Zum Gedenken an Prof. Dr. Hans-Georg Bandi

von René Roca*

Am 5. Februar 2016 starb Professor Dr. Hans-Georg Bandi im hohen Alter von 95 Jahren. Er war von 1956 bis 1985 ordentlicher Professor für Urgeschichte und Paläo­ethnographie an der Universität Bern und forschte und lehrte mit grossem Engagement. 1993 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Universität Neuenburg (siehe auch den Nachruf zu seinen wissenschaftlichen Leistungen von Professor Dr. Albert Hafner von der Universität Bern).
Ich lernte Professor Bandi im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung um die Haltung der Schweiz im Zweiten Weltkrieg und um die Berichte der Bergier-Kommission kennen. Er war Mit­initiator und Copräsident des «Arbeitskreises Gelebte Geschichte» (AGG).
Was war der Sinn und Zweck dieses «Arbeitskreises»?
Ab Mitte der 1990er Jahre wurde die Schweiz aus den USA (Clinton-Administration und Jüdischer Weltkongress, WJC) immer dreister angegriffen. Es ging um ihre Rolle während des Zweiten Weltkrieges. So wurde beispielsweise behauptet, die Schweiz sei verantwortlich, dass der Krieg länger gedauert habe. Als Schweizer Parlamentarier sowie der Bundesrat dem massiven Druck immer mehr nachgaben, erhob sich in der Bevölkerung zunehmend Protest. Vieles, was die Schweiz bis heute beschäftigt und immer mehr in die Enge treibt (Beispiel «Finanzplatz», um nur ein Stichwort zu nennen), nahm in dieser Zeit seinen Anfang. Beherzt schloss sich damals Professor Bandi mit weiteren gleichgesinnten Zeitzeugen der Aktivdienstzeit zusammen und begann, sich mit Veröffentlichungen gegen die zunehmende Verunglimpfung unseres Landes und die ungenügende Richtigstellung durch den Bundesrat zur Wehr zu setzen. Das positive Echo, das diese Proteste auslösten, gab Professor Bandi Ende 1998 den Anstoss zur Gründung des Vereins «Arbeitskreis Gelebte Geschichte» (AGG). Der Verein zählte bald etwa 500 Mitglieder. Professor Bandi konnte dank einem grossen Kontaktnetz viele Persönlichkeiten für den Verein gewinnen, die in der Weltkriegs- und Nachkriegszeit Verantwortungsträger gewesen waren; dazu zählten hochrangige Diplomaten, Verwaltungsbeamte, Wirtschaftskapitäne, Historiker, Militärkommandanten (unter anderem Korpskommandanten, Generalstabsoffiziere, Divisionäre) und Parlamentarier, die alle über vertiefte, fundierte Kenntnisse der wahren Situation unseres Landes, der politischen, militärischen und wirtschaftlichen Fakten und Zusammenhänge sowie der Stimmung in der Bevölkerung verfügten.
Die im Dezember 1996 auf Grund eines dringlichen Bundesbeschlusses geschaffene Bergier-Kommission erhielt vom Bundesrat den Auftrag, eine umfassende Untersuchung zur Schweiz im Zweiten Weltkrieg durchzuführen. Zugunsten der Kommission setzten Bundesrat und Parlament das Bankgeheimnis und den Datenschutz teilweise ausser Kraft und gewährten den Historikern exklusiven Zugang zu Quellen von staatlichen und privaten Institutionen und Firmen. Die meisten der benutzten Quellen wurden danach wieder «versiegelt», anstatt, wie von Professor Bandi und dem AGG gefordert, sie im Bundesarchiv zu deponieren, wo sie der freien Forschung und der Überprüfung der Resultate der Bergier-Kommission zur Verfügung hätten stehen sollen. Staatspolitisch war dies ein unglaublicher Vorgang und gleichzeitig ein Tiefpunkt der schweizerischen Geschichtswissenschaft! Damit übernahmen die Historiker der Bergier-Kommission – amtlich privilegiert – eine Rolle, die ihnen nicht zustand, nämlich Richter zu sein. Die von ihnen abgesegneten Wahrheiten wurden zu Grundlagen von Gesetzen oder richterlichen Erlassen, und sie setzten mit ihrer Macht Politiker (siehe den damaligen Bundesrat!) unter Zugzwang. Die Urteile von Historikern dürfen aber nicht auf Macht, sondern müssen auf Wissenschaft und dem Versuch der Wahrheitsfindung gründen.
Obwohl Professor Bandi und die AGG darauf drängten, dass auch Zeitzeugen befragt werden, lehnte dies der Bundesrat ab. Die Bergier-Kommission wollte sich ausschliesslich auf schriftliche Quellen stützen. Um dem etwas entgegenzusetzen, publizierte die AGG eigene Schriften und unterstrich: «Es darf nicht sein, dass sowohl bei den jüngeren Generationen in der Schweiz als auch weltweit auf Grund der einseitigen Bergier-Berichte und der selbstzerstörerischen Tendenzen der Massenmedien der Eindruck einer geldgierigen und selbstsüchtigen Schweiz zur Zeit des Zweiten Weltkriegs zementiert wird. Auch darf nicht sein, dass das Schweizervolk einfach zur Tagesordnung übergeht und damit Zerrbilder zu geschichtlichen Fakten werden. […] Lasst nicht zu, dass die Schweiz, im Gegensatz zu beweisbaren Tatsachen, verleumdet und dem Ruf unseres Landes international noch mehr Schaden zugefügt wird. Die Kriegsgeneration braucht sich jedenfalls nicht dafür zu schämen, dass es ihr unter grossen Opfern gelungen ist, dem Land den Krieg zu ersparen!»
Unter dem Titel «Erpresste Schweiz» veröffentlichte der Arbeitskreis 2002 Eindrücke und Wertungen von Zeitzeugen – eine wertvolle Sammlung von Dokumenten. Der AGG setzte damit ein wichtiges Gegengewicht zur Bergier-Kommission, die nichts entscheidend Neues zutage förderte, aber die Aktivdienstgeneration anklagte und die ausländischen unsachlichen Angriffe willfährig unterstützte. 2005 folgte die zweite grössere Publikation des AGG: «Wir ziehen Bilanz».
Mit der Veröffentlichung von Büchern und Artikeln schufen Professor Bandi und der AGG bleibende Werte, und es wird unsere Aufgabe sein, weiter am Korrektiv gegenüber den «Resultaten» der Bergier-Kommission zu arbeiten. Gerade Professor Bandi leistete Entscheidendes, um ein realistisches Bild der Schweiz im Zweiten Weltkrieg den jüngeren Generationen zu vermitteln. Der Arbeitskreis löste sich im Jahr 2008 auf. Das umfangreiche Archiv mit Korrespondenz und Publikationen mit schweizerischen und amerikanischen Pressestimmen wurde – welch Gegensatz zu Bergier! – für historische Untersuchungen in der Bibliothek am Guisanplatz, der ehemaligen Eidgenössischen Militär­bibliothek, deponiert.
Vor zwei Jahren habe ich Hage, wie ich ihn nennen durfte, zum letzten Mal in Bern getroffen. Wir gingen zusammen ins Bundesarchiv und schauten uns Akten zum Zweiten Weltkrieg an. Die Treffen und Gespräche mit ihm werde ich nie vergessen. Hage wird in meiner Erinnerung haften bleiben als redlicher Historiker und mutiger, aufrechter Zeitgenosse. Ich werde zusammen mit anderen sein Erbe weitertragen.

*    René Roca ist promovierter Historiker, Gymnasiallehrer und Leiter des Forschungsinstituts direkte Demokratie (www.fidd.ch