigen Flüchtlingen tauchten bisher nur 2171 wieder auf. In der Antwort des Bundesinnenministeriums heisst es: «Die vermissten, unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge kommen überwiegend aus Afghanistan, Syrien, Eritrea, Marokko und Algerien.»